Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 29.
Seite 6. Anterhaltungsteil. Glaube.
Du Glaube wohnest nicht in Kirchenhallen, Und an Altären bist Du nie gediehen; Du schüchtern Kind willst dem Gedräng entfliehen Und unbelauscht Dein einsam Sprüchlein lallen.
Du suchst die Wälder, wo die Wasser fallen,
Du liebst den Himmel, wo die Sterne ziehen; Die Brust nur, der des Zweifels Kraft verliehen, Magst Du, ein stiller Friedenshauch, durchwallen.
Wo Priester droh'n und Gift und Galle sprühen, Da stehst Du traurig an des Tempels Pforte; Da nahst Du nicht, wo feige Knechte beben.
Wo freie Seelen für die Wahrheit glühen, Schwebst Du daher und sagt mit festem Worte:
Wer Ew'gen lebt, der wird auch ewig leben. L. Pfau.
In Fesseln.
91 Novelle von Elise Schweichel.
Johanna hatte mit steigender Ueberraschung zugehört. Solche auf das geistige Gebict hinüber⸗ greifende Vergleiche hätte sie der Frau nach deren schlichten Aeußerungen nicht zugetraut. Während sie ihr zuhörte, hatte sie an ihren eigenen Er⸗ fahrungen die Richtigkeit des Bildes geprüft. In Bezug auf Julius stimmte es merkwürdig; in Bezug auf Anton war es jedoch grundfalsch. Anton hätte bei aller Männlichkeit das Gemüt einer Frau, meinte sie. Ihre Gedanken weilten immer und immer wieder bei ihm, und sie ergriff jede Gelegenheit, sich von Frau Bartels von Amerika und deren Leben daselbst erzählen zu lassen.
Diese Gespräche regten sie an und gaben ihr neuen Lebensmut. Sie begann, sich nach Arbeit umzusehen, die ihr alsbald von allen Seiten zu⸗ strömte.
Um das junge Paar, welches nach wenigen Tagen von seinem Dresdener Ausflug zurück- gekehrt war, kümmerte sie sich so wenig wie möglich. Sie überließ die Glücklichen sich selbst und vermied es bei ihren seltenen kurzen Besuchen näher in ihre Wirtschaft zu sehen. Nach der Zärtlichkeit, mit der sie einander überhäuften, war das Glück ein überschwängliches, sie selbst dabei überflüssig.
Dem Rate der Frau Bartels folgend, begann sie mehr an sich selbst zu denken. Die Hoffnung einer Vereinigung mit Anton faßte immer tiefer Wurzel in ihrem Herzen. Von Tag zu Tag harrte sie eines Briefes, der ihr seinen Aufent⸗ haltzort anzeige. Dann konnte sie ihn zu sich rufen und die grenzenlose Sehnsucht stillen, sich sich endlich einmal an eine stärkere Brust lehnen, ihr vereinsamtes Herz in ein anderes ergießen.
Um die Neujahrszeit traf der ersehnte Brief ein. Er war aus Liverpool datiert und kurz vor dem Auslaufen des Schiffes geschrieben, welches Anton nach Amerika trug. Er hatte die Eisendistrikte Englands durchstreift, die großen Betriebe sich angesehen, auch einige Zeit in einer der größten Maschinenfabriken Birminghams ge⸗ arbeitet. Er war wie berauscht von dem er⸗ weiterten Blick, der sich ihm nach allen Richtungen erschloß, von dem Neuen und Großartigen, das ihm auf jedem Schritt entgegentrat und ihm einen ganz andern Begriff von Welt und Leben gab. Und wer, wer hatte ihn hinausgeschickt, wider seinen Willen hinausgeschickt und ihm so zu dem Besten, was dem Menschen werden kann, verholfen. Sie Johanna hatte es gethan und er dankte ihr es tausendmal. Jetzt wollte er aber auch den erwachten Durst nach Erweiterung seiner Kenntnisse durch eigne Anschauung nach Herzens lust stillen, Amerika nach allen Richtungen durch⸗ streifen, abwechselnd arbeitend und ein Wander⸗ leben führend. Zwei Jahre hatte er sich vorge— setzt. Alles, alles wollte er sehen, zuerst das
Wunderwerk der Pacifiebahn. Vom Gestade des
Stillen Oceans wurde er ihr die nächsten Grüße schicken.
Johanna ließ das Blatt kraftlos sinlen.
Zwei Jahre! Es schien ihr eine Ewigkeit.
Aber konnte sie ihn jetzt zurückrufen, von ihm fordern, daß er den weltweiten Sinn mit ihr in vier enge Wände einschlösse? Wie lange würde ein solches Glück dauern? Nein, sie mußte ab⸗ warten, bis er selbst nach dieser Enge Verlangen trüge.
Als sie an diesem Abend schlafen ging, legte sie den Brief zwar unter ihr Kopfkissen, wie sie es mit dem ersten gethan, allein sie hatte nicht den Mut, ihn wieder zu lesen. Sie mußte über sich selber lächeln, als sie sich bei ihrer Nacht⸗ toilette im Spiegel sah, daß sie gelaubt, Anton werde sie noch mit diesen kurzen, krausen Locken sehen, die, seit ihr das Haar nach der Krankheit ansgegangen, in üppiger Fülle wuchsen und sie reizend kleideten. Sie schämte sich fast der kleinen Eitelkeit.
In dieser Stimmung empfand sie es fast wie eine Wohlthat, als Julius sie eines Tages bat, ihm eine kleine Summe vorzustreckn. Er käme mit seiner Arbeit nicht so rasch vorwärts, wie er gehofft, und Suschen verbrauche viel Geld. Es wäre deshalb schon zu Scenen zwischen ihnen gekommen, aber sie verstände es bei ihrer Jugend nicht besser, sie müßte erst lernen, ökonomisch wirtschaften; man müßte Geduld mit ihr haben, und zwar um so mehr, als sie sich in delikaten Umständen befände.
Johanna holte freudig ihre geringen Er⸗ sparnisse herbei. So war sie doch wieder einem Menschen notwendig und noch dazu dem geliebten Bruder; so hatte doch ihr Leben, ihre Arbeit wieder einen Zweck. Für ihre Aussteuer, falls sie deren jemals bedürfen sollte, hatte sie ja noch Zeit genug, zu sparen.
Von nun an steuerte Johanna regelmäßig zu dem Haushalt ihres Bruders bei.
So vergingen Winter und Sommer. Ende August erblickte der erwartete kleine Erdenbürger das Licht der Welt. Es war eine kleine Erden⸗ bürgerin, und die Arme, welche das Kind ins Leben trugen, waren die Johannas. Bis die junge Mutter ganz genesen, war sie seine Pflegerin.
„Wie du den Wurm nur so lieb haben kannst,“ sagte eines Suschen, zu ihrer Schwägerin.„So eine garstige, rote Padde!“
„Was thut das? Ich denke, wie es später sein wird, und überhaupt giebt ja ein Kind so viel zu denken.“
„Ach, mit deinem ewigen Denken!“ sagte Suschen, die behaglich auf dem Sofa lag.
Julius hatte jetzt sein großes, schönes Arbeits— zimmer zum Schlaf⸗ und Wohnzimmer hergeben und das kleine Hinterzimmer beziehen müssen.
Sie übergab das Kind, welches sie auf dem Schoße gehalten, der Frau Champagner und ging. Diese hatte sich ihrer Nichte nur als Hilfe in der schweren Zeit angeboten, sonst sich voll⸗ kommen ferngehalten. Sie war sogar aus dem Hause fortgezogen, um Julius durch ihren An⸗ blick kein Aergernis zu geben. Jetzt mußte er sich die Gegenwart der Frau freilich gefallen lassen, aber es war ihm jedeswal ein Stich ins Herz, wenn er sie im Zimmer traf. Das Wort richtete er nie an sie. ö
Hatte Suschen die Beschäftigung mit der Wirischaft bei den unzureichenden Geldmitteln schon früher für Plage gehalten, so ward ihr die verdoppelte Arbeit, die Kuhelosigkeit bei Tag und Nacht, welche das Kind verursachte, zur unerträglichen Last. Sie müßte wenigstens von Zeit zu Zeit eine Zerstreuung haben. Gleich einem Tier in einer Höhle u leben, wie sie sich ausdrückte, konnte sie nicht. Da sie kein Geld hattte, um sich Vergnügungen zu verschaffen, wollte sie durch ihre Bekanntschaften am Theater wenigstens dieses mitunter besuchen.
Julius konnte ihr dies nicht verweigern, er mußte selbft einsehen, daß es ein schweres Leben für das junge Frauchen war. Er begleitete sie sogar einige Mal ins Thater; allmählich aber ging sie öfter allein und dann gewöhnlich hinter die Coulissen. Da Julius dies nicht gerne sah, verschwieg sie es ihm.
Eines Abends, gegen Ende April, Johanna f
war schon zu Bette gegangen, klopfte es an ihre Thür. 7
blick,“ hörte sie Julius sagen.
Hastig warf sie ihre Röcke über und öffnete.
Ein Licht in der Hand, stand Julius mit verstörten Mienen vor ihr.
„Denke dir, Suschen ist noch nicht aus dem Theater zurück,“ sagte er.„Es ist zwölf Uhr. Das Kind ist sehr unruhig, ich weiß nicht, was ich mit anfangen soll. Die Champagner ist um zehn Uhr gegangen. Willst du nicht so gut sein, heraufzukommen?“
„Sogleich, ich will mich nur anziehen,“ war die Antwort. Zähneklappernd zündete sie ihre 0 an, befestigte ihre Kleider und eilte Julius nach.
Ihr Erstes war, das schreiende Kind zu be⸗ ruhigen, indem sie ihm seine Flasche bereitete und es neu bettete. Julius wanderte während dessen von einem Fenster zum andern und schaute und horchte hinaus.
„Unbegreiflich, unbegreiflich, wo sie nur bleibt,“ murmelte er unaufhörlich.
„Sie wird mit ihren Bekannten vom Theater in einem Restaurant sitzen und gar nicht wissen, wie spät es bereits geworden. Beruhige dich nur, sie muß doch jeden Augenblick kommen.“
Allein, es verging ein Augenblick nach dem andern, es wurde ein, zwei Uhr, und Suschen kam nicht. Der Verdacht, daß sie überhaupt nicht zurückkehren würde, bemächtigte sich beider Geschwister mit gleicher Stärke.
„Habt Ihr in den letzten Tagen etwas mit⸗ einander vorgehabt?“ fragte Johanna wie beiläufig..
„Vorgehabt?“ lachte Julius bitter auf.„O ja, mehr als genug. Und zwar immer wegen des leidigen Geldpunktes und des einförmigen Lebens, das wir führen. Ach, Hans, Hans, sie kommt nicht wieder zu mir zurück,“ brach er in ein erschütterndes Weinen aus, während er sich in seinen Stuhl warf.
Johanna eilte auf ihn zu, lehnte seinen Kopf an ihre Brust und suchte ihm seinen Verdacht auszureden, während ihr selbst die Thränen von den Wangen tropften.
Er lauschte begierig ihren Worten, aber seine Verdachtsgründe waren größer als ihre Trost⸗ gründe. Verzweiflungsvoll sprang er auf.
„Nein, nein, sie kommt nicht wieder. Es ist bereits zwei Uhr vorbei. Und so— so mich zu verlassen! In dieser Situation, ohne ein Wort— ohne auch nur ein einziges Abschieds⸗ wort!“
„Komm laß uns suchen,“ sagte Johanna, froh, ein Mittel gefunden zu haben, ihn zu beschäftigen.
„Hast du denn schon überall nachgesehen? Liegt
nichts auf deinem Schreibtisch zwischen den Papieren? Und halt, sie würde doch nicht ge⸗ gangen sein, ohne ihre Wäsche und Kleider mit⸗ zunehmen. Wenn diese da sind, so hast du ihr mit deinem Verdacht großes Unrecht gethan. Mit Augen, die aus ihren Höhlen zu quellen
schienen, folgte Julius der Schwester, welche die
Lampe ergriff, um Kommode und Schr eink zu untersuchen. Alle guten Sachen fehlten, nur altes geflicktes Zeug sand sich vor.
Tief aufstöhnend sank Julius auf den nächsten Stuhl.
Johanza stand wie vernichtet. ein Wort.
Es war, als ob die Nacht ewig währen wollte. Endlich tagte ein regnerischer Morgen.
So früh es sich thun ließ, ging Johanna zu ihrem Hauswirt, um ihn zu bitten, die geeig⸗ neten Nachforschungen nach ihrer Schwägerin anzustellen.
und bezeugten den Geschwistern das innigste Mit⸗ gefühl. Herr Bartels erinnerte sich jetzt, gestern zwischen fünf und sechs Uhr ein Koffer forttragen gesehen zu haben. Er hätte sich zwar gewundert, aber doch kein Recht gehabt, zu inquirieren. Er hatte in Amerika die Freiheit des J. uns achten gelernt.(Fortsetzung folgt.)
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„Ich bin es, Hans, bitte, auf einen Augen⸗
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Herr Bartels zeigte sich sogleich bereit. Er wie seine Frau waren tief erschrocken
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