Nr. 51.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite. 4.

Stadertownu einen Zug anhielten und 130 Remontepferde wegnahmen. Standertown liegt in unmittelbarer Nähe des Oranjeflusses. Die Buren⸗Kommandos treiben also ungenirt im Rücken der Engländer ihr Wesen. Noch bedenk licher als die Meldung aus Durban klingt nach⸗ stehendes Telegramm aus Johannes Gr g

Die Aushebungen für die Truppe der sogen.

Rand Rifles schreitet fort. Jeder kriegstüch⸗ tige englische Unterthan wird zur Aushebung herangezogen und ist zum Dienste innerhalb und außerhalb Transvaals verpflichtet! Die Ein⸗ zäunung Johannesburgs mit Stacheldraht ist nahezu vollendet. Es werden alsdann nur fünf Ausgänge bleiben und es wird für Niemand möglich sein, dem Feinde Nahrungsmittel zu liefern. Die Entfernung der Bevölkerung aus dem umliegenden Gelände schreitet fort. Hun⸗ derte von Frauen und Kindern treffen hier ein und werden in der Rennbahn untergebracht. Die englischen Unterthanen werden über die Maßnahmen ungeheuer begeistert sein. Ueber Dewet wurde vor einigen Tagen berichtet, daß er sich zwischen dem Caledon und dem Oranjefluß befinde. Der letztere ist in voller Fluth und alle Triften sind stark be⸗ setzt. Die Nachricht von Dewets Ge⸗ fange nnahme wird daher stündlich er⸗ wartet. Bisher haben ihn aber die Engländer noch nicht und er ist, wie es scheint, wieder glücklich entwischt.

Von Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten.

Volkszählungsergebnisse. Nach den Ergebnissen der am 1. Dez. vorgenommenen Volkszählung hat Gie ßen 25543 Einwoh⸗ ner. Die Ortschaften der Umgebung weisen folgende Einwohnerzahlen auf: Friedberg 6801; Nauheim: 4322; Heuchelheim: 2151 Watzenborn und Steinberg 1733; Butzbach: 4126; Reißkirchen: 769 und Burkhardtsfelden: 685. Ferner ha⸗ ben Darmstadt 71200; Mainz 84501 (incl. 7648 Militär⸗Personen) Offenbach 50 400; Frankfurt a. M. 287813 Ein⸗ wohner. Fast überall, besonders aber in den Städten zeigt sich bedeutende Zunzhme der Be⸗ völkerung. Nur einzelne Landorte zeigen Ab⸗ nahme.

Aus den größten Städten des Reiches liegen folgende Resultate vor: Berlin: 1844345 (1895: 1077 304). München: 498 503(im Jahre 1895: 405521). Dresden: 395 349. Leipzig: 455 120, Zunahme 55 120. Mag⸗ deburg: 229732. Mannheim: 140 384. Elberfeld: 156 503, Zunahme 17166. und Würzburg 74905. Zunahme 6100.

ff. Die allgemeine Sterbekasse Gießen, welche vor nunmehr 11 Jahren ge⸗ gründet wurde und jetzt in ihr 12. Geschäfts⸗ jahr tritt, besteht zur Zeit aus 947 Mitgliedern. Dieselbe hatte im verflossenen Jahre einen Zu wachs von 52, dagegen einen Abgang von 15 Mitgliedern(14 durch Tod, 1 durch Ausschluß). Während seines 11jährigen Bestehens hat der Verein 100 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern gehabt, dafür wurden folgende Unterstützungen ausbezahlt: Für 15 Mitglieder je 75 Mark, für 15 je 100, für 24 je 120, für 23 je 150, für 10 je 170 und für 13 je 185 Mark, in Summa 13 060 Mark. Außerdem besitzt der Verein einen Reservefonds von 4000 Mark und ist mithin im Stande, selbst in außergewöhnlichen Fällen seinen Verpflichtungen nachzukommen. Auch ist die Sterbekasse wieder in der angenehmen Lage, vom 1. Januar 1901 ab das Sterbegeld von 185 auf 200 Mark zu erhöhen. Das Eintritts- geld beträgt für eine Person: Im Alter von 1625 Jahr Mk. 1.

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Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefallbeitrag von 25 Pfg zu bezahlen. Für jeden Sterbefall eines Mitgliedes ist der Kasse ein Beitrag von 25 Pfg. zu entrichten, welcher durch den Kassenboten gegen Quittung erhoben wird. Zur Auskunft in allen Fragen itt Herr Schneidermeister Georg Pfaff, Wallthor⸗

straße 25, Herr Schuhmachermeister Seide⸗ wand, Teufelslustgärtchen 20, sowie Herr Bruchhäuser, Wolfstraße 8, gerne bereit.

Sozialdemokratischer Wahlverein.

In der ziemlich gut besuchten Vereinsver⸗ sammlung am Samstag d. 8. Dez. hielt Genosse Krumm enien sehr interessanten und von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit ver⸗ folgten Vortrag über Heinrich Heine. Wohl kaum ein zweiter deutscher Dichter existire, so führte der Redner einleitend aus, über dessen Bedeutung mehr gestritten würde. Von seinen Verehrern in den Himmel gehoben, werde er von den Andern heruntergerissen, und so von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Gewiß, er hatte wie jeder Mensch, seine menschlichen Fehler. Fest steht aber, daß Heine als Lyriker von keinem anderen deutschen Dichter, auch nicht von Goethe und Schiller, übertroffen werde. Mit Schärfe, ätzender Satyre und feiner Ironie geißelte er die damaligen politischen Zuftände die Bureaukratie, das Spießbürgerthum und den Afterpatriotismus. Er führt eine Anzahl Gedichte Heines den Zuhörern vor, wodurch oft die Heiterkeit der Versammlung entfesselt wurde. Ist doch die abfällige Kritik, die seine Gedichte an den damaligen Zuständen übten, auch heute noch auf gewisse Erscheinungen im öffentlichen Leben in gleicher Weise angebracht! Auf alle bemerkenswerthen Dichtungen Heines konnte Redner in Rücksicht auf die zur Verfügung ste⸗ hende Zeit nicht eingehen, weshalb er in näch⸗ ster Versammlung den Vortrag fortzusetzen ver⸗ sprach. Lebhafter Beifall folgte den interessan⸗ ten Ausführungen. Genosse Keßler brachte hier⸗ auf die Streitigkeiten in der Leipziger Volks⸗ zeitung zur Sprache, was eine längere Debatte veranlaßte, die mit der Annahme einer Reso⸗ lution endete, in der die Versammlung diese Differenzen bedauert und die Leitung derL. V.⸗Ztg. ersucht wird, ihrerseits das Möglichste zu thun, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen. 5

Antisemitische Versammlung. Am Sonntag, den 16. Dez. findet im Gasthofzum Löwen Gießen, Neuenweg, eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in welcher Dr. Vogel, der neugewählte antisemitische Abgeordnete für Hof⸗ geismar⸗Rinteln einen Vortrag über:Sozia⸗

le Zeit⸗-und Streitfragen halten wird.

Freie Diskussion wird in der Bekanntmachung zugesichert, dieHerren Gegner werden sogar eingeladen. f 5

Oesterreichische Thaler, die noch in Deutschland umlaufen, werden Ende dieses Jahres außer Cours gesetzt. Es ist von Neu⸗ jahr an Niemand mehr verpflichtet, diese Münze in Zahlung anzunehmen. Nur bei ge⸗ wissen öffentlichen Kassen sind sie dann noch anzubringen. 1

Arzneiabgabe. Die hiesigen Apo⸗ kheker sind vom 1. Jan. n. Is. verpflichtet, Arz⸗ neien ohne sofortige Bezahlung an in Gießen wohnende Personen abzugeben, wenn entweder die Armuth des Empfängers durch das Armenamt oder die Bezirksvorsteher bescheinigt oder das Rezept von dem Arzte mit dem Beisatz eilt oderarm versehen ist. Für die Bezahl⸗ ung kommt die Armenkasse auf.

So zialistische Literatur. Mit einem guten Buche wird man jedem Parteige nossen ein hübsches Weihnachtsgeschenk machen können. Wer deshalb für seinen Gatten, Freund oder sonstigen Angehörigen wegen eines sol chen in Verlegenheit ist, dem seien folgende Werke empfohlen: Bebel, die Frau und der Sozia lismus, eleg. geb. 2,50 Mk.; Simon, Gesund⸗ heitspflege des Weibes 2,50 Mk.; Köhler, Welt⸗ schöpfung und Weltuntergang 3,50 Mk.; Long⸗ kavel, Der Mensch und seine Rassen(reich illu⸗ strirt) 5,50 Mk.; Bommeli, Die Thierwelt 7,10 Mark, desgl. Pflanzenwelt 5,50 Mk.; Deutsche Arbeiter-⸗Dichtung: Gedichte von Hasenclever, Frohme, Kegel, Audorf, Schön, Lepp ꝛc., 5 Bänd⸗ chen zu je 1, Mk.; Cech, Lieder eines Sklaven 3, Mk.; Kegel, Lichtstrahlen der Poesie 3,50 Mark; Stimmen der Freiheit 6, Mk.; Jacoby, Es werde Licht 2, Mk.; Wurm, Volkslexikon, 4 Bände und 1 Ergänzungsband 26, Mk.;

buch für große und leine Kinder,75 Mk. Zu beziehen durch unsere Expedition, Buchhandlung H. Schneider, Gießen, Sonnenstraße 25.

Ertrunken. Vorigen Samstag fiel das Sjährige Söhnchen des Schuldieners Becker in der Nähe des Eisenbahndammes in die ange⸗ schwollene Wieseck und ertrank. Erst am Mitt⸗ woch wurde die Leiche aufgefunden.

Tödtlicher Sturz. Bei dem Abbruch des Hinterhauses Schloßgasse 9 stürzte am Don⸗ nerstag Nachmittag der Dachdecker Karl Niko⸗ lai von hier, der mit dem Abdecken des Daches beschäftigt war, auf das Pflaster herab und war sofort eine Leiche. Der Verunglückte stand im Alter von 25 Jahren und war, was man in solch' traurigem Fall noch als ein Glück be⸗ zeichnen kann, unverheirathet. Es haben aber seine hier wohnenden, betagten Eltern den jä⸗ hen Tod ihres Sohnes zu beklagen.

Der Metzgerladen, in dem an Sozial⸗ demokraten nicht verkauft wird, befindet sich in der Bahnhofstraße in der Nähe der Westanlage. Das war aus der Notiz in der letz⸗ ten Nummer, weil darin eine Zeile fehlte, nicht deutlich genug zu ersehen, weshalb wir es hier⸗ mit nachholen. Untere Genossen dürfen nicht in die Verlegenheit kommen, Wurst zu kaufen, die ausschließlich nur für konservative oder na⸗ tionalliberale Konsumenten hergestellt wurde, für Sozialdemokraten deshalb vielleicht unge⸗ nießbar ist!

Eine Versammlung in Garbenteich die dort am Sonntag stattfand und in der Gen. Vetters überWeltmachtspolitik sprach, war ziemlich gut besucht. Die Anwesenden waren in der Mißbilligung des Chinazuges, sowie in der Verurtheilung der Hunnenthaten vollkom⸗ men einig mit dem Referenten.

Aus Wetzlar. a

th. Vom Theilen. Wie verlautet, theilte der Vorstand der Buderus'schen Eisen wer ke dem Aufsichtsrath mit, daß für das lau⸗ fende Geschäftsjahr eine Dividende von ne un Prozent zur Vertheilung gelangen könne. Dabei sind noch bedeutende Abschreibungen, hö⸗

here als im Vorjahre, vorgenommen worden.

Also können die Herren Aktionäre wohl leidlich zufrieden sein. Weniger vielleicht die Arbeiter. Denn der weitaus größte Theil derselben erhält Löhne, bei denen sie es niemals, selbst wenn sie auf alle menschlichen Bedürfnisse verzichteten, zum Rentier bringen. Sogar Herr Dr. Burckhardt würde, in die Lage der Buderus⸗ schen Arbeiter versetzt, an seiner Theorie ver⸗ zweifeln. Aber sie mögen sich trösten; wenn sie mal Jahrzehnte lang auf dem Werke sich abgerackert haben und ihre Kräfte schwinden, dann bekommen sie ein Ehrenzeichen, vielleicht sogar eine Medaille mit der Aufschrift:Für Treue in der Arbeit und können gehen.

Begeisterung ist keine Pöckel⸗ waare, am allerwenigsten die Flottenbegeist⸗ erung. Das merkte man so recht an dergro⸗ ßen Versammlung des alldeutschen Vereins, die am Mittwoch Abend stattfand. Trotz aller nur möglicher Reklame, trotz spezieller Einlad⸗ ung einer Anzahl Vereine hatten sich höchstens 40 Personen eingefunden, Kellner und alles Sonstige mitgezählt. Natürlich trat der Vor⸗ tragende, Herr Pfister aus Ortenberg für Ver⸗ mehrung der Flotte ein, die uns bitter nothwen⸗ dig ist, und außerdem kündigte er den Polen, Dänen, Protestlern und selbstverständlich Sozialdemokraten den Vernichtungskrieg an. DieRömlinge rechnet er wie es scheint, nicht mehr zum vaterlandslosen Gesindel, seitdem sie Regierungspartei geworden sind und mit größerer Eleganz als sonst die Nationalliberalen über den Stock bringen. Nun, vielleicht ge⸗ lingt Herrn Pfister, was schon so vielen Mäch⸗ tigen unmöglich war, die Vernichtung der So⸗ zialdemokratie! Wenn er zu uns kommt, wir können ihm sogar sagen, wie er's machen soll.

Prozeß Sternberg.

Im Laufe der weiteren Verhandlungen wur⸗ den mehrere als Zeugen vernommene Perso⸗ nen wegen Verdacht des Meineids verhaftet.

Die Zeugenaussage des verhafteten Kriminal⸗

Liebknecht, Fremdwörterbuch 3,20 Mk.; Bilder⸗ kommissars Thiel belastete den Vertheidiger,

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