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0 geilage 3. Mitt
eldeutschen Sonntags⸗Ztg.
Nr. 18. Gießen, den 30. April 1899. 6. Jahrgang. Eines Abends saß man wieder so beisammen. Um das alte Haus am Pregel wogte das 2—. e Ringsum herrschte tiefe Stille, nur hin und erneute Leben in vollem Strom, aber die Be⸗ 55558889 wieder kam ein kurzer abgebrochener Laut aus wohner des zweiten Stockwerks empfanden
AUAnterhaltungs⸗Teil.
vom Stamm gerissen. Roman von E. Langer.
(Fortsetzung.)
Diese anstrengende Thätigkeit zog Valeska zwar tagüber von der aufreibenden Sorge um den Geliebten ab, doch in der Nacht fiel sie dieselbe mit verdoppelter Gewalt an und raubte ihr den Schlaf. Stundenlang ging Valeska in ihrem Stübchen auf und ab, nachdem sie ver⸗ gebens alle Mittel versucht, einen wohlthätigen Schlummer herbeizulocken. Zuletzt verfiel sie
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Nachdruck verboten.
auf den Gedanken, in den schlaflosen Nacht⸗
stunden Tapisseriearbeiten für Geld zu machen, um die Zeit nicht nutzlos hinzubringen. Das gab sie freilich bald wieder auf, da die Arbeit⸗ geber die Stickereien schnell angefertigt haben wollten; allein die Schlaflosigkeit dauerte fort.
Die gute Frau Braun bekümmerte es sehr, wenn sie Valeska morgens so blaß und matt fand, nachdem sie abends mit hochroten Wangen und überreizt glänzenden Augen heimgekehrt war. Sie bat, Valeska möchte sich nicht so anstrengen, sich etwas mehr Ruhe gönnen. Allein die Natur selbst versagte stie ihr. Sie ließ sich von ihrer Wirtin zugleich beköstigen. Der Preis war ein sehr geringer, aber Frau Braun hielt ihn noch für zu hoch, denn Valeska aß weniger als ein Vogel, selbst von den feineren Speisen, welche ihr jene, so gut sie es verstand, bereitete. Abends nahm Valeska ihr Mahl, wenn sie nicht zu abgespannt war, in dem Hinterstübchen ihrer Wirtin mit dieser und ihrem Sohn Ernst, einem hübschen, intelligenten Jüngling von siebzehn Jahren, ein. Diesem, den sie gewöhnlich in Schlossers Weltgeschichte vertieft fand, blitzten die Augen, wenn er sie erscheinen sah. Noch niemand hatte mit ihm Gespräche geführt wie Valeska. Gleich in den ersten Tagen hatte sie entdeckt, daß der Jüng⸗ ling sich über die sozialen Probleme der Zeit
Gedanken machte, daß er Broschüren sozial⸗
politischen Inhalts, deren er habhaft werden konnte, las, und auch politische Redner gehört hatte. Seine Begriffe von den Ursachen und Zielen der Bewegung, die noch ziemlich ver— worren waren, suchte nun Valeska, so gut sie konnte, zu klären.
Lehrerin aufgeblickt, als Ernst Braun zu Valeska. Ihre Schönheit und ihr Unglück rückten sie für ihn weit über das Gewöhnliche hinaus. Er betrachtete sie fast wie eine Heilige und war glückselig, wenn er etwas für sie thun konnte. Ihre kleinen Stiefelchen putzte er jeden Morgen, ehe er in die Druckerei ging, mit förmlicher Andacht, und den Krug, in welchem er ihr frisches Wasser holte, behandelte er ganz be— sonders liebevoll. Er war es auch, der die Blumen pflegte, und seitdem er wußte, welche Freude Valeska daran hatte, lag er dieser Be⸗ schäftigung mit um so größerem Eifer ob. Als die Abende milder wurden, saßen die drei zuweilen auf der grün gestrichenen Bank vor der Hausthür, sogen den Duft der Balsam⸗ pappeln ein, der aus den gegenüberliegenden Gärten strömte und sahen zu den Sternen auf, die Valeska ihren schlichten Gefährten mit Namen nannte. Wie ihre Augen dabei schimmerten— nicht mit dem unruhigen Ge⸗ funkel der Firxsterne, sondern mit stillem planetarischen Glanze. Ernst dachte oft, daß sie die Planeten, von deren Bahnen und Be⸗ schaffenheit das Mädchen ihnen erzählte, an Schönheit überträfen, und heimlich schaute er nach den blauen irdischen Sternen, die in letzter Zeit noch viel größer geworden und von un⸗ heimlich dunkeln Ringen umgeben waren.
Nie hatte ein Schüler mit mehr Dankbarkeit und Bewunderung zu seiner
den Gebüschen des Gartens, wie schüchterne Lockruf einer Nachtigall.
Valeska befand sich in großer Aufregung. Ihr Rechtsanwalt hatte ihr heute das Resultat der Vernehmung des Herrn von Kries mitge⸗ teilt und die frohe Botschaft hinzugefügt, daß Oettinger nun sofort aus der Haft entlassen werden müßte, da kein Grund mehr vorhanden sei, ein Verfahren gegen ihn einzuleiten.
Der Brief, den sie mittags zu Hause vor⸗ efunden, hatte Valeska mit unbeschreiblichem Jubel erfüllt, so daß sie ihre Nachmittagsstunden wie in einem Rausche gegeben, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, daß der Geliebte frei sei, ste ihn vielleicht schon zu Hause, ihrer harrend, finden würde. Sie kaufte auf dem Heimwege eine Flasche alten Wein zu dem Mahle, welches ihnen Frau Braun bereiten sollte. Einem kleinen Mädchen, welches die ersten Maiglöckchen feil bot, nahm sie den ganzen Vorrat ab. Kurt liebte die Waldblumen so sehr!
Es war eine große Enttäuschung, als sie ihn nicht schon in ihrem Stübchen fand; indessen konnte ihn jeder Augenblick bringen, und so ordnete sie alles zu seinem Empfang, durch diese Beschäftigung ihre heiße Ungeduld betäubend. Endlich setzte sie sich zu ihrer Wirtin und deren Sohn vor die Thür, nicht um auf die Nachtigall, sondern um auf jeden in der abendlichen Stille laut werdenden Schritt zu lauschen. Aber alle verhallten in der Ferne, einer wie der andere. Jetzt ward wieder einer laut, ein männlicher Schritt. Kam er näher? Nein— ja doch! Sie schnellte empor und durchbohrte das Duukel mit ihrem Blick. Ein Mann näherte sich. Schon that sie ihm einige Schritte entgegen— allein er war es nicht, den sie so heiß ersehnte. Es war der Telegraphenbote, der eine Depesche für sie aus der Heimat brachte. Sie ahnte instinktmäßig, daß das Telegramm Unheil ent⸗ hielt. Ein Fieberschauer lief ihr durch die Glieder, als sie mit dem blauen Kouvert ins Haus und in ihre Stube stürzte, in die ihr Frau Braun schon vorangeeilt war, um Licht anzuzünden. Sie riß das Kouvert auf und las:„Komm unverzüglich. Die Mutter stirbt. Tussy.“——
Es war, als konnte sie mit den paar Worten nicht zu Ende kommen. Immerfort starrte sie darauf hin. Ihre Sinne waren geteilt. Auge und Ohr nahmen gleichzeitig jedes eine andere Schreckensnachricht auf. Durch das offene Fenster hörte sie den Telegraphenboten draußen, der ein Bekannter von Ernst war, zu diesem agen: f der kommt sobald nicht wieder frei. Es ist ein neuer Haftbefehl gegen ihn erlassen. Mit dem heutigen Abendzug ist er in seine Heimat abgeführt.“
Ein dumpfer Fall und ein Aufschrei von Frau Braun. Valeska lag ohnmächtig am Boden. 2
Das alte Königsberg hatte sein schmutzig gewordenes Winterkleid abgeworfen und das heitere Frühlingsgewand angelegt, welches seine ganze Physiognomie wie mit einem Zauberschlag veränderte. Das Pflaster der Stadt, selbst in den schmalen und krummen Straßen, welche sechs Monate lang unter Schnee und Kot be⸗ graben gewesen, war sauber und blank wie ein Parquet; der Pregelstrom floß wieder klar und von Fahrzeugen aller Art belebt dahin, an deren Flanken die grünliche Woge in der Sonne funkelnd plätscherke. Die Gärten um den Schloßteich hatten sich mit dem lichtgrünen Schleier jungen Laubes bedeckt. Auf den zahl⸗ reichen Plätzen der Stadt schwollen die Knospen des Flieders. Himmel und Erde lachten, und die Menschheit dieses rauhen Himmelstrichs schien sich der Segnungen der beginnenden schönen Jahreszeit doppelt und dreifach zu
der erste
freuen.
nichts davon. Sie hatten heute Frau Stern zu Grabe getragen.
Still war's in allen Räumen. In der großen Wohnstube herrschte ein gedämpftes Licht. Die weißen Gardinen, mit denen ein Lufthauch an einem der offenen Fenster spielte, waren herabgelassen. Das Straßengeräusch drang wie ferne verhallende Brandung herauf.
Auf dem altmodischen steifen Sopha, das schöne marmorbleiche Haupt auf weichen Kissen ruhend, lag Valeska. Sie hatte die Augen geschlossen. Aber sie schlief nicht. Vor ihr, auf der Kante des Sophas, saß Tussy, den linken Arm um ihre Schwester geschlungen, während ihre rechte Hand die Valeskas gefaßt hielt. Tussy war größer geworden; ihre Glieder aber waren mager, nur das Gesicht hatte seine kindliche Rundung bewahrt, gegen welche der kummervolle Ernst iher Züge rührend abstach. Das arme Kind hatte einen bösen Winter durchgemacht. Die Krankheit der Mutter hatte sich ganz plötzlich so verschlimmert, daß jede Hoffnung auf Genesung schwand, und als Tussy ihrer Schwester telegraphierte, zurückzukommen, hatte der letzte Akt der Auflösung bereits be⸗ gonnen.(Fortsetzung folgt.)
Eine Proletarierdichtung.
Wie das Volk über das Dresdener Zuchthausurteil denkt, hat ein schlichter Arbeitsmann in folgenden Versen ausgedrückt, die er der„Sächs. Arb.⸗Ztg.“ zuschickte. Anf wiederholt ausgesprochenen Wunsch drucken wir die Verse ab.
Melodie: Weißt Du Mutterl, was i träumt hab'?
In Cöbtau sitzt bei ihrem Kinde Die Frau des Arbeitsmanns und weint, Vom Schicksal gar so schwer betroffen, Ganz unverdient, wie Jeder meint; Sie streichelt sanft die blonden Haare Klein⸗Gretchens, das grad' aufgewacht, Vom Schluchzen war die Tochter munter, Sie richt' sich auf und hat gefragt: „Weißt Du Mutter, was ich träumte d Ich hab' ins Suchthaus'neingeseh'n. Da sah ich unsern lieben Vater Mit Andern so im Nof'rumgeh'n. Er durfte mich nicht einmal grüßen, Ward scharf bewacht zu jeder Seit, Nur Thränen sah ich'runterfließen Auf sein gestreiftes Suchthauskleid.
Das Kopfhaar war ihm abgeschoren, Der Schnurrbart war ihm abrasiert. O, Mutter, wär ich nie geboren, Erzähle mir, was uns passiert;
Ist unser Vater denn ein Mörder, Hat schwer Verbrechen er verübt, Sich gegen Sittlichkeit vergangen,
Er, den so innig ich geliebt?“
„G nein, mein Kind“, begann die Mutter, „Dein Vater ist ein braver Mann,
Er war nur grad' einmal betrunken Und ward zur Wut gereizt alsdann, Und wurde des Gesetzes Beute.
Ach!! Wir sind im deutschen Reich! Und, geht es gegen Arbeitsleute, Nimmt man die schärfste Strafe gleich.
Ganz anders ist's beim feinen Schuften, Der so en gros betrügen kann, Den läßt man ruhig sich verduften, Sur Bahn wie Doktor Ackermann. Die weist nicht aus Minister Völler, Ins Dänenland so feucht und kalt, Da kümmert sich kein Krimineller, Und auch kein strenger Staatsanwalt. Weißt Du, was ich da geträumt hab d Ich hab''nen Suchthäusling geseh'n, Den sah man nur in feinsten Kleidern, Ins Café ersten Ranges geh'n. Der brauchte keinen Hunger leiden, Trank mit zwei Damen Wein und Sekt; Der wußte nichts von Suchthausleiden: So Siner wird nicht eingesteckt.“
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