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Nr. 35.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
dortigen und auswärtigen Arbeiter stattfinden. Fast 50 Vereine beteiligten sich an der Feier. Letztere verlief auch zur größten Zufriedenheit aller Teilnehmer, trotzdem die Polizei— anders gehts nun einmal nicht— Festzug und Festrede aus dem Programm gestrichen hatte.— Das neue Arbeiterheim macht einen vorzüglichen Ein⸗
druck und scheint den Anforderungen der Fechen⸗
heimer Genossen in jeder Weise zu genügen. In einem an der Straßenfront gelegenen mehrstöck⸗ igen Gebäude befindet sich im Parterre⸗Geschoß das in mehrere Räumlichkeiten abzuteilende Restaurationslokal. Ein großer Hof, der wohl teilweise noch in Garten umgewandelt werden kann, weist auf der einen Seite eine praktikable Kegelbahn auf und zeigt an seinem Ende den Versammlungssaal, der ebenfalls unter den ge⸗ gebenen Verhältnissen genügen dürfte und der
mit seiner licht gehaltenen inneren Ausstattung
und seiner Bühneneinrichtung einen recht gefäl⸗ ligen Eindruck hinterläßt, der noch erhöht wird, durch die in Fechenheim eingeführte elektrische Beleuchtung. Wir wünschen dem neuen Unter⸗ nehmen im Interesse der dortigen Partei⸗ und Gewerkschaftsbewegung ein gutes Gedeihen! Allerdings wird den Wirten im Orte dadurch Kundschaft entzogen. Das haben sie aber durch zu große Nachgiebigkeit dem Polizeidrucke gegen⸗ über selbst verschuldet. Mögen sie sich dann für den Schaden bei den Behörden bedanken! Zur Landeskonferenz
der Sozialdemokraten Hessens am 2. September sind folgende Anträge eingelaufen:
Zur Tagesordnung: b
Die Konferenz des Wahlkreises Gießen ⸗
Grünberg Nidda beantragt
„die Landeskonferenz möge die Aufstellung eines Kommunal⸗Wahlprogramms für Hessen be⸗ schließen. Wir ersuchen daher, diesen Antrag mit auf die Tagesordnung zu setzen.“
Zur Or ganisation: i
Die Kreiskonferenz des Kreis⸗Wahlvereins Mainz⸗ Oppenheim beantragt 80
1.„die Landeskonferenz beschließe, ein ein⸗ heitliches Mitgliedsbuch für das ganze Groß⸗ herzogthum Hessen zur Einführung zu bringen. Dem Mitgliedsbuch müssen Programm und Or⸗ ganisationsstatut der sozialgemokratischen Partei Deutschlands, sowie Organisationsstatut für die Partei in Hessen, wenn möglich eine Geschäfts⸗ ordnung beigeheftet werden. Die Bücher sollen, wenn äußerst möglich mit dem 1. Januar 1901 zur Einführung kommen. ö g
Zur Begründung haben wir nur anzuführen, daß es, nachdem eine einheitliche Landesmarke eingeführt ist, das Mitgliedsbuch unbedingt folgen muß, daß ferner jeder Genosse das Programm usw. in seinem Besitz hat. Die nähere Begrün⸗ dung wird auf der Landeskonferenz erfolgen.
2. Die Landeskonferenz möge beschließen, eine genaue Revision des Organisationsstatuts der sozialdemokratischen Partei Hessens vorzunehmen und schlägt hierzu eine Kommission vor, be⸗ stehend aus dem Landeskomitee, Landtagsfraktion und den jeweiligen Kreisvorsitzenden. Die Re⸗ vision soll sofort nach dem Parteitag vorge⸗ nommen werden und, wenn möglich, noch dieses Jahr einer weiteren Landeskonferenz zur Ge⸗ nehmigung vorgelegt werden, damit, wie erster Antrag besagt, die neuen Mitgliedsbücher zur Einführung gelangen können.
Eine Parteiversammlung in Darmstadt beschloß zu beantragen, den an das Landes⸗ komitee abzuführenden Betrag aus dem Erlös der verkauften 10 Pfg.⸗Marken von 2 auf 3 Pfennig zu erhöhen und die Landeskasse zu ver⸗ pflichten, vierteljährlich mindestens 10 Prozent der Gesammteinnahme an die Parteikasse in Berlin abzuführen.
Die Kreiskonferenz des Wahlkreises Wetzlar⸗ Altenkirchen, die am Sonntag im Lokale Orbig in Gießen tagte, erfreute sich eines zahlreichen Besuches und die zur Berathung stehenden Punkte wurden leb⸗ haft diskutiert. Von einer eingehenden Bericht⸗ erstattung des Vertrauensmannes nahm man Ab⸗ stand, weil bei der nach dem Parteitage statt findenden Neuwahl desselben doch Bericht für
das ganze Jahr gegeben werden muß. Der Ver⸗ trauensmann gab deshalb nur eine kurze Ueber⸗ sicht über die Kassenverhältnisse, die bedeutend günstiger als im Vorjahre sind. Eine eingehende Erörterung fand die von der Reichstagsfraktion beantragte Abänderung des Organisationsstatuts. Ein Theil der Anwesenden hatte Bedenken gegen den Satz:„Genosse ist, wer die Partel dauernd durch Geldmittel unterstützt“, weil nach ihrer Meinung nicht jeder dazu in der Lage sei. Dem wurde jedoch entgegengehalten, daß ja kein Bei⸗ trag in einer bestimmten Höhe gefordert werde; man wolle damit offenbar nur die mora⸗ lische Verpflichtung der Genossen zur Steuer⸗ leistung aussprechen. Viele bezeichneten sich als Genossen, zahlten aber nie. Weitere Einwen⸗ dungen gegen das Statut, dessen ausführliche Be⸗ gründung auf dem Parteitage erfolgen wird, wurden nicht gemacht, auch sonstige Anträge zum Parteitag nicht gestellt. Nach längerer Dis⸗ kussion beschloß die Konferenz einstimmig, einen Delegirten zu dem Parteitage zu entsenden und wählte hierzu den Genossen Fauth ⸗Wetzlar. Des Weiteren wurde noch der Wunsch ausge⸗ drückt, daß die Abhaltung einiger Versammlungen im Kreise im Laufe des Jahres ermöglicht werde. Nachdem noch Genosse Orbig zum Gedächtniß Liebknechts, dessen Wirken in kurzen Ausführ⸗ ungen geschildert, schloß der Vorsitzende die Konferenz..
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 23. August.
Parteiversammlung. Am Samstag, 1. Sept., abends 8¼ Uhr, findet im Lokale des Herrn Jesberg eine öffentliche Parteiversammlung statt. Da die Tages ⸗ ordnung zwei wichtige Punkte aufweist—„Kommunal- politik“ und„Der diesjährige Parteitag in Mainz“— werden die Genossen auch an dieser Stelle ersucht, mög. lichft zahlreich zu erscheinen.(Siehe Inserat.)
Chinakoller. Außer den Freiwilligen vom Jäger⸗ bataillon, 13 an der Zahl, macht auch ein Reservist von hier, ein junger Kau mann, den Rachefeldzug mit. Die „Hessische Landeszeitung“ ist erbost darüber, daß man den Scheidenden zu Ehren keinen großartigen Tam-Tam in Szene setzie, wie das anderwärts geschehen ist.
Aus der letzten Stadtverorbnetensitzung. Die hiesige Polizeiverwaltung ist mit Arbeiten überhäuft und ist die Anstellung eines Schreibgehülfen erforderlich. Landgerichtsrat Glein wundert sich sehr darüber, daß auf einmal so viel Arbeit bei der Polizei vorhanden sei, die Journal-Nummern sind gegen früher um 600 gestiegen. Der Oberbürgermeister als Chef der Polizei ist nicht in der Lage, hierüber Auskunft zu geben. Die Stadt hat nämlich auch einen Geheimpolizisten angestellt, um auf die Radfahrer Obacht zu geben, daß auch die Vorschriften genau innegehalten und z. B. alle zur Anzeige gebracht werden, welche das Trottoer befahren. Dann ist es auch leicht erklärlich, daß die Journal⸗Nummern eine solche Hohe erreicht haben.— Die Sedanfeier wird auch hier geseiert, trotzdem der Oberbürgermeister und Herr Seebinger in einer früheren Sitzung dagegen waren. Wo Deutsche und Franzosen jetzt in China zusammen kämpfen, meinte Herr Seebinger, sei es nicht gut an⸗ gebracht, die alte Feindschaft wieder aufzuwärmen. Half aber alles nichts, St. Sedan muß gefeiert werden.
Versammlung der freien Krankenkassen. Am Dienstag, den 21. August tagte im Lokale des Café Quentin eine Versammlung der freien Krankenkassen, welche einen sehr schlechten Besuch aufwies. Die Tages⸗ ordnung lautete:„Die neuen Vorschläge zur Kranken⸗ kassen⸗Novelle.“ In gut durchdachter Weise unternahm es Herr Markus ⸗Cassel, die Vorschläge einer vernich⸗ tenden Kritik zu unterziehen, kein gutes Haar daran lassend. Leider ist der Raum dieser Zeitung zu knapp bemessen, die trefflichen Ausführungen hier wiederzugeben. Auch der Vorsitzende der hiesigen Ortskrankenkasse, Herr Papst, war anwesend, hatte es aber vorgezogen, in die Debatte nicht einzugreifen, sondern zu schweigen. Folgende Re⸗ solution wurde angenommen:
„Wie bereits durch die Zeitungen bekannt, soll bei dem nächsten Zusammentritt des Reichstages demselben eine Novelle zum Kranken⸗Versich⸗rungs⸗Gesetz zugetzen. Insbesondere soll den Krankenkassen das Selbstverwal⸗ tungsrecht genommen weiden. Desgleichen soll in Er⸗ dägung gezogen werden, ob man die freien Hilfskassen überhaupt bestehen lassen will. Ebenso soll das Stimm⸗ recht der Arbeitgeber auf die Hälfte erhöht, die Verwal⸗ tung der Kassen in die Hände städtischer Beamten ge⸗ legt werden usw. Die Innungskassen hingegen sollen unangetastet bleiben. Die heutige Versammlung pro— testirt gegen diese Entrechtungsvorschläge, welche den meist interessirten versicherten Arbeiter ganz empfindlich
reffen. Sie ersucht die Reichstagsabgeordneten, bei einer ev. Gesetzesvorlage solchen Entrechtungsvorschlägen kein Gehör zu schenken, sondern dieselben kurzer Hand abzu- lehnen.
Marburg, 21. Aug. 1900.
Die vereinigten Krankenkassen Marburgs.“
St. Arbeitergesang verein. Verflossenen Sonn⸗ tag hatten sich eine Anzahl Genossen zusammengefunden,
um die Gründung eines Arbeitergesangvereins in die Wege zu leiten. Der Mangel eines solchen wurde schon oft von den hiesigen Genossen unliebsam empfunden. Nachdem eine Kommission die nötigen Vorarbeiten erledigt hat, findet Sonntag, den 26. August, bei D. Jesberg eine Zusammenkunft statt, in welcher die Konstituierung des Vereins, Beratung der Statuten u. s. w. vorgenommen werden soll und zu der alle Interessenten eingeladen sind. (Siehe Inserat.) 26 Mann haben bereits ihren Beitritt erklärt und auch sonst ist dem Verein Unterstützung in Aussicht gestellt. Hoffentlich wird die Gründung des Vereins nun zur Thatsache.
Kleine Mitteilungen.
* Nauborn. Schon wieder ein Berg⸗ mann verunglückt! Auf der Grube„Amanda“ wurde am Samstag der Bergmann Müller VII. durch herabstürzende Gesteinsmassen getötet. Der Aae hinterläßt eine Frau und sechs
inder.
* In Wackernheim gerieth am Sonn⸗ tag ein Landwirth mit der Wache der gegen⸗ wärtig dort im Quartier liegenden Husaren in Streit. Vom wachthabenden Gefreiten wegge⸗ wiesen, lief der Landwirth, Weiland mit Namen, erbittert nach Hause, kehrte mit einer Mistgabel bewaffnet zurück, und stieß dieselbe dem Gefreiten derart in den Leib, daß er sofort todt zu Boden sank. W. wurde verhaftet und im Amtsgerichts⸗ gefängniß Oberingelheim internirt. An der Be⸗ erdigung des Soldaten betheiligte sich fast die ganze Gemeinde.
Arbeiterbewegung.
Der Ausstand in den Mainzer Lederwerken hat an Ausdehnung zugenommen. Jetzt beträgt die Zahl der Streikenden bereits 600. Die Direktion hat die Einigungsversuche vor dem Gewerbegericht in schroffster Form ab⸗ gelehnt. Den Arbeitswilligen ist durch Mauer⸗ anschlag ein Judaslohn von 1 bis 2 Mark pro Tag zugesagt worden.
Ende des Brauerstreiks und Bier⸗ Boykotts in Harburg. Mit einem voll⸗ ständigen Siege der Arbeiter endete der neun⸗ wöchentliche Streik auf der Aktienbrauerei in Harburg. Die Brauerei hat sämmtliche Arbeitswillige entlassen und die Streikenden auf ihre alten Posten wieder eingestellt. Maßregel⸗ ungen finden nicht statt. Alle Arbeiter erlangten eine Lohnerhöhung, die Arbeitszeit wurde auf 10 Stunden festgesetzt. Den Sieg verdanken die Arbeiter nicht zum Wenigsten dem solidar⸗ ischen Verhalten der Harburg-Wilhelmsburger Arbeiterschaft.
Partei⸗Hachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 25. August: Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Lö b, „Wiener Hof“. Gießen. Metallarbeiter abe ds 9 Uhr bei Orbig. Montag, 27. August: Gießen. Schneider abends 9 Uhr bei Orbig.
„Wahrer Jakob.“ Die nächste Nummer enthält ein von Bebel geschriebenes Gedenk⸗ und Erinne⸗ rungsblatt an unseren Genossen Liebknecht. Wir machen die Genossen darauf aufmerksam.
Briefkasten der Expedition. Quittungen. Mdlr. Kzbch. 3.—. Th. Rhe. 3.—. Kl. Rogn. 7.20. Ptr. Grßl. 8.—. Fr. G. 1.—. Fth. Wtzlr. 30.—. R. Hchhm. 27.—. Igd. G.—.40. Grgr. Mbg 30 20. Sb. Gg. 3.50. Wb Als e d 22.8. Hhm. Obg. 6—. R. G. 240. Sch. Fugeh 1.60. Sg. pst. 2.— Wtr. Obch. 7.40. Schmdt. Dschg.—.65. Vog.
B. 3.—. Rg. Libch. 27.—. Kft. Azbch. 2.20. Dth. Ogstrn. 4.60. Sch. G. 79 45. L. The. 1.80. Krgr. G. 15.43. Sch. Gock. 8.40. Ky. Kfd. 37.80. Stbg. Lchfr. 14.40. Mdlr Kzbch. 3—. Hdch. Kzbch. 4.20. Pths.⸗
Luar. 4.80. Lwst. Wek. 29.20. Schb. Hn. 10.80. Ww. Wtr. Loch. 2.—. Lchl Ghsa. 10.75. Pf. Wizb. 12.— Ostw. Hbg. 1.—. B. Dlbg. 3.60. Wch. Bst. 2.40 Th. Rdrth. 1.20. Hp Bdhm. 5.40. Blte. lr. 2. Qu. 28.60. Str. G. 4—. Sgfr. Abck. 8.—. Sch. Fllgsh. 1.60
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Wbr. G.—.60. Tad. G.—.40. Dthfr. Lgstrn. 4.40. Mdl. Kzbch. 2—. Sch. Wbg. 1.—. Hbr. Dogn. 14.80. Schdt. G. 42.—. Wtr. Obch. 7.20. Hs. Stbg. 6.20. Sch. Stbg. 2.—. 5
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