(Ztr.) dagegen aus. einige von den Vorrednern aufgestellte Behauptungen. Auf der einen Seite wolle man durch die Flotte den Handel fördern, auf der andern schränke man aber durch
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
haben.„Knuten“⸗Oertel erklärte, aus reinem Patrio⸗ tismus für die„gräßliche“ Flotte stimmen zu wollen, und kündigte für die nächsten Jahre eine weitere agra⸗ rische Wucherpolitik an. Gegen die Vorlage sprachen sich nochmals unsere Genossen Liebknecht und Bebel aus. Liebknecht, der während seiner Rede dreimal zur Ord⸗ nung gerufen wurde, bestritt, daß die Vergrößerung der Flotte zum Schutze des Handels notwendig sei und wies schlagend nach, wie sich der deutsche Handel und die deutsche Arbeit ohne Flotte Bahn gebrochen hätten. Und wegen seiner Industrie, seiner Arbeit werde Deu⸗sch⸗ land im Ausland geachtet, nicht wegen seiner Schiffe! Weiter wandte sich der Redner gegen die Ansicht, als werde durch den Bau der Panzerschiffe das Interesse der Arbeiter wahrgenommen. Tausend Mittel und Wege gebe es, diese 5000 Millionen Mark in kult ur⸗ fördernder Weise zu verwenden. Wie notwendig mehr Volksaufklärung in Preußen sei, zeige die Konitzer Ritualmord⸗Hetze, die man als eine Schande für Deutschland bezeichnen müsse. Die Sozialdemokrateu
lehnten die Flottenvorlage ab.— Abg. Müller⸗Fulda
erklärte, daß es mit den früheren Angaben über die hohen Profite Stumms und Krupps an den Panzer⸗ platten seine Richtigkeit habe. v. Kardorff und Sattler(ntl.) sprachen sich für die Vorlage, Szmula Bebel wandte sich noch gegen
die Zollpolitik den Handel ein! Den deutschen Arbeitern
könne man nicht weiß machen, daß sie ein Interesse an
der Flottenvermeheung haben.— Der Reich 3kanzler
giebt längere geschichtliche Darlegungen, um die Not⸗ wendigkeit einer großen Flotte zu beweisen; der Anti⸗ semit Gräfe erklärte mit seiner Partei für die Vorlage (jedenfalls zum Schutz des Mittelstandes) stimmen zu wollen und Staatssekretär v. Bülow suchte durch eine Ansprache das Haus in eine gewisse Hurrastimmung zu versetzen.—
Die nun folgende namentliche Gesamtabstimmung er⸗ giebt die Annahme der Vorlage mit 201 gegen 103 Stimmen Der Präsident giebt hierauf die Ge⸗ schäftsübersicht, worauf der Reichstag vom Reichskanzler geschlossen wird.
Von Nah und Fern.
Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich 1 Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck
bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda.
.- Von mehreren Seiten wird gewünscht, daß baldigst eine Wahlkreis⸗Konferenz stattfinden möge. Indem wir den Genossen im Wahlkreise dies zur Kenntnis bringen, ersuchen wir die einzelnen Organisationen, zu dieser Frage Stellung zu nehmen und ihre etwaigen Anträge in Bezug auf Tagesordnung, Zeit und Ort der Konferenz an den Vorsitzenden des Kreiswahlvereins, Genossen G. Beckmann in Gießen, Grünbergerstr. 44, gelangen zu lassen. Dieser wird dann unter thunlichster Berücksich⸗ tigung der geäußerten Wünsche eine Konferenz einberufen.
Ortskrankenkasse Gießen.
Der Recheuschaftsbericht für 1899 ist er⸗ schienen. Aus demselben geht hervor, daß die finanzielle Entwickelung der Kasse erfreulicher⸗ weise als eine durchaus günstige bezeichnet werden kann. Bei anhaltend günstigem Stand stellt der Vorstand höhere Leistungen ab 1901 in Aussicht.— Als durchschnittliche Mitglieder⸗ zahl für 1899 verzeichnet der Bericht 38 75 gegen 3666 im Vorjahre.— Die Einnahmen be⸗ trugen inkl. Kassenbestand von 1898: 118 395,38 Mark; die Ausgaben: 107 524,76 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 10 870,62 Mk. verbleibt. Im Jahre 1898 waren die entsprechenden Zahlen bedeutend niedriger; es betrugen die Einnahmen 75 102,95 Mk., die Ausgaben 60 402,95 Mk. Von den Aus gabeposten heben wir besonders hervor: Aerztliche Behandlung: 11 747,85 Mk.: Arznei und Heilmittel 10 869,94 Mk.; Kranken⸗ geld: 29 879,84 Mk.; Wöchnerinnenunterstützung: 658.— Mk. Der angesammelte Reservefonds beträgt 87 083,21 Mk.— Am Dienstag, 19. Juni, abends 9 Uhr, findet im Lenzschen Felsenkeller die Generalversammlung statt, in welcher die Rechnungsablage erfolgen und über Ankauf eines Gebäudes beschlossen werden solll.
Hessische Krankenkass. Zu der Generalversammlung der„Freien Vorreinigung der Krankenkassen in Hessen,“ die am Sonntag im Café Leib in Gießen tagte, waren über hundert Teilnehmer
aus allen Teilen Hessens erschienen.— Nach dem Geschäftsberichte gehören der Vereinigung gegen⸗ wärtig 45 Orts⸗ 23 Betriebs- und 4 Innungs⸗ krankenkassen an. Beschlossen wurde unter anderm, eine Petition an das Ministerium zu richten, um Erhöhung der von der Invalidenversicherungs⸗ anstalt an die Ortskrankenkassen für Erhebung der Invaliden⸗Beiträge und Ausstellung der Quittungskarten zu zahlenden Entschädigungen. Hierfür wird jetzt den Krankenkassen nur 1% gewährt; die Petition verlangt, daß 8„ gezahlt werden sollen. Der wichtigste Punkt der Tages⸗ ordnung, die Abänderängsvorschläge zum Kranken⸗ versicherungsgesetz kam gar nicht zur Verhandlung, weil sich der hierfür bestimmte Referent Herr Ostermayer aus Worms weigerte, das Referat zu halten. Nach langer Geschäftsordnungdebatte wird beschlossen, eine außerordentliche General⸗ versammlung nach Darmsta dt einzuberufen und dort die von einer hierzu eingesetzten Kommission gemachten Vorschläge zu beraten. Ferner wird beschlossen, dem Viktoria⸗ Melita⸗ Verein, der sich die Errichtung von Heilstätten zur Aufgabe gemacht hat, beizutreten. Schließlich wird der seitherige geschäftsführende Ausschuß wiedergewählt.
Schwurgerichtsverhandlungen in Gieszen.
Gegen den Landwirt und Bürgermeister Kreuder aus Vadenrod wird am 12. Juni wegen Vergehens im Amte verhandelt. Ihm wird zur Laft gelegt, das Protokoll von einer Holzversteigerung gefälscht und dadurch sich einen Vermögensvorteil im Betrage von 6 Mk. zum zum Schaden der Gemeinde verschafft zu haben. Die Geschworenen verneinen die Schuldfrage, worauf K. freigesprochen wird.—
Schlimmer ergeht es am 12. Juni der Ehe⸗ frau G. Schmidt aus Nieder⸗Ohmen, die be⸗ schuldigt ist, vor dem Schöffengericht zu Grün⸗ berg am 19. April einen Meineid geleistet zu haben. Dort hat sie beschworen, daß bei einem nächtlichen Lärm vor ihrem Hause der Fuhrmann K. nicht mit dabei gewesen sei. Nach Aussage des Vorsitzenden des Schöffengerichts in Grün⸗ berg, sowie auch der Schöffen, habe die Ange⸗ klagte in jener Verhandlung den Eindruck erweckt, als halte sie mit der Wahrheit zurück um den K., mit dem sie ein Verhältnis unterhielt, zu entlasten. Welch' traurige Familienverhältnisse in der Schmidt'schen Familie obwalten müssen, erhellt durch den Umstand, daß ihr eigener Ehe⸗ mann, mit dem sie 20 Jahre verheiratet ist, Anzeige gegen sie wegen Meineid erstattet hat. Die Angeklagte wird von den Geschworenen für schuldig befunden und zu 2 Jahren Zucht⸗ haus und fünfjährigen Ehrverlust verurteilt.—
Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wird am 13. Juni gegen die Franziska Mussotter wegen Kindesmord verhandelt. Der Wahlspruch der Geschworenen lautete auf Nichtschuldig, worauf Freisprechung erfolgte.
Wieseck.
s. Am Samstag Abend(16. Juni) hält der Arbeiterbildungsverein eine Ver⸗ sammlung bei Wirt Gustav Schneider ab. In dieser Versammlung soll zu der Wahl eines Beigeordneten Stellung genommen und eventuell ein Kandidat aufgestellt werden. Alle Mitglieder, namentlich aber die Wahlberechtigten werden ersucht, zahlreich und pünktlich um 9 Uhr am Platze zu sein.
Der Handschuhmacherstreik in Wetzlar dauert fort. Der erste und einzige Arbeits willige ist der einstige Vorsitzende des Ortsvereins der Handschuhmacher in Bernau namens Georg Frebes, zur Zeit Werkführer in einer der vom Streik be⸗ troffenen Firmen. Gerade er war es, dem noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Forderungen der Kollegen zu gering erschienen. Sonderbare Schwärmer, der den Titel eines„Arbeitswilligen“ höher schätzt wie seine Ideale.
Die Fabrikanten suchen durch Inserate Streichbrecher, sie sichern denen, die der Organi⸗ sation nicht angehören, dauernde Stellung zu. Jedoch war ihr Bemühen bis jetzt ohne Erfolg, da die Handschuhmacher zu 93 Prozent organi⸗ siert sind.-r.
Ein grosfes Schadensener wird aus Harburg gemeldet: Am Sonnabend
mittag entstand in einer Oelfabrik Feuer, das
sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete und eine ganze Reihe benachbarter Baulichkeiten in Flammen setzte. Obwohl auch von Hamburg mehrere Löschzüge zur Hilfeleistung herbeikamen, wurden außer der Oelfabrik noch eine Palm⸗ kernfabrik, eine Salpeterfabrik, ein Speicher und ein großer Lagerplatz, worauf große Mengen Mehl lagerten, völlig zerstört. Auch eine Anzahl von Wohnhäusern, die zu dem gefähr⸗ deten Viertel zwischen Schloßstraße und Bahn⸗ hofstraße gehörten, wurden beschädigt. Erst nach sünfstündiger angestrengter Arbeit war man gegen Abend des Feuers Herr. Der Schaden wird auf mehr als vier Millionen Mark geschätzt. Ueber die Entstehungsursache des Feuers ist noch nichts Bestimmtes ermittelt
worden. Aus Konitz,
Infolge der antisemitischen Hetzereien ist es in Konitz am Sonntag zu neuen Ruhestörungen gekommen, gegen die die Polizei und Gen⸗ darmerie machtlos war. Im Laufe des Nachmittags wurde die Synagoge völlig demoliert. Kriminalkommissar Wehn wurde thätlich angegriffen und mußte flüchten. Abends rückte eine Kompanie des 14. Infanterie⸗Regi⸗ ments aus Graudenz ein und säuberte die Straßen. Es wurde das Standrecht proklamiert. Danach herrschte Ruhe.
Der Kronzeuge der Antisemiten in der Mord⸗ affaire, der Gasarbeiter Masloff, ist, wie nun⸗ mehr gemeldet wird, unter dem Verdacht des Meineids in Haft genommen worden. Die Aussagen die er unter seinem Eid in der Mord⸗ affaire vor dem Unterfuchungsrichter wiederholt gemacht hat, waren für den Schlächter Lewi und dessen Söhne in so hohem Grade belastend. daß sie sicher zur Verhaftung derselben unter dem Verdacht des gemeinsam mit anderen an dem Gymnasiasten Winter begangenen Mordes geführt haben würden, wenn sich die Aussagen nicht als unhaltbar und unbegründet erwiesen hätten. Masloff hat seine Angaben fortwährend abgeändert und sich dabei in so schroffe Wider sprüche verwickelt, daß der Verdacht des Meineids gegen ihn sich immer mehr ver⸗ dichtete und nunmehr zu seiner Verhaftung geführt hat.
Die offizielle Eröffnung der Untersuchung gegen den Fleischermeister und Stadtverordneten Hoffmann„wegen an dem Gymnasiasten Ernst Winter begangenen Totschlags“ bestätigt sich; bereits kurz vor Pfingsten war die Vorunter⸗ suchung eingeleitet, aber streng geheim gehalten worden.
Der Pfarrer als Denunziant.
Vor dem Kölner Schöffengericht endete ein Aufsehen erregender, von dem katholischen Pfarrer Drießen eingeleiter Prozeß gegen eine Anzahl Bürger des zu Köln gehörenden Vorortes Ner⸗ heim, die in der Kirchenvorstands⸗Wahlversamm⸗ lung groben Unfug verübt haben sollen, mit Freisprechung sämmtlicher Angeklagten. Das Urteil besagt nach einer Meldung der Volks⸗ Zeitung, die Behauptungen der Anzeige beruhen auf Unwahrheit. Es sei bedauerlich, daß ein Geistlicher unbescholtene Bürger in so frivoler Weise vor Gericht zerre und einen beschränkten Menschen dazu benutze, die Denunziation mit seinem Namen zu decken. Die Denunziation sei um so frivoler, als der Urheber ein Mann sei, der das Amt eines Friedens apostels begleitet. Dem Pfarrer Drießen wurde vom Gericht mehrmals mit sofortiger Bestrafung wegen ungebührlichen Benehmens gedroht.
Etwas sehr Seltenes.
Schier unglaublich klingt die Meldung, daß bei den Straßenkrawallen in Hannover zwei Schutzleute, die ruhige Passanten ge⸗ schlagen haben, nicht belobt, sondern unmittelbar
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wurden. Man glaubt die Fundamente des Staates wackeln zu sehen, wenn man dergleichen liest. Und doch ist die Meldung wahr. Und
der Staat steht auch noch, denn die Schutzleute


