Gießen, Sonntag, den 6. Maf 1900.
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7. Jahrg.
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Was ist die deutsche Land⸗ wirtschaft?
Wenn der Bund der Landwirte und ihm
nach die bauernbündlerischen und antisemitischen Agitatoren von den gemeinsamen Interessen der deutschen Landwirtschaft sprechen, so begehen fie damit eine Verdrehung der Thatsachen. Der kleine Bauer und der großgrund⸗ besitzende Junker haben nicht dieselben, sondern entgegengesetzte Interessen und zwar von Alters her. Wenn heute der deutsche Bauer so arm ist, daß er thatsächlich in vielen Gegenden weit elender lebt wie der Fabrik⸗ arbeiter, so ist das nur die Folge davon, daß in früheren Jahrhunderten die Vorfahren der heutigen„bauernfreundlichen“ Junker den Bauern Haus und Hof mit Gewalt raubten(„Bauern- legen“) und sie durch Aufzwingung der Frohn⸗ dienste aus plünderten. Daher auch jener krasse Gegensatz zwischen den Millionen landarmer Bauern und den paar Zehntausenden Großgrund⸗ besitzern. 25 000 Großgrundbesitzer haben fast den vierten Teil des deutschen Grund und Bodens in Besitz, 280 000 bäuerliche Großgrundbesitzer haben fast ein Drittel, diese 305 000 Groß⸗ grundbesitzer zusammen also mehr als die Hälfte (54 Proz) des ganzen deutschen Grund und Bodens, während 5¼ Millionen Bauern die kleinere Hälfte(46 Proz) inne haben. Unter diesen 5 Millionen Bauern sind noch rund eine Million Besitzer mittlerer Bauerngüter(mit 5— 20 Hektar) und diese besitzen über ein Viertel des deutschen Bodens, sodaß für die 4 Mil⸗ lionen Besitzer kleiner Güter und Anwesen weniger wie ein Sechstel(15,6 Proz. des ganzen deutschen Bodens bleibt.
Die Zählung von 1882 und 1895 ergaben folgende
Verteilung des Grundbesitzes.
1882: 5,27 Mill. ldwsch. Betriebe mit 31,9 Mill. ha Fläche 1895: 5,66 1 7 7„„ 32,5 75 75„
Zunahme: 0,29 Mill. Betriebe und 0,6 Mill. ha Fläcge
Zu derselben Zeit wuchs die Gesamt⸗ bevölkerung des Reiches von 54,7 auf 52 Millionen, also um 13,5 Proz.! 1895 war der landwirtschaftliche Grund und Boden folgender⸗ maßen verteilt:
Prozent Fläche
Besitzer aller Millionen Besitzer ha Parzellen(bis 2 ha).... 3,24 Mill. 58,2 mit 1,8 keine Bauerngüter(2—5 ha) 1,01„ 18,3„ 3,3 mittlere(520 ha) 1,00„ 18,0„ 9,7
größere„(20100 ha) 281734 5,1„ 9,9 Großbetriebe(über 100 ha); 35 057 0,4„ 7,8
Die Parzellen unter 2 Hektar können nur im Ausnahmefalle als eigentliche Landwirt⸗ schaftsbetriebe gelten; es sind dies meist Gärten oder Landparzellen von Hausindustriellen und Fabrikarbeitern; das zeigt sich schon dadurch, daß von den 3,24 Millionen dieser Parzellen unter 2 Hektar nur 707 100 eine Größe von 1—2 Hektar hatten. Von 1882— 1895 hat die Zahl der ärmsten Proletarier unter den Land⸗ besitzern(mit Flächen unter 1 Hektar) noch um 205 000 zugenommen.
Bestellungen
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familie zu ernähren; auch hier herrscht, wenn es sich nicht um Wein⸗ oder Tabakbau handelt, der Gemüsebau, die Gartenwirtschaft vor. Nahezu die Hälfte der Betriebe hat 2—3 Hektar.
Also: diese 4,2 Millionen Inhaber der Be⸗ triebe bis zu 5 Hektar sind meist gänzlich davon ausgeschlossen, daß sie von den Getreide⸗ zöllen irgend einen Nutzen haben könnten, denn sie sind nicht in der Lage, Getreide verkaufen zu können, weil ihre Ernte nicht einmal langt, um sie selber zu ernähren. Daher haben diese 4,2 Millionen landwirtschaft⸗ licher Besitzer nicht Nutzen, sondern Schaden von der Preissteigerung des Getreides.
Man sieht hieraus, wie die Behauptung des Bundes der Landwirte, daß die Getreidezölle im Interesse der Hälfte der Bevölkerung Deutsch⸗ lands lägen, unwahr ist. Die gesamten 5,5 Millionen Besitzer repräsentieren mit ihren An⸗ gehörigen etwa 18 Millionen Personen, während die Hälfte der deutschen Bevölke ung 26 Mil⸗ lionen beträgt. Und von diesen 5,5 Millionen Besitzern kommen 4,2 Millionen, das wären samt Angehörigen 14 Millionen Personen, gar nicht in Frage. Auch von der einen Million mittleren Bauerngutsbesitzer wird
nur derjenige Teil kinen nennenswerten Vorteil
von den Getreidezöllen haben, der über guten Boden verfügt.
Zu demselben Resultat kam auch der Reichs⸗ kanzler Fürst Hohenlohe, der bei Beratung des ersten Antrags Kanitz am 29. März 1895 er⸗
klärte:
„Zum Schluß muß ich darauf hinweisen, daß der Antrag durchaus nicht allen Landwirten Nutzen bringt. Ein größerer Teil landwirtschaftlicher Betriebe wird von dem Antrag einen Vorteil durchaus nicht haben; es giebt Viele, denen der Antrag nicht nur keinen Vorteil, sondern Nachteil bringen würde.“
Der Reichskanzler rechnete dann an der Hand
der Statistik von 1882 vor, daß
„die Betriebe bis 12 Hektar kein Getreide zu ver⸗ kaufen haben, sondern meistens noch Getreide kaufen müssen. Bestenfalls werden die landwirtschaftlichen Be⸗ triebe von 6 Hektar ab bei gutem Boden im stande sein, den Bedarf an Getreide für den Besitzer und seine Familie zu decken. Die 6 Gruppen(bis 12 Hektar) umfassen 4 Millionen Betriebe= 76 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. Rechnet man auf den Betrieb 3½ Personen, so handelt es sich hier um eine Bevölkerung von etwa 15 Millionen Menschen, die von der Erhöhung der Getreidepreise keinen Vorteil, ja, mit relativ wenigen Ausnahmen, sogar einen direkten Nachteil durch die Ver⸗ teuerung ihrer Lebenshaltung haben werden. Nehmen wir an, daß die 5,2 Millionen Betriebe, die den Bestand der landwirtschaftlichen Betriebe überhaupt darstellen, mit 3 ½¼ multipliziert werden, so ergiebt das ungefähr eine gesamte landwirtschaftliche Bevölkerung von 19 Millionen. Wenn wir also die 15 Millionen, die die Kleinbetriebe darstellen, davon abziehen, so bleibt eine Bevölkerung von 4 Millionen Einwohnern, für die der Antrag Kanitz allerdings Vorteile hat.“
Die Junker schüttelten ob dieser ihnen so unbequemen Rede den Kopf, aber die Ziffern zu widerlegen, vermochten sie bis heutigen Tages noch nicht.
Nicht die ganze deutsche Landwirtschaft, nicht alle deutschen Landwirte haben Vorteil von den Getreidezöllen, das heißt: der Preis⸗ steigerung des Getreides, sondern nur 24 Proz. der deutschen Landwirte, das sind 1 Millionen Besitzer, welche über 22 Millionen Hektar, also fast zwei Drittel der gesamten deutschen
Die eine Million Betriebe von 2—5 Hektar sind auch nur selten geeignet, eine Bauern⸗
Anbaufläche verfügen!
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finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ö5qgespalt.
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und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung % und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Diese„armen Leute“, die Jeder ein Besitz⸗ tum von 20 bis 100 Hektar und darüber haben, sollen unterstützt werden durch die 48 Millionen der übrigen deutschen Bevölkerung, also nicht die „gesamte Landwirtschaft“, nicht die„armen Bauern“, sondern die Junker und die Groß⸗ bauern! a
Gewiß, der Kleinbauer leidet Not; seine Kinder verkümmern, sodaß, wie die amtliche Statistik zeigt, in Bayern nur 40 Prozent der zu Militär Ausgehobenen aus der Landwirtschaft kamen und 49 Prozent aus der Industrie, ob⸗ wohl die Bauern in Bayern 45 Prozent der Bevölkerung bilden, die Industriearbeiter 34. Die ganze deutsche Armee und Marine rekrutiert sich heute zu mehr als zwei Dritteln nicht aus überwiegend agrarischen, sondern aus überwiegend Industrie und Handel teeiben⸗ den Distrikten!
Der Kleinbauer leidet Not— aber diese wird nicht durch hohe Getreidepreise beseitigt, aus dem einfachen Grunde, weil er kein Getreide zu ver⸗ kaufen hat. 5
Was ihm fehlt, ist das, was ihm die Vor⸗ fahren der heutigen Junker einst geraubt haben: Land!„Schw. Volksfreund.“
Die Flotte wird bewilligt!
Was von Seiten unserer Presse in Bezug auf die Haltung des Zentrums in der Flotten⸗ frage vorhergesagt wurde, nämlich, daß diese ausschlaggebende Partei umfallen und die Mil⸗ liarden für die Flotte bewilligen werde, ist ein⸗ getroffen. In der Sitzung der Budgetkommission vom vorigen Freitag brachte Abg. Müller⸗ Fulda mit Unterstützung sämtlicher Zen rums⸗ mitglieder Anträge ein, die eine Bewilligung fast des ganzen Flottengesetzes bedeuten. Was von den Regierungsforderungen abgestrichen wurde, fällt gar nicht ins Gewicht. Dabei handelt es sich um Schiffsbauten, die vor 1906 überhaupt nicht in Angriff genommen werden können. Außerdem kann die Regierung ja jederzeit weitere Forderungen an den Reichstag stellen. Natürlich nahm die Regierung die Zentrumsan gebote schmunzelnd in Empfang, sie hatte sich gewiß die Sache nicht so leicht gedacht.
Um einen Einblick zu gewähren, wie die Regierung sachlich und der Form nach nahezu vollkommen ihren Willen mit Hilfe des Zentrums durchsetzt, publiziert die„Berl. Volksztg.“ eine tabellarische Uebersicht der Baupläne von 1898 und 1900 und der Verquickung dieser beiden Pläne durch den Zentrumsentwurf.
I. Linienschiffe.
das Gesetz von der Regierungsent⸗ der Zeutrums⸗
1898 wurf von 1900 Eutwurf setzte fest: vermehrt diesen bewilligt:
15 Bestand um: 1 Flaggschiff 2 Flaggschiffe
1 Flottenflagg⸗ schi 16 Schiffe verwen⸗ 16 Schiffe verwen⸗ 32 Schiffe ver⸗
dungsbereit dungsbereit wendungsber. 2 Schiffe Mate⸗ 2 Schiffe Mate⸗ 4 Schiffe Mate⸗ rialreserve rialreserve rialreserve
19 Linienschiffe E 19 Linienschiffe 38 Linienschiffe
Genoffen! Agitiert allerorts für die Parteipresse!


