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Nr. 4.
Gießen, Sonntag, den 21. Januar 1900.
7. Jahrg.
Redaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Der Burenkrieg.
he. Als der große Kampf in Südafrika ausbrach, da wünschte man fast überall dem Burenvolke den Sieg, allein man fügte zugleich bedauernd hinzu, daß die beiden verbündeten Republiken der gewaltigen Uebermacht des „stolzen England“ schließlich würden unterliegen müssen. In Wirklichkeit ist aber alles anders gekommen, als man gehofft und gefürchtet hat. Die Erfolge der Buren sind größer, als ihre Feinde befürchtet und als ihre Freunde gehofft haben. Eine neue und wahrhaft moderne, den natürlichen Verhältnissen meisterhaft angepaßte Taktik hat den Buren gegenüber den schwer⸗ fälligen Operationen der englischen Generale eine gewaltige Ueberlegenheit verliehen. Man kann nunmehr mit ziemlicher Zuversicht sagen, daß es der englischen Regierung nicht gelingen wird, die Buren zu besiegen. Nicht etwa, weil „Recht“ und„Freiheit“ von den Buren ver⸗ teidigt werden, welcher Gemeinplatz von den deutschen Bierphilistern jetzt bis zum Ueberdruß kultiviert wird. Leider hat in der Weltgeschichte die rohe Gewalt gar zu häufig über das Recht triumphiert, und wenn es sonst noch so un— bestritten war. Gewiß befinden sich die Buren auf einem Rechtsboden, aber derselbe wäre für sie gänzlich wertlos ohne ihre vortreffliche Ar⸗ tillerie, ohne ihre guten Büchsen, ohne ihre Meisterschaft im Schießen und ohne ihre kriegs kundigen Generale. Dazu haben sie eine Be⸗ fürchtung beseitigt, die im Anfang des Krieges allgemein gehegt worden ist. Man glaubte, die Buren würden im Verlauf des Krieges ihre Streitkräfte langsam aufbrauchen und schließlich nicht mehr die nötigen Mannschaften zur Ver⸗ teidigung ihrer Grenzen aufbringen können. Die von genialen Militärs erdachte Taktik der Buren hat auch diese Befürchtung grundlos gemacht. Bei aller Tapferkeit und Verwegen⸗ heit kämpfen die Buren sehr gedeckt und ihre Verluste sind außerordentlich gering; dieselben existieren zum größten Teil nur in der Phan⸗ taste und in den Depeschen der englischen Be⸗ richterstatter.
Die beiden südafrikanischen Republiken haben nunmehr ein Heer von 70000 Mann unter den Waffen, die alle sehr wohl eingeübt und ausgerüstet sind. Mit Munition sind sie auf mehrere Jahre hinaus versorgt und es wird solche auch unaufhörlich im Lande produziert. Nimmt der Krieg seinen Fortgang, so werden sich die Streitkräfte der Buren vermehren in dem Maße, als die Sympathien für die sieg⸗ reichen Verteidiger für ihre Unabhängigkeit wachsen. So kann man heute ruhig annehmen, daß England in diesem Kampfe nicht siegen wird. Die zur Ueberwältigung der Buren er⸗ forderlichen großen Nachschübe an Mannschaften können aus bekannten Gründen nicht bewerk— telligt werden.
Unseren politischen Standpunkt in dieser Angelegenheit haben wir wiederholt dargelegt. Wir sind ebenso weit von dem blinden Eng⸗ länderhaß des deutschen Philisters entfernt, wie von dessen blinder Burenbegeisterung; auf Seiten der Buren kämpft aber ein wirkliches Volksheer, auf Seiten Englands kämpft eine Regierung mit ihren Söldnern und das englische Volk in seiner großen Masse ist
sicherlich nicht für diesen von einem Klüngel gieriger Großkapitalisten angezettelten Raubzug begeistert. Wir wünschen nur, daß aus diesem Kampfe die südafrikanische große Re⸗ publik erstehe, die mit der brutalen eng- lischen Verwaltung und mit der ver⸗ alteten Einrichtung des Buren-Muckertums gleichmäßig aufräumt und an Stelle des bisherigen unhaltbaren Zustandes ein großes und freies Gemeinwesen herstellt, das die Räuberpolitik eines Cecil Rhodes für alle Zeit unmöglich macht und die Schaffung einer wirk⸗ lichen Zivilisation in den noch„wilden“ Ge⸗ bieten erstrebt.
Zugleich enthält die ganze Affäre auch einige gute Lehren für unsere„Weltpoliker“, auf die einzugehen wir uns nicht versagen wollen.
Wenn irgend jemand, so haben die herrschen⸗ den Klassen Englands Weltpolitik getrieben und haben ein Reich geschaffen, in dem„die Sonne nicht untergeht“. Und dennoch— der Wider⸗ stand des kleinen Burenvolkes erschüttert dies gewaltige Reich in allen Fugen. Es rächt sich eben alles auf Erden. In fünf Weltteilen hat die Habsucht der herrschenden Klassen Englands geraubt und gebrandschatzt und nun stellt sich heraus, daß der englische Koloß eben auch innerlich angefault ist. Daräber kann kein Zweifel mehr bestehen, wenn eine Kapitalisten⸗ klique einen solchen Staat in einen gefährlichen Krieg stürzen kann, um sich des Goldes und der Edelsteine eines freien Landes zu bemäch— tigen, so ist dies ein Maß von Korruption, das genau anzeigt, wie es mit diesem großen Reiche rückwärts geht. Dazu kommt noch die gespannte Situation überhaupt, in die England durch diesen Krieg geraten ist. Mit diabolischer Schlauheit und Berechnung hat die russische Diplomatie es verstanden, England zu isolieren. Wenn jetzt die Russen die Gelegenheit benutzen würden, um in Persien oder Afghanistan etwas zu unternehmen, so würde man dies begrefflich finden und England hätte nicht die Macht, ihnen kräftig entgegenzutreten.
Aber die russische Diplomatie ist außer⸗ ordentlich vorsichtig und geht lieber langsamer, aber um so sicherer zum Ziel. Die Russen haben erkannt, welche Kräfte ihnen bei ihrem Vorgehen in Asien nützlich sein können, und sie machen emsig Gebrauch davon. Sie haben jetzt ihre transkaspische Eisenbahn bis nach Kuschk, an der Grenze von Afghanistan, geführt. Dort legen sie sich einstweilen auf die Lauer. Mit einigen kräftigen Märschen können sie von dort aus Herat erreichen. Sie werden ruhig so lange warten, bis sie bei etwaigen inneren Zwistig⸗ keiten— und die lassen sicher auf russische Be⸗ tellung zu geeigneter Zeit nicht lange auf sich warten— von den Afghanen gerufen werden, denn auch bei diesen hat es die englische Kolonial⸗ Brutalität so weit gebracht, daß sie sich lieber für die Russen entscheiden, wenn sie zwischen diesen und den Engländern die Wahl haben. Ohnehin haben sich die Russen eine solche vor⸗ teilhafte Position geschaffen, daß sie bei einem ausbrechenden Kampfe gleich von vornherein in der Ueberlegenheit sind. Und was nützt nun bei solchen Ereignissen den Engländern ihre gewaltige Schlachtflotte, das Ideal unserer Flottenschwärmer? Wenn die Russen sich ein⸗ mal in Afghanistan festgesetzt haben, dann stehen
sie auch an der Grenze von Ostindien und daun kann der entscheidende Kampf zwischen den beiden Weltmächten kaum mehr vermieden werden. Wer den Sieg davonträgt, ist leider kaum zweifelhaft.
So trägt das gewaltige englische Reich den Todeskeim in sich, das einst bestimmt war, dem Vordringen des barbarischen Rußland im In⸗ teresse des zivilisierten Europa Schranken zu ziehen.
Aber die herrschenden Klassen Englands haben statt einer wahrhaft großen Politik nur Räuber⸗ und Krämerpolitik getrieben und haben alle allgemein menschheitlichen Bestrebungen in grobem Egoismus unterdrückt.
Das Schicksal Englands sollte die„Welt⸗ politiker“ warnen, aber wer kann verlangen, daß solche„ewig Blinden“ die Lehren der Welt⸗ geschichte verstehen?
Politische Rundschau.
Gießen, 19. Januar.
Geldbeutel⸗ Patriotismus.
Die zuerst von unserm Essener Parteiorgan gebrachte Meldung, daß Herr Krupp in Essen, der langjährige frei⸗kouservative Ab⸗ geordnete und lauteste Rufer in jedem Streit um Heer⸗ und Flottenvermehrung, die für jeden deutschen Vaterlandsfreund obligate heiße Vurenfreundschaft durch Munitions⸗ lieferungen an England dokumentiert, erfährt nun plötzlich eine offiziöse Besrätigung. Die Nordd. Allg. Ztg. schreibt an leitender Stelle:
„In der Presse ist wiederholt berichtet worden, daß die Firma Krupp in Essen mit der schleunigen Ausführung eines großen Auftrages zur Lieferung von Stahl⸗ granaten an England beschäftigt sei. Dabei hat man die Frage aufgeworfen, ob es mit den Pflichten strenger Neutralität, die das deutsche Reich in dem südafrikanischen Krieg beobachtet, verträglich erachtet werden könne, wenn Lieferungen von Kriegsmaterial aus Deutschland an eine der kriegführenden Parteien ausgeführt würden. Wie wir er⸗ fahren, wird diese Frage an zuständiger Stelle vereint, und es ist deshalb die Firma Krupp alsbald nach dem Erscheinen jener Meldungen ersucht worden, die etwa beabsichtigte Ab⸗ sendung von Waffen, Geschützen, Munition oder anderweitigem Kriegsmaterial an eine der beiden kriegführenden Parteien einzu- stellen.
Aus dem offiziösen Jargon in das Deutsch der schlichten Umgangssprache übersetzt, ist diese Notiz des Regierungsorgans ein Denkzettel für Herrn Krupp, der an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig läßt. Die bittere Pille wird auch nur schwach durch das rücksichtsvolle Er— suchen versüßt, die„etwa beabsichtigten“ Muni⸗ tionssendungen„an eine der beiden krieg⸗ führenden Mächte“ einzustellen. Daß Herr Krupp am liebsten sähe, daß beide, Buren wie Engländer, die Wirkung seiner Stahl- granaten aneinander erprobten, dürfte allerdings zutreffen.
Der Fall Krupp lehrt von neuem eine alte Wahrheit: die von der Internationalität


