2
Nr. 22.
Gießen, Sonntag, den 27. Mai 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
2
Mitteldeutsche
f
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
Abonnementspreis:
Bestellungen
JIuserate
Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5gespalt.
Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfenn Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
2
ig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens
ch] Druckerei, Neuenweg 28, jede Postanstalt und 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung
jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z
K. 4312 a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Genofsen! Agitiert allerorts für die Parteipresse!
Die verkappte Biersteuer!
Wp. Das verderbliche Steuerspiel des Zen⸗ trums in der Budgetkommission dauert fort. Der Champagnerzoll zog bereits eine Erhöhung des Bierzolles nach sich. Es handelt sich dabei nicht blos um das bekannte Pilsener Bier, wie behauptet wird. Es geht eine große Menge böhmisches Bier überhaupt nach Sachsen und Thüringen, wo es keineswegs blos von den Wohlhabenden genossen wird. Im Jahre 1897 zum Beispiel war die deutsche Biereinfuhr 70 759 000 Kilogramm im Werte von 9 Mil⸗ lionen Mark, während die deutsche Bieraussuhr 93 257000 Kilogramm betrug im Werte von 19 Millionen Mark. Das eingeführte Bier war also ein bedeutend billigeres, als jenes, welches ausgeführt wurde.
Diese Biereinfuhr nahm deshalb auch von Jahr zu Jahr zu. Sie betrug 1889 nur erst 23 891000 Kilogramm, ungefähr ein Viertel der deutschen Bierausfuhr der Menge nach, und erreichte in unablässigem Steigen 1897 die be⸗ reits genannte Quantität. Daß die Herren Bierbrauer diese Konkurrens gern los werden möchten, ist leicht einzusehen,— um aber im Bierzoll eine Auflage zu entdecken, welche nicht das konsumierende Volk belastet, dazu muß man Zentrums⸗ Parlamentarier sein! Die Tendenz der Erhöhung des Bierzolles ist demnach zweifel⸗ los eine Bierverteuerung. Der Bierzoll ist eine verkappte Biersteuer. Diese verkappte Biersteuer ist umso ungerechter, als sie sich nicht gleich⸗ mäßig auf das ganze Land verteilt, sondern einzelne Gegenden belastet, diesmal die Grenz⸗ gebiete Böhmens. Und da immer, wenn es sich um Verbrauchssteuern handelt, die Regierungen gleich zu haben sind, so haben denn auch bereits die sächsische und die bayerische Regierung ihre A zu dieser verkappten Biersteuer erklärt.
So geht denn früher noch, als wir erwartet haben, unsere Voraus sagung in Erfüllung: nicht das champagnerkonsumierende Publikum, sondern das bier trinkende Volk wird die Marinevorlage zu bezahlen haben.
Und Herr Müller⸗Fulda hat bei dieser Ge⸗ legenheit abermals einen Schwabenstreich begangen er stimmte gegen den Bierzoll, der von seinen eigenen Freunden votiert wurde. Das hinderte ihn aber nicht, gleich darnach eine Erhöhung des ordentlichen Jahresetas der Marine— nämlich durch Uebernahme der vollen Kosten der Armierung und 6 Prozent der Schiffsbaukosten, statt der verlangten 5 Prozent, zu beantragen. Das ist derselbe Streich, wie 1898, als nach dem Antrag desselben Herrn Müller der Flotten⸗ bauplan statt auf sieben, auf sechs Jahre ver⸗ teilt wurde und die Jahresausgaben in Folge dessen stiegen. Aber je größer die Ausgaben, desto schneller naht der Augenblick, da der näm⸗ liche Herr Müller⸗Fulda die allgemeine und offene Erhöhung der Biersteuer bewilligen wird.
——— 2—
Polttische Bundschau. Gießen, 25. Mai.
Warum wurde ich Sozialdemokrat?
Paul Göhre gab vorige Woche in zwei außerordentlich stark besuchten Versammlungen in Chemnitz Antwort auf diese Frage. Er schil⸗ derte zunächst, wie er stets für die Arbeiterver⸗ hältnisse das lebhafteste Interesse empfunden habe. Nachdem er die Universität verlassen, habe er als Pfarrgehülfe in einem armen Dorfe der Lausitz das Elend in der schlimmsten Form kennen gelernt. Dann habe er, um sich weitere Erfahrungen zu sammeln, drei Monate in Chemnitz als Fabritarveiter gearbeitet.
„Dann wurde ich Pastor“, fuhr Göhre nach dem Bericht der„L. Vztg.“ fort,„gab später das Amt aus innerer Notwendigkeit auf, weil ich mich nicht so ungehindert bewegen konnte, wie ich wollte und mein innerer Drang es verlangte. Im Verein mit Naumann gründete ich die nationalsoziale Partei, um auf eigenem Wege, un⸗ abhängig von der Sozialdemokratie, für die Arbeiterschaft wirken zu können. Aber auch hier war mei es Bleibens nicht lange. Die Haltung der Nationalsozialen, die sich zwischen das Proletariat und das Unternehmertum glaubten stellen zu müssen, also abseits des großen Ringeus, veranlaßte mich, meine Wege zu gehen.“ 5 5
Nach jahrelangem Widerstreben habe er sich aus vier Hauptgründen der Sozialdemokratie
angeschlossen.
„Zunächst war es der Gedanke des Christentums. Ich werde auch als Sozialdemokrat den christlichen Ge⸗ danken hochhalten. Diesen betrachtet er aber als seine Privatsache. Der Solidaritätsgedanke des Nazareners hat in der internationalen Sozinldemokratie seine moderne Auferstehung gefeiert und deshalb muß ich als Christ um des Christentums willen Sozialdemokrat werden. Der zweite Grund, der mich zum Eintritt in die So⸗ zialdemokratie drängte, ist die sozialistische Wissen⸗ schaft, die voll und ganz den Beweis für die Notwendig⸗ keit und Möglichkeit der Durchführung jener Solidarität erbracht hat. Der dritte Grund ist die Taktik, die bei der Sozialdemokratie die des Klassenkampfes ist. Und nur der Stärkere kann da siegen. Mochte man auch der Sozialdemokratie sogenannte„Vorteile“ für die Arbeiterklasse bieten, um sich ihrer zu erwehren, sie blieb nach wie vor was sie war. Das letzte Motiv zu meinem Uebertritt liegt in all den Vorgängen der letzten Jahre. Ich will nur an die Umsturzvorlage, preußische Ver insgesetznovelle, Zuchthaus vorlage, die Berliner Portalgeschichte, das Auftreten der Behörden in Mecklenburg und Sachsen-Weimar— und nicht zu vergessen Löbtau— erinnern. Solche Dinge müssen einen denkenden Menschen stutzig machen. Die Reaktion macht sich in gefahr⸗ drohender Weise breit in Deutschland, und an reaktio⸗ nären Wolkenschiebern felt es wahrlich nicht. Hier kann nur die Sozialdemokratie mit Erfolg Widerstand leisten. Darum bin ich zur Partei gekommen, und ich glaube, daß Sie anch mich gebrauchen können. Ehrlich und mutig werde auch ich gleich Ihnen zur Partei halten, und wo es gilt, für dieselbe und unsere Ideale und Forderungen zu kämpfen, da werde ich nicht der letzte sein.“—
Die Rede wurde mit lebhaftem Beifall auf⸗ genommen.
Flottenkoller.
Die Torpedobootflotille gondelt noch immer auf dem Rhein herum. Jede halbwegs bedeutende Stadt wird„angelaufen“ und es giebt festlichen Empfang, Reden und— selbstverständlich— Fest⸗ essen. Von den immerwährenden Pokuli ren soll die Besatzung schon ganz kaput sein. Zu welchen Leistungen sich bei dieser Gelegenheit die flotten⸗ tolle Presse aufschwingt, zeigt der„Frankfurter Generalanzeiger“ in folgenden Sätzen:„Mögen die Grämlichen. die immer abseits stehen, ruhig
von einer Reklamefahrt spiechen. Das soll sie sein. Aber das üble Wort deckt eine gute Sache. Es ist kein Ruhm, mit ver⸗ alteten Mitteln zu arbeiten un! ausgetretene Pfade einherzutrotten; wer mit frischem Wagemut die Welt durch das modernste verblüfft, behält weit eher den Erfolg für sich. Wenn der Kaiser eine Heerfahrt voll märchenhafter Pracht in das Morgenland antritt, so arbeitet er dadurch für den Glanz des deutschen Namens, während andere Souveräne zu spät sich die Augen reiben; und wenn er bis Straßburg hinauf zu einer eigentlich ununterbrochenen Probe auf ihre Trunkfestigkeit seine blauen Jungens schickt, so ist das wieder ein köstliches Zei⸗ chen von psychologischem Verständnis für die Massen, um das ihn jeder Manager der Volksstimmung unter den Großen dieser Erde beneiden könnte.———— Wir ersehnen ein Zeitalter der Medicäer— unter der Hut eines Geschlechtes von Wikingern.“
Die Wikinger waren bekanntlich jene skandi⸗ navischen Sgeräuber, die von achten bis elften Jahrhundert Europa heimsuchten. Der Frank⸗ furter Generalanzeiger sollte sich schämen.
Neue Zerstörungswerkzeuge.
Von einem Fortschritt auf dem Gebiete der Massenmordtechnik wird aus Amerika berichtet. Es handelt sich um eine Erfindung, die nach der Freisinnigen Zeitung darin besteht, daß man die Granaten mit einer weichen Metallspitze versieht, statt, wie bisher, mit gehärterter Stahl⸗ spitze. Diese letztere lasse das Geschoß an der Vanzerung abgleiten und vermindere deshalb seine Durchschlagskraft, während die weiche Spitze das Geschoß befähige zu„greifen“ oder zu„kleben“, wodurch die Durchschlagskraft außer⸗ ordentlich erhöht werde. Unter Anderem habe eine sechzöllige Granate mit weicher Spitze, die mit rauchlosem Pulver bei einer Flugkraft von 2580 Fuß per Sekunde verfeuert worden war, eine vierzehnzöllige Panzerplatte von Harvey⸗ Stahl durchschlagen. Das gleiche Ergebnis sei bei einer achtzölligen Krupp'schen Panzerung er⸗ zielt worden. Es heißt, das neun Zehntel des ganzen Bestandes der amerikanischen Flotte diesem neuen Geschosse gegenüber macht⸗ los sein würden.“
Wenn es damit seine Richtigkeit hat, so wären die Panzerplattenfabrikanten natürlich ge⸗ nötigt, nun widerstandsfähigere Panzerplatten herzustellen, zu derem Zerstörung wieder wirkungs⸗ vollere Geschütze und Geschosse erfunden werden und so immer weiter! Und jeder derartige „Fortschritt“ kostet den Steuerzahlern aller Länder Milliarden! a
„Kulturaufgaben leiden nicht.“
Vor dem Hafen von Leba in Hinterpommern sind am Dienstag vier Fischerkutter gekentert, 11 Menschen sind ertrunken. Wenige Wochen vorher waren 13 ertrunken. Die„Danz. Ztg.“ bemerkt dazu: Es spielte sich dasselbe Schauspiel wie vor wenigen Monaten ab; es wird schlimmer und schlimmer wiederkehren, wenn nicht ein guter Fischerhafen gebaut wird. Im Augesicht des erschütternden Ereignisses, welches vor allen Einwohnern von Leba am Dienstag Abend und Mittwoch wiederum passirte, um der Thränen wegen, die seefahrende Männer, schmerz⸗
Gewiß!


