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Nr. 7.

Gießen, Sonntag, den 11. Februar 1900.

7. Jahrg.

Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgaffe.

Mitteldeutsche

Sonntags-

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Rüstungen!

pv. Alle Welt rüstet. Europa ist zu einem Kriegslager geworden. Noch nie standen solche Massen unter Waffen. Es sind ganze Städte gebaut worden, die nichts enthalten als Kasernen, die von Soldaten überfüllt sind. Es wurden, wenn man alles zusammenrechnet, Milliarden zum Kasernenbau verbraucht. und noch soviel für Festungen. Fast vier Millionen junge Männer werden fortwährend im Gebrauch der raffiniertesten Mordwerkzeuge des Krieges ein⸗ geübt, während mindestens fünfmal soviel als Reserve für den Krieg bereit gehalten werden. Ueber 150000 widmen sich, abgesehen schon von den englischen Werbemannschaften, dem Kriegshandwerk berufsmäßig als Offiziere und drei⸗ bis viermal soviel Unteroffiziere stehen ihnen bei. Zu diesem gewaltigen Volk der Kasernen kommt jenes der Kriegsschiffe, das zwar minder zahlreich ist, aber den Völkern im Verhältnis viel teurer zu stehen kommt. Schwimmende Ungeheuer werden gebaut, Wun⸗ derwerke der mechanischen Kunst, die zu nichts nütze sind, als nur, um sich gegenseitig und um mit Gütern beladene Handelsschiffe zu zerstören. Die Völker bezahlen diese Kriegsspielzeuge Stück für Stück mit 1625 Millionen Mark. Fabriken und Eisenhütten mit zahlreicher Ar⸗ beiterschaft sind Tag und Nacht thätig, um Gewehre, Kanonen, Panzerschiffe, Sprengstoffe zu verfertigen. Das Kruppsche Werk allein ist eine Industriestadt. Was ließe sich nicht alles erreichen, wenn man diese geschickten, fleißigen Arbeitshände, diese großartigen maschinellen Vorrichtungen zur Erzzugung der Güter des Lebensbedarfes, von Maschinen, welche den Landbau erleichtern und dessen Erträge steigern, verwenden wollte! Statt dessen bauen ste Mordinstrumente für die vier Millionen Sol⸗ daten des stehenden Heeres, die das Brot anderer verzehren! Welche Summen don Scharfsinn, Fleiß und Wissenschaft werden auf⸗ gewendet, um eine neue Schieß vorrichtung oder einen neuen Sprengstoff zu erfinden, die geeignet wären, in kürzerer Zeit größere Menschenmassen in einen blutigen Brei zu verwandeln! Wie wird eifrig studiert und geforscht, um eine bessere Methode des Massenmordes zu entdecken! Ist das die Kultur, die wir erreicht haben? Wissen wir am Ende des neunzehnten Jahr⸗ hunderts nichts besseres zu thun, als nach Mitteln zu sinnen, um uns gegenseitig zu ver⸗ nichten? Was ist denn das für eine Ordnung der Dinge, die solche Zustände gebiert?

Besinnen wir uns doch auf uns selbst! Sind wir wirklich nur dazu da, um Steuern zu zahlen und Soldat zu spielen? Sollen wir die neuen Rüstungen und die neuen Steuern geduldig hinnehmen wie Regenwetter und Hagel⸗ schlag, die unvermeidlich sind?

Noch niemals in der Geschichte fand eine solche Verschwendung von menschlicher Arbeit und menschlichem Gut statt, wie in unserer Zeit. Niemals haben die Regierungen die Völker zu so kolossalen nutzlosen Arbeiten an⸗ gehalten, wie in unserer Zeit. Der Bau der ägyptischen Pyramiden war ein Kinderspiel im Vergleich zu den modernen Kriegsrüstungen. Zu welchem Zweck das alles? Was giebt es zu verteidigen? Was gilt es zu erringen?

Fragen wir die Militärs, die es ja am besten wissen müssen! In einem Buch, das für die deutsche Armee höchst autoritär ist und auf seinem Vorderblatt die Widmung an den Chef des deutschen Generalstabs trägt, in dem unter der Redaktion des Generalleutnants v. Pelet⸗ Narbonne herausgegebenen Sammelwerk:Das Militärwesen in feuer Entwickelung, finde ich folgende Auskunft auf die uns interessterende Frage:

Zukunftskriege werden wohl meistens durch Gewinnsucht herrschender Kreise eines Staates, handels politische Differenzen oder Pläne, durch Konkurrenz bei der Erwerbung neuer Märkte für die heimische Industrie oder durch die Not⸗ wendigkeit für einen Staat, seiner zu zahlreich gewordenen Bevölkerung mehr Wohnraum zu gewinnen, entstehen.

Das sollen also die Gründe sein der enormen Kriegsrüstungen. Prüfen wir diese Gründe!

DieGewinnsucht herrschender Kreise ja gewiß, das sehen wir ja jetzt an England! Sollen wir nun zu dem Zwecke rüsten und das Volk mit Steuern belasten, um eine beute⸗ gierige Kamarilla zu ihren Schandthaten auf⸗ zumuntern?!!

Handelspolitische Differenzen oder Pläne. Das klingt anders und ist doch im Grunde genommen dasselbe: die Gewinnsucht der herr⸗ schenden Kapitalistenklasse. Es ist der ewige Zank und Hader der kapitalistischen Kliquen, die sich gegenseitig in der Ausbeutung der Völker stören. Es ist der Widerstreit zwischen dem Verlangen nach Schutzzöllen für das eigene Land, um die Konsumenten durch teuere Preise ausbeuten zu können, und dem Schrei nach Freihandel für das Ausland, um auf Kosten der eigenen Konsumenten die fremden Produ⸗ zenten durch Schleuderpreise unterbieten zu können. Die Völker Europas wünschen nichts sehnsüchtiger, als den handelspolitischen Frieden, die Beseitigung des Wirrwars der Schutzzölle, unter dem Europa in seiner Gesamtheit jetzt nicht minder leidet, als im Ausgang des vorigen Jahrhunderts jedes einzelne Land unter den Binnenzöllen. Diese kapitalistische Handelspolitik ist es nur noch, die die Nationen von einander trennt und ste daran hindert, in gemeinsamer Thätigkeit auf grund einer aus der Natur der Verhältnisse sich ergebenden Arbeitsteilung das Werk der Kultur und des allgemeinen Wohlstandes zu fördern. Dient der Militarismus dieser kapitalistischen Handels⸗ politik, dann um so mehr Grund, ihn zu be⸗ seitigen.

Um gerecht zu sein, wollen wir hervorheben, daß handelspolitische Differenzen zwischen euro⸗ päischen Industriestaaten kaum je zu einem Krieg führen werden. Dazu ist die Gemeinsam⸗ samkeit der wirtschaftlichen Interessen denn doch bereits zu groß. Und so kam es bei deu ver⸗ schiedenen unblutigen Zollkriegen der letzten Zeit keinem Menschen in den Sinn, deshalb zum militärischen Krieg zu hetzen. Viel gefähr⸗ licher ist in der Beziehung der dritte Punkt der Begründung:Konkurrenz bei der Er⸗ werbung neuer Märkte.

Neue Märkte! Wo? Bei den Mongolen, bei den Negern! Da drüben, über dem großen Ozean, wohnt ein armes Volk von Bauern. Es haust in elenden Hütten, ist in Lumpen

gekleidet und ernährt sich von einer Handvoll Reis. Was soll dies Volk von Bettlern kaufen können? Aber darauf kommt es gar nicht au. Die europäische Industrie sucht bloß nach einer Gelegenheit, ihren Ueberschuß an Kapital los⸗ zuwerden. In China sollen Eisenbahnen gebaut werden das verschlingt viele Millionen, die sonst in Europa die Kassen der Banken drücken. Die Verzinsung garantiert der chinesische Staat, und fehlt es diesem an Geld, so holt er es sich aus den europäischen Banken. Das europäische Geld kommt unter die Kulis, die sich dafür Opium und Schnaps kaufen und die mit euro⸗ päischem Gelde erbaute Eisenbahn benutzen werden, um haufenweise der Küste zuzuströmen, von wo aus man sie auf europäischen Dampfern wird nach Europa überführen, damit sie den heimischen Arbeitern Konkurrenz machen. Das sind die neuen Märkte, die man mit militärischer Gewalt erschließt und die den Grund abgeben, besonders für die Marinerüstungen.

Schließlich der letzte Grund, der Menschen⸗ überschuß, den man los werden muß! Ein Ueberschuß an Gütern und ein Ueberschuß an Menschen! Warenmassen, die man mit Gewalt loszuwerden suchen muß, und überzählige Menschen, die für sich keinen Lebensunterhalt finden! Trotz der horrenden Kindersterblichkeit unter der proletarischen Bevölkerung, trotz der Krankheiten und des durch die Not erzeugt en Siechtums, die die Arbeiter frühzeitig zu Gra be führen, noch immer allzuviel Menschen! Erst beutet man die Arbeiter mit aller Kraft aus, und als infolgedessen enormes Elend auf der einen Seite eutsteht, enormer Reichtum auf der anderen, sodaß die Arbeiter darben, während die Unternehmer nicht wissen, wo sie ihr sich stetig mehrendes Kapital unterbringen sollen, dann legt man den Arbeitern Steuern auf, läßt sie die Lasten des Militarismus und Marinismus tragen, um das von ihnen im Schweiße ihres Angesichts erzeugte Kapital nach China zu verschleudern und sie selbst ihrer Heimat zu berauben!

Was braucht manneue Märkte weit in in der Ferne zu suchen man bessere die Lage der europäischen Arbeiter, man befreie sie von den Kriegsrüstungen, und in Europa selbst eröffnet sich einneuer Markt, der alles über⸗ steigt, was je in den Kolonien erreicht worden; man lasse jedem zukommen, was er verdient, und mit der Ueberproduktion an Gütern ver⸗ schwindet die Ueberproduktion an Menschen; und tritt die Sozialpolitik in den Vordergrund, so bekommt auch die Handelspolitik einen an⸗ deren Inhalt und ihre Aufgaben werden fried⸗ lich gelöst. Doch dieses Programm widerspricht derGewinnsucht der herrschenden Kreise, dem Ausbeutungsinteresse des Kapitals.

Die Kriegsrüstungen des modernen Europa sind das Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaft. Und ist der Militarismus dem Kapitalismus unentbehrlich geworden, so haben wir um so mehr den Militarismus zu bekämpfen, um den Kapitalismus zu beseitigen.

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