Nr. 52.
Gießen, Sonntag, den 23. Dezember 1900. 7. Jahrg
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Friede auf Erden!
L. W. Ich höre sie wieder im Geiste, die Weihnachtsglocken der Christenheit mit ihrem zauber schen„Friede auf Erden“. Nahezu fünfzigmal höre ich mit Bewußtsein ihren Klang und gar manchesmal hat derselbe einen tiefen End ruck auf mich gemacht. Nur einmal im schönsten Lebensalter hörte ich sie nicht.
Keine Glocke klang
Kein Kindlein sang.
Die Waffen klirrten, Die Menschen irrten,— Es war der Krieg—.
Ja, der Krieg von 1870—71 tobte noch wild um die Weihnachtszeit zwischen zwei der ku llurberufensten Nationen Europas. Blutig schwang er seine Geißel über den friedens⸗ bedürftigen und sruedensliebenden Bewohnern zweier herrlicher Länder. Heiliger Abend und Feldwache! Heiliger Abend und schußbereit, schuß bereit auf irgend ein Christenkind, das ich nie gesehen, das mir nie etwas zu leide gethan, das aber mein Feind sein muß, weil es ein Franzose ist, Feind auf Leben und Tod und— für wen, für was? Aber weg damit, weg mit den düsteren, traurigen Bildern der Vergangen- heit. Die Gegenwart muß besser sein, muß christ licher sein. Es ist gewiß nichts unterlassen worden namentlich unser deutsches Volk so christlich als nur möglich zu machen. Wer das bezweifelt, der blicke nur auf die vielen Kirchenbauten, die innerhalb der letzten dreißig Jahre aufgeführt wurden. Und das sollte keine Früchte getragen haben? Namentlich in Berlin, der Hauptstadt des Reiches, bald des Reiches Kirchenstadt, wo die Kirchen und die Frömmig⸗ keit nur so aus dem Boden wachsen, da kann es auch nicht einen Menschen geben, der seine Freude an Mord und Todtschlag, an Krieg und Massenmord, an Massenarmuth und Massen⸗ elend hätte. O nein, das kenn nicht sein, das wäre nicht christlich, das wäre gegen die Reli⸗ gion der Liebe, das wäre Verrath an dem gro⸗ ßen Stifter dieser Religion, und ihm zu Ehren wird ja das Weihnachtsfest, das Fest der Liebe und des Friedens gefeiert.
Treten wir also vertrauensvoll in ein christ⸗ liches Gotteshaus und lauschen den frommen und süßen Worten des Predigers. Mit zum Himmel erhobenen Händen dankt er dem all⸗ mächtigen und allliebenden Gott, daß er seinen Sohn in die sündige Menschheit gesandt, daß er sie lieben und leiden gelehrt, preist die Allgüte des himmlischen Vaters, die die Segnungen des Christenthums auch den verstocktesten Heiden u gute lommen ließ. Mit Feuereifer und weit⸗ ausgreifenden Gesten schildert er den Armen und Elenden die Freuden des zukünftigen Le⸗ bens— im Himmel, mit wuchtigem Ernste ermahnt und beschwört er sie, hier auf Erden nicht za murren und zu klagen über ihr vielleicht hartes Schicksal. Rührend ist die Sanftmuth, mit welcher der fromme, christliche Prediger die Reichen ermahnt, der armen Brüder und Schwe⸗ stern in Christo zu gedenken. Es ist eine große und erschütternde Rede, die an unser Ohr tönt von all dem gepriesenen und verheißenen Glück und Wohlergehen. Im Schlußgebet wird der Segen des Himmels erfleht für alle Gläubigen
und ein schallendes„Halleluja!“ preist den all⸗ gütigen und gerechten Gott der Christenheit. Wir sind gerührt und treten hinaus auf die Straße— auf die Straße gerade in dem Augenblick, als zwei noch junge Menschen zu⸗ sammengeschlossen von einem Polizisten vorüber⸗ geführt werden. Da packt uns ein Schauder und alle fromme Rührung ist verflogen. Wel⸗ ches Verbrechen haben sie grade am Weihnachts⸗ fest begangen? Wie sehen sie aus? Die Klei— der schmutzig und theilweise zerfetzt und Schuhe, daß sich Gott erbarm! Und sie schlottern da— hin, als ob sie müde und hungrig wären trotz früher Morgenstunde. Ja, das sind sie auch und ich auch, sagt ein Mensch hinter uns, der fast so aussieht wie sie. Wir drei haben heute Nacht in einem kalten Schuppen da draußen kampirt und elend gefroren. Das Asyl für Ob— dachlose war überfüllt und so mußten wir mit fast leerem Magen uns auf die Suche nach einer Unterkunft machen. In der Stadt uns etwas zu erbitten, das konnten wir nicht ris⸗ kiren, wir dursten nicht wagen irgendwo einzu⸗ treten. Fenster und Erker waren überall glän⸗ zend erleuchtet und wir sahen deutlich, wie uns die Polizisten beobachteten. So hatten wir grade, als die Feierglocken eben aushörten zu läuten, den Schuppen gefunden und krochen unter, hungrig und wüde. Seit vier Wochen sind wir auf der Wanderschaft, wir haben da unten in der Rheingegend als Schlosser gear⸗ beitet und wurden mit vielen anderen entlassen, weil nichts mehr zu thun war. Nirgends konn⸗ ten wir wieder Arbeit finden und auch hier war es uns unmöglich. Wir hofften, heute am Weihnachtsseste würden die Geschenke etwas reichlicher fließen und die Polizei sei etwas we⸗ niger strenge. So traten meine beiden Kame⸗ raden in ein reich aussehendes Haus und ahnten nicht, daß gerade es besonders scharf beobachtet wird, um den„lästigen Bettel“ abzuhalten. Wie es ihnen ergangen, das haben Sie gesehen, und wie es ihnen und mir und Tausenden weiter ergehen wird, ich fürchte mich, daran zu denken. Eine gern gewährte Unterstützung und ein inniger Dank beendeten diese tiefernste und traurige Weihnachtsscene, um einer noch düsteren Platz zu machen. Ein lebhafter Menschenstrom begleitet einige Wagen, die von der Richtung des Bahnhofes kommen. Ihre Insassen sehen so sonderbar aus, die Körper noch jung, die Ge⸗ sichtszüge so leidend, so ssech. Vor wenigen Ta⸗ gen hat ein Dampfer viele solcher jungen Leute über das weite Meer zurückgebracht und nun reden sie mit ihrer Euscheinung, ohne daß sie den Mund aufthun, überall wohin sie sich zer⸗ streuen im deutschen Vaterland, gerade an dem Fest der Liebe, am schönen Weihnachtssest, eine ganz besondere Sprache. Es sind aus China zurückgeschickte, aus irgend einem Grunde für den ferneren Felddienst unbrauchbar gewordene Kulturkämpfer. Doch, was ist das? Gar⸗ stige, abscheuliche Tinte, warum wirst Du auf einmal roth, roth wie wahrhastiges Menschen⸗ blut? Schreckliche Bilder treten vor das Auge des Geistes. Brennende Dörfer und Städte, verhungernde, verdurstende Menschen, mit mensch⸗ lichen Leichen übersäcte Flüsse, zerfetzte mensch⸗ liche Leiber, von christlichen Waffen bloßgelegte menschliche Gedärme, erschossene und erstochene
wehrlose Frauen, von christlichen Waffen gespießte Kinder! Die Furien des Krieges, begleitet von Wahnwitz und vollendeter Waffen⸗ technik haben sich, massenmordend in den Dienst „christlicher Kultur“ gestellt und zaubern die Bilder der Grausamkeit und Rache sinnver⸗ wirrend, betäubend auf den Hintergrund dieser Kultur. Christliche Kultur, christliche Religion, christliche Liebe! Ströme von Blut begleiten, nein, schreiben ihre Ge⸗ schichte. Wo ist ein christliches Land, in wel⸗ chem nicht im Namen der christlichen Religion die Menschen sich gegenseitig zerfleischt haben? Ach, unser eigenes, armes Vaterland hat bis heute sich noch nicht wieder vollständig erholt von den Wunden, die ihm chriftliche Katholiken und christliche Protestanten in einem dreißig⸗ jährigen schrecklichen Kriege geschlagen haben. Welche Summe von Elend tritt vor unser Auge, wenn wir all das denken!
Und heute? Sind es nicht fromme Christen, die Stellung, Macht, die Mittel der Gesetzgebung dazu verwenden, um ihren ar⸗ men christlichen Nebenmenschen Brot und Fleisch durch hohe Zölle zu vertheu⸗ ern? Durch Zölle, die ihnen, den reichen Junkern und Agrariern die Taschen füllen! Be⸗ trachten sie sich nicht als gute Christen, die auf solche Weise das arme und enterbte Volk zu be⸗ ständigem Hungern verurtheilen? Sind es nicht fromme Christen mit der Religion der Liebe auf den Lippen, die in unseren Gauen den abscheulichsten Rassen haß predigen, den Schandfleck des Antisemitismus dem deut⸗ schen Namen aufgeprägt haben? Hält ihr Christenthum all die vielen christlichen Unter⸗ nehmer davon ab, die Arbeit, diese einzige Trä⸗ gerin wahrer und wirklicher Kultur, als das verächtliche Aschenbrödel zu betrachten, das nur dazu ist, auch ihnen die Taschen zu füllen? Mit einem Wort! Wie groß, wie un⸗ endlich groß ist die Summe der Enttäu⸗ schungen, die die arme und leidende Mensch⸗ heit seit nahezu zweitausend Jahren, seit Ein⸗ führung der christlichen Religion erlebt hat, am schmerzlichsten dort empfunden hat, wo diese Re⸗ ligion, die Religion der Liebe, mit Gewalt, mit den Waffen in der Hand, eingeführt wurde! Wie weit ab liegen die Resultate von dem Glau⸗ ben und Hoffen ihres ersten Lehrers, ihres er— habenen Begründers!
Muß nun aber all diesen traurigen und düst'ren Thatsachen gegenüber alle menschl iche Hoffnung auf den Eintritt wirklicher Me. sch ich- keit verzichten? Giebt es keinen Weg, der die geknechtete Menschheit hincusführt zu dem er⸗ strebten, gehofften und berechtigten Wohlergehen auf Erden? O doch! Der aufmerksame Lau⸗ scher kann sie jetzt schon vernehmen, die Töne des Jubel⸗ und Julfestes, des Sonn wend⸗ festes des Sozialismus. Er schickt sich an mit all seiner Jugendkraft der gequälten Menschheit das zu bringen, was ihr bis jetzt keine Weltanschauung bringen konnte, ein dau⸗ erndes Glück, eio dauerndes Wohler⸗ gehen, ein dauerndes Wohlgefallen für alle auf Erden. Der Grundsatz„Reiche und Arme müssen untereinander sein, der Herr hat sie alle geschaffen“ ist der verhängnißvolle Eckstein aller voraufgegangenen Weltanschauungen.
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