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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 1*
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1900. Mit des Morgens lichtem Glanze Brichst Du, neues Jahr, herein, Kommst Du auch mit Schwert und Lanze, Sollst uns doch willkommen sein.
Willst Du uns mit Hoffen kirren, Werden sehen, ob sich's lohnt; Drohst Du uns mit Sporenklirren— Sind das Rasseln längst gewohnt.
Bringst Du Freiheit, bringst Du Frieden— Du bei uns in Anseh'n stehst,
Wenn es anders ist beschieden,
Warten wir, bis daß Du gehst,
Bringst Du Not und Nungerplagen, Bringst Du Leid und Kerkernacht— Werden keineswegs verzagen, Solches ward uns oft gebracht.
Bringst Du Haß und Feindestücken— Immerzu! Bewehrt wir steh'n; Neues Jahr, in allen Stücken
Kannst Du uns gerüstet seh'n.
Grüßen Dich mit Glockenläuten! Was mit Dir empor auch stieg— Einst wirst Du uns doch bedeuten! Näher einen Schritt zum Sieg! Max Kegel.
Das Abenteuer der Neujahrsnacht. Novelle von H. Zschokke.
I.
Mutter Käthe, des alten Nachtwächters Frau, schob am Sylvesterabend um 9 Uhr das Zugfensterchen zurück und steckte den Kopf in die Nacht hinaus. Der Schnee flog in stillen, großen Flocken, vom Fensterlichte gerötet, auf die Straßen der Restdenz nieder. Sie sah lange dem Laufen und Rennen der frohen Menschen zu, die noch in den hellerleuchteten Läden und Gewölben der Kaufleute Neujahrs⸗ geschenke einkauften, oder von und zu Kaffee⸗ häufern und Weinkellern, Kränzchen und Tanz⸗ sälen strömten, um das alte Jahr mit dem neuen in Lust und Freuden zu vermählen. Als ihr aber ein paar große, kalte Flocken die Nase belegten, zog sie den Kopf zurück, schob das Fensterchen zu und sagte zu ihrem Manne: „Gottliebchen, bleib' zu Hause, und laß den Philipp für Dich gehen! Denn es schneit vom Himmel, was es nur kann, und der Schnee thut, wie Du weißt, Deinen alten Beinen nicht gut. Auf den Gassen wird es die ganze Nacht lebhaft sein. Es ist, als wäre in allen Häusern Tanz und Fest. Man sieht viele Masken. Da hat unser Philipp gewiß keine Langeweile!“ Der alte Gottlieb nickte mit dem Kopfe und sprach:„Kätchen, ich bin damit einverstanden! Mein Wetterglas, meine Schußwunde über dem Knie, hat mir's schon zwei Tage voraus gesagt, das Wetter werde sich ändern. Billig, daß der Sohn dem Vater den Dienst erleichtert, den er einst von mir erbt.
Nebenbei verdient hier gesagt zu werden, daß der alte Gottlieb vorzeiten Wachtmeister in einem Regiment gewesen, bis er bei Er⸗ stürmung einer feindlichen Schanze, die er als Erster im Kampfe für das Vaterland bestieg, zum Krüppel geschossen ward. Sein Haupt⸗ mann, der die Schanze bestieg, nachdem stie erobert war, empfing für solche Heldenthat auf dem Schlachtfelde das Verdienstkreuz und Be⸗ förderung im Range. Der arme Wachtmeister mußte froh sein, mit dem zerschossenen Bein lebendig davonzukommen. Aus Mitleid gab man ihm eine Schulmeisterstelle, denn er war ein verständiger Mann, der eine gute Hand⸗ schrift hatte und gern Bücher las. Bei Ver⸗ besserung des Schulwesens ward ihm aber auch die Lehrerstelle entzogen, weil man einen jungen Menschen, der nicht so gut als er lesen, schreiben
einer von den Schulräten dessen Pate war. Den abgesetzten Gottlieb aber beförderte man zum Nachtwächter, und gab ihm seinen Sohn Philipp, der eigentlich das Gärtnerhandwerk gelernt hatte, zum Amtsgehilfen.
Die kleine Haushaltung hatte dabei ihr kümmerliches Auskommen. Doch war Frau Käthe eine gute Wirtschafterin und sehr häus⸗ lich, und der alte Gottlieb ein wahrer Welt⸗ weiser, der mit wenigem recht glücklich sein konnte. Philipp verdiente sich bei dem Gärtner, in dessen Lohn er stand, sein täglich Brot zur Genüge, und wenn er bestellte Blumen in die Häuser der Reichen trug, gab es artige Trink⸗ gelder. Er war ein hübscher Bursche von sechsundzwanzig Jahren. Vornehme Frauen gaben ihm bloß seines Gesichts wegen ein Stück Geld mehr, als jedem andern, der eben solch ein Gesicht nicht aufweisen konnte.
Frau Käthe hatte schon das Mäntelchen umgeworfen, um aus des Gärtners Hause den Sohn zu rufen, als dieser in die Stube trat.
„Vater“, sagte Philipp, und gab dem Vater und der Mutter die Hand,„es schneit und das Schneewetter thut Dir nicht gut! Ich will Dich die Nacht ablösen, wenn Du willst. Lege Du Dich schlafen!“
„Du bist brav!“ sagte der alte Gottlieb.
„Und dann habe ich gedacht, morgen sei es doch Neujahr“, fuhr Philipp fort,„und ich möchte morgen bei euch essen und mir gütlich thun. Mütterchen, hast vielleicht einen Braten in der Kücke
„Das eben nicht“, sagte Frau Käthe,„aber doch anderthalb Pfund Rindfleisch, Kartoffeln und Gemüse, und Reis mit Lorbeerblättern zur Suppe. Anch zum Trunk noch ein paar Flaschen Bier. Komm Du nur, Philipp; wir könuen morgen hoch leben! Künftige Woche giebt es auch wieder Neujahrsgeld für die Nachtwächter, wenn sie teilen. Da können wir schon wohlleben!“
„Nun, desto besser für Euch! Und habt Ihr schon die Hausmiele bezahlt?“ fragte Philipp.
Der alte Gottlieb zuckte die Achseln.
Philipp legte Geld auf den Tisch und sagte: „Da sind zweiundzwanzig Gulden, die ich er⸗ spart habe. Ich kann sie wohl entbehren. Nehmt sie zum Neujahrsgeschenk! So können wir alle drei das neue Jahr wohlgemut und sorgenlos antreten. Gott gebe, daß wir es gesund und fröhlich durchleben! Der Himmel wird ferner für Euch und mich sorgen“.
Frau Käthe hatte Thräuen in den Augen, und küßte ihn. Der alte Gottlieb sagte: „Philipp, du bist wahrhaftig der Trost und die Stütze unseres Alters! Gott wird dir's vergelten. Fahre fort, redlich zu sein und Deine Eltern zu lieben! Ich sage Dir, der Segen bleibt nicht aus. Zum Neujahr wünsche ich Dir nichts, als Dein Herz fromm und gut zu bewahren. Das steht in Deiner Macht. Dann bist Du reich genug. Dann hast Du Deinen Himmel im Gewissen“.
So sprach der alte Gottlieb, ging und schrieb die Summe von zweiundzwanzig Gulden in's große Handbuch und sagte:„Was Du mir als Kind gekostet, hast Du beinahe schon ab⸗ bezahlt. Jetzt haben wir aus Deinen Erspar⸗ nissen schon dreihundertundsiebzehn Gulden empfangen und genossen“.
„Dreihundertundsiebzehn Gulden!“ rief Frau Käthe mit großem Erstaunen. Dann wandte sie sich mitleidig zu Philipp und sagte mit weicher Stimme:„Herzenskind, Da jammerst mich! Ja recht sehr jammerst Du mich. Hättest Du die Summe für Dich sparen und zurücklegen können, so würdest Du jetzt ein Stück Land kanfen, für eigene Rechnung Gärt⸗ nerei treiben und die gute Rose heiraten können. Das geht nun nicht. Aber tröste Dich! Wir sind alt; Du wirst uns so lange nicht mehr unterstützen müssen“.
„Mutter“, sagte Philipp, und runzelte ein wenig die Stirn,„was redest Du? Röschen ist mir zwar lieb, wie mein Leben. Aber hundert Röschen gebe ich für Dich und den Vater hin. Ich kann in dieser Welt keine Eltern mehr haben, als Euch, aber, wenn es
und rechnen konnte, versorgen wollte, indem
sein muß, wohl noch manches Röschen, obgleich
ich von zehntaufend Röschen kein anderes, als Bittners Röschen möchte“. „Du hast recht, Philipp!“ sagte der Alte.
alte, arme Eltern ehren und unterstützen, das ist Pflicht und Verdienst. Sich selbst opfern mit seinen Leidenschaften und Neigungen für das Glück der Eltern, das ist kindliche Dank⸗ barkeit. Das erwirbt dir Gotteslohn; das macht Dich im Herzen reich“.
„Wenn nur,“ sagte Frau Käthe,„dem Mädchen die Zeit nicht zu lang, oder es Dir abtrünnig wird!— Denn Röschen ist ein schönes Mädchen, das muß man sagen. Sie ist freilich arm; aber an Freiern wird es ihr nicht fehlen. Sie ist tugendhaft und versteht die Haushaltung“.
„Sei nur nicht bange, Mutter!“ versetzte Philipp. Röschen hat mir's feierlich geschworen, ste nehme keinen andern Mann, als mich; und das ist genug. Ihre alte Mutter hat eigentlich auch nichts an mir auszusetzen. Könnte ich heute mein Gewerbe selbstständig betreiben und eine Frau ernähren, morgen führte ich Röschen zum Altare; das weiß ich. Es ist nur ver⸗ drießlich, daß die alte Fran Bittner uns ver⸗ bietet, einander so oft zu sehen, als wir gern möchten. Sie sagt, das thue nicht gut. Ich aber finde, und Röschen findet es auch, es thue uns beiden gewiß sehr gut. Auch haben wir verabredet, uns heut' um zwölf Uhr vor der Hauptthür der Gregorienkirche zu sprechen; denn Röschen bringt den Sylvesterabend bei einer ihrer Freundinneu zu. Dann führe ich sie des nachts nach Hause“.
Unter diesen Gesprächen schlug es im be⸗ nachbarten Turme drei Viertel. Da nahm Philipp den Nachtwächtermantel seines Vaters vom warmen Ofen, auf den ihn Käthe vor⸗ sorglich gelegt hatte, hing ihn sich um, nahm das Horn und den Spieß, wünschte den Eltern gute Nacht, und begab sich auf seinen Posten.
II.
Philipp schritt majestätisch durch die be⸗ schneiten Straßen der königlichen Residenz, auf welchen noch viel Volk umberwandelte, als wärs am Tage. Kutscher fuhren hin und her. Alles war in den Häusern hell und erleuchtet. Unsern Nachtwächter belustigte das heitere Leben. Er sang und blies im angewiesenen Stadtquartier die zehnte Stunde recht fröhlich ab, am liebsten und mit mancherlei Neben⸗ gedanken vor dem Hause unweit der Gregorien⸗ kirche, wo er wohl wußte, daß Röschen bei ihren Freundinnen war.„Nun hört sie mich,“ dachte er,„Nun denkt sie an mich, und vergißt vielleicht Gespräch und Spiel. Wenn sie nur um zwölf Uhr nicht bei der Kirchthür fehlt!“
Und als er seinen Gang durch das Stadt⸗ quartier gemacht hatte, kehrte er vor das ge⸗ liebte Haus zurück und sah nach den erleuchteten Fenstern von Röschens Freundinnen hinauf. Zuweilen sah er weibliche Gestalten am Fenster, dann schlug sein Herz schneller. Er glaubte Röschen zu sehen. Verschwanden die Gestalten, so studierte er die verlängerten Schatten an der Wand und Zimmerdecke, um zu erkennen, welcher Röschens Schatten sei und was sie thue. Es war freilich gar nicht angenehm, in Frost und Schnee dazustehen und Betrachtungen zu machen. Aber was fechten Frost und Schnee einen Liebhaber an! Und Nachtwächter lieben heutzutage so romantisch, wie irgend zärtliche Riiter der Vorwelt in Romanzen und Balladen.
Er spürte den Einfluß der Kälte erst, als es elf schlug, und er von neuem die nacht⸗ wächterliche Runde beginnen sollte. Die Zähne klapperten ihm vor Frost. Er konnte kaum die Stunde ausrufen und dazu blasen. Er wäre gern in ein Bierhaus eingekehrt, um sich zu erwärmen.
Als er nun durch ein einsames Nebengäß⸗ chen ging, trat ihm eine seltsame Gestalt ent⸗ gegen, ein Mensch mit schwarzer Halblarve vor dem Gesicht, in einen feuerroten Seidenmantel gehüllt, auf dem Haupt einen runden, seitwärts aufgeschlagen Hut, phantasttsch mit vielen hohen, schwankenden Federn geschmückt.
Philipp wollte der Maske ausweichen. Diese
aber vertrat ihm den Weg und sagte:„Du bist
„Lieben und heiraten ist kein Verdienst; aber
Gläsch Allagl.
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9 Statut, J. Okto unterzo
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