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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 25. n

Anterhaltungsteil.

Sommer.

Ob glühender der Sonne Strahl auch werde, Mußt fleißig immerfort die Hände regen, Darfst nimmermehr jetzt träger Ruhe pflegen, Nicht mutlos stehn mit zaudernder Gebärde.

Auf! Biete Trotz der wartenden Beschwerde, Bestehe sie! Natur ist allerwegen Dir helfend nah; sieh', wie der Wolke Segen Erquickt die durst'ge, ausgedorrte Erde.

Die Fluren sieh', in reifen Kornes Glanz, Des Schnitters harrend, goldenhelle prangend Die Hügel sieh in ihrer Reben Kranz.

Das alles, fleiß'ger Mensch, sollst Du empfangen Zum Lohn für Deine Mühe voll und ganz— Umsonst nicht war Dein Hoffen und Verlangen.

2 K. Frohme.

In Fe sse ln. 51 Novelle von Elise Schweichel. Il.

Im Theater wurde der Tannhäuser gegeben. Es war eine Stunde vor Anfang der Vorstellung. In der Garderobe des Ballettkorps wogte, hüpfte, flatterte, schwätzte und lachte es durcheinander. Das ganze Ballettkorps war im Begriff, sich in einen Hofstaat der Liebes göttin zu verwandeln. Hier zupften die jungen Damen geschäftigt an ihren kurzen, luftigen Röckchen oder nestelten die Goldgürtel um die schlanken Taillen, dort be⸗ fanden sich andere bei dem wichtigen Geschäft des Schminkens. Noch andere, die schon völlig fertig waren, trippelten auf den äußersten Fußspitzen mitten durch das Gewirre hindurch, während laute Zurufe und Gespräche hin- und herflogen.

In dem Mittelpunkte einer Gruppe, in wel⸗ cher es am lautesten zuging, stand Suschen Champagner, die Nichte der Wäscherin.

„Na, na, Champagnerchen. so arg wird's nicht sein,“ rief eine ihrer Kolleginnen.

„Höre einer, wie die renommiert,“ eine andere.

„Die Eroberung ist auch danach: ein lahmer Dichter!“ ließ sich eine Dritte spöttich vernehmen.

„Ihr Affen, was ihr wißt!“ schmetterte Sus⸗ chens helle Stimme dazwischen.„Lahm! Er denkt nicht daran, lahm zu sein. Er hinkt ein bischen, das ist alles; und wenn ich mit ihm allein bin, und er mich haschen will, da versichere ich euch, ist er flink genug auf den Beinen.“

Ein schallendes Gelächter antwortete ihr.

Suschen warf selbstgefällig den Kopf in den Nacken und drehte sich auf der Fußspitze um sich selbst, daß die leichten Gazeröckchen ihre Hüften wie Wellenschaum umspielten.

„Ihr werdet euch heute selbst überzeugen; er kommt hier hinter die Coulissen, er hat es mir versprochen,“ fuhr sie fort.„Es ist nur die Schwester, die ihm einredet, daß er lahm ist, damit sie ihn ganz für sich hat. Sie hütet ihn wie ein Drache. Aber ha, ha, wir sind doch schlauer, als sie. Wir haben unsere kleine Korre⸗ spondenz hinter ihrem Rücken. Wißt ihr, wie wir es machen? Ich habe es ausgeheckt, es ist ein Hauptspaß. Meine Tante darf natürlich auch nichts merken.“

„Nun, nun“rief es ungeduldig im Kreise.

„Wir wohnen nämlich in der Dachstube über ihm,“ sagte Suschen im Flüsterton.„Da lasse ich ganz einfach mein Brieschen an einem Faden bis zu seinem Fenster hinab, und er knüpft mir ein anderes an, das ich heraufziehe.“

Sie lachte ausgelassen. Die Mädchen sahen Hie voll Bewunderung an.

Reizend war sie, das mußte ihr der Neid lassen. Die schwarzen Schelmenaugen schossen förmlich Straßenbündel unter den langen Wim⸗ pern hervor, zwischen den übermütigen Korallen⸗ lippen blitzte der Perlmutterglanz der Zähne und in Kinn und Wangen kamen und verschwanden allerliebste Grübchen gleich ebensoviel lustigen Teufelchen. Das duftige weiße Nymphengewand,

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welches Arme und Schultern unbedeckt ließ, zeigte Formen von Fülle. Ihre ganze Erscheinung atmete lebensfreudige Sinnlichkeit.

Eben ging der Inspizient im Saale herum, jede einzelne der Balletteusen mit kritischen Blicken betrachtend, ob alles an ihrer Erscheinung in Ordnung sei. Als er zu Suschen kam, fand er, daß sie sich nicht gut geschminkt hätte, denn er machte sich mit dem„reizenden Racker“, wie er sich ausdrückte, gern etwas zu thun. Suschen remonstrierte anfangs, dann aber streckte sie, wie eine Katze, die gekraut sein will, mit halb⸗ geschlossenen Augen das Köpfchen vor und ließ die Operation an sich vollziehen. In diesem Augenblick wurde das erste Zeichen für die Dar⸗ steller gegeben und mit einem zierlichen entrechat folgte Suschen lachend den Kolleginnen.

An demselben Nachmittage saß Johanna emsig zeichnend in ihrer Stude. Auf dem Hofe war es sonntäglich still. Der schöne Herbsttag hatte die Handwerker mit ihren Frauen und Kindern ins Freie gelockt. Nur Herr und Frau Bartels, die des Herumschweifens auf ihrem Wanderleben müde geworden waren und sich niemals ohne Not von Haus und Hof entfernten, saßen auf der Bank vor dem geöffneten Hofthor, den Papier- drachen zuschauend, welche die städtische Jugend in allen Größen und Farben zu Hunderten von den Wiesen aufsteigen ließ, und welche mit ihren Schnüren den sonnigen Himmel wie mit einem Netz übe spannten.

Johanna hatte, der Sonntag zu ihrer Muster⸗ zeichnung benutzend, verschiedene Blätter, die sie aus einer bekannten Kunsthandlung entliehen, auf einem dicht ans Fenster gerückten Tische ausgebreitet. Die Zeichnung genau nach den Angaben der Baronesse zu machen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Das war zu abge⸗ schmackt, zu lächerlich. Sie wollte aus der Ornamentik der Renaissance etwas zusammen⸗ stellen, was die Idee ihrer Auftraggeberin in mehr künstlerischer Weise verkörperte. Die Tier⸗ köpfe sollten nur als Ausläufer schön geschwun⸗ gener Arabesken dienen, in deren Mitte, aus einem Bündel Akanthusblätter, sich die Figur eines Engels mit Palmenzweig erheben sollte. Die Zeichnung machte ihr jedoch große Schwierig⸗ keiten, und morgen solle sie den Entwurf einreichen. Anton war ein so guter Zeichner, er könnte ihr gewiß raten und helfen.

Wie es sich oft im Leben trifft, war derjenige, an den sie gedacht, nicht weit. Gleich darauf ertönte die Glocke zur Wohnung und Anton trat herein. Bald saßen sie zusammen über den Kunst⸗ blättern. Anton besah, was Johanna gemacht hatte und ließ sich ihren Plan auseinandersetzen. Ueber die Idee der Baronesse spottete er weidlich, dann aber ergriff er den Stift, und die rauhe Arbeiterhand führte ihn mit solcher Sicherheit und Eleganz, daß Johanna sich ganz geborgen fühlte. Das Mittelstück ihm überlassend, machte sie sich an die Zeichnung der Eckstücke, und so saßen sie eine lange Zeit, Jedes scheinbar in seine Arbeit vertieft und nur hin und her ein Wort, welches auf diese Bezug hatte wechselnd.

Nach Julius hatte Anton gar nicht gefragt, worüber Johanna sich schweigend gewundert. Plötzlich trat jener herein. Er war zum Aus⸗ gehen und mit einer gewissen Koketterie gekleidet. Unter dem breit übergeschlagenen Hemdkragen trug er ein hellseidenes Halstuch in einen Byron⸗ knoten geschlungen, in dem ein Koralleanadel steckte. Zu dem weißen Hals, dem goldbraunen, buschigen Haar und deu melancholischen blauen Augen kleidete ihn dies vortrefflich.

„Wie schön er ist!“ dachte Johanna un⸗ willkürlich.

„Du willst wohl ausgehen, Julius? Allein?“ fragte sie dann, während die Männer sich flüchtig die Hände gaben.

Julius war augenscheinlich in einiger Ver⸗ legenheit. Er knöpfte eifrig an seinen hellen Glacéhandschuhen.

„Ja, mein Kind. Ich muß es doch wieder einmal versuchen. Du bist ja beschäftigt. Ich fühle mich heute ganz kräftig, und nötigenfalls nimmt man ein Droschke.“

„So willst du lange ausbleiben?“

„Ich weiß es nicht.

habe schon lange keine Musik gehört.“

Das ist ja ganz merkwürdig,“ sagte Johanna. Anton zeichnete schweigend fort.

„Nun halte mich aber mit deiner Verwun⸗ derung nicht auf, Hänschen, sonst versäume ich die schönste Zeit.“

„Ich halte dich nicht auf. nur vorsichtig. Hast du den Ueberzieher?“

„Ich habe alles. Adieu, liebes Kind. Adieu, Anton. Das ist hübsch von dir, alter Junge, daß du meiner armen geplagten Schwester hilfst.“

Er klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter.

Anton murmelte etwas, ohne sich nach ihm umzudrehen.

Als Julius gegangen, schwiegen die Beiden eine Zeit lang. Johanna aber zeichnete nicht, sondern sah sinnend zum Fenster hinaus.

„Sagen Sie, Anton, ob ihm auch nichts zu⸗ stoßen wird?“ fragte sie dann in besorgtem Ton.

Anton war den Stift hin und fuhr sich wild durch das dunkle Haar.

„Immer nur Julius und immer nur er!“ rief er.„Hat den in Ihren Gedanken nichts anderes neben ihm Platz?“ Er sprang erregt auf, um im Zimmer auf. und abzuschreiten; bei der Kleinheit desselben mußte er sich jedoch bald wieder setzen.

„Was ist Ihnen, Anton?“ fragte Johanna bestürzt.

Anton antwortete nicht, sondern sah sie nur mit großen, beredten Augen an, die ihren Blick; wie ein Magnet zu fesseln schienen, Wie sehr sie sich auch Mühe gab, ihn loszureißen, sie ver⸗ mochte es nicht. Mit einer Art Neugier sah sie zum erstenmal, daß Antons Augen eigentlich nicht braun, wie sie geglaubt, sondern von einer dunklen Goldfarbe waren, und er seinerseits sah, wie wunderbar große Pupillen sie hatte, und wie durchsichtig klar das Blau ihres Auges war. Mit der Verstellungskunst des Weibes vermochte Johanna trotz ihrer Verlegenheit eine unbefangen lächelnde Miene zu zeigen, während in Antons Gesicht der ganze Ernst und Leidenschaft, die er empfand, sich ausprägte. Als es Johanna end⸗ lich gelang, den Blick zu senken, da errbtete sie bis unter das Haar, und ihre Hand griff un⸗ sicher umher, nach dem Federmesser, nach dem Bleistift.

Anton fing die schlank, weiche Hand mit seinen beiden rauhen Händen.

„Sie fragen was mir ift, Johanna?“ sagte er mit vor Erregung zitternder Stimme.„Ich bin eifersüchtig, rasend eifersüchtig auf Julius. Ich will Ihrem Herzen auch was gelten. Jo⸗ hanna, liebe, einzige Johanna, Sie müssen es doch wissen, daß Sie mir alles in der Welt sind, von meiner frühesten Erinnerung an. Wie lange habe ich das Wort auf den Lippen— Johanna — Teure—“

Er konnte nichts weiter sagen, aber er preßte ihre Hand, als wollte er sie zerbrechen.

Johanna war sehr blaß geworden.

„Sprechen Sie das Wort lieber nicht aus, Anton. Wir müßten sonft aufhören, Freunde zu sein.“

Die glühenden Augen auf sie gerichtet, saß er mit schwer atmender Brust vorgebeugt da; dann ließ er den Kopf in die Hände, die Jo⸗ hanna freigegeben hatten, sinken. Johanna schwoll das Herz. Sie hatte es sich so leicht gedacht, war so fest entschlossen gewesen, ihre Liebe, wenn der Augenblick gekommen sein würd, zu verleugnen, um den schmerzlichen Kampf abzukürzen. Jetzt vermochte sie es nicht. Nicht einmal den Trost ihrer Gegenliebe sollte sie ihm gewähren?

Sie legte ihre Hand leicht auf sein lockiges Haupt.

„Anton,“ sagte sie sanft,„hören Sie mich.

Wenn ich über mich frei bestimmen könnte, so

würde ich Ihnen und keinem andern angehören. Aber ich bin nicht frei. Ich darf nicht an mich denken. Meine erste Pflicht gehört Julius. Ich kann mich nicht von ihm trennen. Ich habe es der Mutter auf dem Totenbette gelobt.“

„Wenn es nur das ist!“ jubelte Anton auf.

„Liebes, süßes Herz, was quälen wir uns denn?

i Sei ganz ruhig. Viel⸗ N leicht gehe ich heute einmal in die Oper. Ich

Aber sei doch

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