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Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung.

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suchen der Landstände zu entsprechen, sie sei aber bereit, auf Grund des Nebenbahngesetzes, falls die Bahn durch einen, Privatunternehmer erstellt werde, den gesetzlichen Zuschuß zu leisten. Abg. Gun drum(Freis.) weist auf eine Reihe von Mängeln hin, welche sich seit der Verstaatlichung auf den oberhessischen Bahnen gezeigt haben. In Berlin herrsche eben der preußische Geist, der dann immer den Ausschlag gebe. Finanzminister Gnauth führt aus, daß Hessen bei der Betriebsgemein⸗ schaft schlecht behandelt werde, dafür liegen keine Anhalts punkte vor, wenn auch nicht zu leugnen sei, daß ein mehr patriarchalisches Verhältnis Anklang fände. Selbst durch Beschlüsse der Ersten und Zweiten Kammer könne Preußen von der Notwendigkeit der Bahn nicht über zeugt werden, und aus diesem Grunde sei jedes Weitere ohne Erfolg. Abg. Molthan(Zentrum) bedauert, daß man in Hessen stets auf den guten und schlechten Willen des preußischen Eisenbahnftskus angewiesen sei. Er hätte erwartet, daß ein gewlisses Solidarltätsgefühl bei Preußen bestehen werde. Er habe sich aber hierin gründlich getäuscht. Das heiße einfach die Bankerott⸗ erklärung des hessischen Staates in Eisen bahnfragen, da Preußen die Beschlüsse der hessischen Kammer einfach ignoriere und diese daher gleich Null selen. Genosse Abg. Dr. David meint, daß bei der Regierung eben ein milderer Wind in Eisenbahnfragen wehe als früher, habe seinen Grund in dem Wunsche, auch bezüglich der Main-Neckarbahn die Gemeinschaft zu Stande zu bringen. Hessen habe seine Souveränität in Eisenbahnfragen aus der Hand gegeben. Die Kammer möge Alles aufbieten, um das JZustandekommen dieser geplanten Gesamteisenbahngemeinschaft zu verhindern.

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1 N 1 Von Uah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns lederzett will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkett bet Uebermtttelung von Nachrichten. Wir

bitten, alle zum Druck besttimmten Einsendungen nur auf einer Sekte zu beschrelben.

Hessisches.

Der Ehescheidung des Großherzogs von Hessen Die treumonarchischen bürger lichen Soldschreiber neunen es:Trennung der hohen Lebeuswege steht unmittelbar bevor. Ob der Großherzog die Ehe durch das Ober landesgericht scheiden lassen oder es selbst besorgen wird, wozu er befugt ist, bleibt noch dahinge stellt. Die Angelegenheit hat übrigens noch einebedeutsame Maßregel im Gefolge gehabt. Das in Mainz garnisonirende Infanterie- Regiment Nr. 117, das bisher den Namens zug der Großherzogin auf den Achselklappen trug, soll nämlich neue Achselklappen erhalten, die lediglich die Nummer 117 tragen. Wann dann die neue Großherzogin kommt, kriegen die Hundertsiebzehner wieder ihren Schnörkel. Warum hat man aber nicht gewartet, vielleicht hat die Neue den nämlichen Vornamen und dann wären die Kosten vermieden worden.

Wie der Militarismus Dörfer ver wüstet. Für das 18. Armeekorps wird die Errichtung eines großeren Truppenübungsplatzes im nördlichen Oberhessen geplaut. Dem Bürgermeister von Wermertshausen ist vom Landratsamt in Marburg mitgeteilt wor den, daß Wermertshausen im Kreise Marburg und Rüddingshausen im Kreise Gießen wahr scheinlich vom Erdboden verschwinden müßten. Beide Orte liegen in der Mitte des von den Orten Deckenbach, Roßberg, Weiters hain und der Babnulinie Grünberg-Londorf- Lollar umgrenzten Gebiets, das zum Uebungs latz ausersehen ist. Die Umgebung ist holzreich, as Gebiet selbst hat vorzügliche Quellen; die Entfernung nach Gießen und Marburg ist etwa gleich weit nicht groß.

Gießener Angelegenheiten.

Zu der nationalsozialen Ver⸗ ammlung, die vorigen Freitag im Café bel tagte, hatte sich ein zahlreiches, meist aus Akademikern bestehendes Publikum eingefunden. Der als Referent erschienene Sekretär der nat. oz. Partei Dr. Maurenbrecher sprach über leZukunft der Landwirtschaft. Im Vorder- grunde seiner Darlegungen stand natürlicher weise der Zolltarif, gegen welchen der Redner viel Treffendes sagte; ebenso wandte er sich gegen die Lebensmittelzölle uberhaupt. Was er hingegen in Bezug auf die Reform der Landwlrischaft, wie sie das nat.⸗soz. Agrar- programm fordere(Aufgabe des Großgrund

besitzes, Kreditgewährung und Vermittelung durch die Gemeinden) vorbrachte, erscheint zur Hebung der Landwirtschaft nicht geeignet. Herr Schlenke verteidigte die Zollforderungen des Bundes der Landwirte; sie(die Agrarier) wären bereit, auf die Zölle zu verzichten, wenn auch die Industriezölle beseitigt würden. Um der schönen Augen der Agrarier willen bringe die Regierung nicht die Zollvorlage ein. Das wohl nicht, antwortete ihm Gen. Vetters, wir wissen aber, daß die Regierungsleute alle zeit getreue Diener der besitzenden Klassen sind, der Agrarier- wie der Industrie-Kapitalisten. Beweis: 12000 Mark-Bettelei. Der Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen bestehe wie überall, so auch in der Landwirtschaft. Die Klein bauern befänden sich gewiß in Notlage, nicht aber die Mittel- und Großbauern. Im Gieß. Anz. polemisierte Herr Schlenke weiter gegen Maurenbrecher, worauf Dr. Strecker antwortet. Mit Bezug darauf schreibt uns Genosse K.:

Herr Schlenke setzt die mit den Nationalsozialen begonnene Diskussion imGießener Anzeiger fort. Ich will darauf nicht eingehen, da ich nicht in der Versammlung sein konnte und den Vortrag des Herrn Dr. M. nicht hören konnte. In seinem Artikel im G. A. fällt mir nun ein Satz des Herrn Schlenke als recht zutreffend, auf. Die Industrie- und speziell die Eisenzölle, führt Herr Schlenke aus, ermöglichen den deutschen Fabrikanten, und sie werden dies sicher thun, den hohen Eingangszoll auf ihre eigenen Fabrikate zu schlagen. Herr Schlenke hat vollständig recht. Aber dies trifft nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Herrn Agrarler zu. Sie wollen genau ebenso ihre Produkte um den Betrag der Zölle verteuern, wie auch die Industrieellen. Diese Thatsache wird aber gerade von den Agitatoren des Bundes der Land wirthe bestritten.Das Ausland bezahlt den Zoll, der Zoll kommt in der Preisbildung nur minimal zum Ausdruck und wie sonst die schönen Reden lauten, mit denen die Gimpel auf den agrarischen Leim gelockt werden sollen.

Noch eine Frage an Herrn Schlenke: ist es gerecht, daß deutscher Zucker, deutscher Spiritus, dem Ausland zu Vorzugspreisen, auf Kosten der in⸗ ländischen Verbraucher, geliefert wird? Das wird auch Herr Sch. nicht als gerecht bezeichnen können und so wiederhole ich seine Worte: Was nicht ge recht ist, ist auch nicht national.

Unsern Genossen Ulrich ver⸗ dächtigt das Gießener Amtsblatt in einem der Thätigkeit des Landtags gewidmeten Artikel, indem es ihm in Bezug auf seine Haltung zum Fleischbeschaugesetz unterschiebt, er halte bei dem amerikanischen Fleische Untersuchung nicht für nötig, das inländische Fleisch ver lange er doppelt untersucht. Das ist ein ganz dreister Schwindel, wie sich jeder aus den Reichstags- und den Kammerberichten über zeugen kann.

Zeichen der Krise. Kürzlich war in demGieß. Anz. in einer Notiz zu lesen, daß die Kaufleute sehr über schlechte Geschäfte klagten. Die Inhaber von Laden der Nahrungs- und Genußmittelbrauche behaupteten,daß der Konsumverein für Eisenbahnbeamte und der neuerdings von Arbeitern ins Leben gerufene Konsum-Verein ihnen viel Kundschaft wegnehme. Hierzu komme, daß auch besser gestellte Beamte vielfach einen großen Teil ihres Bedarfs von außerhalb kommen lassen. Letzterer Umstand dürfte für den Minderumsatz der Kleinhändler sicher mehr in's Gewicht fallen, als die Konsum vereine. So groß ist die Mitgliederzahl der Knnsumvereine noch nicht, daß sich ihr Ein⸗ fluß im Kleinhandel bemerkbar machte. Was aber den schlechten Geschäftsgang hauptsächlich verschuldet, das ist der geringe Verdienst vieler Arbeiter, deren Löhne herabgedrückt sind, wenn sie nicht ganz und gar ohne Arbeit und Einkommen dastehen. Es ist die Krise, die sich hier bemerkbar macht! AberPotstand existirt nicht! für manche Leute.

Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen, das vergangene Woche seine Sitz ungen pro IV. Quartal abhielt, hatte nur 5 Fälle zu verhandeln. Wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge wurde der Benedikt Reupert aus Obersinn zu 4 Jahren Ge⸗ sängnis verurteilt. Gegen den 60 Jahr alten Landwirt Heinrich Klug und seine

29 Jahre alte Schwiegertochter, Witwe Sybille

Klug aus Metzlos⸗Gehag wird Dienstag wegen Blutschande und Kindestötung verhandelt. Heinrich Klug erhält 1 Jahr 3 Monate Ge⸗ fängnis; seine Schwiegertochter 2 Jahre 1 Monat Gefängnis. Freigesprochen wurde der des Sittlichkeitsverbrechens angeklagte Landwirt Balduin Traut von Herbstein. Diese Verhandlung wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt.

Die allgemeine Sterbekasse hält diesen Sonntag, Nachmittag 4 Uhr, im Saale Lonys Bierkeller ihre Generalversammlung ab. Die Mitglieder werden um zahlreiches Erscheinen ersucht.(Siehe Inserat.)

Aus dem Nreise gießen.

Eine Volksversammlung fand am Sonntag in Nidda im Lokale zumGam⸗ brinus statt. Durch verspätete Bekanntmachung war der Besuch leider nur ein mäßiger. Gen. Vetters sprach über die gegenwärtigen wirt⸗ schaftlichen und politischen Fragen, besonders über die Zollerhöhung. In etwa fünfviertel⸗ stündiger Rede wies er eingehend die schweren Schädigungen nach, welche den Minderbemit telten und Besitzlosen durch das Zollsystem zu gefügt werden und wie damit auch dle politische Unterdrückung des Volkes durch die Junker und Agrarier Hand in Hand gehe. Seine Ausfüh⸗ rungen fanden volle Zustimmung bei den An⸗ wesenden.

Aus dem Rreise griedherg-Püdingen. l. Friedberg. Wie überhaupt bei jeder

Gelegenheit, wo es gilt in Patriotismus zu

machen, so feierten auch die hiesigen Elsenbahner Großherzogs Geburtstag. Das dauert schon seit der jetzige Stationsvorsteher hier ist, so an. Alle Augenblicke ein Fest. Natürlich immer alles anwesend, was abkommen kann. Dann die üblichen Reden und ungeheurer Beifall. Wie sollte es auch anders sein. Und wenn man dann in unsern beiden Lokalblättern die Berichte liest von dem schönen Verlauf dieser Veranstaltungen und der schönen Einigkeit und Zufriedenheit, so könnte man glauben, daß den wirklich so sei. Aber weit gefehlt. Wenn je die Arbeiter unzufrieden waren, dann fetzt. Früher wurde niemals auf die Religion des einzelnen Rücksicht genommen. Heute erzählt sich die ganze Stadt, daß fast nur noch katholische Arbeiter ankommen können, weil nun der Vorsteher ist auch katholisch. Vielleicht ist das die Ursache. Wenn sich heute ein Arbeiter bet einem andern erkundigt, ob er vielleicht auf der Bahn ankommen könne, so fragt gewöhnlich der andere: Bist du katholisch, wenn nicht, dann hats keinen Wert. Aber auch in anderer Hinsicht liegen Klagen gegen den Vorsteher vor, auf die wir vorläufig nicht eingehen wollen. Nur eins sei gesagt. Wenn die Friedberger Eisenbahner, die wir früher bei Wahlen zu fürchten hatten, heute unsere Verbündeten sind, so hat der Herr Vorsteher bei all seinen vielen Festen und Ausflügen, Hochs und Hurras, sein gut Teil schuld daran. Unseres Dankes darf er sicher sein.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Folgen der Muckerei. In Wetzlar und seiner Umgebung steht die Frömmelei in ganz besonderer Blüte. Von christlicher Nächstenliebe bemerkt man allerdings wenig, im Gegenteil, wohl nirgends kommen so ro Körperverletzungen und Messerstechereten zahl⸗ reicher vor, als in hiesiger Gegend. Fielen doch in letzter Zeit kurz hintereinander drei Menschen⸗ leben niederträchtigen Messerhelden zum Opfer! Erst der Gastwirt in Reißkirchen, dann der Schuhmacher in Werdorf und zuletzt Schreiner⸗ meister Haupt. Es zeigt sich also, daß die Frömmigkeit keineswegs bessernd auf die Mensch⸗ heit einwirkt. Natürlich hat man es mit Fröm⸗ migkeit in gutem Sinne nicht zu thun; was da gezüchtet wird, ist religiöser Fanatismus. Und zu welchen Folgen dieser führt, zeigt ein Vorfall, der vor wenig Tagen aus For (Lausttz) gemeldet wurde. Dort war eine dae aus 9 Personen bestehende Familie vom reite

sösen Wahnsinn befallen. Die Nat. Ztg. berichtete darüber:

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