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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 49. N

Dunkle Mächte. Roman von Elise Langer. (Schluß.)

XIII.

Die Wohnung der Baronin von Romberg war glänzend erleuchtet und alles, darin zum zum Empfang eines kleinen Kreises auserwähl⸗ ter Gäste zur Feier des Polterabends bereit. Was Brandt aus seiner Häuslichkeit in das neue beim hinüberzunehmen gedacht hatte stand bereits an Ort und Stelle. Man konnte sich kein köstlicheres Arbeitszimmer denken, als das⸗ jenige, welches ihn im Hause seiner künftigen Gattin erwartete. Ein Smyrnateppich über den ganzen Boden, schwere Draperien vor Thüren und Fenstern dämpften jeden Laut. Die mit kostbaren dunklen Tapeten bekleideten Wände schmückten schön gerahmte Kupferstiche nach be⸗ rühmten Gemälden. Schreibtisch und Bücher⸗ schrank waren Meisterwerke der Kunsttischlerei. Eine Chaiselongue nebst Lehnstühlen und Ses⸗ seln, zierliche Tischchen mit Rauchservicen, klei⸗ nen Kunstgegenständen usw. waren geschickt über den Raum vertheilt. Auf dem großen Teppich lagen überall kostbare Felle umher. Es war ein so sybaritisch eingerichtetes Zimmer, wie es sich ein für sinnliche Eindrücke so empfäng⸗ licher Mann wie Brandt nur wünschen konnte.

Charles, der sich bis dahin hartnäckig ge⸗ weigert hatte, allein bei der häßlichen neuen Mutter, wie er Frau von Romberg nannte,

zu bleiben, sollte heute Abend dorthin über⸗

siedeln. Die nagelneue Garderobe, die ihm der Vater hatte anfertigen lassen, und die Ida unter Thränen eingepackt hatte, war schon vorausge⸗ schickt worden, nur der blaue Sammetanzug mit dem breiten Spitzenkragen, den er heute tragen sollte, war zurückgeblieben. Ida kleidete heute zum letzten Male ihr liebesCharlche an, wobei sie den Knaben immer und immer wie⸗ der ans Herz drückte. Sie begriff jetzt, warum das Fräulein nicht wiedergekommen war. Sie hatte gewiß schon etwas von der neuen Madame gewußt. Für den Herrn Doktor hatte Ida alles zurecht gelegt, sodaß er nur nach den Kleidern zu greifen brauchte, wann er nach Hause kam, um Toilette zu machen und Charles zu holen. Dieser wurde schon sehr ungeduldig, Papa blieb heute so lange aus. Ebenso ungeduldig harrte seiner Frau von Romberg. Die Gäste erschienen nach einander. Gegen zehn Uhr waren sie voll⸗ zählig beisammen auf den Bräutigam war⸗ tete man vergebens.

Die Morgenzeitungen brachten die Nachricht von einem Morde. Als der Portier des Hauses Lindenstraße 10, der die im ersten Stock befind- lichen Redaktionsräume desNorddeutschen Be- obachters allabendlich zu reinigen hatte, diese um neuneinhalb Uhr betrat, war ihm in dem Zimmer des Chefredakteurs, in welchem noch das Gas brannte, ein schauerlicher Anblick ge⸗ worden. Dr. Oskar Brandt hatte auf dem Fuß⸗ boden, sein Haupt in einer Blutlache gelegen. Eine Revolverkugel war ihm über dem linken Auge ins Gehirn gedrungen und hatte seinen Tod, wie es schien, augenblicklich herbeigeführt. Ein Selbstmord war völlig ausgeschlossen, da die Waffe, aus der die tödtliche Kugel gekommen, nicht bei der Leiche vorgefunden wurde. Dr. Brandt mußte eben im Begriff gewesen sein, den Heimweg anzutreten, da er bereits mit dem Paletot bekleidet war. Betreffs der Person des Mörders fehlte jeder Anhalt. Da sich in dem Hause nur Geschäftsräume befanden, die zur Zeit des Mordes, welcher etwa um achteinhalb Uhr stattgefunden haben mußte, bereits ge- schlossen waren, so hatte auch Niemand den Schuß gehört. Die Tragik des Ereignisses wurde durch den Umstand erhöht, daß Dr. Brandt am Vorabend seiner Vermählung das Opfer irgend eines Mordbuben geworden war. Die Zeitungen nützten den Umstand in ausgiebigster Weise aus, und im Publikum wurde der sensationelle Fall aufs Lebhafteste besprochen.

Im Hause Kolweit erregte die Kunde von Brandts Ermordung Bestürzung, Grausen und Mitleid. Ja, auch Mitleid. Denn dem tragi⸗ schen Geschick gegenüber, welches ihn ereilt hatte, vergaßen die beiden edlen Naturen alles Un- recht, das er ihnen durch seine Treulosigkeit und Unwahrhaftigkeit zugefügt hatte. Nur um Hel⸗

mas Willen, an der er sich so schwer versündigt, schien es ihnen, als ob ihn die gerechte Strafe getroffen hätte, wenn sie auch das Werkzeug verabscheuen mußten. Wer der Mörder sein konnte, war auch ihnen ein Räthsel. Alle per⸗ sönlichen Beziehungen zu Brandt hatten seit dem Austritt Kolweits von der Redaktion selbst⸗ verständlich aufgehört. Man kannte Niemand aus den Kreisen, in denen er gegenwärtig ver⸗ kehrte, aber unwillkürlich kam man auf den Gedanken, daß irgend ein Kavalier, dem er die reiche Parthie weggeschnappt, sich auf diese Art an ihm gerächt hätte.

Wie würde Helma die Kunde von der Mord- that aufnehmen? Frau Käte war in den letzten Tagen nicht bei ihr gewesen. Der vergrößerte Hausstand, die Ueberwachung der Knaben und des Geschäftes nahmen ihre Zeit vollauf in An⸗ spruch. Heute aber eilte sie noch spät Abends zu der Freundin.

Helma wußte schon Alles. Frau Bertram hatte ihr am Morgen die Zeitung, die sie mit mehreren Hausbewohnern zusammen hielt, ins Zimmer gebracht und ihr die betreffende Notiz gezeigt, ohne zu ahnen, wie nahe der Ermordete ihr gestanden. Sie gedachte das Fräulein da⸗ durch ein wenig zu zerstreuen und sich mit ihr in Muthmaßungen über die Motive der That und der Person des Mörders zu ergehen. In dieser letzteren Voraussetzung hatte sie sich nun freilich getäuscht. Helma hatte gelesen und das Blatt stumm zurückgegeben, die Bemerkungen der Frau einsilbig beantwortend. Auch Frau Käte fand sie wortkarg und kalt. Sie saß bei zur Anfertigung erhalten hatte. Die Arbeit fältete sie die Seide bald in einer, bald in der anderen Weise, so daß sie zerknittert und un⸗

dem traurigen Gegenstand ab, der die Freun⸗

den Anschein gab. Sie fragte, wie Helma ihr Leben ferner einzurichten gedächte, und nun wurde diese gesprächiger. Sie wollte sich ein Stübchen miethen und sich die Nahrung selbst bereiten. In die Schlipsanfertigung hoffte sie sich bald einzuarbeiten, so daß sie drei Dutzend den Tag schaffen könnte. Das würde gegen 50 Mark den Monat machen und für Kost und Logis ausreichen. Von dem Kinde wollte sie sich unter keinen Umständen trennen. Käte hörte ihr mit blutendem Herzen zu. Dieses schöne, liebens⸗ würdige Wesen auf eine so tiefe Stufe des Da⸗ seins herabgedrückt zu haben, war in ihren

seligen, der auf so grausige Weise für seine Sünden hatte büßen müssen. Niedergeschlage⸗ ner denn je verließ sie das arme junge Weib.

Mittlerweile hatte die Polizei ihre Nach⸗ forschungen nach dem Mörder anzustellen be⸗ gonnen. Man wußte, daß Dr. Brandt sich viele Feinde durch seine Fahnenflucht gemacht hatte, namentlich unter den Sozialisten, die er durch falsche Vorspiegelungen an sich gelockt und die sich, als sein Verrath ruchbar wurde, von ihm abgewendet hatten. Man forschte nach ihren Na⸗ men, und bald war es Kolweit, auf den sich der Verdacht lenkte. Fast das ganze Redaktionsper⸗ sonal wurde vernommen. Verschiedene Herren sagten aus, daß wiederholt sehr erregte und scharfe Auseinandersetzungen zwischen Brandt und Kolweit stattgefunden hätten, bis es Letz⸗ terem eines Tages gelungen wäre, einen Brief aus dem Ministerium abzufangen, worauf der Bruch zwischen ihnen erfolgt sei. Es blieb auch nicht unerwähnt, daß Kolweit durch seinen plötz⸗ lichen Rücktritt von der Redaktion in sehr schwie⸗ rige pekuniäre Verhältnisse gerathen wäre, da er kurz vorher auf seine Anstellung hin gehei⸗ rathet und mit der Frau auch zugleich deren ganze Familie zu ernähren hätte, so daß die That sehr wohl auf einen Racheakt gedeutet werden könnte. Zu all diesem kam der üble Leu⸗ mund, in welchem Kolweit als Revolutionär und der Polizei und ihren Organen stand, und schließlich ergab nach der Untersuchung des Wundkanals die Richtung desselben das weitere Verdachtsmoment, daß der Mörder beträchtlich kleiner als sein Opfer, etwa von der Statur Kolweits, gewesen sein mußte. So wurde seine Verhaftung verfügt.

Vom Abendtisch, an dem er sich mit seiner Frau und den drei Knaben eben niedergelassen hatte, wurde er hinweggeholt. Das Staunen der kleinen Tafelrunde darüber war noch größer als ihr Schreck, denn um was es sich handelte, ahnte Niemand. Bleich, aber ruhig nahmen die

der Lampe, an den Schlipsen arbeitend, die sie ging ihr nicht von der Hand. Mit steifen Fingern

ansehnlich wurde. Frau Käte lenkte bald von

din doch tiefer zu erregen schien, als sie sich

Augen nicht die geringste Schuld des Unglück-

Gatten voneinander Abschied. Frau Käte hatte damit zu thun, Fritz zu beruhigen, der den Schwager wie einen Vater liebte und in Thränen über seine Verhaftung zerfloß. Das Furchtbarste stand ihr noch bevor, nämlich die Nachricht, daß ihr Mann in dem Verdacht der Thäterschaft des an Brandt verübten Mordes stand. Seine Vernehmung bestätigte die Zeugenaussagen in Betreff seines Verhältnisses zu dem Ermordeten, sein Alibi konnte er nicht nachweisen, da er um die Zeit der That seinen einsamen Abendspazier⸗ gang gemacht hatte. So blieb er in Untersuch⸗ ungshaft und seiner Frau wurde der Zutritt zu ihm verwehrt. Die Sache war ins Publi- kum gedrungen und machte ungeheures Auf⸗ sehen. Das Meierhöfersche Geschäft wurde von. früh bis spät von Neugierigen nicht leer, sodaß Käte sich dort nicht mehr sehen lassen konnte. Die stumme Verzweiflung der Mutter und die Zornesausbrüche des Vaters stürmten auf sie ein. Die Eltern der Pensionäre nahmen ihre Söhne sofort aus einem Hause, auf welchem ein solcher Verdacht ruhte. Alles zusammen warf Käte, die sich in der letzten Zeit schon nicht wohl gefühlt hatte, auf das Krankenlager.

Als Kolweit dem Untersuchungsrichter nach Verlauf einiger Tage wieder vorgeführt wurde, kündigte dieser ihm an, daß er aus der Haft ent⸗ lassen sei und gestattete ihm Einsicht von einem

Briefe zu nehmen, welcher wie folgt lautete:

Sehr geehrter Herr!

Ich lese in der Zeitung, daß man Herrn Bernhard Kolweit als des Mordes an Dr. Oskar Brandt verdächtig, verhaftet hat und beeile mich, diesen verhängnißvollen Irr⸗ thum aufzuklären. Ich, die von Dr. Oskar Brandt um ihre Ehre Betrogene, zu Grunde gerichtete, ich war es, die den Eidbrüchigen am 16. d. M. Abends zwischen acht und neun Uhr in seinem Redaktionszimmer niederschoß. Wenn es dem Manne gestattet ist, der Rächer seiner Ehre zu sein, so hat das betrogene Weib ein doppeltes Recht dazu. Der Folgen meiner That war ich mir bewußt. Ich schwieg nur, so lange ich mit der Welt noch nicht abge⸗ schlossen hatte. Die Waffe, die aus dem Nach⸗ lasse meines Vaters stammt, wird man in. meinem Zimmer, Friedrichstraße 8, 3 Treppen bei Frau Bertram, Lehrerswittwe, in einem Koffer finden. Die Kugel wird genau in den Lauf passen.

Wenn Sie diesen Brief empfangen, liegt das end dieses Lebens hinter mir. Ich entziehe mich dem irdischen Richter nicht aus Furcht, sondern weil ich ihn in dieser Sache nicht für kompetent halte und mein Kind nicht in dieser Welt voll Lüge und Verführung zurücklassen

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Wuppen⸗ und Kinder

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will. Ich vertraue mich einem höheren Richter 8

an. Helma von Saldeck. Auf diesen Brief hin hatte sich ein Krimi⸗

nalbeamter sofort in das bezeichnete Haus be⸗ 9

eben, deren Bewohner er in heller Aufregung fand. Als sich heute, bis zu einer späten Mor⸗ genstunde in dem Zimmer ihrer Einwohnerin nichts rührte und auch auf ihr wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, hatte Frau Bertram, nachdem sie sich mit ihren Nachbarin⸗ nen über diesen Umstand berathen, einen

Schlosser kommen und die Thür nach der Küche

öffnen lassen. Ein fürchterlicher Dunstgeruch schlug den Eindringenden entgegen. Man stürzte nach dem Fenster, um es aufzureißen, mußte aber erst Kissen und Decken entfernen, mit denen es verstopft war und welche die Stube so ver⸗ dunkelten, daß man im ersten Augenblick nichts unterscheiden konnte. Erst als es gelungen war, Luft und Licht einzulassen, sah man das Ent⸗ setzliche. Auf dem Bette mit dem Kinde im Arm, bleich und schön wie ein Marmorbild, lag Helma da, eine Leiche. Die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Sie hatte ihr Werk gründlich gethan. Wie an dem Fenster jeder Luftzug abgeschlossen gewesen, so fand man die Ritzen der Thüren mit aller⸗ hand Wäschestücken sorgfältig verstopft. Die da⸗ mals noch gebräuchliche Klappe des Ofens war geschlossen, dagegen stand dessen Thür weit offen, und innen glimmten noch hier und da die zu einem Berge aufgehäuften Kohlen durch ih⸗ ren weißen Ascheüberzug. Ein Luftzug konnte sie wieder anfachen, während das blühende Dop⸗ pelleben durch ihren Gifthauch unwiederbringlich erloschen war. Da Frau Bertram in ihrem Haushalt nur Torf zur Feuerung verwandte, so mußte Helma sich die Kohlen bei ihren Ausgän⸗ gen, wahrscheinlich in kleinen Mengen, zusam⸗ mengetragen haben, bis sie davon genug zu

haben geglaubt. Auf dem Boden des Kleider⸗

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