„
8 1 5—7*tY*
2 .
Gießen, Sonntag, den 18 Februar 1900.
7. Jahrg
Nr. 8. Redaktion:
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
2
195-31
Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
it
Abonnementspreis:
Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere
Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Bestellun gen
Juserate
nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung jeder Lan obriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33% und bei
Bei mindestens
mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Bebel über die Flotten⸗ vorlage.
* Drei Tage lang hat im Reichstage der Redekampf um die allerneueste Flottenvorlage gewütet, bis das Monsteum an eine Kommission verwiesen wurde, aus der es jedenfalls vor Ostern nicht auferstehen wird.
Den Höhepunkt erreichte die Debatte erst am dritten Tage, als Bebel sprach. Gewiß, Richter und Haußmann, die beiden Vertreter der bürgerlichen Opposition, haben Reden ge⸗ halten, die sich gar nicht übel lesen, Reden, über deren Spitzen sich jedermann freut, aber dennoch— matte Reden ohne Saft und ftraft. Es waren die Reden zweier Offiziere, denen die Soldaten feig ausgekniffen, ins geg⸗ nerische Lager desertiert sind. Die beiden fallen deshalb auch„oben“ nicht mehr allzu schwer in die Wagschale.
Mit jugendlichem Feuer ging Bebel der preußischen Abenteuerpolitik zu Leibe. Er nahm eine Generalabrechnung vor. Doch hören wir ihn selbst:
Graf Arnim(Deutsche Reichspartei) sagte gestern, die Rechte bewillige die Flotte, die Linke lehne sie ab; da hat er Recht und das wird immer so bleiben. Für Vorlagen wie diese werden die Herren auf der Rechten stets stimmen— ob mit leichtem oder schwerem Herzen, ist der Regierung gleichgültig—, weil ste dadurch zugleich einen Vorteil für ihre Klasseninteressen haben. Wir lehnen sie ab, weil sie ein Klassensystem stärken, das wir be⸗ kämpfen, weil wir zu der Regierung kein Vertrauen haben, weil die Mittel erhoben werden in einer Weise, gegen die wir stets aufs äußerste protestiert haben. Wenn die Freunde des Grafen Schwerin(konservativ) gegen die Caprivische Handelspolitik sind, wie sie versichern, so müßten sie eigentlich gegen die Vorlage sein; innerlich sind sie auch dagegen.(Lebhafte Zustimmung links und im Zentrum; Widerspruch rechts.)
Mit der Rede des Abg. Schädler(Zentrum)
ist keineswegs, wie Graf Schwerin zu meinen scheint, das Schicksal der Vorlage besiegelt; Herr Schädler hat den Weg zur Verständigung ge⸗ wiesen und die Regierung wird, weun sie das Ganze nicht bekommen kann, mit einem Teil vorlieb nehmen, genau so wie sie es bei der letzten Militärvorlage ge⸗ macht hat. Allerdings hätte man, nachdem das Flottengesetz erst zwei Jahre alt ist, vom Zentrum eine andere Haltung erwarten sollen. Wie entrüstet war Herr Lieber, als ich bor einem Jahr die Möglichkeit dieser Vorlage erwähnte! Wie wollte er Herrn Tirpitz nach⸗ hause schicken; aber nichts von alledem, man läßt sich wieder aufs Diplomatisteren ein. Die Vor⸗ lage steht mit allem, was feierlich von den Regierungen und dem Staatssekretär im Reichs⸗ tage verkundet wurde, in schreiendem Wider⸗ spruch. Bei solchen Zumutungen hätte man doch das deutsche Volk auch einmal fragen sollen. Der Reichstag hätte eine Auflösung berlangen und die Befragung des Volkes for⸗ dern müssen, das wäre der natürliche Stand, wenn wir in Deutschland natürliche Verhältnisse hätten. Die haben wir aber nicht. Für keinen Meuschen, der die letzte Zeit seine Augen und
Ohren offen gehabt hat, ist es zweifelhaft, daß auch mit dieser Vorlage noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist. Eine dritte, eine vierte derartige Vorlage wird und muß kommen; man sieht heute als selbstverständlich an, was noch vor kurzem als unmöglich galt. Man steuert hinaus auf das Ziel, eine Flotte zu schaffen, die es im Offensivkampfe mit der mächtigsten Flotte der Welt, der englischen, aufnehmen kann; das muß deutlich ausge⸗ sprochen werden.(Zustimmung links.) 1899 hieß es, wir dürfen nicht bloß die Küsten schützen, wir müssen die Ost⸗ und die Nordsee beherrschen können schon wegen des Nordostsee⸗ kanals. Gestern versuchte der Herr Staats⸗ sekretär seine damalige Erklärung abzuschwächen; nach den Sünden, die er schon auf dem Ge⸗ wissen hat, sollte er nicht die neue Sünde be⸗ gehen, seine eigenen Ausführungen, die in den Reichstagsakten festliegen, abzuschwächen. Man ist mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit bereit, ungemessene Mittel zu bewilligen, ohne sich zu vergegenwärtigen, was dann werden soll, wenn wir ernsthaft in einen Krieg verwickelt werden. Graf Caprivi hat ausgeführt, wenn der nächste Krieg ausbricht, werden 4 bis 4½ Millionen deutsche Soldaten unter die Waffen gerufen. Wie soll dann noch ein Seekrieg mit einer Flotte, wie hier gefordert, ausgehalten und bezahlt werden, und ist es denkbar, daß Deutschland isoliert einen Krieg mit England durchführen kann? Mir scheint es nicht denkbar; kommt aber dieser undenkbare Fall, so werden Frankreich und Rußland die beiden Staaten sich gegenseitig aufreiben lassen und dann, wenn Deutschland ausgeblutet hat, darüber herfallen und es vollends vernichten. England ist der natürliche Bundesgenosse Deutsch⸗ lands. Von dem Kapitän zur See Dubois ist eine Broschüre erschienen, die ebenfalls einen Krieg Deutschlands mit England unterstellt. Er sieht darin die baldige Vernichtung der deutschen Flotte voraus. Während des Druckes der Broschüre erfährt er von dem neuen Flotten⸗ plan; die zweite Schlachtflotte werde das Miß⸗ verhältnis einigermaßen ausgleichen, aber auch dann würde sie noch zu schwach sein. Dabei bleibt ganz außer Betracht, daß England doch ebenfalls seine Flotte vermehren wird, wie die„Times“ bereits angekündigt hat. „Daily News“ sagt, wenn der deutsche Flolten⸗ plan 1916 fertig ist, wird sich zeigen, daß das Verhältnis beider Flotten genau dasselbe ge⸗ blieben ist. In der französischen Kammer ist in diesen Tagen ein neuer Flottenplan für 900 Millionen Franks vorgelegt. Sofort nach Zustandekommen unseres Flottengesetzes hat der russische Kaiser trotz seiner Friedens⸗ demonstration 300 Millionen Rubel zur Ver⸗ stärkung der Schlachtflotte bestimmt. Das Wettrüsten geht also unverdrossen auf der ganzen Linie vorwärts. Wo sollen die hunderte von Millionen herkommen, um die Flotten zu unterhalten? Wir brauchen dann auch unter⸗ seeische Kabel, von denen jedes Dutzende von Millionen kostet, bloß um die vielen Stützpunlte, die wir in allen Meeren gewonnen haben, mit⸗ einander und mit Deutschland zu verbinden; allein die Zerstörung des Handels mit England und seinen Kolonien wäre ein so großer Verlust, daß dadurch zahlreiche Exportindustrien Deutsch⸗ lands völlig untergehen müßten. Darum ist
die jetzt an gewissen Stellen aufgetretene Eng⸗ landfeindschaft unbegreiflich. Gewiß ist der Burenkrieg eine große Ungerechtigkeit, aber reicht das aus, um Deutschland bestimmen zu können, mit diesem Lande uns ganz und gar feindlich zu stellen, und was hätte Deutsch⸗ land nicht zu befürchten, wenn England zu dem handelspolitischen System Deutschlands überginge, wenn es Schutzzölle einführte! Es giebt in England natürlich auch Chauvinisten. Die Rede des Herrn v. Liebermann(Antisemit) gelegentlich der Interpellation wegen Beschlag⸗ nahme der Dampfer hat allerdings in England höchstens Lachen erregt, man schätzt die Be⸗ deutungslosigkeit des Herrn zutreffend ein und weiß, daß, wenn seine politische Anschauung zur Herrschaft gelangte, Deutschland von dem 20. ins 16. Jahrhundert zurückgeworfen werde. (Heiterkeit links.) Nun soll in den letzten zwei Jahren sich wunder was zugetragen haben, was die Flottenvermehrung unvermeidlich macht. Was hat denn der spanisch⸗amerikanische Krieg uns für Lehren gegeben? Doch nur die, daß eine moderne Seekriegsmacht eine alte, im Ver⸗ faulen begriffene in kurzer Zeit zusammenge⸗ schlagen hat. Haben Sie, Herr Graf Schwerin, oder Sie, Herr Staatssekretär Tirpitz, oder Herr Bassermann(nationalliberal), oder sonst wer etwas anderes erwartet? Auf dem Lande haben die Amerikaner nichts erreicht. Aber der Krieg hat gezeigt, wie es in einem modernen Seekriege in einer Hochseeschlacht aussieht, wie diese eisernen Panzerkolosse hilflos wie Kinder in der Badewanne sind, wenn einer der mo⸗ dernen Zuckerhüte glücklich auf ihr Deck be⸗ fördert worden ist. Die großen Armeen haben nicht den Frieden bewahrt, da verwechselt man Ursache und Wirkung; den Frieden erhalten hat der Umstand, daß die geistigen und materiellen Interessen zwischen den modernen Kulturvölkern so gewaltig ent⸗ wickelt und so mit einander intendiftiziert sind, daß schon der bloße Gedanke an die völlige Zerstörung derselben Angst und Schrecken ver⸗ breitet und man sich hütet, mit dem Feuer zu spielen.(Lebhafte Zustimmung links.) Diese großen Heere werden gezwungen, Parade⸗ objekte abzugeben, weil sich gewisse Menschen das Leben ohne solche Heere, große Festungen, Kavallerie-Angriffe u. dergl. nicht vorstellen können, die in Wirklichkeit mit einem großen Kladderadatsch enden würden (Heiterkeit); die das menschliche Leben schal und langweilig finden wurden ohne diese glänzenden Uniformen, Orden und andere Nichtse.
Die Beschlagnahmen waren der dümmste Streich, den die Engländer machen konnten. Die Vermutung des Abg. Hilpert(bay. Bauern⸗ bund), daß die Sache von deutscher Seite an⸗ gezeltelt wurde, um Agitationstoff zu bekommen, hat bedingungsweise etwas für sich, wird doch eine Aeußerung einer hochgestellten Person kolportiert:„Ist das nicht famos? Jetzt werde ich alles Geld für meine Flotte bekommen, was ich gefordert habe; hätte ich doch mehr gefordert!“(Hört, hört!) Herr Bassermann meinte, schon 1898 hälten viele den Flottenplan fär ungenügend gehalten. Herr Professor v. Wencksteen macht es ja jetzt ebenso, er verlangt das Doppelte und Dreifache. Solches ist aber für d


