Ausgabe 
1.4.1900
 
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aufspielt, f Herzens einer Verschlechterung zustimmen. Oef⸗

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

ö bekannte Sache. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß auch in den Reihen des Zentrums, das sich

immer als Schützer des allgemeinen Wahlrechts es viele giebt, die im Grunde ihres

fentlich hütet man sich ja, als Gegner des

wichtigsten Volksrechtes aufzutreten ja selbst

der Knuten⸗Oertel machte es am Freitag im Reichstage nicht, wie derVorwärts feststellt. Sind aber die Herren unter sich, dann sprechen

sie sich etwas offener aus. So berichtet die

Kreuzztg. über die Hauptversammlung des konservativen Vereins der Provinz Brandenburg u. a.:General der Infanterie . D.. Massow⸗Frankfurt betonte zur Be⸗ kämpfung des Pessimismus die Pflicht der Dank⸗ barkeit gegen Gott und unser Herrscherhaus und regt dann die Hinaufsetzung der Wahl⸗ fähigkeit von 25 auf 30 Jahre an. Professor Kropatscheck hält eine Reform des Wahlrechts ebenfalls fürdringend wünschenswert, glaubt aber nicht, daß eine Hinaufsetzung des Alters der Wahlfähigkeit jetzt durchzusezen und wenn auch, von der erhofften Wirkung sei. Welcher Art dieReform sein soll, die der Chefredakteur derKreuzztg. als wünschenswert bezeichnet, geht aus dem Be⸗ richt nicht hervor. Für das Proportional⸗ Wahlrecht wird Herr Kropatschek kaum eingetreten sein; er wird vielmehr dieReform im säch⸗ sischen Sinne verstehen. Die Arbeiterschaft wird sich bei Zeiten auf die Verteidigung unseres wichtigsten politischen Rechtes gegen die junker⸗ lichen Angriffe einzurichten haben. Aber auch die Rechte des Reichstages sind bedroht. So haben sich angesichts der erfolgreichenOb⸗ struktion, die bei Bera ung derLex Heinze von der Linken angewendet wurde, Abgeordnete der Rechten und vom Zentrum Hr. Grö ber für eine Aenderung der Geschäfts⸗Ord⸗ nung des Reichstages nach der Richtung hin ausgesprochen,daß die Abgeordneten, welche einen Antrag auf namentliche Abstimmung stellen, als anwesend mitgezählt werden. Mit andern Worten, die Minderheit soll des Mittels beraubt werden, durch das sie sich gegen Vergewaltigung seitens der Mehrheit schützen kann. Zwar leistet das Zentrum in dieser Frage Herrn Gröber nicht allgemein Heeresfolge; so wendet sich dieKöl⸗ nische Volkszeitung entschieden gegen eine Aenderung der Geschäftsordnung indem sie er⸗ klärt, daß Gröber wohl mehr im eigenen Namen als in dem seiner Partei gesprochen hat;denn letztere dürste in ihrer Mehrheit sich doch wohl schwerlich der Einsicht verschließen, daß eine Aenderung der Geschäftsordnung, welche heute von Zentrum und Rechte gegen Sozialdemo⸗ kratie und Freisinnige unternommen würde, ein andermal bei anderer Konstellation der Par⸗ teien auf Kosten des Zentrums durchge⸗ führt werden könnte. Das Beschreiten des vom Abg. Gröber angedeuteten Weges erscheine daher überaus bedenklich. Immerhin werden aber durch solche Vorschläge und durch Aeuße⸗ rungen, wie die oben angeführten, die rückschritt⸗ lichen Pläne desarbeiterfreundlichen Zentrums ebenso wie die der edlen Junker offenbar und die Arbeiter zur Vorsicht gemahnt.

Gute Geschäfte.

Die Kosten des Panzermaterials werden sich bei den in der ueuen Flottenvorlage vorgeschlagenen Schiffsbauten gegenüber den früheren Preisen sehr erheblich steigern. Nach einer Anlage zum mündlichen Bericht der Budgetkommission des Reichstags stellen sich, wie dieKölnische Volkszeitung mitteilt, die Kosten des Vertikal⸗Panzermaterials für ein Linienschiff auf 5 922 000 Mk.(2 552 600 Kilo zu 2,32 Mk.), Kostensteigerung für das Schiff 392 000 Mk., also Kosten für 28 Linienschiffe rund 166 000 000 Mk. Bei den großen Kreuzern sind die Kosten für Schiffskörper und Panzermaterial zusammen angegeben(pro Kreuzer 8 480 000 statt 6974261 Mk,); es werden für 20 große Kreuzer etwa 40 600 000 Kilo Panzermaterial= etwa

92800 000 Mk. erforderlich sein, macht zusammen rund 260 000 000 Mk. allein für Panzermaterial, noch abgesehen von den kleinen Kreuzern, bei

welchen die Mehrkosten für Panzermaterial des einzelnen Kreuzers auf 13 900 Mk. angegeben sind. Der Deutsche Michel wird also, falls die Flottenvorlage bewilligt wird, noch etwas tiefer, als bisher angenommen wurde. in die' Taschen greisen müssen, damit die Riessnprofite des Stumm und Krupp noch mehr gesteigert werden!

Erfreuliche Wirkung derObstruktion?

Der Beschlußunfähigkeit des Reichstages, welche den Sieg der Obstruttion ermöglichte, schlagen verschiedene Blätter vor, durch Gewäh⸗ rung von Diäten an die in Berlin anwesenden Mitglieder des Reichstages zu steuern. Dann würde die Obstruktionspolitik hinfällig. Be⸗ kanntlich hat der Reichstag schon soundsov el Mal dem Antrage anf Zahlung von Tagegeldern an seine Mitglieder zugestunmt, im Bundesrate würde derselbe aber jedesmal abgelehnt. Jetzt wird die Hoffnung ausgesprochen, daß der Bundes⸗ rat angesichts der jüngsten Vorkommnisse seinen ablehnenden Standpunkt aufgegeben habe. Uns könnte es nur freuen, wenn bei dieser Gelegenheit eine unserer Programmforderungen verwirklicht würde. Einstweilen glauben wir aber noch nicht recht daran.

Verrohung.

Immer und immer wieder taucht in der bürgerlichen Presse die Behauptung über die Vermehrung der Rohheitsverbrechen auf, und im deutschen Reichstage ist nun schon zum zweiten Male über dies Thema debattirt worden und zum zweiten Male finden sich Leute, die die Stirne haben, die Prügelstrafe zu empfehlen. Die amtliche Statistik gibt keinenfalls Belege dafür, daß die Roheitsverbrechen in starker Zu⸗ nahme begriffen sind und besonders ist im Lichte der Statistik die vage Behay ptung, daß die Industriearbeiter das größte Kontingent an solchen Verbrechern stellen, durchaus falsch. Wo die Land⸗ arbeiter zur Industrie herangezogen werden, da ist in der That eine Zunahme bemerkbar und sie ist erklärlich: Leute, die plötzlich in ein anderes Milieu versetzt werden, plötzlich in ganz andere Lebens⸗ verhältnisse kommen, sind infolge der Ueber⸗ reizung zu Roheiten geneigt und auch wohl deshalb, weil die ungewohnte Ungebundenheit, der Mangel des Zusammenhanges mit deröffent- lichen Meinung, dessen sie sich in dem Dorfe wo Jeder den Andern kennt, bewußt sind, störend auf ihre Begriffe wirkt. Länder dagegen mit alteingesessener Industrie, wo schon Generationen der Industrie leben, weisen einen stetigen Rück⸗ gang dieser Roheitsverbrechen auf.

Kann also von einer Verrohung der großen Volksmasse auf keinen Fall die Rede sein, so bildet die Sehnsucht nach der Knute, wie sie bei den Oertel und Konsorten im Reichstage sich äußert, ein bedenkliches Symptom der Verrohung. Herr v. Buchka, der Kolonial⸗ direktor, hat sich energisch gegen die Prügelstrafe in den Kolonien gewendet, für Neger sei dieselbe nur ein Mittel, die Gesittung zu ver⸗ hindern. Vor kurzer Zeit wurde von kon⸗ servativer Seite behauptet, daß der Mißbrauch der Peitsche das Schlimmste sei, was man einem Kutscher nachsagen könne. Gegen Menschen aber wollen die Oertel, Himburg, Werner, v. Kar⸗ dorff und Graf Stollberg die Knute anwenden!

Es ist eine Schmach, wir wiederholen es, daß diese Patrone überhaupt den Deutschen Reichstag mit derartigen Anträgen belästigen dürfen.

Schutz vor Schutzleuten.

Unser Frankfurter Parteiorgan berichtet: Am 23. Oktober v. Is. hatte der Wirt des Hauptbahnhofbiertunnels Anton Nick in Frankfurt a. M. sein Lokal bis 2 Uhr nachts offen gehalten obgleich er nur bis 12 Uyr polizeiliche Erlaubnis hatte. Nach 2 Uhr kam der Wachtmeister Altstädt und erklärte dem Wirt, in zehn Minuten hätte jeder das Lokal zu verlassen. Als die anwesenden Haus⸗ burschen Görgen und Adam nach der Thüre gingen, erklärte der Wachtmeister, niemand dürfe hinaus. Alle wurden aufgeschrieben. Adam gab dem Wachtmeister auf dessen Verlangen seinen

Militärpaß. Adam sagte unter Eid aus, der Wachtmeister habe mit den Worten:Das sind Dreckspapiere, seine Legitimation zerrissen, auf die Erde geworfen und ihm einen Stoß vor die Brust gegeben, daß er zu Boden gefallen sei. veschwert habe, sei er verhaftet worden. Nek, der auch verhaftet wurde, hat auf der Wache eine halbe Stunde lang auf dem Wachtmeister warten müssen. Als dieser kam, habe er seine Taschen leeren, die Weste ausziehen und die Hosenträger abknöpfen und auf den Tisch legen müssen. Dagegen habe er protestiert, da er sich in Gegenwart anderer doch geschämt haben würde, wenn seine Hosen hecunterfielen. Darauf⸗ hin habe der Wachtmeister erklärt:Der Kerl. wird geschlossen und dabehalten! Der Wacht⸗ meister erkläcte, er habe den Nick nur deshalb verhaftet, weil dieser den Görgen und Adam befreien wollte. Daß er den Nick oder den Adam gestoßen und geschlagen, den MR litärpaß zerrissen habe, das bestreitet er sowohl wie auch die Schutzleute. Dem stehen die eidlichen Aus⸗ sa gen von acht anderen Zeugen gegenüber. Nur weil sich Nicknicht fügte und Aufreizung machte, deswegen wollte er ihn einliefern und über Nacht behalten. Die Hosenträger habe er dem Nick deshalb abverlangt, damit sich die ser nicht erhänge! Der Staatsanwalt beantragte Vertagung, die jedoch das Gericht kurzerhand ablehnte. Im weiteren Verlauf der Verhand⸗ lung drehte es sich um die Frage, ob der Wacht⸗ meister betrunken war oder nicht, er selbst be⸗ streitet es. Nach etwa zweistündiger Berhand⸗ lung beantragte der Staatsanwalt eine Geld⸗ strafe von 20 Mark(1! Red.) gegen Nick. Das Gericht erkannte aber auf Freisprechung. Die Verhaftung des Nick sowie auch jener zwei Zeugen sei unzulässig gewesen. Das Venehmen des Wachtmeisters wurde vom Gerichte als gänzlich ungehörig bezeichnet. Bildung und Besitz.

Es wird gemeldet: Ein schlechtes Resultat ergab die Prüfung der Bewerber um die Be⸗ rechtigung zum einjährig⸗freiwilligen Dienst für den Regierungs⸗Bezirk Köln. Von den 40 jungen Leuten, die sich zur Prüfung ge⸗

Prüfung zurück; von den verbleibenden 34 haben nur acht die Prüfung bestanden. Also nur ein Fünftel von den Söhnenbesserer Stände genügte den mäßigen geistigen Anforderungen, die in diesem Falle an sie gestellt wurden! Wir sind überzeugt, daß, wenn man auf die Ausbildung von Proletarier⸗Kindern gleich große Mühe verwendet hätte, als auf die in Rede stehenden Prüflinge, ein bedeutend besseres Re⸗ sultat erzielt worden wäre! Prämie für Streikbrecher.

Eine Prämie, die teilweise 20 Mark und teilweise zwei Schichtlöhne beträgt, erhielten, wie aus Zwickau berichtet wird, jene Bergarbeiter, die beim Streik sich nicht auf seiten ihrer kämpfenden Brüder gestellt haben. Man muß es den Werkbesitzern lassen, sie haben das Ver⸗ halten der Arbeitswilligen niedrig genug taxiert. Während sie, die Werkbesitzer, durch die Nieder⸗ zwingung der Arbeiter Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende verdienen, geben si enen, die ihnen zu dem Profitzug verhalfen, 20 Märker. Wie Feuer müßte den prämürten Arbeitern das Geld in den Händen brennen, wenn sie daran denken, wofür sie das Geld erhalten haben, und wie niedrig selbst die Grubenbarone ihre schofle Handlungs weise einschätzen.

Ausland.

Frankreich. Gegen den französischen Handelsminister, uns rn Genossen Millerand, wenden sich die Reaktionäre in der Kammer in wiederholten Vorstößen. Man möchte ihn gern noch vor der Eröffnung der Weltausstellung, die am 15. April stattfinden soll, stürzen. Aus geringfügigen Anlässen werden Mißtraueusvoten beantragt. Bisher hat Millerand noch stets den Erfolg davon getragen. Auch am Diensstag,

als die Reaktionäre wegen der Arbeiterunruhen in der französischen Kolonie Martinique bei denen

Als er sich über diese Behandlung

meldet hatten, traten sechs vor der mündlichen

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