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Justiz i die Duale
Nr. 32.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Das Verhör begann unter tiefem Schweigen. Rose antwortete zuerst mit schwacher, gebrochener Stimme, doch nach und nach wurde sie kühner und erzählte mit einer Einfachheit und Bewegung, die das Publikum rührte, wie sie sich von ihrer Adoptivtochter getrennt hatte.„Ich wußte nicht,
wohin ich meine Schritte lenken sollte“, gestand sie, ihre Augen mit ihrem Taschentuche trocknend, „und war fest entschlossen, mich von meiner lieben Kleinen zu trennen; doch ich hatte den Kopf verloren. Der Gedanke, daß Herr Felix Ablon abreisen wollte, um mich für immer zu verlassen, machte mich toll. Trotzdem kann man mir nicht vorwerfen, Lucette nicht geliebt zu haben, denn ich erzog sie, als wäre sie mein eigenes Kind gewesen. Als ich die schlafende Kleine forttrug, küßte ich sie und bat sie um Verzeihung. Auf dem Boulevard Sebastopol setzte ich mich auf eine Bank. Ein Polizist ging vorüber; ich hatte die Idee, ihn anzusprechen und ihn zu fragen, wo man die Findelkinder hinbringt; ich hätte ihm gesagt, ich hätte das Kind eben auf der Straße oder unter einem Thorweg aufgehoben; doch die Furcht hielt mich zurück. Ich ging weiter und wollte eigentlich nach der öffentlichen Entbindungsanstalt gehen; doch ich wußte nicht, wo sie liegt. Ich dachte auch an das Hotel de Dieu. In der Rue Saint⸗Denis erwachte Lucette und fing an zu weinen. Ich sang ihr leise etwas vor, und wiegte sie, um sie wieder einzuschläfern; so er⸗ reichte ich den Square Innocents, wo ich Halt machte. Der Schmerz erstickte mich. Bald be⸗ merkte ich einen Sandhaufen, den Arbeiter am Gitter aufgeschichtet haben, und dachte, daß Lucette hier nicht Gefahr laufen würde, zu fallen und sich zu verletzen; vielleicht würde sie auch von den Leuten bemerkt werden, die aus dem Theater kamen. Ich setzte das Kind auf Sandhaufen und zog mich zurück. Nach einigen Minuten wurde ich in meinem Entschlusse wankend und nahm das Kind wieder an mich, das ich von neuem auf die Erde setzte; dann versteckte ich mich in einer Thürnische. Ein Herr erschien, stieß einen leisen Schrei aus und bückte sich zu Lucette nieder. In diesem Augenblick erfaßte mich ein Schwindel und ich ih
Als Rose ihre Erzählung beendet, setzte sie sich auf die Anklagebank und schwieg zitternd.
Das Drama»der Kindesaussetzung
endete
folgendermaßen. Der Passant war, anstatt sich um die Kleine zu kümmern, schnell verschwunden, und gegen 12—1 Uhr hatte ein Laternenanzünder, der gegen den Sandhaufen gestoßen und Lucette entdeckt hatte, sich beeilt, die verlassene Kleine nach dem nächsten Polizeibureau zu bringen, und eine schnelle Unt ersuchung hatte die Verhaftung der Blumenmacherin herbeigeführt.
Zehn Zeugen, Männer und Frauen, Nach⸗ barn und Nachbarinnen der Angeklagten, sagten nach der Beweisaufnahme aus und erklärten, daß die„kleine Fee“ ein Muster von Geschick⸗ lichkeit, Klugheit und Mildthätigkeit wäre, daß sie das Kind der unglücklichen Gabrielle Berthaus aus freiem Herzen aufgenommen und sich von dem Kinde nur deshalb so plötzlich getrennt hätte, um ihren Bräutigam, den sie wahnsinnig liebte, nicht auf immer zu verlieren.
Diese günstigen Zeugnisse machten der Ver⸗ handlung schnell ein Ende.
„Es ist nicht nötig, die Sache ist erledigt“, sagte der Präsident zu dem Advokaten, der sein Pincenez auf die Nase setzte, die weiten Aermel seiner Robe zurückschlug und sich zu plaidieren anschickte.
Der öffentliche Ankläger machte ein zustim⸗ mendes Zeichen und deutete damit an, daß er die Anklage fallen lasse.
Der Gerichtshof beriet sich eine Minute, dann teilte der Präsident in einer kurzen und wohlwollenden Ansprache mit, daß die Arbeiterin ohne Strafe und Kosten von der Anklage frei⸗ gesprochen wäre.
Die Menge applaudierte und drängte sich um die„kleine Fee“, der die Polizisten die Frei⸗ heit zurückgaben.
Auf dem Treppenflur des Gerichtsgebäudes trat der Setzer tiefbewegt an die Arbeiterin heran und flüsterte, den Kopf senkend:
„Rose, kannst Du mir verzeihen?“
„Ich liebe Dich!“ versetzte Rose mit thränen⸗ überströmtem Gesicht und reichte ihm eine Hand, die er ehrfurchtsvoll drückte.
„Wir werden uns in der nächsten Woche verheiraten!“ erklärte er in festem Tone, dann richtete er sich auf und sagte, seiner Braut mit strahlendem Blick den Arm bietend:
„Komm, ich bitte um die Ehre, Dich nach⸗ hause begleiten zu dürfen!“
Sprüche zur Lebensweisheit.
Faulheit und Dummheit und die aus beiden gemischte Furcht sind die Quellen des meisten Unfugs, den Bosheit und Uebermut anrichten. Wo keine Sklaven sind, kann kein Tyrann ent⸗ stehen.. Niemand ist vor den Anderen ausgezeichnet groß, wo die Anderen nicht sehr klein sind.
*
Die geheime Geschichte der sogenannten Großen ist leider meistens ein Gewebe von Niederträch⸗ tigkeiten und Schandthaten.(Seume.)
Einem Menschen, der seinen Bruder un⸗ besonnen zum Himmel weist, sollte man die Erde zur Hölle machen und zwar ohne Aussicht auf den Himmel.
. Allerlei.
Unterschied. Wer alles Fremde haßt wie Gift, Wie Sünde und wie Schande, Wer es, wo er es immer trifft, Ausrotten möcht' im Lande, Wer stets nur, was landsmännisch ist, Und nie will andres lesen, Der heißt bei Christen Nationalist Und Boxer bei den Chinesen.(Kladd.) Luther und die Judenhetzer.
Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus zitiert in seinen Veröffentlichungen eine Stelle aus Luthers Schriften, die sich gegen den Blutaberglauben ausspricht, und in der es dann weiter heißt:
„Unsere Narren, die Bepste, Bischoff, Sophisten und Munchen, die groben Esels⸗ kopffe, haben bisher also mit den Juden gefaren, daß, wer ein guter Christ were ge⸗ wesen, hette wol mocht ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen were, und hette solche Tolpel und Knebel gesehen, den Christen⸗ glauben regirn und leren, so were ich eher ein Sau worden, denn ein Christen.“
Dem erwidert das Organ der„Beopste, Bischoff, Sophisten und Munche“, die„Köln. Volkszeitung“, indem es in sanfter Kränkung bemerkt, solche Ecinnerungen wären nicht zeit⸗ gemäß. Wir finden, daß das Gegenteil der Fall ist, sowohl wenn wir an Konitz, als wenn wir an China denken.
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