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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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Nr. 48.
Unterhaltungs⸗Theil.
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Ist das eine Antwort?
Laß die heil'gen Parabolen*) Laß die frommen Hypothesen— Suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen.
Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roß der Schlechte?
Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre niederträchtig.
Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler— Aber ist das eine Antwort? Heinrich Heine.
) Parabole, auch Parabel,(griechisch.-Gleichniß.) Hypothese, Voraussetzung, Annahme, Bedingung
Dunkle Mächte.
Roman von Elise Langer.
Frau Bertram, die von dem erwarteten Be⸗ such in Kenntniß gesetzt worden war, ließ ihn in das nur schwach beleuchtete Zimmer tre— ten, überzeugte sich, ob das Kind schliefe und entfernte sich dann wieder. Brandt und Helma waren allein. Weiß wie Schnee lag sie da, das einzige Dunkle an ihr waren die tief ein⸗
esunkenen Augen. Einer ihrer prächtigen
Zöpfe lag auf ihrer Brust. Sie reichte ihm mit glückseligem Lächeln die schmale, durchsichtige Hand. Er ergriff sie vertraulich, tätschelte sie und schlug gleich einen heiteren Ton an, um keine Sentimentalität aufkommen zu lassen. Sie hätte ihn sehr überrascht. Es sei so schnell ge⸗ kommen, er freue sich, daß es glücklich über⸗ standen sei. Sie sollte sich nur recht lange Ruhe gönnen und sich aufs Beste pflegen.
Sie wäre ja so viel er höre, hier sehr gut gufgehoben.
Helma war die Kehle wie zugeschnürt, sie konnte keine Silbe hervorbringen. Keine Zärt⸗ lichkeit, kein inniges Wort, keine Frage, kein Blick nach dem Kinde. Endlich würgte sie her⸗ vor:
„Willst Du unser Kind nicht sehen, Oskar?“ a
„Ach wozu? Laß doch, um Gotteswillen störe es nicht. Was sieht man an so neugebo⸗ renen Würmern. Eines sieht ja wie das an⸗ dere aus und auch das schönste ist häßlich.“
„Es ist ein Mädchen, Oskar. Es ist Deine Emmy, sie ist uns wiedergeboren, sie wird un⸗ ser Engel sein.“
Die Erinnerung an Emmy ergriff ihn einen Moment, aber er überwand es rasch und sagte:
„Du regst Dich unnütz auf, liebes Kind, das kann Dir nur schaden. Laß doch das kleine Ge⸗ schöpf erst ein menschliches Aussehen be⸗ kommen.“
Helmas Brust arbeitete heftig. War es mög⸗ lich, daß er ihr Kind nicht liebte, er, der zärt⸗ liche Vater, der die Kinder seiner ungeliebten Frau vergötterte? Hatte das Kind des leiden⸗ schaftlich geliebten Weibes, wenn es nicht die Gattin war, weniger Ansprüche an das Vater⸗ herz? Konnte das in der Natur begründet sein? O nein, nein, nein, das war die Unnatur der gesellschaftlichen Einrichtungen. Nur das ehe⸗ liche Weib würde geachtet, nur das eheliche Kind geliebt!
Unter den langen Wimpern des geschlossenen Auges der Kranken quoll eine Thräne hervor und tropfte schwer auf das Kissen.
Brandt that, als bemerke er sie nicht und fuhr fort, ihr allerhand Rathschläge in betreff ihrer Pflege zu geben. g
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Zeitungen lügen, alles lügt.
„Und die Scheidung?“ unterbrach sie ihn mit kaum hörbarer Stimme.
„Ist in Ordnung.“
„Ah!“ Helma hob den Kopf.„Und das Aufgebot?“
„Ist— ist bestellt.“
Er hatte es nicht sagen wollen, es fuhr ihm unwillkürlich heraus. Was hätte er auch an⸗ ders antworten können? Und es war ja nicht die Unwahrheit. Die Ergänzung behielt er sich für später vor.
Ehe er sichs versah, hatte Helma seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gedrückt. Er war in der peinlichsten Verlegenheit.
„Ruhig, ruhig, geliebtes Herz. Ich gehe, denn meine Gegenwart regt Dich zu sehr auf und jede Aufregung kann Dir schaden.“
„Ja gehe, Oskar, Geliebter, aber küsse mich zuvor,“ und ihre sanften braunen Augen blick⸗ ten schwärmerisch zu ihm auf.
Er berührte ihre Stirn mit den Lippen; sie umschlang seinen Nacken mit beiden Armen und sah ihm tief in die Augen.
„Mein Gatte, mein Geliebter!“
Er machte sich sachte los und schlich davon.
XII
Die Nachricht von Brandts bevorstehender Heirath hatte si chnach den Erkundigungen, die Kolweit eingezogen, vollauf bestätigt. Nur mit, Zittern und Zagen dachte Frau Käten nun an ihre Aufgabe, Helma allmählich auf das Furcht⸗ bare vorzubereiten. Diese fand sie bei ihrem nächsten Besuche schon außer dem Bette, und als sie ihr Erstaunen darüber äußerte, sagte die junge Mutter mit strahlender Miene:
„Ja, liebe Freundin, ich muß schnell gesund und kräftig werden. Jetzt machen wir Hochzeit, das Aufgebot ist schon bestellt.“
Käte erschrak. Sie glaubte nicht anders, als daß Helma bereits alles erfahren und ihr Verstand sich darüber verwirrt hätte.
Vorsichtig frug sie weiter nach, und bald blieb ihr kein Zweifel, daß die Arme zum zweiten Mal auf das Schmachvollste getäuscht worden war. Wie würde sie den jähen Sturz aus ihrem Himmel ertragen?
„Sie haben sich verhört, Helma, es kann nicht sein.“
Helma wandte von ihrer Beschäftigung mit dem Kinde den Kopf heiter lächelnd nach der Freundin hin.
„Verhört? O nein. Dabei verhört man sich nicht. Die Scheidung ist erfolgt, das Aufgebot bestellt, so sagte er.“
„Welches Aufgebot?“
„Wunderliche Frage. Nun, das zur Trau⸗ ung nöthige Aufgebot.“
„Trauung zwischen—?“
„Oskar Brandt und Helma von Saldeck“, sagte sie mit einem stolzkoketten Lächeln.
„Und wenn die Braut nun eine andere wäre?“
„Käte, Sie sind grausam. Was soll das?“
„Denken Sie, wie er Sie schon einmal ge⸗ täuscht hat.“ f
„O Sie Mißtrauische! Das war etwas ganz anderes. Damals hat er nur geschwiegen, mich nicht aus einem Irrthum gerissen.“
„Und kann das nicht wieder der Fall gewesen fei
Helma, die mit dem Kinde auf dem Schoß gesessen, sprang so jäh auf, daß sie es beinahe hatte fallen lassen, und der Freundin die Hand schwer auf die Schulter legend, rief sie fast gebieterisch:
„Frau, was wollen Sie mit all dem sagen? Wenn Sie etwas wissen, so reden Sie.“
Jetzt machte Frau Käten keine weiteren Um⸗ schweife mehr, wie sehr ihr auch vor der Scene die nun folgen würde, bangte. Zu ihrer Ver⸗ wunderung aber geschah weiter nichts, als daß Helma einen Augenblick nach Atem rang und mit weitgeöffneten Augen ins Leere starrte, wobei die Farbe auf ihren Wangen kam und ging. Die Freundin, die sich ihr liebevoll nä⸗ hern wollte, wehrte sie hastig ab. Dann sagte sie rauh:
„Ich glaube es nicht, ich glaube es nicht. Die Ich will ihm
schreiben, wie man ihn verdächtigt.“
Quelle an,“ sagte Käte ruhig, sich zum Ge⸗ hen anschickend.
fiel diese der Freundin um den Hals. Ihr ganzer Körper zuckte krampfhaft, aber es kam kein Laut von ihren Lippen, keine Thräne aus ihren Augen.
Helmas Kräfte schienen merkwürdigerweise zuzunehmen, während ihr Aeußeres zusehends verfiel. Das Gesicht hatte eine wachsbleiche Farbe, Augen und Wangen sanken ein, die Backenknochen traten scharf hervor. Dies war aber das einzige, was ihren inneren Zustand verriet. Bei dem nächsten Besuche Kätens sprach sie kein Wort weiter über die Angelegenheit. In der Beschäftigung mit ihrem Kinde schien sie alles vergessen zu haben. Die Wirtin er⸗ zählte Frau Käten jedoch, daß Helma die hal⸗ ben Nächte rastlos im Zimmer auf⸗ und ab⸗ wanderte, sich in Kleidern zu Bett legte und dann am Morgen wie todt schliefe, sodaß sie durch das Weinen des Kindes nicht geweckt würde. Mehrmals sprach Helma davon, sich Arbeit verschaffen zu wollen, sie müßte für ihr Kind sorgen. Die Brieftasche mit Bank⸗ noten, die Brandt bei seinem Besuch auf das Nachttischchen gelegt hatte, übergab sie Käten mit der Bitte, sie dem Eigenthümer zurückzu⸗ schicken. Von ihrem reichlichen Gehalt hatte sie die ganze Zeit über so gut wie nichts ver⸗ ausgabt. Sie besaß daher eine Summe, die sie für den Augenblick vor Mangel schützte.
Frau Bertram meinte, daß Helma jetzt an. die Luft müßte, und fragte, ob sie nicht nächsten⸗ Sonntag ihren Kirchgang machen wollte. Hel⸗ ma sah sie ganz verstört und wie verständniß⸗ los an. Dann aber sagte sie ja, sie wollte in die Kirche gehen. Es war ein nebliger, grauer Mor⸗ gen, um zehn Uhr herrschte noch tiefe Dunkel⸗ heit. Der richtige Morgen für ihren ersten Ausgang, dachte Helma. Die Kniee zitterten ihr, sie mußte sich auf eine Thürschwelle setzen, aber allmählich ging es besser, die Luft that ihr wohl. An der Kirche jedoch schritt sie vor⸗ über, sie hatte dort nichts zu thun. Mochten glücklichere Mütter Gott ihr Dankopfer bringen. Von jetzt an ging sie alle Tage aus, aber im⸗ mer in der Dämmerstunde.
Am dritten Abend kam sie später als sonst und sehr aufgeregt heim. Ihre erste Frage war, ob dem Kinde nichts zugestoßen wäre; es hätte sie auf einmal solche Angst erfaßt. Sie zitterte am ganzen Leibe und stürzte nach der Wiege hin, vor der sie wie gebrochen niedersank. Frau Bertram war fast beleidigt, da sie das Kind in ihre Obhut genommen hatte. Allmählich beruhigte sich Helma und erklärte ihre Erregung. damit, daß es ihr gewesen, als sei beständig jemand hinter ihr gegangen. Das hätte sie so nervös gemacht. Dann erzählte sie, daß sie in einem Geschäft für Herrenartikel um Arbeit angefragt und Schlipse zur Anfertigung er⸗ halten hätte. Für das Dutzend bekäme sie 50 Pfennige. Drei Dutzend könne sie am Tage fertigen, wenn sie früh aufstünde. Sie erzählte das alles mit einer gewissen Hast, auch war es das erste Mal, daß sie Frau Bertram etwas über ihre Verhältnisse mittheilte. Als diese den Thee gebracht und sich dann wieder entfernt hatte, erhob sich Helma, die sich erschöpft auf das Sopha geworfen hatte, rasch und riegelte die Thüre ab. Dann nahm sie aus ihrer Kleider⸗ tasche einen Gegenstand und legte ihn tief un⸗ ter andere Sachen auf den Boden ihres Koffers, den sie sorgfältig schloß. Nachdem sie sich da⸗ rauf eine Tasse Thee eingeschenkt und diesen gierig getrunken hatte, kleidete sie sich aus wusch sich von Kopf bis Fuß und legte reine Wäsche an. Im Begriff, den roten Flanellroch anzuziehen, schleuderte sie ihn plötzlich fort und hüllte sich in einen warmen Plaid. Dann setzte sie sich auf die Kante ihres Bettes, die Korb⸗ wiege mit dem schlafenden Kinde dicht an sich heranziehend. So saß sie bis tief in die Nacht hinein.
(Fortsetzung folgt.)
„Thun Sie das und geben Sie mich als
Als sie Helma die Hand zum Abschied reichte,
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