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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
8 Nr. 32.
Herr Régis Geld von Juden erhielt?“ In ungeheuerster Erregung sprang Régis empor und schrie den Richtern zu:„Man beschimpft mich“, während seine Advokaten den Zeugen heftig bedrohten. Dieser ließ sich aber nicht aus seiner Ruhe bringen, sondern fuhr fort, gegen Régis gewendet:„Herr Emile Weil hat Ihnen 500 Franks ausgezahlt.“ Und zum Beweise dafür legte Delatte dem Gerichts⸗ hofe ein photographiertes Schriftstück vor. Dar⸗ aufhin wurde der Zwischenfall noch erregter. Die antisemitischen Helden bestritten natürlich diese Thatsachen. Aber Aehnliches ist den deutschen Gesinnungsverwandten des Herrn Regis schon öfters nachgewlesen worden; bekannt⸗ lich hat der antisemitische Reichstagsabgeordnete Werner den gegen ihn erhobenen Vorwurf, einem jüdischen Journalisten gegen Bezahlung Berichte geliefert zu haben, noch nicht zu ent⸗ kräften vermocht—
Der oben erwähnte Prozeß endete übrigens mit der Freisprechung der Angeklagten. Der politische Tod, den diese Freisprechung für diese Krakehler zur Folge haben wird, trifft sie weit schwerer, als eine Verurteilung mit nach⸗ folgender Amnestie Die Geschworenen haben offenbar— vielleicht ohne es zu wollen— der Republik einen großen Dienst geleistet.„Das Lächerliche tötet“— in Frankreich wenigstens.
Der Krieg mit China.
Nunmehr liegen weitere Meldungen vor, wonach die Gesandten in Peking noch am Leben sein sollen. Die englische Admi⸗ ralität erhielt folgendes Telegramm des Gesandten Mac Donald: Die englische Gesandtschaft in Peking wurde vom 20. Juni bis 16. Juli von allen Seiten durch chinesische Truppen mit Gewehr⸗ und Artilleriefeuer ange⸗ griffen. Seit dem 16. Juli herrscht Waffen⸗ stillstand, doch ist eine strenge Absperrungs⸗ linie durch chinesische Truppen auf beiden Seiten der Stellung gezogen und die chinesischen Barri⸗ kaden sind dicht bei den unsrigen. Alle Frauen und Kinder sind in der Gesandtschaft. Bis jetzt sind 62 Personen getötet, darunter Ka⸗ pitän Strou von der Matrosen⸗Abteilung; ferner liegt dieselbe Anzahl im Hospital, darunter Ka⸗ pitän Hollydey von der Matosen⸗Abteilung. Die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft sind sämt⸗ lich bee guter Gesundheit.
Nach telegraphischer Meldung des deutschen Konsuls in Tientsin vom 27. Juli traf dort eine Mittheilung des japanischen Ge⸗ sandten in Peking ein, wonach die in Pe⸗ king eingeschlossenen Feemden sich fortgesetzt gegen die chinesischen Truppen verteidigen und an der Hoffnung festhielten, sich bis Ende Juli behaup⸗ ten zu können; bis dahin werde die Ankunft der Entsatztruppen erwartet. Der japanische Ge⸗ sandte erwähnt außerdem, die Chinesen hätten seit dem 18. Juli aufgehört, die Stellung der Fremden zu beschießen. Diese Angabe wird auch vom Kommandanten des in Peking befind⸗ lichen japanischen Detachements unterm 22. Juli bestätigt.
Der belgische Vizekonsul in Tientsin meldet: Ein am 27. Juli hier eingetroffener Brief des zweiten Sekretärs der deut schen Gesandschaft bestätigt, daß die belgische Ge⸗ sandtschaft niedergebrannt worden, aber die Mit⸗ 1 8 am 23. Juli noch wohlbehalten gewesen eien.
Aus Tientsin wird berichtet, daß der Vor- marsch auf Peking sofort angetreten werden solle.— Ueber den Oberbefehl über die Expedition konnten sich die Mächte noch uicht einigen.
Der Krieg in Südafrika. 1 Von Kapstadt ging die Meldung ein, daß sich der Burengeneral Dewet erboten habe, sich zu ergeben unter der Bedingung, daß seinen Mann⸗ schaften gestattet werde, unbelästigt nach ihren Wohnsitzen zurückzukehren. Feldmarschall Robects weigerte sich, auf ein derartiges Auerbieten ein⸗
zugehen und verlangte Dewets bedingungslose Uebergabe.
Die Nachricht, daß der tapfere Führer des Guerillakrieges sich ergeben wolle. ist vermutlich eine englische Siegesente.— Naß einer anderen Meldung hätte sich am 30. Juli General Prinsloo bei Fourierburg mit 5000 Buren bedingungslos ergeben. Die 5000 sind jedoch nach einem weiteren Telegramm Robert's bedenklich zusammengeschrumpft, das feststellt, daß 986 Buren gefangen genommen wurden und daß ein Neunpfünder in die Hände der Engländer fiel. Roberts fügt hinzu, einige der Führer in entlegenen Teilen der Berge zö⸗ gerten noch, herbeizukommen und erklärten, daß sie mehr oder weniger unabhängig von Prinsloo seien. Lord Roberts ertheilte Hunter den Be⸗ fehl, die Feindseligkeiten sofort wieder aufzu⸗ nehmen und Prinsloo anzukündigen, daß er per⸗ sönlich dafür verantwortlich gemacht werde, daß jedes bei seiner Truppe befindliche Geschütz aus⸗ geliefert werden müsse.
Ferner wird aus Pretoria gemeldet: Lord Roberts wurde vom General Botha zum Rück⸗ zuge gezwungen und kehrte mit völlig desorgani⸗ siertem Train und vielen Kranken nach Pretoria zurück. Der gesamte Vormarsch ist aufgegeben. General Delarey schlug Heckmans beritten⸗ In⸗ fanterie und schloß den General Baden-Powell in Rustenberg ein.
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Jon Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen
Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit
bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Zum Gießener Maurerstreik.
m. Am 30. Juli fand eine Versammlung der streikenden Maurer statt, welche den Bericht der Lohnkommission über den Stand des Streiks entgegennahm. Dieser wurde als ein günstiger bezeichnet und beschlossen, in dem Ausstand zu beharren, trotzdem die Arbeitgeber keine Neigung zur Einigung zeigten, wozu von Seiten der Ar⸗ beiter jederzeit die Hand geboten wurde. Der Beschluß verpflichtet weiter die ledigen Kollegen zur Abreise und fordert die Verheirateten auf, möglichst auswärts Arbeit zu nehmen. Weiter verpflichtete sich die Versammlung, die bis jetzt arbeitswilligen Kollegen mit allen zu Gebote stehenden rechtlichen Mitteln auf ihr unschönes Verhalten aufmerksam zu machen und nichts un⸗ versucht zu lassen, sie zu solidarischem Handeln ihren streikenden Kollegen gegenüber zu bewegen.
Aus Heuchelheim.
L. Wie wir hören, haben die hiesigen Gast⸗ wirte beschlossen, die diesjährige Kirmes früher als sonst, schon am 12. August abzuhalten. Das trifft sich insofern ungünstig, als am gleichen Tage das Gewerkschaftsfest in Gießen stattfindet, an dem nicht nur zahlreiche Gießener, die zu den regelmäßigen Besuchern der hiesigen Kirmes gehören, teilnehmen, sondern das auch viele Heuchelheimer Arbeiter besuchen.
Aus Lollar.
—. Eine sehr rege Beteiligung hatte das Stiftungsfest aufzuweisen, welches die hies. Verwaltungsstelle des deutschen Metallar⸗ beiter-Verbandes am vergangenen Sonn⸗ tage beging. Zum erstenmale waren die hies. Gesangvereine, deren Mitgliedschaften sich fast nur aus Arbeitern zusammensetzen, eingeladen worden, doch hatten von den vier Vereinen nur zwei der Einladung Folge geleistet. Fast voll⸗ zählig war die„Germania“ vertreten, deren exakt ausgeführte Liedervorträge allgemeinen Beifall ernteten. Begeisterte Aufnahme fand die Festrede des Genossen Krumm, der in trefflichen Worten die Bedeutung der Organi⸗ sation aud eu mdersetzte, das solidarische Zu⸗ sammenhalten und den kulturellen Wert der Arbeiterbewegung feierte. Er ermahnte, die Organisation immer weiter auszugestalten und nicht derselben den Rücken zu kehren, wenn ein Vorteil erreicht oder irgend eine nebensächliche Differenz unter den Mitgliedern ausgebrochen sei!— Von keinem Mißton getrübt, verlief
unser Fest zu Aller Befriedigung. Manch
dürfte auch von dem Nutzen des Verbandes
überzeugt worden sein. N Vom Eisenbahnzug überfahren.
Ein grausiger Unglücksfall mit tödtlichen
Ausgange ereignete sich am Dienstag Mitlag auf der Station Nauheim. Dort versuchte
ein etwa 15 Jahre altes Mädchen, auf den um
12 Uhr 55 Minuten nach Frankfurt abgehenden Personenzug zu springen, als sich derselbe bereits in Bewegung befand. Hierbei kam das Mädchen zu Fall und wurde vom Zug überfahren, dessen Räder den Körper der Unglücklichen buchstäblich in zwei Theile zerschnitten. Die Verunglückte ist die Tochter eines Dachdeckermeisters in Weil⸗ burg. Konsumvereine.
Das immerwährende Höherschrauben der Preise der notwendigsten Lebensmittel hat die Minderbegüterten veranlaßt, auf Mittel zur Ab⸗ wehr zu sinnen. Es hat deshalb auch in Frank⸗ furt, Mainz und Offenbach eine leohafte Be⸗ wegung zu Gunsten der Konsumvereine stattge⸗
funden. Vorige Woche sprach Genosse El m
in mehreren Versammlungen; auch Frau Dr. David-Mainz sprach in Frankfurt uber das Thema: Wie erhöhen wir unser Ein⸗ kommen? vor zahlreichen Zuhörern, worunter auch viele Frauen. Von ihren Ausführungen geben wir Nachstehendes wieder: In der Ein⸗ leitung ihres Vortrages gab die Rednerin zu⸗ nächst eine eingehende Schilderung der Entwick⸗ lung des englischen Konsumvereinswesens, das aus einer von 28 armen Rockdaler Webern ins Leben gerufenen genossenschaftlichen Gründung hervorgegangen ist. Heute beziehen etwa acht Millionen Emwohner Englands, das ist etwa ein Sechstel der gesammten Bevölkerung, ihre Waaren durch Konsumvereine. Der Jahres⸗ umsatz ist auf 900 Millionen Mark gestiegen, der letztjährige Reingewinn betrug 140 Millionen Mark. Der größte englische Konsumverein in Leeds zählt 45000 Mitglieder und besitzt muster⸗ giltige Einrichtungen, die einen gewa tigen Verkehr ermöglichen. Die englische Großeinkaufsgesell⸗ schaft eine Vereinigung der Konsumvereine, be⸗ sitzt u. A. zwei Schuhfabriken mit je 2500 Ar⸗ beitern, Webereien, Spinnereien, eine eigne Handelsflotte u. s. w. Der Traum der 28 Rockdaler Weber ist also glänzend in Erfüllung gegangen. Fragen wir uns nun, woher diese wirtschaftliche Ueberlegenheit herstammt, die im Stande war, den kapitalistischen Zwischenhandel und die kapitalistische Produktion völlig zu ver⸗ drängen, so finden wir, daß infolge der durch die Konsumvereine geschaffenen Zentralisation des
Handels große Ersparnisse an Spesen gemacht
werden, auch der Gewinn, Tasche des Unternehmers
Vereinsmögen zu Gute. Die Konsumsvereins⸗
der sonst in die fließt, kommt dem
die Esseng wandern.
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bewegung stellt sich der Gewerkschafts- und Arn⸗
beiterbewegung zur Seite.
Diesen gegenüber hat
sie den Vorzug, daß sie von ihren Anhängern
keinerlei Opfer verlangt.
lau, der 70,000 Peitglieder zählt, in Leipzig und an mehreren Orten. Für Frankfurt wurde die Schwierigkeit der Grün gung eines Konsum⸗ verens anerkannt, dan hier der Zerspluterung des Detailhandels ein Gegengewicht geschaff en worden ist in großtapitalistischen Waarenhäusern. An⸗ gesichts der neuerdings vesonders start in Schwung gekommenen Trust⸗ und Ringbildungen, namentlich im Kohlenhandel in ihrer ganzen Tragweite fühlbar machen, ist der Zusammen⸗ schluß des kaufenden Publikums geradezu Not⸗ wendigkeit.„Der Zusammenschluß der Großen schreit nach einem Zusammenschluß der Kleinen. Vereinzelt sind wir nichts, vereinigt aber riesen⸗ stark.“ Die Rednerin schloß mit dem Wunsche, daß auch in Frankfurt baldigst ein Konsumverein
Was Deutschland an⸗ langt, so schilderte die Rednerin im Einzelnen 1 die Einrichtungen der Konsumvereine in Bres⸗
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ins Leben treten möge mit den gewaltigen Vor⸗
theilen, wie sie sich überall gezeigt haben zum Segen des konsumirenden Publikums. Die Ver⸗
sammlung beschloß nach kurzer Debatte, die kon⸗ sumvereinbewegung energisch zu unterstützen.— Der in Bockenheim bereits bestehende Kon⸗
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