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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nnterhaltungsteil.

Ichick sal. Der Kolben stampft, das Schwungrad saust, Das nied'rige Gewölb' erbraust, Die eisernen Träger wanken. In Fieberhitze perlt die Stirn, Gespenstisch zucken mir im Hirn Grause, grelle Gedanken.

Wär ich, o wär ich kein Proletar, Könnte ich wohl das ganze Jahr Meine Jugend sonnen.

Wär ich geboren in reichem Haus, Brauchte ich nicht jahrein, jahraus Hungernz und dursten und fronen.

Der Fabriken düstere Nacht 80 mich müde und elend gemacht,

at mich gefesselt, gebunden. 2 Meine brausende Jugendkraft, Himmelstürmende Leidenschaft) Alles, alles ist verschwunden.=

In der Arbeit ruh'lose Pein: Dringt das Getriebe der Räder hinein, Donnernd bricht's an den Wänden, Bald wie stöhnender Grabgesang, Bald wie ein Schrei, so gellend und bang: Knechtschaft, wann wirst Du enden?!

Otto Krille.

Die kleine Fee.

Von Armand Dubarry. Deutsch von Wilh. Thal.

Sie war 18 Jahre alt, hieß Rose Berni und bewohnte ein Stübchen im fünsten Stock in einem Hause der Rue Saint⸗Antoine.

Kränklich, empfindsam und etwas überspannt, war sie doch reizend.

Ihre regelmäßigen Züge, ihre hübschen blauen Augen, ihre weißen Zähne, ihre kastanienbraunen Haare, die so fein und üppig waren, ihre sanst⸗ Miene, ihre einfache und doch geschmackvolle Kleidung, ihr bescheidenes Auftreten machte sie zu einer ebenso angenehmen wie sympathischen Person. a

Sie war eine sehr geschickte Blumenmacherin, eine unermüdliche Arbeiterin, wurde ebenso sehr wegen ihrer Gewandtheit wie ihres Mutes ge⸗ rühmt und ihre Nachkarn nannten sie überein⸗ stimmend die kleine Fee. a

Was ihr Benehmen anbetraf, so sanden die bösesten Zungen nichts an ihr zu tadeln.

Zwei Jahre hindurch hatte sie, ohne sich zu beklagen, ohne aufzuhören, eine reizende Hin⸗ gebung, eine unerschütterliche Liebe zu zeigen, ihre kranke Mutter unterstützt, und als die arme Frau, von der Krankheit aufgerieben, gestorben war, wäre sie beinahe vor Kummer ebenfalls gestorben. f

Ihre Trauer dauerte seit sechs Wochen und das Leid, das sie empfand, schien infolge der Einsamkeit, in der sie lebte, nicht geringer zu werden, als eine ihrer Nachbarinnen und Be kannten, Gabrielle Berthaus, ebenso wie sie eine Arbeiterin und obendrein Mutter eines Kindes von 16 Monaten mit Namen Lucette, in das Hospital ging, in dem sie am Typhus starb.

Als ihre Freundin das Hotel Dieu auf⸗ gesucht, übernahm Rose Berin die Aufsicht und Obhut des für den Augenblick so ganz verlassenen Kindes; und als sie den Tod Gabrielles erfuhr, beschloß sie, die Waise zu erziehen. Sie widmete sich rückhaltlos dieser Thätigkeit, die ihren Geist glücklicherweise von der trüben Erinnerung an ihre Mutter ablenkte.

Was sie mit Begeisterung gethan, das that sie mit freudigem Entschluß für ihr Kleines, verdoppelte ihre Arbeitsstunden und mit großer Energie gelang es ihr, ihre Bürde ohne Wanken zu tragen. b

Währenddessen war ein Setzer von 28 Jahren, ein fleißiger, arbeitssamer Mensch, Namens Felix Ablon, in die von Gabrielle früher bewohnte

Stube gezogen und bald in freundschaftlichen Verkehr mit Rose getreten, deren Ausdauer bei der Arbeit ihn rührte. a

Rosa erzählte ihm ihr Leben, interessierte ihn und flößte ihm nach und nach eine Liebe ein, die sie bald teilte.

Es war Felix Ablon zur Gewohnheit ge⸗ worden, der Blumenmacherin jeden Abend einen Besuch abzustatten, ihr die Zeitung vorzulesen, während sie eine Bestellung ausführte, mit ihr und der kleinen Lucette Sonntag ins Bois de Vincennes spazieren zu gehen und an diesem Tage in ihrer Gesellschaft in einem billigen Restaurant von Saint⸗Maudé zu speisen.

Nachdem er ihr zwei und einen halben Monat eifrig, aufrichtig und respektvoll den Hof gemacht, hielt er um ihre Hand an, und die kleine Nachbarin, die über den Antrag herzens⸗ froh war, willigte ein, sich Madame Ablon zu nennen.

Der Monat März begann; man setzte den Hochzeitstag auf den 15. April sest und bereitete sich beiderseits durch notwendige Einkäufe auf die Ehe vor.

II. Der März ging zu Ende und der April begann, und merkwürdigerweise erfand Felix

Ablon, anstatt seine Thätigkeit und Ungeduld beim Herannahen des Tages, der seine teuersten Wünsche krönen sollte, zu verdoppeln, trotzdem er vorher Feuer und Flamme gewesen war, Ausflüchte, um die Heirat zu verschieben und machte durch seine wohlberechnete Langsamkeit die Feier der Ehe an dem festgesetzten Tage un⸗ möglich.

Liebte er seine hübsche Zukünftige weniger? Nein. Er war nur schwach von Charakter und ließ sich von seinen Arbeitskollegen beeinflussen. Nun aber hörten diese, seit sie seine Absichten kannten, nicht auf, ihn wegen seinerEinfalt und se nerSeelengröße zu hänseln.

Du bist recht gutmütig, sagte der Eine ironisch,daß Du ein Mädchen mit einem Kind heiraten willst!

Und die Kinder der Anderen adoptierst!

Du hast wohl viel Geld? höhnte ein Dritter.

Ihr irrt Euch, versetztetzte er entrüstet; Rose ist ein Muster von Tugend, und die kleine Lucette ist ein Kind, das sie angenommen hat und dessen Mutter imHotel Dieu ge storben ist.

Hahaha! Die liebe Unschuld! erwiderte man ihm von allen Seiten unter lautem Lachen.

Diese grausamen Sppötteleien erschütterten schließlich sein Vertrauen denn er kannte Lucettes Geschichte nur durch Rose Berni und sein schöner Eifer erlosch, zur Verwunderung und zum lebhaften Kummer der Arbeiterin, die sich sein Benehmen nicht zu erklären vernnochte.

Als der Zweifel erst einmal in seinem Geist eingedrungen war, fragte er sich, ob die Mutter schaft Gabrielles nicht etwa eine Fabel war, die die Blumenmacherin erfunden, um einen Fehl- tritt zu verdecken, er fragte sich, ob er nicht trotz der ausgezeichneten Auskünfte, die er über diekleine Fee erhalten, einer Intrigantin gegenüber stände und eines Abends, als er über den Spott seiner Kameraden gereizter als sonst nachhause zurückkehrte, teilte er Rose Berni mit, er würde sie nur dann heiraten, wenn sie das Kind fortgeben wollte, das sie bei sich großzog.

Mich von meinem Kinde trennen! rief die Blumenmacherin empört,lieber würde ich sterben!

Nun gut, behalte Dein Kind, versetzte der Setzer bitter,alles ist aus zwischen uns, Du wirst mich nicht mehr wiedersehen.

Damit entfernte er sich.

Rose glaubte, er würde wiederkommen; man glaubt so gern, was man wünscht; doch er hatte eiligst seine Dachkammer verlassen, um sich in einem anderen Stadtviertel einzulogieren, und sie sah ihn am Abend nicht wieder.

Tiefbetrübt fühlte sie, daß sie fern von ihm nicht leben könnte und bat ihn in rührenden Briefen, die sie ihm in seine Werkstatt schickte, ihr nicht weiter zu zürnen, wieder nach der

Rue Saint⸗Antoine zurückzukehren, an ihre Ehrenhaftigkeit, ihre Aufrichtigkeit, ihre Ergeben⸗ heit zu glauben. Zuerst antwortete er nicht.

Trotzdem schrieb auch er ihr eines Sonntags,

von Gewissensbissen gequält, folgenden Brief: Liebe Rose!

Ich will Dich gern heiraten, aber ich will

nicht lächerlich erscheinen. Ich behaupte nicht,

daß das kleine Mädchen Dir gehört, aber ich

sage, wenn Du diese Waise hartnäckig bei Di:

behälst, so bringst Du die Leute auf den Ge⸗ danken, Du närest wirklich ihre Mutter. Du bist nicht reich genug, als daß man annehmen könnte, Du opferst Dich aus Mitleid den Kindern der andern. Jetzt sage ich es Dir zum letzten Mal, wenn Du nicht thun willst, was ich wünsche, so reise ich morgen nach Rouen, wo man mir eine vorteilhaste Stellung anbietet, und es ist aus zwischen uns; wir werden uns nie wieder sehen. Auf Wiedersehen oder Adieu. 1 8 Felix Ablon.

Nachdem sie diese Worte gelesen, über deren Tragweite sie sich unmöglich einer Illusion hin⸗ geben konnte, blieb Rose Berni wie versteinert, dann geriet sie in Aufregung, fast toll, weinte und sprach abwechselnd, nahm die kleine Lucette aus ihrer Wiege, wickelte das unschuldige Wesen, das in tiefem Schlafe lag, in einen schwarzen Shawl und verließ ihr Zimmer.

Es schlug zehn Uhr.

Sie bog in die Rue de. Rivoli ein, erreichte in der Mairie des vierten Arrondissements vor über, die Rue du Roi de Sccile, in der sie nur wenige Passanten bemerkte, durchschritt die Rue de la Verrene, sodann die Rue de Lombards, ruhte sich atemlos auf dem Boulerard Sebastopol und kam nach dem Square des Innocents, an dessen Gitter sie Halt machte.

Das Wetter war finster und die Gegend öde.

Sie kämpfte eine kurze Zeit einen inneren Kampf; ihre Augen verschleierten sich; ihr Hirn kochte, ihr Herz schnürte sich zusammen; endlich

endlich entfloh sie entsetzt und erschreckt, und stieg um halb 12 Uhr atemlos wieder ihre fünf Etagen hinauf; die kleine Lucette hielt sie⸗ nicht mehr in ihren Armen.

Sie verbrachte eine schreckliche Nacht.

Am Morgen schickte sie sich, schamerfüllt wie eine Verbrecherin, an, mit beklommener Brust⸗ und roten Augen, fortzugehen, um nach dem nächsten Postbureau zu eilen und Felix Ablon durch eine Depesche von ihrem Entschlusse, seinem Wunsche nachzukommen, zu unterrichten, als zwei

Polizeiagenten bei ihr erschien und ihr befahlen,

sie zu begleiten.

Wohin? fragte sie entsetzt.

Zum Polizeikommissar.

Weshalb?

Das werden Sie schon erfahren; vorwärts!

An demselben Tage schickte sie der Kommissar ins Depot und am nächsten Tage wurde sie in das Gefängnis von St. Lazare überführt.

III.

Zwei Monate verstrichen. Die Justiz ist langsam und kümmert sich wenig um die Qualen der Angeschuldigten, die sie hinter Schloß und Riegel hält.

Gefangenschaft, der Untersuchung, der unauf- lichen moralischen Marter wurde Rose Berni dem Zuchtpolizeigericht vorgeführt. Sie war des unter den Paragraphen 349 des Straf- gesetzbuches fallenden Vergehens,der Aussetzung eines Kindes unter sieben Jahren an einem ein⸗ samen Orte, argeklagt. N

1 Der Gerichtssaal war zum Erdrücken mit

Zuhörern angefüllt und in der Nähe der Schranken stand in einem Winkel, abgemagert, bleich und

zitternd, der Setzer. N Als, von Polizisten begleitet, die kleine Fee

erschien, blaß, zuternd und lebhaft bemüht, iht

überströmendes Gesicht zu verbergen, ging eine Bewegung der Sympathie durch das Publikum, das die Richter und der öffentliche Ankläger teilten..

Ein von Felix Ablon angenommener Advokat

entfaltete während dieser Zeit auf dem Ver⸗

teidigungspulte die Papiere und Noten, mit denen seine Mappe vollgestopft war. ö

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Nach diesen neun Wochen der

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