Ausgabe 
18.2.1900
 
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Seite 2.

WMitteldeutsche Sonntags⸗Zeiiung.

Nr. 8.

Reichstag doch nicht entscheidend. Die Natio⸗ nalliberalen natürlich sind immer und immer für alles gewesen, was die Regie⸗ rung forderte, aber in ihren eigenen Reihen dachte man doch 1898 anders, als Herr Basser⸗ mann. Herr v. Bennigsen hat im März 1898 von einem definitiven Abschluß gesprochen und Herr Bassermann hat ihm zugestimmt. Herr v. Bennigsen soll es allerdings fertiggebracht haben, auch für den neuesten Flottenplan sich zu begeistern; bei den Nationalliberalen ist eben alles möglich.(Heiterkeit.) Wäre die Flotte zum Schutze des Handels unentbehrlich, dann müßten doch die Staaten mit größerer Flotte die größten handelspolitischen Fortschritte ge macht haben, wie England und Frankreich. Aber das gerade Gegenteil ist wahr. England hat nur einen kleinen Fortschritt, Frankreich sogar einen Rückschritt gemacht.

Ganz besonders wird gerade bei dieser Vor⸗ lage auf den großen Nutzen hingewiesen, den die Arbeiter davon haben sollen. Circa 70000 Arbeiter sollen direkt oder indirekt durch die neue Vorlage Beschäftigung erhalten. Ja, man könnte noch weiter gehen und sagen, der innere Konsum hängt davon ab. Gewiß, wo Arbeit neu entsteht, sind Arbeitskräfte nötig und das ist für die Arbeiter sehr angenehm. Wenn die Sache so einfach läge, wäre es un begreiflich, weshalb wir gegen die Vorlage wären. Es kommt aber darauf an, für welche Zwecke man Arbeit schafft. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ob für kultur feindliche oder kulturfördernde Zwecke. Wenn Sie um Arbeit verlegen sind, wenn es keine Arbeit für Flotte und Heer mehr geben sollte, so können wir Ihnen Vor⸗ schläge in Hülle und Fülle machen. Deutschland braucht innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre mindestens 15⸗ bis 20000 Schulhäuser über das hinaus, was die Kommunen zu bauen im stande sind. Nehmen Sie jährlich den Bau von 800 Schulhäusern zu je 60 000 Mk. durchschnittlich, dann haben Sie 48 Millionen Mark. Wir brauchen Hospitäler, Rekon⸗ valeszentenanstalten, Schwindsuchts⸗ anstalten. Dadurch würden Familienväter Mütter Kinder erhalten bleiben, die Armenlasten vermindert werden. Be⸗ willigen Sie jährlich die Kleinigkeit von 100 Hospitalen à 500000 Mk., macht jährlich 50 Millionen; bewillfgen Sie weiter die Kleinig⸗ keit von 60 Erholungsanstalten, à 500 000 Mk., macht 30 Millionen. Diese drei Posten zusammen würden jährlich 120 Millionen Ausgaben er fordern, gegenüber 100 Millionen, die die Flotte mit allem was drum und dran hängt, jährlich kosten würde. Wir wollen das Gewerbe, die Industrie, die Land⸗ wirtschaft heben. Schaffen Sie jährlich 100 Ackerbauschulen à 300 000 Mk., so haben Sie wieder 30 Millionen, schaffen Sie Lehrlingsanstalten für uusere Gewerbe und unsere Industrie, woran jetzt Mangel herrscht. Sie würden erstaunen, zu welchen Hunderten von Millionen Ausgaben Sie kommen würden. Denken Sie an die Bodenmeliorationen, Verkehrsmittel, Unterstützung für Kunst und Wissenschaft, wofür heute die notwendigsten Summen fehlen. Arbeit in Hülle und Fülle! Viel mehr Geld, als selbst die Flottenvorlage fordert, hätten wir nötig, um nur einiger⸗ maßen die Kulturaufgabenzu befriedigen, und dabei ist noch gar nichts Sozialistisches enthalten.(Heiterkeit.)

Der Geist, der in Deutschland herrscht und uns solche und ähnliche Vorlagen bringt, wird am besten charakterisiert durch die Thatsache, daß aus der preußischen Königshymne der Vers herausgelassen wird:Nicht Roß, nicht Reisige schützen die steile Höh... Das ist der Geist des vorigen Jahrhunderts, der Geist des Absolutismus, der Geist des Imperialismus, das ist der Geist, wie er im kaiserlichen Rom geherrscht hat, von dem schon einer der hervorragenster Schrift steller jener Zeit sagt:

Biegsam werden wir vom Kaiser nach jeder beliebigen Seite gelenkt und schmiegen uns seinem Vorgange an; denn ihm wünschen

PFE

wir lieb zu sein, seinen Beifall zu erwerben, was solche, die ihm unähnlich sind, nicht er⸗ hoffen dürfen. Durch fortgesetzte Fügsamkeit sind wir dahin gekommen, daß fast die ganze

Welt nach den Sitten des Einzelnen lebt.

(Sehr richtig! links.)

Und werden nicht sogar die Schnurrbärte bei uns nach der Sitte des Einzelnen ge⸗ tragen?(Stürmische Heiterkeit.)

Ist man nicht bereits in Deutschland in römische Zeiten gekommen(Sehr gut! links,) in den Zeiten des Byzantinismus, des Serviltsmus!(Sehr gut! links.) 3

Meine Herren! Einem solchen System steht das Wesen, der innere Kern der Sozial⸗ demokratie total feindlich gegenüber, unter solchen Umständen geht die Sozialdemokratie niemals durch das kaudinische Joch einer Flotten⸗ oder Heeresvorlage. Wir fordern die Ablehnung der Flottenvorlage ohne Kommissionsberatung!(Langanhaltender Beifall dei den Sozialdemokraten.)

Politische Kundschau. Gießen, 16. Februar.

Unsere Professoren.

Der Professor Leist hat in einer national⸗ liberalen Versammlung zu Gießen einen Vortrag über politische Gimpelfallen gehalten, worunter er die Gewerkschaften verstanden wissen will. Eine Verleihung der Korporationsrechte an die Berufsvereine sei deshalb zu verwerfen. Durch die Gewerk⸗ schaften würde, so giebt ein Bericht derHess. Ldztg. die professoralen Darlegungen wieder, ein System der Unfreiheit etabliert. Um die ganz indifferenten Arbeiter, dieGimpel, ein⸗ zufangen, wurden die Unterstützungskassen be⸗ gründet. Durch die Koalitionsfreiheit werde die individuelle(persönliche) Frei⸗ heit totgeschlagen. Diese letztere müsse aber gewahrt bleiben. Daher sei eine Bestim⸗ mung dahingehend notwendig, daß die Arbeiter, die einem Berufsverein beigetreten seien, auch jederzeit unter Rückerstattung ihrer Beiträge wieder austreten könnten. Man müsse die Thüren dieser Vereine nicht zumachen, damit die Vögel(dieGimpel) munter wieder heraus fliegen könnten.

Herr Leist ist Professor der Rechtswissen⸗ schaft. Er hat entweder den richtigen Zeitpunkt verpaßt oder sich in seinen Heften vergriffen, sonst hätte er seine arbeiterfreundliche Vorlesung gelegentlich der Beratung der Zuchthaus⸗ vorlage, nicht aber zur Zeit des Flotten⸗ spektakels gehalten, wo doch von anderen Professoren Gimpel für die Ueberseepolitik ge⸗ fangen werden sollen.

Ein wertvolles Zugeständnis macht der Referent zur Frage der Fabrik⸗ arbeit verheirateter Frauen in der Handelskammer Leipzig. Die Unternehmer in Chemnitz haben eine Eingabe an den Reichs⸗ kanzler gemacht, worin sie sich gegen jede Einschränkung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen aussprechen und gleichzeitig haben sie ihre Leipziger Freunde um Unterstützung ihrer Petition gebeten.

Das thun auch die Leipziger; zur Begrün⸗ dung führt der Referent, Herr Fabrikbesitzer Wenzel, aus, die Löhne in Sachsen seien so niedrig, daß die Arbeit der Frau für den Arbeiter die Voraussetzung zur Ehe sei. Das heißt mit anderen Worten, die sächsischen Arbeiter verdienen so wenig, daß sie damit keine Familie ernähren können. Das mögen sich die sächsischen Arbeiter merken, falls man Lohnerhöhungs⸗Forderungen als un⸗ berechtigt bezeichnet.

Auch nach anderer Richtung ist die Stellung der sächsischen Fabrikanten interessant. Wenn die Frauen politische Rechte verlangen, so heißt es, die Frau gehört ins Haus. Jetzt fürchten die Herren von einer kleinen Einschränkung der Frauenarbeit eine Schmälerung des Profits, da finden sie plötzlich, daß die Frau in die Fabrik gehört. Uebrigens ist es anberswo

genau so, wie in Sachsen. In Oberhessen z. B. sind viele Frauen gezwungen, in die Zigarren⸗ fabriken zu gehen aus denselben Gründen, wie sie 1755 von sächsischen Unternehmern zugegeben werden.

Die Junkerbundsparade.

Im Zirkus Busch in Berlin hat am Montag derBund der Landwirte seine diesjährige Generalversammlung abgehalten. Geredet haben in dieserBauernversammlung: Freiherr v. Wantgenheim, Dr. Rösicke, Dr. Hahn, Kammer⸗ herr v. Frege, Dr. Oertel, Freiherr v. Loen und Liebermann v. Sonnenberg. Alles merk⸗ würdigeBauern. Nach dem von Dr. Hahn erstatteten Rechenschaftsbericht beträgt die Mit⸗ gllederzahl zur Zeit rund 206 000 zahlende Mitglieder. Von der Gesamtmitgliederzahl ge⸗ hören nur 1506, also/ pCt., dem Großgrund⸗ besitz, 27 500 oder 13 pCt. dem mittleren Grundbesitz, 177000 oder 86/ pCt. dem kleinen Grundbesitz an. 14000 Mitglieder sind teils Handwerker, teils Gewerbetreibende. Im Jahre 1899 sind 367 große und 5012 kleinere Versammlunzen sbgehalten worden. Die Ein⸗ nahmen betrugen 553850 Mark, die Ausgaben 552500 Mark. i

Das bedauerlichste ist, daß sich so viele kleine Landwirte haben einfangen lassen. Die Großgrundbesitzer akein köunten selbstverständ⸗ lich mit ihren wahnsinnigen Forderungen keinerlei Erfolg erzielen, deshalb fangen sie die Klein⸗ bauern ein, denen sie weiß machen, daß sie alle Rittergutsbesitzer und Kuhbauer die gleichen Interessen hätten. Die Kleinen sind dann die Dummen, die für die Großen die Kastanien aus dem Feuer holen. Selbverständ⸗ lich sitzen in der Verwaltung des Bundes nur Große. Das Wort und die Geschäfte führen Freiherren und Doktoren. Die kleinen Bauern, die mit den Großgrundbesitzern ge⸗ meizsame Sache machen, gleichen den Hühnern, die ihre Interessenvertretung den Füchsen an⸗ vertrauen.

Der gerupfte Hahn.

Der Direktor des Bundes der Landwirte Dr. Hahn wurde am Samstag vom Zen⸗ trumsabgeorbneten Szmula als politischer Intriguant entlarvt, der für die Ab⸗ lehnung der Flottenverstärkung bei andern Parteien wirbt, während er selbst durch Zustimmung sich einnationales Ver- dienst erwerben will. Der Entlarvpte suchte sich herauszuflunkern und verfiel dabei der öffentlichen Lächerlichkeit. Das agrarische Hähnchen hatte aber an alledem noch nicht genug. Es wollte vom Lächerlichen vollends getötet werden und leistete sich den frechen Blödsinn, den Mann, der sein Verhalten auf⸗ gedeckt hatte, auf Pistolen zu fordern. Ab⸗ geordneter Szmula, ein alter Herr mit weißem Haar, hat sich mit seiner Fraktion über die Forderung des jungen Hahn besprochen und hat sie abgelehnt.

Der agrarische Hahn hat durch diese Haus⸗ wursterei abermals bewiesen, daß er absolut keinen Anspruch darauf macht, von ernsten Menschen ernst genommen zu werden. Aller⸗ dings ist dem Agrardirektor ein mildernder Um⸗ tand zuzubilligen. Wenn alle parlamentarischen Auseinandersetzungen durch die Pistole ent⸗ schieden würden, so könnte auch auf ihn und seine Mitagrarier einmal ein Zufallstreffer kommen, was im Rede- und Geistesturnier nicht vorkommt.

Prinz Heinrich, der Seefahrer,

der Bruder Wilheluis II., kehrte am Dienstag von seiner zweijährigen Chinareise zurück. Er gedachte, bekanntlich nach seinem Gelöbnis vom Dezember 1897,das Evangelium Seiner Majestät geheiligter Person im Auslande zu künden, zu predigen jedem, der es hören will, und auch denen, die es nicht hören wollen. Das wird der Prinz denn auch wohl gethan haben, ohne es übrigens, so viel wir wissen, nöcig gehabt zu haben, mitgepanzerter Faust darein zu fahren wie es der kaiserliche Bruder für möglich gehalten.

Mit höfischem Prunk ist Prinz Heinrich in

Berlin von Ministern und Generälen empfangen

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