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22.4.1900
 
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Nr. 17. Gießen, Sonntag, den 22. April 1900. 7. Jahrg. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche 0 Aue 4 Uhr

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Die Pariser Weltausstellung.

Am Ostersamstag ist in Paris die Welt⸗ ausstellung programmgemäß eröffnet worden. Dieses Ereignis darf auch von der Arbeiterklasse freudig begrüßt werden. Wir wissen zwar, daß dieWeltjahrmärkte die proletarischen Ziele nicht verwirklichen, ja nicht einmal etwas direkt zur Förderung derselben beitragen werden, trotz alledem freuen auch wir uns der Fortschritte, welche die Ausstellung den Völkern vorführt. Als einen Fortschritt darf man es heute auch schon bezeichnen, wenn die hohen Ideale, denen wir nachstreben, in den Eröffnungsreden vor⸗ züglich betont und gepriesen werden. Ein Fort⸗ schritt ist es entschieden auch wenigstens äußerlich, wenn ein sozialdemokratischer Minister die Ausstellung eröffnet. Vergebens halten die französischen Reaktionäre versucht, das Ministerinm, in dem ein Sozialdemokrat sitzt, zu stürzen. Die Auchrepublikaner und Pfaffen konnten sich durchaus nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß bei Exöffnung der Aus⸗ stellung ein Sozialist Frankreich offiziell vertreten sollte. Zwei Tage vorher versuchten sie noch, ihn zu beseitigen. Allein es gelang nicht, Ge⸗ nosse Millerand blieb Minister.

Dieser Umstand kommt auch in den offiziellen Ansprachen zum Ausdruck, die von einem humani⸗ tären Geiste durchweht sind. Millerand hielt die Eröffnungsrede und nachdem er dem Generalkom⸗ missar und seinen Mitarbeitern sowie den Chefs der auf der Weltausstellung vertretenen Staaten seinen Dank ausgesprochen, weist er hin auf die Fortschritte, die seit hundert Jahren die Mensch⸗ heit in Wissenschaft und Industrie gemacht hat.

Die Maschine, fährt Miller and fort,ist Beherrscherin des Erdballs geworden; sie ersetzt die Arbeiter, macht sie sich zur Mitarbeit dienst⸗ bar und vervielfacht die Beziehungen der Völker. Selbst der Tod ist zurückgewichen vor dem sieg⸗ reichen Vorrücken des Menschengeistes. Die medizinische Wissenschaft macht Fortschritte dank dem Genie eines Pasteur. Aber die Wissen⸗ schaft erweist dem Menschen einen noch be⸗ merkenswerteren Dienst; sie giebt ihm in die Hände das Geheimnis für die materielle und moralische Größe der Staaten, welches in dem einen WortSolidarität enthalten ist. Die Einrichtungen zur Vorsorge für Alter und Krankheitsfälle, die Wohlfahrts⸗ und die auf Gegenseitigkeit beruhenden Einrichtungen, die Syndikate und Assoziationen, wie überhaupt alles, was dazu bestimmt ist, der den einzelnen Individuen innewohnenden Schwachheit Widerstand zu leisten, das alles legt Zeugnis ab von der Solidarität der Menschheit. Diese Solidarität hat im Auge, im Schoße jeder Nation die verletzenden Ungleichheiten zu mildern, welche sich aus der Natur der Dinge und der Gesellschaftsordnung ergeben. Sie hat sich vor⸗ gesetzt, zu einen in den Banden wirk⸗ licher Brüderlichkeit; ihre Wirkungen halten nicht an den Grenzen an. Inter⸗ essen, Ideen, Gefühle mischen und durchkreuzen sich überall auf dem Erdball, wie jene leichten Drähte, auf denen der menschliche Gedanke fliegt; ein wohlthätiges Ineinandergehen, das uns bereits

den Ausblickauf eine neue Aera gestattet, für welche sogar vor kurzem eine vornehme Ini⸗ tiative bei der Konverenz im Haag die er sten

Markzeichen steckte. Ja! je mehr sich die aus der Vielfältigkeit der Bedürfnisse und der Leich⸗ tigkeit das Austausches hervorgegangeuen inter⸗ nationalen Beziehungen ineinander schlingen, um so mehr Grund haben wir, zu hoffen und zu wünschen, daß der Tag kommen wird, da die Welt erkennt, daß Friede und ruhmreiche Kämpfe der Arbeit fruchtbarer sind, als Rivalitäten. Arbeit, Du Befreierin! Du bist es, die uns adelt, uns tröstet. Unter Deinen Schritten verschwindet die Unwissenheit, flieht das Böse! Durch Dich wird die Mensch⸗ heit aus der Knechtschaft der Nacht befreit! Steige unaufhörlich zu dieser leuchtenden, reinen Region, wo eines Tages sich verwirklichen muß das Ideal und der vollkommene Einklang der Mächte der Gerechtigkeit und der Güte.

Der Präsident der Republik Loubet erwiderte hierauf:

Als die französische Republik die Regie⸗ rungen und die Völker einlud, eine Darstellung des Gesamtbildes der menschlichen Arbeit zu veranstalten, da hatte sie nicht allein den Ge⸗ danken. einen Wettbewerb von Wunderdingen ins Leben zu rufen und an den Ufern der Seine den alten Ruf der Eleganz, Höflichkeit und Gastlichkeit Frankreichs zu erneuern, unser Ehr⸗ geiz ging höher; er geht unendlich weit hinaus über den Glanz vorübergehender Feste; er be⸗ schränkt sich nicht auf das Gefühl patriotischer Befriedigung, das wir heute empfinden, noch auf Befriedigung der Eigenliebe oder des Interesses; Frankreich wollte in besonderem Maße beitragen zur Anbahnung der Eintracht unter den Völkern; es hat das Bewußtsein, für das Wohl der Welt zu wirken, an der Grenze des rühmlichen Jahrhunderts, dessen Sieg über den Irrtum und den Haß leider unvollkommen war, das uns aber einen stets lebhaften Glauben an den Fortschritt hinterläßt. Deshalb nehmen auch hier die volkswirtschaftlichen Einrichtungen den größten Platz ein und lassen die Bestrebungen jedes einzelnen Staates, die Kunst des Lebens in der Gesellschaft zu vervollkommnen, erkennen; sie werden dieser Ausstellung, die eine glänzende, große Schule zur gegenseitigen Belehrung sein soll, ihren Stempel aufdrücken; sie werden uns selbstverständlich weder die Entdeckungen der Wissenschaft noch die Meisterwerke der Kunst und der Industrie vergessen lassen, aber sie er⸗ scheinen uns wie das Ziel der Zivilisation und wie eine Berechtigung zu unserem Werke. Un⸗ zweifelhaft ist es ein bewundernswertes Schau⸗ spiel, zu sehen, wie die Intelligenz die Kräfte der physischen Welt diszipliniert und die Natur ungeahnten Kombinationen unterwirft, aus denen uns eine Zunahme an Wohlergehen und ästhe⸗ tischen Genüssen erwächst. So sehr das Genie aber auch die blinde Materie beherrscht, so sehr tritt es zurück hinter der Gerechtigkeit und der Güte. Die höchste Form des Schönen ist nicht die, welche man durch eine Nummer auf dem Katalog bezeichnen kann; sie ist nur dem geistigen Auge sichtbar und ist verwirklicht, wenn die ver⸗ schiedensten hervorragenden Intelligenzen, indem sie ihre Kräfte vereinigen, wie die Maschinen

unserer Ausstellungsgalerien von einem gemein⸗ samen Motor nämlich dem des Solidari⸗ tätsgefühls beseelt sind. Ich freue mich, verkünden zu können, daß alle Regierungen diesem obersten Gesetz huldigen, und diese Thatsache ist nicht als das unbedeutendste Ergebnis dieses großen Wettstreits der Völker anzusehen. Trotz der harten Kämpfe, welche die Völker gegen⸗ einander auf dem industriellen, kommerziellen und wirtschaftlichen Gebiete ausfechten, widmen sie fortwährend in erster Linie ihre Studien den Mitteln zur Erleichterung der menschlichen Leiden, zur Organisation von Wohlfahrtsanstalten, zur Verbreitung des Unterrichts, zur Moralisierung der Arbeit und zur Einrichtung der Altersver⸗ versicherung.... Dieses Werk der Harmonie, des Friedens und des Fortschritts wird, so ver⸗ gänglich auch seine äußere Erscheinung sein mag, nicht vergeblich gewesen sein. Dieses friedliche Zusammentreffen der Regierungen der Welt wird nicht unfruchtbar bleiben. Ich bin davon über⸗ zeugt, daß dank den steten Versicherungen gewisser erhabener Mächte, von denen das Ende des vorigen Jahrhunderts wiederhallte, das zwan⸗ zigste Jahrhundert ein wenig mehr Brüder⸗ lichkeit leuchten sehen wird über weniger Nöte aller Art und daß wir vielleicht bald ein wich⸗ tiges Stadium in der langsamen Fortentwicklung der Arbeit zu ihrem Glücke und des Menschen zur Menschlichkeit hin er⸗ reicht haben werden.

Gewiß werden bei derartigen Gelegenheiten überschwängliche Redewendungen gebraucht. Aber diese Reden atmen doch ganz anderen Geist, als die Phrasen, die man bei ähnlichen Anlässen zu hören bekommt.

Losgelöst von dem besonderen Sprach⸗ gebrauch der Partei, schreibt derVorwärts, hat Genosse Millerand dort, bei aller Allgemeinheit seiner Sorte, das be stimmte sozial demo⸗ kratische Endziel verherrlicht, die inter⸗ nationale, friedliche, gleiche, zweckmäßige und gerechte Organisation der Arbeit. Er hat auch das Mittel zur Erreichung dieses Zieles gepriesen: die Koalition. In den blassen, lichten Farben einer schwärmenden Begeisterung sind die festen Umrisse des Parteiprogramms nicht verloren gegangen. Es war auch ein feiner Zug in Millerands Rede, daß er dem ver⸗ bündeten Zaren allein dadurch seine pflichtgemäße Reverenz erwies, daß er an das Friedensmani⸗ fest erinnerte.

Die schönen Worte werden verhallen. Für einen Augenblick strahlte aus der Zukunft ein heller Lichtschein. Die Ausstellung selbst ist kein Beispiel für die Anschauungen Millerands, sondern sie steht im Gegensatz zu ihnen: Sie ist das Werk der geknechteten Arbeit, der Erfolg kapi⸗ talistischer Ausbeutung; und die Völker, die sich auf diesem fröhlichen Jahrmarkt zusammengefunden zerfleischen sich draußen im unerbittlichen Krieg. Die allgemeine Solidarität ist bisher nur ein flüchtiger Sonntagsgedanke: Unter den Menschen und den Völkern herrscht immer noch allmächtig die unterdrückende, zerstörende, aus⸗ saugende Rivalität. Der Chauvinismus und die wirtschaftliche Konkurrenz hetzt die Völker gegeneinander, Grenzsperre, Schutzzölle, wilde Rüstungen wirken in mörderischem Krieg Aller