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1.1.1900
 
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Seite 2.

Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung

Nr. 1.

schiffe, Telegraphen, Posten, Zeitungen. Eine fütenabonale Organisation des Handels. Der Bau argentinischer Eisenbahnen mit europäischem Geld, die Internationalität der Banken und Börsen, das alles gehört zur Weltpolitik. Der Bau des Suezkanals, die europäische Bestede⸗ lung von Amerika, Australien, Afrika, das Emporblühen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, der jetzige Unabhängigkeitskampf in Südafrika es ist Weltpolitik.

Die Weltpolitik ist das Aufrütteln jeder einzelnen Nation mit den Mitteln der gesamten Welt. Die Vereinigung der Nationen zu einer Völkergemeinschaft auf grund der Produktions- gemeinschaft der Welt. Die Beseitigung der Staatsschranken der Kulturentwickelung, der nationalen Borniertheit, des nationalen Eigen⸗ dünkels und der nationalen Tradition. Das Vorwärtsstreben der Menschheit durch Rivalität der Kulturarbeit zur Solidarität der Kultur⸗ interessen der Welt. Die große Kundgebung dieser Weltpolitik war das kommunistische Manifest, dessen Schlußsatz lautet:

Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!

Anders die Weltmachts politik. Es ist der Versuch, alle Nationen dem Willen einer Regierung zu unterwerfen. Es ist der Versuch, alle Ströme der Weltproduktion von einem Punkt ausfließen zu lassen. Es ist der thörichte Wunsch, die gesamte Kultur in eine Uniform zu stecken. Es ist das Bestreben, sich zum Herrn der Welt aufzuwerfen. Es ist das wahnwitzige Beginnen, entgegen den Gesetzen der Produktions- entwickelung und der Weltkultur nach eigenem Willen die Weltgeschichte zu modeln. Man behandelt die Weltgeschichte, als wenn sie eine Dienstmagd wäre, die unter preußischer Gesinde⸗ ordnung steht.

Die Weltpolitik gründet in der geschicht⸗ lich werdenden Entwickelung der Welt, die Welt machts politik ist die Eroberung der Welt. Ihre Mittel sind Panzerschiffe und Kanonen. Ihr Weg geht durch Verhetzung der Nationalitäten, völkermörderischen Krieg, Ruin reicher Industrien, Verwüstung von Ländereien. Und was sie schließlich erreicht, ist die Aufpflanzung einernationalen Flagge an verschiedenen Enden der Welt keine wirk⸗ liche Herrschaft, sondern das Trugbild einer Herrschaft, wie gerade das Beispiel Englands wiederum zeigt. Die Einbildung einer Herrschaft, denn sie ist nicht im stande, die widerspenstige Entwickelung zu hemmen, bis

schließlich die aufgezwungene Form wie eine

schwache Hülse unter dem Druck von innen platzt und ein fremdartiger, unerwarteter Zu⸗ stand sich plötzlich offenbart, der aber allmählich und gesetzmäßig herangereift war.

Die Welt soll neu verteilt werden er⸗ klärte Staatssekretär v. Bülow. Welche lächer⸗ liche Ueberhebung, welche verhängnisvolle Ein⸗ bildung eines Diplomaten! Länder und Völker sollen gemessen und verteilt werden, als wenn es Schafweiden und Schafherden wären! Eine neue Weltmacht soll gebildet werden, eine deutsche Weltmacht. Der Minister beruft sich auf die Geschichte. Hätte er es lieber nicht gethan. Denn diese lehrt, daß, seitdem der Staat der Klassenherrschaft besteht, wiederholt Regierungen und Dynastien den Versuch machten, eine Weltherrschaft zu begründen, der stets am letzten Ende den Ruin des Staates herbeiführte. Was den Persern nicht gelang, nicht auch dem großen Alexander, woran das römische Reich zu grunde ging ꝛc. ꝛc. bis auf die holländische und jetzt die englische koloniale Weltmacht, das will jetzt Reichskanzler Hohenlohe versuchen!

Man sagt, das gehe nicht anders, Deutsch land müsse es sei durch die Entwickelung seiner Industrie dazu gezwungen große Kolonialpolitik zu treiben. O nein, dadurch dient ihr Deutschlands Industrie schlecht, daß ihr es mit allen Völkern verfeindet und in verderbliche Kriege stürzt! Deutschlands in⸗ dustrielle Entwickelung? Haben wir euch nicht dieses Wort seit einem Menschenalter fast zu⸗ gerufen? Ihr habt diese Entwickelung plan⸗ mäßig gehemmt aus Liebedienerei vor den Junkern und im Dienste eures Imperialismus!

Wer war es denn, der durch Zölle das

Brot verteuerte, von dem der Arbeiter sich nährt, in dessen Händen die Produktion ruht? Wer hat durch Zölle das Eisen verteuert, das wichtigste Hilfsmittel der Produktion? Wer hat durch seineMittelstands- und agrarische Politik es soweit gebracht, daß nunmehr, mit einer einzigen Ausnahme, die gesamte zivilisierte Welt sich gegen Deutschland mit Zöllen ver⸗ barrikadiert dat? Und als trotz alledem Deutsch⸗ lands Industrie sich einen Weg in alle Welt⸗ teile gebahnt hatte, wie wollt ihr sie beschützen? Dadurch, daß ihr den Frieden stört, der un⸗ erläßlich ist für den Handel, und dem Volke ungeheure Marinelasten auferlegt zu den mili⸗ tärischen, die es auch schon kaum trägt!

Wollt ihr wirklich die Industrie fördern? Dann macht den Arbeiter satt. Macht ihn frei. Hemmt nicht die Kulturentwickelung des deutschen Volkes. Schließt Frieden mit den Nationen, politischen und wirtschaftlichen Frieden: macht ein Ende dem Zollkrieg in Permanenz.

Wenn Deutschland wirkliche Weltpolitik treiben will, so ist das erste Erfordernis: Be⸗ seitigung der Getreidezölle nach Außen, Be⸗ seitigung der Polizeiwirtschaft im Innern!

Eine neue Kolonialbestialität.

DerWindhoeker Anzeiger berichtet in seiner letzten Nummer, daß eine Untersuchung gegen den als Leutnant à la suite der Schutztruppe stehenden Prinzen von Arenberg wegen gewisser Vorgänge bei der Tötung des Eingeborenen Willy Cain einge⸗ leitet worden ist. Prinz von Arenberg wurde vor ein Kriegsgericht gestellt, das seinen Spruch bereits gefällt hat. Dieser bedarf noch der Bestätigung durch den Kaiser. Prinz von Arenberg hat sich mittlerweile mit Heimats⸗ urlaub(11) nach Deutschland begeben.

Ueber die Einzelheiten des Vorfalles, welcher den Gegenstand des militärgerichtlichen Ver⸗ fahrens gebildet hat, schweigt sich derWindh. Anz. aus. Die BerlinerVolksz. ist indes in der Lage, diese Lücke zu ergänzen durch die Mitteilungen eines Deutschen in Süd⸗ westafrika, die ihr zufällig gerade, da die Notiz desWindhoeker Anzeigers in Deutsch⸗ land bekannt wird, vor Augen gekommen sind. Was da berichtet wird, ist geradezu grauenhaft.

Darnach handelt es sich um einen in Diensten des Prinzen Arenberg stehenden Ein⸗ geborenen, der bei dem Prinzen eine besondere Vertrauensstellung inne hatte, bei welcher ihm seine, Cains, Beziehungen zu den eingeborenen Landestöchtern von Vorteil waren. Die Szene, die zu dem Gerichtsverfahren geführt hat, spielte sich nach dem Briefe des deutschen Gewährs⸗ mannes derVolksztg, wie folgt ab:

Nach einem Gespräch zwischen dem Prinzen und dem Diener entfernte sich Cain im Schritt, ohne sich des geringsten Vergehens bewußt zu sein, als der Prinz, Distriktschef auf einer Station hinter Windhoek, dem Posten zurief, er solle auf Cain schießen. Der Soldat schoß in die Luft. Cain ging ruhig weiter.

Haben Sie nicht gehört, Sie sollen den Kerl erschießen!

Der Posten schießt nochmals und trifft Cain ins Bein.

Darauf tritt Prinz Arenberg hinzu, zieht seinen Revolver und schießt den Cain in den Leib. Als dieser den Prinzen flehentlich fragt, warum er ihn töten wolle, er hätte ihm doch nichts gethan, schießt Prinz Aren⸗ berg nochmals. Diesmal trifft er Cain in den Kopf. Als er sieht, daß Cain noch nicht tot ist, nimmt er einen Gewehrstock, bohrte ihn in die Wunde und rührt das Gehirn so lange um, bis Calin verscheidet.

Der Briefschreiber schildert, wie dieVolks⸗ zeitung weiter berichtet, die große Aufregung und Empörung, die dieser Vorfall überall her⸗ vorgerufen habe. Er sagt, an Mißhandlungen der Eingeborenen sei man ja gewöhnt, über körperliche Strafen kleineren Umfangs sehe man in Afrika hinweg, aber diese That habe eine namenlose Erbitterung und ein allgemeines Ent⸗ setzen erzeugt.

Ueber die Höhe der über den Prinz Aren⸗ berg etwa verhängten Strafe verlautet bei der Heimlichkeit des militärgerichtlichen Ver fahrens nichts. Vielleicht erfährt man etwas davon, wenn das Urteil bestätigt worden ist. Hätte den prinzlichen Mörder die verdiente Strafe getroffen, so hätte man ihn doch wohl nicht auf Urlaub geschickt.

Man muß unwillkürlich an die Löbtauer unbeträchtlichen Prügeleien und die dafür erkannten 53 Jahre Zuchthaus denken. Es handelte sich da allerdings weder um Prinzen, noch Offiziere, noch afrikanische Kulturträger, noch Lustmörder es waren bloß Arbeiter.

Nachschrift. Das Urteil des Kriegsgerichts gegen den Prinzen Arenberg lautet, wie man sich derVoss. Ztg. zufolge in Windhoek er⸗ zählt, auf drei Jahre Festung und Ent⸗ fernung aus dem Offiziersstand. Der Gouverneur ließ sofort, nachdem der Vorfall bekannt geworden war, den Prinzen verhaften und vor das Kriegsgericht stellen, das unter Vorsitz des Majors Müller, des Oberführers der Schutztruppe, tagte. Im Gegensatz zu den bisherigen Meldungen wird derBerl. Ztg. geschrieben, Prinz Arenberg sei nicht auf freien Fuß gesetzt und mit Heimatsurlaub entlassen worden, sondern habe als Gefangener auf Ehrenwort, begleitet von einem Oberleutnant der Schutztruppe, die Fahrt nach Hamburg angetreten. Dort ist er am ersten Weihnachts⸗ feiertag eingetroffen.

Politische Rundschau.

Gießen, 29. Dezember.

Ein Urteil Wilhelm ll. über den Krieg?

DerBerliner Lokalanzeiger meldet aus London: Nach derBirmingham Post drückte der Kaiser Wilhelm in spezieller Mitteilung an die Königin Viktoria seine große Bewunde⸗ rung für die von den englischen Truppen bewiesenen Eigenschaften aus und fügte die Hoffnung hinzu, daß die britischen Waffen bald Erfolg haben mögen. Die Mitteilung, die ein privates Dokument ist, wurde besonders durch den Kummer der Königin veranlaßt, womit sie den Verlust vieler tapferer Menschenleben aufnahm.

Natürlich muß derBirmingham Post jede Verantwortlichkeit für die Richtigkeit dieser Meldung überlassen bleiben. Hegt Kaiser Wilhelm II. wirklich den Wunsch, daß die englischen Waffen siegen mögen, so wird das ja wohl in irgend einer Kundgebung Ausdruck finden. Die deutsche Sozialdemo⸗ kratie hat dagegen jedenfalls im Einklange mit den Bruderparteien in anderen Ländern den dringenden Wunsch, daß die Söldner scharen des englischen Kapitalismus in Südafrika unterliegen mögen.

Neue Landsleute gekauft.

Der BerlinerLokalanzeiger will aus vor⸗ züglicher Quelle den Inhalt eines deutsch-eng⸗ lischen Geheimvertrages über die portu⸗ giesischen Kolonialbesitzungen kennen, der im Frühjahr des nächsten Jahres mit Zustim⸗ mung Portugals zur Ausführung kommen würde. Er behauptet, der afrikanische Besitz mit rund 2 Millionen Quadratkilometern und 13 Millionen Einwohnern solle an England fallen, der asiatische mit 20000 O.⸗K. und beinahe 1 Million Einwohnern an Deutsch⸗ land. Es handelt sich bei letzterem um 5 Gebiete: Timor mit 16 300 Q.⸗K., Goa mit 3270, Daman mit 383, Makao mit 12, Diu mit 5 Q.⸗K. Außer diesen Besitzungen in Asien soll auch noch in Afrika das Land nördlich des Zambesi an Deutschland abgetreten werden mit Ausnahme eines Streifens von 3 Meilen, den sich Cecil Rhodes für seine Eisenbahn aus⸗ bedungen hat. Der von Deutschland zu zahlende Preis beläuft sich auf 25 Millionen Mark.

DerStreifen von drei Meilen, den sich Rhodes ausbedungen hat, wird jedenfalls der fetteste Happen in dem für Deutschland be⸗ stimmten neuen Fetzen Afrika sein. Die Spanier

unser

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