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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

Er ann ja bei uns wohnen. Mein Gott, ein Zimmer wird immer für ihn da sein.“

„Aber Sie vergessen die Abneigung, die zwischen Euch herrscht. Jeder von Euch könnte und würde freilich seinen eigenen Weg gehen. Aber ich? Würde ich nicht zwischen Euch zerrieben, zerdrückt, elend werden? Ihr Männer seit Ego⸗ isten,“ lächelte sie.„Würden Sie mit der Hälfte der Liebe und Sorgfalt Ihrer Frau vorlieb nehmen? Sie sind schon jetzt eifersüchtig auf Julius, wie würden Sie es erst sein, wenn Sie ein Recht auf mich hätten?“

„Das ist alles nicht stichhaltig,“ sagte er, das Haar von der Stirne zurückschüttelnd.„Ich lasse mich nicht abweisen. Wenn Sie mich nur halb so lieben wie ich Sie, und mein sein wollen — so soll mir alles andere recht sein.“

„Anton, Sie denken heute zum erstenmal da⸗ rüber; ich— ich will es Ihnen gestehen— ich habe oft über die Möglichkeit eines solchen Zu⸗ sammenlebens nachgedacht. Es wäre eine schreck— liche Situation.— Sie ich weiß es— achter Julius nicht— weder sein Talent noch seinen Charakter. Sie sind so streng und konsequent in Ihrem Denken und Thun. Das ist es. Er ist eine Künstlernatur und daher unberechenbar. Nun stellen Sie sich vor, daß er auch zeitweilig nichts verdiente, denn er ist ja ein kranker Mensch, daß Sie für ihn zu sorgen hätten— begreifen Sie, was ich dabei leiden würde? Nein, nein, schon bei dem Gedanken schnürt sich mir die Kehle zu.“(Fortsetzung folgt.)

Von der Pariser Weltausstellung.

Im„Hamb. Echo“ veröffentlicht Genosse S. eine Reihe Artikel über die Weltausstellung. Wir geben in folgendem seine Ausführungen über

„Das soziale Haus“ wieder, die unsere Leser gewiß interessieren werden.

Bedeutet diese Pariser Weltausstellung einen Triumph des Kapitalismus, indem sie uns zeigt, welche Leistungen das Zeitalter der kapitalistischen Organisation der menschlichen Arbeit aufzuweisen hat, so finden wir auf ihr doch zugleich auch die Spur einer werdenden neuen Organisation. Nur Spuren vorläufig, gewiß, aber doch viel⸗ verheißende Anfänge, die für manchen Beschauer das heilige Dogma von der unerschütterlichen Notwendigkeit des kapitalistischen Unternehmer⸗ tums arg ins Wanken bringen können.

Auf dem rechten Seineufer, gerade gegenüber der bunten Nationenstraße, auf der die verschie⸗ denen Völker ihre Repräsentationsgebäude errichtet haben, erhebt sich ein großer, weithinleuchtender Bau, das Heim für„soziale Oekonomie, Hygieine und öffentliches Unterstützungswesen“, zugleich auch das Heim für die zahllosen internationalen Kongresse, die in den Monaten Juni, Juli, August und September in Paris abgehalten werden sollen. Es ist ein mächtiges, schlichtes, aber durch seine glückliche Gliederung und schöne Form sehr wirksames Gebäude, das Raum für nicht weniger als zwölf verschiedene Ausstellungs⸗ gruppen bietet. Was uns zunächst an ihm interessiert, ist die Thatsache, daß es ausschließ⸗ lich von Arbeiterkorporationen unter Aus schluß des kapitalistischen Unternehmertums errichtet worden ist. Frankreich besitzt seit langer Zeit eine Organisationsform der Arbeit, die wir in anderen Ländern nur spärlich oder gar nicht antreffen: es ist die aus der Gewinnbeteiligung hervorgegangene Assoziierung von Arbeitern und Kleinmeistern der verschiedenen Gewerbe, die darauf bedacht sind, durch selbständige Erwerbung und Verwertung der Arbeitsmittel den Unter⸗ nehmergewinn, wenn nicht auszuschalten, so doch allen ihren Mitgliedern möglichst gleichmäßig zukommen zu lassen. Bürgerliche Oekonomen haben darin das Mittel zur Lösung der sozialen Frage sehen wollen; davon kann nun allerdings nicht die Rede sein, aber ein gewisses Interesse wird niemand diesen Versuchen, eine zweckmäßigere Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu schaffen, absprechen können. Sie sind doch auch an ihrem Teile gleichsam ein lebendiger Protest gegen die Schäden des kapitalistischen Systems.

Im Innern des Gebäudes finden wir in

vielen kleinen, zum Teil unzweckmäßig eingerich⸗ teten Räumen ein überreiches Material, das sich auf folgende Fragen und ihre Lösungen bezieht: Kinderarbeit und ihr Schutz; Löhne und Ge⸗ winnbeteiligung; Produktivassoziationen und Be⸗ rufsverbände, Gewerkschasten; landwirtschaftliche Genossenschaften und landwirtschaftliches Kredit⸗ wesen; Arbeiterschutzvorrichtungen und Regelung der Arbeitszeit; Wohnungswesen der Arbeiter; Konsumgenossenschaften, ihr Wesen, ihre Be⸗ deutung und ihre Ausdehnung; Einrichtungen zur intellektuellen und moralischen Hebung der Arbeiter; Versicherungswesen; öffentliches und privates Arbeiterwohlfahrtswesen; Hygieine; öffentliches Unterstützungswesen. Man sieht schon aus diesen Titeln, daß das Ganze deutlich jenen Geist der„Humanität“ aufgeprägt erhalten hat, den wir bei uns zuhause in mannigfachen Modi⸗ fikationen bei allen möglichen und unmöglichen Leuten kennen zu lernen Gelegenheit haben, von einem Stumm, Krupp, Heyl und Hitze auf der einen bis zu einem Rösicke und Freese auf der anderen Seite, und wie er in Frankreich seinen besten Ausdruck fand in dem„Sozialen Museum“ des Grafen Cambrun. Für denjenigen, der in der endgültigen Durchfechtung des Klassenkampfes die Ueberwindung des Kapitalismus gewährleistet sieht und nur in ihr, hat dieser Charakterzug nichts gerade Verlockendes, er erlaubt ihm aber andererseits ein wesentlich kühleres und darum wohl auch gerechteres Urteil.

Von besonderer Bedeutung sind in diesem Gebäude die Vorführungen der Arbeiterschutzge⸗ setzen in verschiedenen Staaten. Dem deutschen Reiche hat man dabei den Ehrenplatz, gleich rechter Hand am Haupteingange eingeräumt. Ein Spezialkatalog von nicht weniger als sechs⸗ zehn Seiten dient als Führer durch die vom Reichsversicherungsamt im Verein mit dem kaiser⸗ lich statistischen Amte in Berlin eingerichtete Ausstellung. Es giebt da in der That recht Vieles und recht Interessantes zu sehen. Inmitten einer Reihe von Modellen, durch die eine Reihe von Krankenhäusern und Arbeiterheilstätten hübsch dargestellt werden, lenkt ein mächtiger, goldbron⸗ zierter Obelisk die Blicke des Beschauers auf sich: er stellt die Entschädigungsleistungen der Arbeiter⸗ versicherung im Jahre 1899 dar, 304,5 Millionen Mark gemünzten Goldes, wie mit stolzen Ziffern dort angegeben ist; daneben finden wir einen gemalten Obelisken im Maßstabe von 1: 6, der die Entschädigungen der Arbeiterversicherung von 1885 bis 1899 versinnbildlicht; sie betragen 2,4 Milliarden Mark. An den Wäuden sieht man eine große Zahl von statistischen Kurven, von Uebersichten und Nachweisungen, auf den Tischen liegen und stehen Modelle aller Art umher und in Glasschränken hat man eine ganze große Bibliothek mit der Literatur über unsere Sozial⸗ gesetzgebung zusammengetragen. Aber man zeigt nur die Lichtseite! Ausländische Politiker und Berichterstatter machen einen förmlichen Sport daraus die deutschen Ausstellungsobjekte nicht nur, sondern auch die deutschen Einrichtungen und Zustände mit einem von keinerlei Sachkennt⸗ nis getrübten Urteile zu loben nicht zum wenigsten diese soziale Abteilung, und die meisten deutschen Besucher tuten fröhlich in dasselbe Horn; aber es wäre doch gut, wenn die Leute einmal einen Blick in die Berichte der Arbeitersekretariate oder in die Akten des Reichsversicherungsamtes werfen würden, um zu sehen, welche grausamen Schäden dem viel gerühmten Werke unserer sozialen Gesetz⸗ gebung anhaften. Es ist müssig, sich auf die beliebten Vergleiche einzulassen mit anderen Ländern, es ist ebenso müssig, wie sich mit dem Spruche trösten zu wollen, daß alles Menschen⸗ werk Stückwerk sei. Wer seine Augen tüchtig aufmacht und sich recht umschaut, wird hier die Ueberzeugung verstärkt fühlen, daß man das Uebel an der Wurzel anpacken müsse.— Jeder Sozialdemokrat aber, der die Säle durch⸗ wandert, wird sich der Befriedigung nicht ver⸗ schließen, daß es doch seine Partei war, die am gründlichsten zur Schärfung des sozialen Gewissens beigetragen hat und somit wohl auch ihr gutes Teil hat an der intellektuellen Urheber⸗ schaft dieses Ausstellungszweiges.

Sprüche zur Lebensweisheit. In Staaten, wo die Herrscher alles, die politischen Institutionen nichts zu bedeuten haben, kann unter Umständen tiefer Fall ganz unmittel⸗ bar auf großartige Erhebung folgen. Duruy. *

Das Volk läßt sich nie bestechen, wohl aber aber hinter das Licht führen, und nur dann scheint es das Böse zu wollen. Rousseau.

*

Nur der Bürgersinn kann über Ehre be⸗ stimmen. Nun ist dieses Geistes überall sehr wenig; also ist nur sehr wenig wahrhaft ge⸗

würdigte Ehre. Seume. *

Unschuld und Rechtschaffenheit halte ich für die beste aller Religionen.

Gemeinnügiges.

Aufbewahrung der Butter. In der Milchversuchsstation Thun ist ein Versuch über die Frischerhaltung der Butter angestellt worden. Gleichgroße Mengen Butter wurden ranzig: Im Zimmer bei 12 Grad Reaumur in 1 Tag, in luftiger Milchkammer bei 8 Grad Reaumur in 4 Tagen, daselbst in kaltem Wasser in 13 Tagen, unter Wasser in 15 Tagen, in dem Gefäß mit Salz eingeknetet in 29 Tagen. Die Butter, die bei 11 Grad Reaumur in 1 Tage ranzig wurde, war von geringer Haltbarkeit.

Warnung. Vor dem Genuß des jetzt in voller Blüte stehenden Goldregen sei hiermit ge⸗ warnt. Aus Döhren in Hannover werden zwei Vergiftungsfälle durch den Genuß von Goldregenblüten gemeldet. Die fünfjährige Tochter des Arbeiters Bergmann und der gleichalte Sohn des Sattlers Möbis verstarben in Folge des Genusses von Goldregen.

Gewährschaft bei Tieren. Die Ver⸗ käufer landwirtschaftlicher Haustiere wollen es ja beherzigen, daß man jetzt für alle Eigenschaften eines Tieres, die man während des Handels oder Kaufabschlusses dem Käufer zusichert, eine Haftung von 6 Wochen übernehmen muß. Man hüte sich deshalb, für etwas Garantie zu leisten oder etwas zuzusichern, was den thatsächlichen Verhältnissen nicht entspricht. Will der Käufer an den Verkäufer auf Grund derartiger Zusagen einen Anspruch erheben, dann muß schon vor Ablauf der 42 Tage Klage bei dem zuständigen Gericht erhoben werden, da die gerichtliche Zu⸗ stellung längstens am 42. Tage in die Händen des Verkäufers sein muß.

Humoristisches. Popularität. Fürst:„Nun, wie schmeckt es Dir, mein Lieber?“— Holzknecht:„Arbeit und Gebet und die Liebe zu meinem gnädigen Landesfürsten würzen mir die rauhe Kost.“— Fürst:„Braver Mann! Wer hat Dir diese goldenen Worte in den Mund gelegt?“— Holzknecht(auf den Hofmarschall deutend):„Der Herr

da hint' und fünf Mark hat er spendiert.“

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Ein Vorschlag zur Güte.„Ins Hoftheater möch'st, Alte? Woaßt was, da gehn ma lieber ins Hofbräuhaus, dös is a was Königlich's...“

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Antisemitisches. Erster Antisemit:„Höre einmal, Du predigst immer:„Kauft nicht bei Juden“, und doch sehe ich Dich fortwährend in jüdischen Geschäften aus- und eingehen!“— Zweiter Antisemit:„Wer sagt, daß ich dort kaufe?“— Erster Antisemit: „Was thust Du dann dort?“— Zweiter Antisemit: „Ich pumpe!“

Neu eingelaufene Schriflen.

Die Wohuungsfrage und die Sozialdemo⸗ kratie. Ein Kapitel sozialdemokratischer Ge⸗ meindepolitik von Louis Cohn. München 1900. M. Ernst. Eine kurze instruktive Schrift über die ver⸗ schiedenen Fragen, die gemeinhin unter dem Gesamt⸗ begriff der Wohnungsfrage zusammengefaßt werden. Die Schrift will ein Wegweiser durch die Speziallitteratur sein und übt an den Vorschlägen der bürgerlichen Sozial⸗ reformer Kritik auf grund des sozialdemokratischen Partei⸗ programms. Sie wird in erster Linie den Vertretern der Sozialdemokratie in den Gemeinden ein wertvolles Orientierungsmittel bieten, verdient aber darüber hinaus die weiteste Verbreitung in den Reihen derer, die über den gegenwärtigen Stand der brennenden Frage einen Ueber⸗ blick sich verschaffen wollen. Klarheit und Uebersichtlichkeit sind die Hauptvorzüge der empfehlenswerten Schrift.

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