Ausgabe 
12.8.1900
 
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Rr. 33. Gießen, Sonntag, den 12. August 1900. 7. Jahrg.

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Wilhelm

Viobknecht tot!

8 Ein schwerer Schlag hat unsere Partei, hat die deutsche und So ruhe denn wohl, lieber Alter! Auch die Genossen Deiner

die ganze internationale Arbeiterbewegung betroffen: Vaterstadt sagen Dir mit denen aller Länder heißen Dank für alles,

Wilhelm Liebknecht, unser greiser, mutiger, trotz seines] was Du für uns gethan! Dein Angedenken wird in uns unaus⸗

hohen Alters noch immer jugendfrischer Vorkämpfer ist gestorben.] löschlich fortleb'n. Wir aber geloben an der Bahre unseres un⸗

g Tieferschüttert vernahmen es Millionen Proletarier, als am Dienstag vergeßlichen Freundes und Mitkämpfers, für die hohen Ideale, denen

i in den Nachmittagsstunden von Berlin die Nachricht eintraf, daß sein Leben gewidmet war, unermüdlich weiter zu kämpfen Folgen

unser treuer Genosse am Morgen 4 Uhr von einem jähen Tode wir seinem Beispiele treuer Pflichterfüllung, damit ehren wir am

dahingerafft wurde. Ein Gehirnschlag hatte seinem vielbewegten[ besten sein Andenken, dessen Kampfeswort stets lautete: Vorwärts!

a Leben rasch ein Ziel gesetzt. Um so unerwarteter trifft uns Alle Wilhelm Liebknecht wurde hier in Gießen am 29. März 1826

reisver⸗ die schmerzliche Kunde, als nicht die geringste Krankheit das nahe Abe 115 e ee 11 5 170 a eee 3055 Hause

J Ende unseres geliebten Führers befürchten ließ. Seine eiserne Natur, 1 12 Ne ele wier e u 20 Pfg. sein durch einfache Lebens weise gestählter Körper trotzte allen An⸗ laufbahn bestimmt. Das sagte seinem regen Geiste nicht zu und veranlaßten 5 strengungen und Verfolgungen. Es schien, als hätte die Zeit keine] ihu, gleich einem seiner Vorfahren, der zu Anfang des 18. Jahrhunderts Pro⸗ 8 en. Gewalt über ihn. 5 aun 1 780 e e eie 1 sich 1 1 N 7 3 1 elehrtenlaufbahn zu widmen. L 430 aher, na em er die n. ö 1 Noch in den letzten Tagen war er in Sachsen agitatorisch Aang ue der besten Note bestanden hatte, bie Universt ät 1 0 J

5 tets Offensive! u Haus, in seiner Familie angekommen, hat der Bewegung an, die bald darauf der preußischen Uebermacht erlag. Nunmehr 1. 7 ge N egung 1 n f g 2 5 er sodann noch bis nachts 71 Uhr gearbeitet. Kein Anzeichen aden sich Liebknecht als Seren nach der Schweiz, wo er in den deutschen . 2 8 beit* ie 7 9 le. des a FIICörn 8 ühen M gegen 4 Uhr wurde seine Frau durch ein letzte, war Liebknechts Vorschule für seine zukünftige Lat 1 5 5 frühen orgen gegen Ah 5 0 ö lebte, war Liebknechts Vorschule für seine zukünftige Laufbahn. An der Seite 7 schweres Röcheln geweckt. Wilhelm Liebknecht hatte sich, im letzten] von Marx und Engels erkannte er die gewaltige Aufgabe, die Arbeiter und 1 Widerstande gegen den andrängenden Tod, halb aus dem Bette afra 1 e 898 fen d e f 5.::; 8 assenpartei zu konstituiren, deren Ziel sein mußte die Beseitigung jeder Aus⸗ 2 emporgerichtet. Der Arzt war in wenigen Minuten zur Stelle. beutung des Menschen durch den Menschen, die Herstellung der Gesellschaft der 5b Er konnte nur noch den Tod feststellen. 1 5 Freien und Gleichen. Als er 1862 nach Deutschland zurückgekehrt war, wurde 2 Was uns Liebknecht war, was er für die Partei und das er mit Ferdinand Lassalse, und gleich diesemausgerüstet mit der Wissenschaft

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0 j i 10; Aus Preußen ausgewiesen, weil er dem Bersuche Bismarck's, die junge 1 samten Arbeiterschaft empfunden wird, dafür legen die warmen, sozialistische Bewegung als Bbfeann für seine cäsaristisch⸗junkerlichen Zwecke zu n innigen Nachrufe, die demSoldaten der Revolutionwie benutzen, entgegentrat, fand er sich 1865 in die Zwangslage versaßzt, einen J. er sich selbst nannte, in allen Parteiblättern gewidmet werden, be⸗ neuen Wohnort zu wählen, und er entschied sich für Leipzig, wohin ihn ange⸗ 8 redtes Zeugnis ab. Und Keiner, dem die Trauerkunde wird, kann[nehme Jugenderinnerungen, sowie die Regsamkeit der dortigen Arbeiter zogen.

Streng solid!

thätig, sprach in Dresden und Umgegend in überfüllten Versamm⸗ lungen mit der Frische und dem jugendlichen Feuer, das die Genossen von je an ihm gewohnt waren. Fast bei der Arbeit hat ihn der Tod ereilt. Er hat noch am Montag Nachmittag an einer Beratung der Parteileitung teilgenommen und übernahm das Referat für den

Parteitag über dieWeltpolitik. Dann kam er auf die Redaktion,

desVorwärts und arbeitete bis zum Abend. Er schied von seinen Kollegen unter Besprechung der Tagesereignisse und gab ihnen als letztes Wort die Weisung: Niemals in die Defensive drängen lassen,

internationale Proletariat bedeutete, ist in wenig Zeilen unmöglich zu schildern. Wie tief und schmerzlich sein Verlust von der ge⸗

den Schmerz über den Heimgang des treuen Kämpfers verbergen. Diese schmerzliche Empfindung wird auch überall auf dem ganzen Erdball zum Durchbruch gelangen, wo immer sich ein klassenbewußtes Proletariat findet, das diejenigen ehrt, welche für seine Befreiung und soziale Besserstellung wirken. Wer hätte auchunsern Alten nicht gekannt. Von den älteren Genossen wird es kaum einen geben, der ihn nicht persönlich gesehen hätte, ein Freund und Vertrauter war er uns allen. Im Herzen des Volkes hat er sich ein Denkmal errichtet, dauernder als Erz. Der schlichte Mann, dem jeder Per⸗ sonenkultus verhaßt, war geliebt und geehrt von Alt und Jung. Dem von der Reaktion bestgehaßten, rauhen Kämpfer waren wegen seiner Opferwilligkeit, Ueberzeugungstreue, seines edelmütigen und hilfreichen Wesens alle Mitstreiter innig zugethan. Als Gründer

der Partei stand er beinahe ein halbes Jahrhundert an ihrer Spitze kratischen Partei desVorwärts übernahm. Sein 1879 ükernommenes Man⸗ und führte sie durch zahllose Kämpfe und auch innere Fehden von dat in den sächsischen Landtag wurde infolge der Ubersiedelung 1892 für er⸗ Sieg zu Sieg. Sein Wissen, sein Ratschlag leitete die Partei durch loschen erklärt. eit 1874 gehörte Liebknecht 1 Reichstag ununterbrochen an

alle Fährnisse, seine markige Rede begeisterte Millionen Proletarier. Wo je ein Zwist ausbrach, wußte er versöhnend zu vermitteln Aber, er hat auch die Frucht seiner ununterbrochenen Arbeit am Kultur⸗ werk der Arbeiteremanzipation reifen sehen. Es war ihm vergönnt, die Sache, für die er unentwegt stritt, für die er verfolgt, gehetzt wurde, für die er jahrelang hinter Kerker mauern gelitten, sich ihrem endgültigen Siege mit gewaltigen Schritten nähern zu sehen.

sich mit den verschiedenen Materien, zuerst mit Theologie und Philologie dana vorwiegend mit philosophischen Studien, wobei er nacheinander auf den Universitäten von Gießen, Marburg und Berlin weilte.

Schon frühzeitig fesselten die politischen Vorgänge seine Aufmerksamkeit und es zog ihn nach Paris, als dort 148 die Februar-Revolution ausge⸗ brochen war. Als er dort anlangte, war der Kampf indeß schon entschieden, der Julithron des Bürgerkönigs Louis Philipp gestürzt. Als sodann Gustav Strube von der Schwetz aus einen Einfall ins Badische machte, um dort die Republik zu errichten, fand sich Wilhelm Liebknecht unter den Freischärlern. Gleich Struve wurde auch er gefangen; nach einer neunmonatlichen Untersuch⸗ ungshaft erfolgte seine Freisprechung, und sofort schloß sich der Jüngling wieder

des Jahrhunderts, der Führer der deutschen Arbeiter, der, heldenhaft voran⸗ stürmend, ihnen die Bahn brach in das Land der Feinde.

Dort leitete er dieMitteldeutsche Volkszeitung, die 1966 von der preußtischen Behörde unterdrückt wurde. Nach dem Frierdensschluß 1866 wurde er in Berlin wegen Bannbruchs verhaftet, und zu dreimonatlicher Gefängnißstrafe verurtheilt. Nachdem er 1868 in den Norddeutschen Reichstag gewählt worden war, über⸗ nahm er am 1. J nuar 1868 die Leitung des demokratischen Wochenblattes in Leipzig, daß 1868 nach Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu Eisenach, in denVolksstaat umgewandelt wurde. 1872 wurde Liebknecht zu⸗ sammen mit August Bebel vom Leip iger Schwurgericht wegen Vorberei ung zum Hochverrath zu zwei Jahren Festung verurtheilt; während dieser Haft er⸗ solgte 1874 seine Wahl in den deutschen Reichstag.

Als derVolksstaat in denVorwärts aufgegangen war, redigirte Liebknecht auch diesen, das Zentralorgan der(wesentlich mit durch seine Be⸗ mühungen) vereinigten Eisenacher und Lassalleaner, bis zu der 1878 erfolgten Unterdrückung des Blattes. Auf Grund des Sozialistengesetzes 1881 aus⸗ gewiesen, nahm Liebknecht seinen Wohnsitz in Borsdorf, unternahm 1886 eine Reise nach Nordamerika und siedelte 1890 nach Ablauf des Sozialistengesetzes nach Berlin über, wo er die Redaktion des offiziellen Organs der sozialdemo⸗

und vertrat seit 1887 den 6. Berliner Wahlkreis. Gefaängnisstrafen dürfte Liebknecht zusammen über 6 Jahre verbüßt haben; zum letztenmal wurde er im November 1895 wegen Majestäts die er in der Begrüßungs⸗ rede an dem Breslauer Parteitag begangen sängnis verurteilt.

Das Begräbnis findet Sonntag, den 12. August, mittags 12½, Uhr, vom Trauerhause, Charlottenburg, Kantstr. k60, aus nach dem städtischen Friedhofe im Friedrichsfelde statt.

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