Ausgabe 
23.9.1900
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 39.

Unterhaltungs⸗Theil.

e Fahnenlied.

Purpurroth, als Bundeszeichen, Fahne, wehe uns voran! Wollen uns die Hände reichen, Dir zum Treuschwur, Mann an Mann! Tröstend in des Lebens Tücken Leuchte uns dein Purpurroth, Wo die Arbeit man will drücken; Schütze unser täglich Brot!

Purpurroth, als Liebeszeichen Sollst du frei in Lüften weh'n, Knorrig, wie des Waldes Eichen Wollen wir fest zu dir steh'n;

Und ob dich auch noch verfehmet Feichheit, List und Niedertracht, Wo das Volk sich härmt und grämet, Tröste deiner Farbe Pracht!

Purpur war in alten Reichen Herrscherzier auf goldnem Thron; Jetzt ist Dein dies stolze Zeichen, Dein, Du Proletariersonn! Wenn wir tapfer 77 5 ringen,

ebt sich früher oder spüät 115 den ärgsten Schergenschlingen Stolz die Volkesmajestät!

Purpurroth drum wehe, walle, Fahne du in unsern Reih'n, Und ein Donnerruf erschalle: Roth soll unser Banner sein! Menschenliebe, Freiheit, Friede Schreiten segnend durch die Welt, Wo man froh im freud'gen Liede Hoch das rothe Banner hält!

J. Au dorf.

Dunkle Mächte.

Roman von Elise Langer.

Was? fragte jene rauh.

Hast Du keine Mitfreude, keinen Glück⸗ wunsch für mich? a f

Wozu? Was kann Dir daran gelegen sein? Du hast mich ja verurtheilt, mir mein ganzes Leben zerbrochen vor die Füße geworfen. Ich habe ja nichts recht gemacht. Ihr, ja freilich, Ihr müßt es wissen. i

Käte hatte während dieser Rede aus ihrer vorgebeugten Stellung sich allmählich aufge⸗ richtet und die Mutter starren Auges angesehen. Jetzt schlug sie die Hände vors Gesicht.

Eine Weile blieb es ganz still, nur das schnelle Athmen des Mädchens war vernehmbar. Als sie die Hände sinken ließ, war das frische Roth ihrer Wangen verschwunden, und die blauen Augen standen voll Thränen.

Ach Mutter, du glaubst ja selbst nicht, was Du da sagst, kam es dann sanft von ihren Lippen.Ich könnte den Vorwurf ja nicht ertragen. Ich wollte doch nur sagen, daß man in der Ehe trotz Kummer und Sorgen glücklich sein kann, wenn man sich liebt.

Ja wenn, wenn

Nun? Bitte, sprich Dich aus.

Ich habe aber Deinen Vater nicht geliebt, flüsterte Frau Maihöfer, die Stirn an den Kopf der Tochter lehnend.

Und hast ihn doch geheirathet?

Er war ein gescheiter, gebildeter Mann, ich ein junges, unwissendes Ding. Er belehrte mich über alles, was ich nicht verstand, und ich war ihm so dankbar und sah so demüthig zu ihm auf, und das hielt ich für Liebe. In der Ehe kam die Enttäuschung. Ich mußte gleich das Steuer in die Hand nehmen, denn der Vater verstand nichts von den Dingen des praktischen Lebens, und ganz allmählich, ich weiß selbst nicht, wie es zuging da fing ich an, ihn auch in anderen Dingen zu übersehen. Als er damals sein Predigeramt aufgab, habe ich nichts dagegen gesagt, denn ich selbst glaubte schon längst nicht mehr an die Lehren der Kirche, aber ich konnte mich auch nicht zur freien Ge⸗ meinde bekehren. Ich war darüber schon hinaus,

und das führte zu Mißhelligkeiten zwischen uns, denn der Vater wollte nicht, daß ich Euch nach meinen Grundsätzen erzog. Er wollte Euch seine religiösen Ansichten einimpfen. Du wirst Dich noch erinnern, daß es oft hart zwischen uns herging. So kamen wir immer weiter auseinander, es war nur noch und viel⸗ leicht war es deshalb, warum ich Euch nicht die Liebe erweisen konnte, die hier hier

Sie krampfte die Finger in ihre Brust und rang nach Athem. Dann umschlang sie mit beiden Armen den Hals ihrer Tochter und brach in Thränen aus.

Käte weinte mit ihr und liebkoste sie wie ein Kind. Und dann kam es von den Lippen der Mutter, als wenn das vereiste Innere dieser Frau plötzlich aufgetaut wäre und sich in warmen Fluthen ergösse. Wie sie selbst darnach ge⸗ hungert hätte, ihr Herz in Liebe hinzugeben, wie aber das Herbe und Strenge in ihrer Natur ein Hinderniß gewesen wäre. Als Käte erwachsen war und sie nun gehofft, an ihrer Tochter eine verständnißvolle Freundin zu ge⸗ winnen, hätte die Liebe zu Kohlweit sie ihr entfremdet. Sie hätte diesen deshalb bisweilen gehaßt. Käte sollte es ihr verzeihen, sie wäre ja selbst so grenzenlos unglücklich gewesen.

Käte war tief erschüttert und aufs liebe⸗ vollste bemüht, diesen wohlthätigen Erguß zu erleichtern und zugleich zu beschwichtigen und zu beruhigen. Sie konnte die verschlossene Natur ihrer Mutter verstehen. Sie hatte selbst bei aller sonnigen Heiterkeit ein wenig hiervon ge⸗ erbt, und nur die Liebe zu einem Manne wie Kolweit, in dessen Umgang sie sich gewöhnt, ihre Gedanken und Empfindungen rückhaltslos auszusprechen, hatte sie vor dem Unsegen dieses Erbtheites bewahrt und ihr jene Freiheit und Freudigkeit gegeben, welche die eigenthümliche Anmuth ihres Wesens ausmachten.

Geh' und sage es auch dem Vater, brach Frau Maihöfer endlich das Schweigen, indem sie sich aus dem Arm der Tochter aufrichtete. Er ist heute nicht in seiner Menagerie, fügte sie mit einem schwachen Lächeln hinzu.

Käte war froh, die Mutter scherzen zu hören, denn unter des Vaters Menagerie ver⸗ stand man in der Familie die Stammgäste, welche sich jeden Abend um den verehrten Mann und Exprediger in einem bestimmten Lokal ver⸗ sammelten, um andächtig seinen Worten zu lauschen. Das Scherzwort stammte von Kolweit, der seinen künftigen Sch viegervater öfters be gleitet und sich über die in Bewunderung ver⸗ sunkene Gesellschaft weidlich lustig gemacht hatte. Durch Käte war es dann in die Familie ge⸗ drungen und auch dem Vater zu Ohren ge kommen, der es aber keineswegs übel genommen, sondern herzlich darüber gelacht hatte.

Herr Maihöfer saß, als Käte zu ihm in die kleine Hinterstube trat, vor seinem Schreib pult und in einer Atmosphäre, die man hätte mit dem Messer zerschneiden können, so dick war sie mit Tabaksqualm erfüllt. Käte prallte zurück.

Um Gotteswillen lieber Vater, welche Luft, wie kannst Du es hier ertragen?

Warum, was ist denn? Rauch? Das bildest Du Dir ein, mein Kind. Meine Pfeife ist schon seit einer Viertelstunde kalt.

Käte lächelte, sie kannte schon diese Ant⸗ wort und öffnete die Ofenthür, um dem Rauch einen Abzug zu verschaffen. Das Fenster zu öffnen und ihm die Behaglichkeit zu stören, litt Herr Maihöfer nicht. Wenn er in seiner warmen Stube, in seinen wattirten Kattun⸗ schlafrock gehüllt, der reichliche Tintenflecke auf⸗ wies, und seine lange Pfeife schmauchend, an dem Bande freireligiöser Gedichte arbeiten konnte, den er nun schon seit Jahren unter der Feder hatte dann tauschte er mit keinem Könige.

Seine Tochter Käthe war ihm stets will⸗ kommen, selbst wenn sie ihn in den höchstfliegenden Gedanken unterbrach. Er gab viel auf ihr Ur⸗ theil, und es beglückte ihn, daß sie an seinen Arbeiten theilnahm, obgleich ihre Kritik ihn häufig verstimmte. Heute ging sie gleich auf

den Zweck ihres Kommens ein.

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Während ihrer Mittheilung richtete sich Herr Maihöfer aus seiner zurückgelehnten Stellung allmählich auf. Dann sprang er empor, reckte selne hohe, hagere Gestalt und streckte seiner Tochter beide Hände entgegen, worauf er sie an sich zog und ihr salbungsvoll das Haupt küßte. In seinen Augen schimmerte es feucht, und die etwas schiefe Nase, unter der einige Körnchen Schnupftabak die glattrasierte Lippe schmückten, begann sich zu röthen. Um seine Rührung zu verbergen, strich er sich über das ergrauende Haar, das scheuklappenartig von hinten nach vorn über die Ohren gekämmt war.

Endlich wurde er Herr seiner Stimme.

Und wo, wo ist Dein, unser lieber Kol⸗ weit? Warum kommt er nicht, uns selbst die Freudenbotschaft zu verkünden? Hab' ich es nicht immer gesagt: der muß einmal anerkannt werden, der muß zu einer seiner würdigen Stellung kommen? Das Talent bricht sich Bahn, was man auch dagegen sagen mag.

Käte hörte ihm lächelnd zu, still an seinem Pult lehnend, während er aufgeregt in der kleinen Stube hin und her lief. Sie erinnerte sich nur zu gut, wie oft ihr Vater genau das Gegentheil behauptet und Kolweit prophezeiht hatte, daß er es nie zu etwas bringen würde.

Und doch, Väterchen, riethest Du mir da⸗ mals, als Herr Euler, der Zigarrenhändler, um mich warb, sehr ernstlich, Bernhard aufzugeben, konnte sie sich nicht enthalten, einzuwerfen.

Herr Maihöfer stotterte ein wenig.

Aeh, äh nun ja, man sieht ja nicht immer so klar, wir sind eben Menschen schwache Menschen. Und bedenke nur die lange Brautschaft. Ich gab mich doch auch gleich zu⸗ frieden

Weil Du sahst, daß mit mir nichts zu machen war, lachte Käte, dem Vater beide Arme um den Hals legend und ihm glücklich in die Augen schauend.Jetzt aber, Väterchen, beruhige Dich, sonst kannst Du nicht schlafen; die Mutter habe ich schon zu Bett geschickt. Morgen besprechen wir alles gemeinschaftlich mit Bernhard.

Wie Du willst, mein gutes, liebes Kind. Aber jetzt wie ist es, Käte? Mein Band ist beinahe fertig. Streckt Ihr mir ein Sümmcken zu den Druckkosten vor? Ich zahle auf Heller und Pfennig ab. Nun nein, nein, ich will jetzt natürlich kein Versprechen. Aber Du redest mit Kohlweit, nicht wahr? Denn sichft Du, einen Verleger zu finden, dürfte doch schwer halten. Das sind ja alles Pfennig⸗ fuchser, die für eine ideale Sache keine Opfer bringen wollen. Ich verlasse mich auf meine Käte, meine großherzige, opferwillige Tochter. Gute Nacht, mein Kind. Gottes Segen über Dich!

(Fortsetzung folgt.)

Humoristisches.

Guter Rath. DerSimplicissimus brachte folgendes hübsche Zwiegespräch:Du, Jakl, mei Kuah is mir niederg'fallen und i bring s' net in d' Höh. Gehst halt zum Bezirksamtmo und bittst'n, daß er 2 Hosch ausbringt; da steht jed's Rind viech auf.

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Theorie und Praxis. Pastor: Und über was gedenken der Herr Oberstleutnant im Evangelischen Jünglingsverein zu sprechen? Oberstleutnant: Ueber

dieChristliche Nächstenliebe. Und welches Thema gedenken Ehrwürden zu behande n? Pastor: Den Krieg gegen die gelben Bestien. Oberstleutnant: Aeh, das paßt ja famos zusamman.(Postill.)

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Begründeter Verdacht. Der Chef eines großen Bankhauses wurde vertraulich darauf aufmerksam ge⸗ macht, daß sein langjähriger Hauptkassirer, dem er un⸗ begrenztes Vertrauen schenkte und durch dessen Hände große Summen gehen, einen Aufwand treibe, der mit seinem Gehalte nicht im Einklange zu stehen scheine. Was macht er denn? fragte bestürzt der Bankier, fährt er im Fiaker?Nein.Spielt er beim Totalisateur?Nein, er geht niemals zum Rennen. unterhält er vielleicht eine kostspielige Liaison? Also was denn, um Gotteswillen?Er heizt mit Kohlen.

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