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Meine ———
Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Valeska verwandte, glaubten ihre ganze Ueber⸗ redungskunst aufbieten zu müssen, um die Sängerin ihren Wünschen geneigt zu machen. Sie waren es von Künstlern und Dilettanten nicht anders gewöhnt. Allein Valeska schnitt ihren Redefluß mitten durch, indem sie die unermüdlichen Finger schon wieder zu einem Vorspiel über die Tasten gleiten ließ. Auf das vielstimmige Geräusch folgte andächtige Stille. Und nun sang Valeska einige der herrlichsten Schumannschen Lieder, in welche sie ihre ganze. heute so wonnig bewegte Seele legte; zuletzt jenen wahren Frühlings⸗ und Liebes jubel:
Ueber'm Garten durch die Lüfte
Seh ich Wandervögel zieh'n,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt's schon an zu blühn.
Jauchzen möcht' ich, möchte weinen,
Ist mir's doch, als könnt's nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.
Und der Mond, die Sterne sagen's, Und im Traume rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: „Sie ist dein, ja sie ist dein!“
Fast gleichzeitig mit dem letzten Ton erhob sie sich.„Nach diesem nichts mehr“, dachte sie. „Vielleicht hat er sich in die Nähe geschlichen und gelauscht. Es soll ihm die Botschaft ge⸗ wesen sein, daß ich komme.“
Die Erregung ihres Innern malte sich in ihren Zügen. Die Augen strahlten, die Wangen und Lippen glühten, die Brust hob und senkte sich in raschem Tempo. Man konnte es für die Erregung durch die Musik und den Beifall halten, den man ihr in tausend Danksagungen und Beglückwünschungen über ihr herrliches Talent spendete. Sie wurde so umdrängt von Jung und Alt, Herren und Damen, daß sie immer der Mittelpunkt eines Kreises war. Hatte sie diesen glücklich durchbrochen, sofort bildete sich ein anderer um sie. Sie sah, daß es kein Entrinnen gab, bis das Abendessen dem Interesse der Gesellschaft eine andere Richtung geben würde, und, wenn auch mit höchster Un⸗ geduld, schickte sie sich darein.
Endlich war es so weit. In allen Zimmern wurden kleine Tische verteilt und gedeckt. Im Spei sesaal war ein reichhaltiges Buffet aufgestellt, und die ganze Gesellschaft begann dorthin zu strömen. Jetzt war der Augenblick gekommen. Während man sich den leiblichen Genüssen hin⸗ gab, glaubte sie unbemerkt entschlüpfen zu können. Indessen gab es einen, der sie nicht aus den Augen verloren hatte. Nicht wie sonst hatte Herr von Kries am Kartentisch sich fesseln lassen. Die eingefleischten Spieler unter den Guts⸗ besitzern, die selbst Valeskas Gesang nur auf kurze Zeit ins Musikzimmer zu locken vermocht, hatten ihren geschätzten Partner heute entbehren müssen. Es war ihm heute unmöglich, die Karten zu berühren. Er fand sie insipid, geistestötend, er begriff nicht, wie sie ihm je hatten Unter⸗ haltung gewähren können. Unaufhörlich war er in Bewegung gewesen, nur während des Ge⸗ sanges war er nicht vom Pianino gewichen. Wer seine frühere Scheu vor Dilettanten⸗Musik kannte, wunderte sich anfänglich etwas darüber, fand aber in den überraschenden Leist ungen der Töchter und dem geschmeichelten Vaterstolz bald genügende Erklärung.
Ein Teil der Gesellschaft gruppierte sich mit den gefüllten Tellern um die kleinen Tische, ein anderer sah sich, aus dem Speisezimmer kommend, nach Plätzen um, während ein dritter eben erst nach der Quelle hinzog. In diesem Durch⸗ einander näherte Valeska sich allmählich der Aus gangsthür und warf, als sie dieselbe bereits geöffnet, noch einen Blick hinter sich, um sich zu vergewissern, daß niemand auf ihre Ent⸗ fernung achtete. Zu ihrer Bestürzung begegnete ihr Blick gerade dem des Herrn von Kries, der intensiv auf sie gerichtet war. Sie fühlte, daß sich eine Verwirrung in ihren Mienen ausprägte, und um das Ungeschickte derselben zu verwischen, neigte sie im Hinausgehen mit einem Lächeln erkünstelter Unbefangenheit den schönen Kopf gegen ihn.
Wie ein Blitz durchzuckte es Herrn v. Kries. Was hatten dieser Blick, dieses Lächeln, dieses
Neigen des Kopfes zu bedeuten? In der auf⸗ geregten Stimmung, in der er sich befand, legte er der kleinen Szene eine Bedeutung unter, die seinen ihm selbst bisher unbewußten Wünschen entsprach. Wie, wenn dieses anscheinend so charaktervolle Mädchen dennoch eine Kokette wäre, die seinen Zustand erraten hätte und ihn ermutigen wollte? Sein Blut siedete, es duldete ihn nicht länger im Saale, und unter dem Vor⸗ wand gegen die in seiner Nähe befindlichen Herren, für einen besonders guten Tropfen sorgen zu müssen, entfernte er sich.
Als ihn draußen die kühlere Luft anwehte, blieb er einen Augenblick stehen, ohne zu wissen, was er eigentlich gewollt. Mechanisch schritt er auf die nach dem Hofe führende Thür zu und trat auf die Rampe hinaus. Da sah er eine helle Gestalt, in ein Tuch gehüllt, über den Hof huschen. Das war Valeska, kein Zweifel. Wohin eilte sie?— Gespannt schaute er ihr nach. Wie, was, sie lenkte nach dem Inspektorhause ein! Wäre es möglich? Konnte sie sich soweit ver⸗ gessen, mit Thäns in einem heimlichen Liebes⸗ verhältnis zu stehen? An diesem Plebejer Ge⸗ fallen zu finden?„Haha“, lachte es bitter in ihm auf,„da sieht man das bürgerliche Pack, das hält wie Kletten zusammen— dem ist nur unter seines Gleichen wohl.— Aber pah— was ist mir das Mädchen— eine Gesangs⸗ lehrerin, was geht sie mich an? Was ist denn überhaupt mit mir? Ich bin ja wie ausgetauscht. Ich, ein alter Knabe, Familienvater, ich laufe diesem Lärvchen nach? Es ist wahrhaftig zum Lachen!“
Allein er lachte nicht, er preßte die geballte Faust gegen die pochende Stirn. So stand er eine Weile. Dann fuhr er auf. Er mußte sich überzeugen, was dort drüben vorging. Er mußte wissen, wen er in seinem Hause hatte, wen er seinen Töchtern zur Gesellschaft gab, er war es sich und ihnen schuldig. Ohne weiter zu über⸗ legen, eilte er die Rampe hinab und über den Hof dem Inspektorhause zu.
Die Läden von Herrn Thäns Wohnstube waren geschlossen, die Hausthür, vor der ein Pferd angebunden stand, war nur angelehnt. Herr von Kries schlich sich um die Ecke des Hauses, wo sich ein drittes Fenster befand, das keinen Laden hatte. Eine dunkle Kattungardine war vor demselben zusammengezogen. Durch dieselbe sah er jedoch ganz deutlich die Umrisse einer hellen Gestalt, die sich an eine dunkle schmiegte. Seine Sinne verwirrten sich. Eifer⸗ sucht und gedemülugter Stolz raubten ihm die Ueberlegung. Sein Inspektor, der plumpe Thäns, ihm, Herrn von Kries, von diesem entzückenden Wesen vorgezogen!—
Mit wenigen Schritten war er im Hause und an der Stubenthür. Mit gewaltigem Fuß⸗ tritt stieß er sie auf.
Aber wie gebannt stand er auf der Schwelle. Nicht Thäns, sondern jener Redner aus Neu⸗ kirch, dessen gefährlichen Einfluß er kennen ge⸗ lernt hatte, stand mit Valeska ihm gegenüber.
Oettinger, der bei der unerwarteten Störung diese sofort freigegeben, verlor nicht die Fassung; er wußte, was er zu thun hatte.
Einen Schritt vortretend, verneigte er sich mit feinem Anstand und sagte so ruhig als er vermochte:
„Herr von Kries, wenn ich nicht irre. Mein Name ist Oettinger. Fräulein Valeska Stern ist meine Braut. Da ich in der Gegend bin, wünschte ich sie natürlich zu sehen. Ihr Haus, Herr von Kries, wollte ich aus poltitischen Rücksichten nicht belästigen.“
„Sehr gütig, mein Herr“, erwiderte Herr von Kries, der während dieser Worte die Thür hinter sich zugeschlagen hatte.„Außerordentlich gütig. Aber alles, was Sie da sagen, ändert kein Jota an der mehr als zweideutigen Situa⸗ tion, in welcher ich diese Dame hier finde“, fügte er, Valeska einen wütenden Blick zuschleu⸗ dernd, hinzu.
Oettinger wollte auffahren. Allein Valeska, die bleich und mit gesenkter Wimper, aber stolz erhobenen Hauptes dagestanden, trat vor und legte ihm die Hand auf den Arm.
„Ihre beleidigende Aeußerung, Herr von
Kries“, wandte sie sich voll Einfachheit und Würde an diesen,„will ich auf Rechnung Ihrer Ueberraschung setzen und darüber hinwegsehen. Die Erklärung meines Bräutigams muß Ihnen genügen und das einzige, was ich hinzuzufügen habe, ist die Bitte, Herrn Thäns seine Gefällig⸗ keit gegen mich nicht entgelten zu lassen.“ 5 (Fortsetzung folgt.)
Der Berliner Wagistrak. 1848:
Mitbürger! Die Bestattung unserer teuern Toten ist vollzogen. Sie bot uns und der Welt das großartigste Schauspiel dar, das wir bis jetzt in unsern Mauern gesehen, die ehrfurchts⸗ volle dankbare Huldigung, welche unsere ganze Bevölkerung den in dem ruhmvollen Kampfe Gefallenen und in ihnen allen den Helden darbrachte, die für die große Sache der politischen und sozialen Freiheit ge⸗ stritten und sie uns durch ihre todesmutige Hin⸗ gebung erkämpft haben. Vor dieser erhabenen Dank⸗ und Trauer⸗Feier muß jeder noch so innige Dank verstummen, den wir oder Einzelne unseren Helden durch das Wort auszudrücken vermöchten. Unser Dank sei es vielmehr, die großen Güter, die nun errungen sind und er⸗ rungen werden können, dem Vaterlande und unserer Stadt dauernd sicher zu stellen. Dafür zu wirken, daß aus der Freiheit sich jetzt die Größe, das Glück und die Wohlfahrt unseres Volkes in festester Ordnung auferbaue; das ist und sei jetzt unser Aller Aufgabe.
Um unseren tapfern Kämpfern auch noch im Einzelnen den Dank des Vaterlandes durch die That zu er⸗ weisen, haben wir bereits die nötigen Einleitungen getroffen.
Berlin, 23. März 1848. Der Magistrat.
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In dankbarer Anerkennung der dem Vater⸗ lande in den Tagen des 18. und 19. März errungenen Güter haben die Kommunal⸗ behörden beschlossen: den Kämpfern, welche der Hilfe bedürftig sind, sofort eine außerordentliche Unterstützung zuteil werden zu lassen. Auf diejenigen Personen, welche nur beim Bau der Barrikaden Hilfe ge⸗ leistet, aber nicht selbst mitgekämpft haben, findet dieser Kommunalbeschluß keine Anwendung und haben dieselben daher auf diese außerordentliche Unterstützung keinen Anspruch.
Berlin, 29. März 1848. Der Magistrat.
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Der Berliner Magistrat. 1899:
Ist in Nöten, weil dem Oberbürgermeister die Bestätigung seither versagt wurde. Nach langem Zögern hatte der Magistrat beschlossen, den Märzgefallenen von 1848 die Grabstätten herrichten und neu einfriedigen zu lassen. Auf dem Portal sollte dann die Inschrift an⸗ gebracht werden:
„Ruhestätte der Märzgefallenen“. Das hat aber Anstoß erregt bei einflußreichen
Leuten. Und nun ist der Berliner Magistrat von 1899 in schweren Nöten.
Es sind Feeisinnsmannen. Das sagt genug.
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Sprüche zur Lebensweisheit.
Aussprüche„Friedrichs des Großen“, mitgeteilt von Ed. Zeller: Friedrich der Große als Philosoph: „Es giebt kein Gefühl, das mit unserm Sein unzertrennlicher verknüpft wäre, als das der Freiheit.“ 1 „Wahre Republikaner wird man nie über⸗ reden, sich einen Herrn zu geben, und wäre
er auch noch so gut; sie werden immer sagen, 10 es sei besser, von den Gesetzen abzuhängen, als
von der Laune eines Einzelnen.“
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