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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Anterhaltungsteil.

Zwei Zwingburgen. (Auf dem Königstein im Taunus.)

Ueber Wäldern hoch auf felsigem Stein Ragt die Ruine ins Land hinein.

Einst thronte da oben ein stolzes Geschlecht, Uebte des Stärkeren wohlfeiles Recht.

Da wohnte die Freiheit im Rittersaal— Knecht war das Volk tief unten im Thal. Die Zwingburg, die stolze, zu Trümmern zerfiel, In der Kräfte gewaltigem Spiel.

In weitem Bogen fließt drüben der Main, Silberne Furchen zieht westwärts der Rhein. Doch aufwärts ragt im lieblichen Thal Dampfeud der Schlote gewaltige Zahl.

In Kasernen der Arbeit frohndet als Knecht 853 noch das unterdrückte Geschlecht, och Zwingburgen sind nicht für ewig gebaut— Kündet die alte Ruine uns laut. 9 l „Postill.“

Dunkle Mächte.

Roman von Elise Langer.

I.

Doktor Oskar Brandt saß in seiner kürzlich bezogenen und neueingerichteten Wohnung im Westen Berlins vor seinem Schreibtisch in einem bequemen Sessel zurückgelehnt, gemächlich seine Nachmittagszigarre rauchend und von den Briefen, die vor ihm aufgehäuft lagen, einen nach dem anderen erbrechend. Die meisten der von zier⸗ licher oder kritzlicher Damenhand geschriebenen Briefe wanderten nach flüchtigem Lesen in einen neben dem Sessel stehenden Papierkorb; des— gleichen die photographischen Porträts, die den den Schreiben östers beigeschlossen waren und die ihrem Beschauer nur ein spöttisches oder sauersüßes Lächeln entlockten. Nur einige wenige Briefe legte Doktor Brandt mit beisälliger Miene beiseite. Schon hatte er sich beinahe durch den Haufen hindurchgearbeitet, als eine mit klaren, festen Zügen geschriebene Adresse seine Aufmerk— samkeit erregte. Neugierig erbrach er das Schreiben und sah nach der Unterschrift.

„Helma von Saldeck. Ei sieh da, sogar eine Adlige! Wahrhastig nicht übel, Fräulein von Saldeck, Haushälterin bei Doktor Brandt! Köstlich! Nun sehen wir, was Fräulein Helma schreibt.“

Berlin, den 24. August. Sehr geehrter Herr!

Auf Ihre gestrige Annonce in der„Vossi⸗ schen Zeitung“ erkläre ich mich bereit, die Erziehung Ihrer Kinder, sowie die Führung Ihres Hausstandes zu übernehmen. Der Mutter frühzeitig beraubt, habe ich den Haus— halt meines Vaters, des verstorbenen Oberst von Saldeck, von Kindheit auf geführt und eine jüngere Schwester mit erziehen helfen. (Brr! alte Jungfer!) Dieses als Nachweis meiner Besähigung. Ich bin 23 Jahre alt. (Ah!) Eine Phoiographie ist augenblicklich nicht zur Hand, doch bin ich bereit, mich Ihnen auf Wunsch persönlich vorzustellen.

Ihrer gefälligen Benachrichtigung(post— lagernd) entgegensehend, zeichne ich hochach— tungs voll Helma von Saldcck.

NB. Ich lönnte, wenn erwünscht, eine an— sehnliche Quantität Hauswäsche zur Mit- benutzung geben.“

Doktor Brandt lachte laut auf.

„Der Teufel, das Frauer zimmer gefällt mir. Kurz und bündig im Ausdruck, selbstbewußt, sachlich, schlau— verdammt schlau— Haus— wäsche zur Mitbenutzung geben, ha, ha, ha, gerade als ob sie wüßte— jedenfalls laß ich sie mir lommen. Gleich morgen. Will ihr so⸗ fort schreiben.“

Er schob alles beiseite, langte nach Feder

und Papier und warf schnell einige Zeilen hin, die er nach Angabe adressierte. Dann stand er auf und reckte sich wie einer, der ein langweiliges Geschäft zu seiner Zufriedenheit abgethan hat.

Doktor Brandt war ein Mann in mittleren Jahren, von hoher kräftiger Gestalt mit einer kleinen Neigung zum Embonpoint, ohne daß die Straffheit seiner Muskeln dadurch beeinträchtigt wurde. In dem wohlgebildeten Gesicht leuchteten zwei mächtige braune Augen unter einer breiten Stirn, die dunkles, schon etwas gelichtetes Haar umspielte. Um so dichter war der Bart, der Kinn und Lippe bedeckte.

Nachdem Doktor Brandt der Dienstmagd, die auf sein Klingeln erschien, den Brief zur Beförderung übergeben hatte, schritt er auf das Nebenzimmer zu, in welchem es schon seit einiger Zeit sehr lärmend zugegangen war. Als er jetzt die Thür desselben öffnete, sah er sein sechs⸗ jähriges Söhnchen Charles auf einem Stecken⸗ pferd mit Hü und Ho und Peitschenknallen und Kapriolen und Seitensprüngen unaufhörlich im Kreise reiten, während ein um zwei Jahre jüngeres Mädchen mit der Puppe auf dem Schoße als Zuschauerin auf einem an den Kreis gestellten Stuhle saß. Im Gegensatz zu der Lebendigkeit des Knaben, saß die Kleine unbeweglich da. Nur die graublauen Augen, die so groß wie das blaßrosa Mündchen waren, folgten mit un⸗ verbrüchlichem Ernste den Bewegungen des kleinen Reiters.

Doktor Brandt klatschte in die Hände.

„Bravo, bravo, mein Junge. Ganz wie der Schulreiter bei Renz. Du hast gut aufgepaßt. Dafür gehen wir bald wieder hin. Willst Du?“

Beide Arme ausbreitend, flog der Knabe auf den Vater zu, der ihn hoch in die Luft hob, sodaß das Kind laut aufjauchzte.

„Nun wird es bald bei uns anders werden, Kinder“, sagte Doktor Brandt, indem er, Charles in einem Arme haltend, mit der anderen die kleine Emmy vom Stuhle hob und sich selbst auf diesen niederlassend, jedes Kind auf eines seiner Knice setzte.„Nun bekommen wir ein feines Fräulein ins Haus, die wird ordentlich für uns kochen, alles schön um uns machen, mit Euch lernen und spazieren gehen. Nun, Emmy, freust Du Dich nicht?“

„Ich will kein Fräulein, ich will—“

„Was?“ fiel der Vater ein,„willst Du weiter essen, was uns Ida kocht und weiter so unordentlich angezogen gehen? Sieh, hier fehlt ein Häkchen an Deinem Kleide, die Bänder Deiner Schuhe sind zusammengeknüpft, das Haar hängt Dir unordentlich um den Kopf. Geht, laßt Euch jetzt von Ida anziehen, wir wollen einen Spaziergang machen.“

Bei diesen Worten glitten beide Kinder wie ein Blitz von den Knieen des Vaters und stürmten, der Knabe mit hellem Jubel, das Mädchen ohne einen Laut von sich zu geben, zum Zimmer hinaus.

Die Kinder waren nicht mutterlos, allein Doktor Brandt lebte schon seit längerer Zeit von seiner Gattin getrennt, die in Genf, dem bisherigen Wohnort der Familie, zurückgeblieben, als er lürzlich nach seiner Heimatstadt Berlin übergesiedelt war.

Doktor Brandt hatte seine Begeisterung für die Sache der Freiheit in den Märztagen des Jahres 1848 mit dem Exil und der Konfiskation seines Vermögens büßen müssen. Als Sohn eines reichen Fabrikbesitzers hatte er sich auf Universitäten umhergetrieben, ohne sich einem bestimmten Studium zu widmen. Er hatte alle Genüsse durchgekostet, die für Geld zu haben waren. Aus der Blasiertheit, welche dieses Leben zur Folge gehabt, rüttelte ihn der Sturm der Revolution mächtig auf. Er warf sich in die Bewegung, stand in den Straßen Berlin todes— mutig auf der Barrikade und vertauschte, als der Sieg errungen war, die Muskete mit der Feder. Nach dem Sturm des Völkerfrühlings kam die Schwüle der Reaktion. Die Verfolgungen begannen. Brandt wurde flüchtig.

Er begab sich in die Schweiz, zuerst nach Zürich, dann nach Genf. Verwöhnt und genuß⸗ süchtig wie er war, ohne Mittel und ohne zu⸗

1 1 ee E. Nr. 25. en verlässige Erwerbsquelle, lernte er das Elend Fache, des Flüchtlingslebens in seinem ganzen Umfange ends, kennen. Er versuchte es mit der Belletristik und Nite schrieb einige mittelmäßige Romane, in denen siben en er seine Revolutionserlebnisse schilderte. Sir Ih bin! trugen ihm ein Spottgeld ein. Die Lehrthätig⸗I in eile keit, zu der die meisten Flüchtlinge griffen, wider⸗Y enen dul stand seinem innersten Wesen. So geriet er in nach 10 eine verzweifelte Lage. er abse Da machte er durch einen seltsamen Zufall bit die Bekanntschaft zweier Damen, Mutter und! hebben. Tochter, Frau und Fräulein Bignin. Die Mutter, Jh muß Witwe eines Professors der Genfer Hochschule.] sundsch war eine vermögende Frau. Im Winter lebte gulschof sie mit ihrer Tochter in Genf, im Sommer auf ihrem Weingut La Clochette, welches oberhalb des Städtchens Cyon an den Ufergeländen des Wi Genfersees reizend gelegen war. Das in der i 63 Nähe liegende, durch Frau von Stael und ihre f 17 litterarische Tafelrunde berühmte Schloß Coppet] ene zog viele Fremde herbei, und so hatte auch 9 0 0 Brandt eines Tages die klassische Stätte besucht a N Auf dem Rückwege begriffen. den er auf Neben- 0 5 wegen und Stegen machen wollte— denn die 155 Franken hatten jetzt höheren Wert für ihn, als“ 15 früher die Thaler— begegnete er, einen steilen f 5 Weinbergsweg hinanklimmend, einem Wägelchen, ub de welches von einer Dame als einzigen Insassin n gelenkt wurde. Kurz vor ihm glitt das Pferd alen mit den Hinterfüßen auf einem sich lockernden unc Steine aus und fiel, ohne sich wieder erheben Lal zu können, weil der Wagen auf dem abschüssigen wunde Wege nachdrängte und ihm keinen Raum dazu für al ließ. Flugs war Brandt zur Stelle. Zunächst Soli schob er einen der umherliegenden Steine unter Taufe die Vorderräder und dann faßte er das Pferd kräftig am Zügel und riß es in die Höhe, Die N Rosselenkerin war jene Frau Bignin, eine große, f hagere Dame, deren Haut wie Pergament aus ie sah und unmittelbar über die Knochen gespannt 7 1 schien. Das kleine, trockene, aber sehr bewegliche 1 Gesicht erhielt durch freundliche, intelligente blaue 10 1 Augen einen angenehmen Ausdruck. Höchst t 5 energisch und selbständig in ihrem Thun, war ö 0 die Dame seit Jahren auf den Land- und Wein⸗ 15 bergswegen der Umgegend stets allein herum⸗ dun

kutschiert, ohne daß ihr jemals ein Unfall zu- gestoßen war. Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit äußerte sie ihren Dank für die geleistete Hilfe

und fragte nach dem Namen des jungen Mannes,

dessen Geschick und Geistesgegenwart sie ebenso

wie seine hübsche Erscheinung für ihn einnahmen. Als sie erfuhr, daß er ein Deutscher und fremd in der Gegend sei, lud sie ihn dringend ein, ihr

Wägelchen zu besteigen und sich ihr nahegelegenes Ihre Tochter Anais würde entzückt sein, seine Bekanntschaft

Weingut La Clochette anzusehen.

zu machen.(Fortsetzung folgt.)

Aus Liebknechts Briefen an seine Frau

von seiner Reise in Italien, Februar 1900.

Im Februar dieses Jahres sah Liebknecht einen Wunsch erfüllt, dessen Verwirklichung ihm in all den früheren kampfreichen Jahren unmög⸗ lich gewesen war. Ein wohlhabender Freund

hatte ihn und seine Söhne zu einer Reise bis

Neapel und zu einem Aufenthalt in San Remo eingeladen. Liebknecht beabsichtigte später eine

Schilderung dieser Reise zu veröffentlichen. Seine geistvolle Feder hätte uns sicherlich reiche Bilder italienischer Natur und italienischen Lebens ge⸗ zeichnet. Auch diese Arbeit hat ihm das schnelle Ende verwehrt und es liegen als erste Andeu⸗

tungen der beabsichtigten Reisebeschreibung nur so kurze und zusammenhanglose Notizen vor, daß von ihrer Veröffentlichung abgesehen werden

muß. Um dennoch ben Verehrern unseres Ver⸗ storbenen einen Einblick in sein allerpersönlichstes Leben zu geben, veröffentlichen wir einige Briefe und Postkarten Liebknechts von der italienischen Reise an seine Frau, die diese dem„Vorwärts“

freundlichst zur Verfügung stellte. Die Briefe

und Karten sind, wie es Liebknechts Gewohnheit

auf Reisen war, englisch geschrieben. Diese flüchtig hingeworfenen Zeilen erzählen von der reichen Vielseitigkeit, der jugendlich frischen Reg⸗ samkeit und Empfänglichkeit des Liebknechtschen

Geistes, von dem Enthusiasmus, mit dem er

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