Nr. 9.
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die das Bestreben hat, durch
Gießen, Sonntag, den 25. Feb
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 5
ruar 1900.
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Bürger⸗ und Menschenpflicht
ist es für jeden Denkenden, besonders aber für die Arbeiter und Arbeiterinnen, den sich gegen⸗ wärtig abspielenden Kämpfen im politischen Leben und in der wirtschaftlichen Fortentwicke— lung nicht gleichgiltig gegenüberzustehen, sondern mitzuwirken, daß die kolossalen Errungenschaften unserer Kultur immer mehr Gemeingut aller Menschen werden. g
Wer an diesem hohen Ziele mitarbeiten will, und jeder Arbeiter ist dazu berufen in seinem und seiner Kinder Interesse, der muß mithelfen, den Einfluß der Arbeiterklasse auf die Gesetz⸗ gebung zu vermehren.
Dieser Einfluß kommt am meisten zur Geltung durch sozialdemokratische Abgeordnete und die unerschrockene sozialdemokratische Presse. Je mehr die sozialdemokratische Presse unter dem Volke verbreitet ist, um so größer ist ihre Wirkung; ihr Leserkreis ist der Gradmesser für die Stärke der Partei und ihres Einflusses.
Ein sozialdemokratisches Organ ist die
Mitteldeutsche Sonntags 2 Zeitung, n alle öffentlichen Vorkommnisse ihre Leser für die notwendige Organisationsarbeit und für den Kampf um die Vergrößerung der Volks⸗ rechte zu begeistern.
Wer diese wichtige Arbeit unterstützen will, der sorge für immer weitere Verbreitung der
Mitteldeutschen SonntagsZeitung, die in keiner Arbeiterfamilie fehlen sollte.
Jeder Parteigenosse, jeder Freund der So⸗ zialdemokratie, muß ein Werber für die Mittel⸗
deutsche Sonntags⸗Zeitung sein.
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Ssessssessssesssseesssesese Der Streik der Bergarbeiter.
Wie fernes Donnergrollen, vernehmbar bis in die äußersten Winkel des Klassenstaates, ist es seit Wochen vernehmbar— mit freudig⸗ bangen Gefühlen verfolgt die Arbeiterschaft den Aufruhr der wirtschaftlichen und sozialen Ele⸗ mente, gleich einem Ausbuch der Naturkräfte, der neues Leben bringt, aber auch Gefahren in sich birgt. Der dumpfe Tritt der Massen⸗ bataillone der österreichischen Bergarbeiter hat diesen Aufruhr verursacht und das gesamte wirtschaftliche Leben erzittert unter diesem der⸗ artig, daß auch der verstockteste Arbeiterfeind und brutalste Unternehmer eine Ahnung von der Macht und Bedeutung der Arbeit bekommt. Seit Wochen dämmert allgemach die Gewißheit darüber auf, daß das Stillstehen aller Räder furchtbare Thatsache werden kann, wenn der „starke Arm der Arbeit“ es will. Wie ein dumpfer Druck legt sich diese Erkenntnis auf
das Ausbeutertum und mit neuem Mute erfüllt sie die kämpfende und ringende Arbeiterschaft. In den böhmisch-mährischen Kohlenrevieren, wo die Ausbeutung die ärgsten Auswüchse und größten Profite gezeitigt, wo man die Arbeiter auf der tiefsten Stufe erhalten konnte, stehen 60000 Bergarbeiter wie ein Mann im Streik, um die ärgste Bedrückung abzuschütteln. Die unterdrücktesten und ärwsten der Proletarier, die tief„im Schacht der Erde“ unter den widerwärtigsten Verhältnissen bei großer Hitze teilweise nackt und in den engen niederen Gängen liegend oder kauernd die schwarzen Diamanten zu Tage sördern, die wochenlang das Sonnenlicht nicht sehen, in ärgster Lohn⸗ knechtschaft frohnen und im Elend leben, von denen man jede Aufklärung noch ferngehalten — diese Proletarier erhoben sich in übergroßer Mehrzahl zu heldenmütigem, bewunderungs— würdigem Kampfe um ihre Menschwerdung. Und auf dem Banner des tapferen Arbeiter⸗ heeres steht die Forderung der Proletarier aller Länder, steht der Achtstundentag.
Man muß diese im aufreibendsten Frohn⸗ dienst herabgedrückten Proletarier gesehen haben, wenn sie aus den dunklen Schächten, von schwerer Knechtes arbeit kommen— die geschwärzten, ab⸗ gezehrten Leiber, die vielleicht nackt auf den Kohlen gelegen, nur mit elenden Lumpen bedeckt, Uebermüdung und Elend in den abgezehrten Gesichtern, ihrem öden Heim zustreben, um die Bedeutung dieses Riesenkampfes voll würdigen zu können.
Seit dem Londoner Dockarbeiterstreik ist kein Ereignis von gleicher Tragweite zu ver⸗ zeichnen, weckt nichts so sehr unsere Hoffnung, daß auch in den letzten Schichten der Arbeiter⸗ klasse noch die Kraft zu finden ist, die ärgsten Fesseln zu sprengen, der Trieb zum Leben und das Streben zur Menschwerdung noch vorhanden ist. Sehen wir nicht einen schon sechswöchent⸗ lichen heldenmütigen Kampf um die wichtigsten Ziele der Arbeiter in einer Gegend, aus der nur bisher Lohndrücker und Streikbrecher kamen? Muß es nicht auch den ärgsten Pessi⸗ misten Mut geben, daß wir jetzt sehen, wie gerade von diesen Orten aus der Drang nach Besserung neue Nahrung erhält und in allen Teilen Deutschlands unter den Bergarbeitern neu auflebt. Aus dem elenden Arbeiterstamm, aus der ärgsten wirtschaftlichen Not heraus drängt der Ruf nach wirtschaftlicher Besserung, sehen wir eine Kämpferschar erstehen, unter deren Tritt das ganze kapitalistische Gebäude erzittert. Das alles giebt dem Rtesenkampfe in den böhmisch-mährischen Kohlengebieten und der Bergarbeiterbewegung überhaupt seine gewal— tige Bedentung für die gesamte Arbeiter- schaft. Die bisher in ärgster Lohnknechtschaft und Abhängigkeit lebenden österreichischen Kohlen⸗ gräber kämpfen mit bewunderungswertem Mut als Vorhut der gesamten Bergarbeiter welt, die sich an der Tapferkeit und Ausdauer der öster⸗ reichischen Brüder wieder aufgerichtet, erholt von früheren Niederlagen, neu gekräftigt und ermutigt auf dem Plane erscheint. In Zwickau, Oelsnitz, Mittel deurschland, im Ruhrgebiet und in Schlesien regt es sich und teilweise kämpfen auch in diesen Gebieten die Bergarbetter um entsprechende Entschädigung für ihre gefährliche Arbeit, für Zeit zur Erholung und Ruhe.
Um was man kämpft, sind die Arbeiter- forderungen überhaupt. Höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit ist schon seit langem Gegenstand allen Strebens und vielfach auch des Kampfes geworden. Der Achtstundentag, um den in Oesterreich heiß gefochten wird, ist seit langem das vornehmste Ideal der gesamten Arbeiterschaft.
Sollte noch ein Zweifel bestehen, so wird dieser Hinweis genügen, um zu zeigen, daß der Kampf der Kohlengräber der Kampf der ge— samten Arbeiterschaft ist und ihr Sieg allen Arbeitern zu gute kommt, deren Niederlage aber auch uns alle trifft. Es muß sich daher unser aller Streben vereinigen in der Unter⸗ stützung der kämpfenden Bergarbeiter. Pflicht der deutschen Arbeiterschaft ist es in erster Linie, mit allen Kräften und Mitteln den kämpfenden Arbeitsbrüdern in ihrem schweren Kampfe beizustehen. So schwer der Kampf ist, so schwer würde eine Niederlage alle Arbeiter treffen. Der Sieg der Bergarbeiter aber, der Achtstundentag der Kohlengräber, würde ein wichtiger Stützpunkt für alle weiteren Kämpfe werden. Im eigensten Interesse der Arbeiter liegt es daher, sich zu vereinigen in der Unter⸗ stützung der kämpfenden Bergarbeiter. Ihr Kampf ist auch unser Kampf, ihr Sieg der unserige.
Politische Rundschau.
Gießen, 23. Februar.
Zur Flotten vorlage. Schutz des Handels?
* Als Haupttrumpf spielen die marinierten Politikaster auch das Wort vom„Schutz des Handels“ auf, wenn sie sich für die schwimmen⸗ den Festungen begeistern. Wir haben schon oft das Unsinnige dieser Behauptung zurückgewiesen. Dem Handel kann nichts angenehmer sein, als eine stetige und friedfertige Politik. Mehr Kriegschiffe bedeuten jedoch noch nerböseren Zickzack denn jetzt, größere Kriegsgefahr und damit die größte Unstätigkeit. Für den Handel kann es gar nichts schäd⸗ licheres geben, als die jetzt so viel gepriesene Ueberseepolitik, durch die wir uns die„uns zukommenden Plätze an der Sonne— à la Kiautschou— sichern wollen“, und wie die schönen Worte sonst noch lauten.
Sehr beachtenswert für die Flottenapostel ist folgende Aeußerung der einflußreichen„Weser— Zeitung in Bremen:
„Herr Liebermann von Sonnenberg hat ausgerufen: „Die deutsche Hansa mußte die Kriegsflotte selbst be⸗ zahlen, warum sollten die Erben der Hansa sich nicht an der Aufbringung der Kosten für ihre Flotte be⸗ teiligen?“ Beteiligen werden sich natürlich die Hanseaten an diesen Kosten so gut wie alle anderen; nach dem Zusammenhang sollen sie aber Herrn Liebermann zufolge diese Kosten allein oder vorzugsweise tragen, weil sie, wie er meint, die Kriegsflotte zu ihrem Ge⸗ schäfte bedürfen. Da liegt der Irrtum, der weit verbreitet ist. Natürlich soll nicht geleugnet werden, daß auch geschäftliche Vorteile von dem Vor⸗ handensein einer deutschen Seemacht gelegentlich ab— hängen, nicht allein für binnenländische Gewerbetreibende und Landwirte, sondern auch für haͤnseatische Kar Wenn man aber die hanseatischen Kaufler als Geschäftsleute fragt, ob sie
lediglich Kriegsschiffe


