Ausgabe 
19.2.1899
 
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Nr. 8.

Gießen, Sonntag, den 19. Februar 1899.

6. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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gs⸗Zeitung.

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Zur Agrarfrage. I. Einleitung.

Welchen Standpunkt unsere Genossen auch gegenüber der Frage Agrarprogramm oder nicht? einnehmen mochten, das mußten selbst die Freunde eines besonderen Programms mit praktischen For⸗ derungen für die Landbevölkerung zugestehen, daßzuns nicht nur ausreichende Kenntnisse der landwirtschaftlichen Verhältnisse, sondern noch in weit höherem Grade die Grundlagen einer sozia⸗ listischen Agrarpolitik fehlten. Zwar fanden die Debatten auf dem Breslauer Parteitage in der Presse, namentlich in derNeuen Zeit, ihre Fortsetzung, allein eine einheitliche Zusammen⸗ fassung des weitschichtigen Materials, eine syste⸗ matische Grundlegung der Agrarfrage, konnte nur in weitem Rahmen geboten werden. Diese Arbeit zu vollführen, hatte sich Genosse Kautsky zur Aufgabe gestellt, und er hat sie glänzend gelöst.

Wenn irgend einer in der Partei dazu be⸗ rufen schien, diese schwierige Materie zu bear⸗ beiten, so war es Kautsky. Was wir an unserm Altmeister Friedrich Engels bewunderten: die Dinge im Fluß der geschichtlichen Entwickelung zu sehen, die Gesetze und Entwickelungstendenzen in der Geschichte und die eigenartigen Merkmale in einer Erscheinung zu finden, sowie deren ge⸗ schichtliche Verursachung klarzulegen: diese Gabe ist, wie keinem zweiten, seinem Lieblingsschüler, Karl Kautsky, verliehen. Mit Freude und Genug⸗ thuung dürfen wir es daher begrüßen, daß gerade Kautsky die Bearbeitung der Agrarfrage sich zur Aufgabe gestellt hat. Er hat alle übertriebenen Wünsche und Hoffnungen, welche an eine Land⸗ agitation geknüpft werden, auf ihr richtiges Maß zurückgeführt, andererseits aber auch die Mittel und Wege aufgezeigt, welche weite Schichten der Landbevölkerung in unsere Reihen führen werden. Weite Schichten der Landbevölkerung, nicht die Landbevölkerung in ihrer Gesamtheit; denn daß wir die Bauern unterschiedslos ebensowenig zu uns herüberziehen werden, wie das Kleinbürgertum, muß jedem Einsichtigen einleuchten. Auch aus den Reihen des Kleinbürgertums stoßen nur diejenigen zu uns, die an dem Fortbestand ihrer Klasse ver⸗ zweifeln, die erkannt haben, daß sie im Kampfe mit dem Kapitalismus er⸗ liegen müssen. Mit der zunehmenden Ver⸗ nichtung kleinbürgerlicher Existenzen wird die Schaar unserer Anhänger aus diesen Kreisen immer größer. Aber der beschränkte Gesichtskreis dieser Leute läßt sie auf Mittel zu ihrer Rettung vor dem wirtschaftlichen Untergange stets von neuem hoffen. Nur zu bereitwillig glauben sie daher den leichtfertigen Versprechungen gewissen⸗ loser Demagogen und erwarten von der Wieder⸗ belebung der Innungen, von Handwerkerkamme n, von der Besteuerung der großen Warenhäuser usw. eine Besserung ihrer Lage. Aehnlich ergeht es dem Bauern, d h. dem Bauern mit mittlerem Grundbesitz, dem Bauern, welcher mit Knechten und Mägden für den Markt produziert. Er verlangt, gleich dem Großgrundbesitzer, hohe Getreide⸗, Gemüse⸗ und Fleischpreise und lebt in dem Wahne, daß die Unrentabilität der Land⸗ wirtschaft auf die niedrigen Preise zurückzuleiten

sei. Blind für die wahren Ursachen seiner miß lichen Lage, glaubt er den antisemitischen Agi⸗ tatoren, daß mit der Vertreibung der Juden die Ursache ihrer Verschuldung beseitigt sei.

Wollten wir Sozialdemokraten gewissenlos sein, wie die Antisemiten, wir könnten den Bauern goldene Berge versprechen. Und wie die Antise⸗ miten und agrarischen Konservativen, so behaup⸗ ten auch politische Schwärmer, ein Universal⸗ heilmittel für alle Leiden der Bauern in der Tasche zu haben. Nach Herrn Pfarrer Naumann zeigt sich in Kautskys Werk die politische Un⸗ fähigkeit und Haltlosigkeit des Marxismus, d. h. der sozialistischen Lehren im Marxschen Sinne. In der Agrarfrage habe der Sozialismus seinen Bankrott angesagt! Das vollständige Unver⸗ mögen Naumanns, historisch zu denken, zeigt sich in seinen Ausführungen(Nr. 4 derHilfe für 1899) offenkundig. Er verlangt vom Sozialis⸗ mus nichts geringeres, als daß er Naumannisch werde: Kolonial-, Militär⸗ und Flottenpolitik, Kanonen und Schiffe, Exportindustrie und dabei hohe Schutzzölle! Und diese Konfusion zum Pro⸗ gramm erhoben, soll die klare Erkenntnis der ökonomischen Zusammenhänge und unsere Schluß⸗ folgerungen aus ihnen, aus welch' letzteren wir unsere Forderungen für die Gegenwart ableiten, ersetzen. Ach, lieber Herr Naumann, die 26 000 Stimmen bei den letzten Reichstagswahlen scheinen Ihnen den Rest kühler, klarer Ueberlegung ge⸗ raubt und sie blind gemacht zu haben gegen die Thaten und Pläne der Flotten- und Weltpolitiker. Was Sie wollen, steht auch zum größten Teil in dem Programm der Reaktionäre bis zu Herrn von Stumm. Nur daß die Leute konsequenter als Sie sind. Liest man Ihre politischen Ergüsse, in denen Feuer und Wasser vereinigt werden sollen, dann erkennt man die Wahrheit, welche in dem Ausspruch Wilhelms II. liegt:Christlich⸗ sozial ist Unsinn.

So verlockend es auch wäre auf die theore⸗ tischen und geschichtlichen Ausführungen Kauts⸗ kys näher einzugehen, so müssen wir es uns doch versagen. Eine Zeitung ist nicht der geeignete Ort für theoretische Erörterungen; dazu kommt auch noch der Mangel an Raum, welcher uns zu knapper Bemessung unserer Artikel zwingt. Um den Lesern ein Bild von der lichtvollen Be⸗ handlung und der durchsichtigen Darstellungs weise, welche das Kautskysche Werk auszeichnen und es in die vorderste Reihe in der national⸗ ökonomischen Litteratur stellen, zu geben, bringt die Redaktion einige Kapitel aus der Geschichte der Landwirtschaft und des Bauerntums. Uns bleibt die Aufgabe, den zweiten Teil des Werkes über die sozialdemokratische Agrarpolitik zu be sprechen und zunächst die Frage zu erörtern: Brauchen wir ein sozialdemokratisches Agrar⸗ programm? Darüber in einem zweiten Ar⸗ tikel. Elenchus.

Zum Dresdener Zuchthausurteil.

* Ueber das Dresdener Urteil veröffentlicht Genosse Wolfgang Heine, Reichtagsabg. für den dritten Berliner Wahlkreis und Mit⸗ Verteidiger der nun lebendig im Zuchthaus Be⸗ grabenen, imVorwärts bemerkenswerte Aus⸗

führungen, die er mit folgenden Sätzen schließt:!

jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 43 12a.) 33¹

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Wer dem Schlußakte dieses grauenvollen

Dramas beiwohnte, kann sich meines Erachtens der Ueberzeugung nicht entschlagen, daß die Ge⸗ schworenen und das Gericht unter dem Ein⸗ flusse jener jetzt künstlich verbreiteten geistigen Strömung gestanden haben, die in jeder Ausschreitung von Arbeitern einen Versuch sieht, die Gesellschaft gewalt⸗ sam umzustürzen und die Revolution zu proklamieren.

Hier gilt nach meiner Ueberzeugung, was diePost und die anderen konservativen Blätter fälschlich der sozialdemokratischen Presse nach⸗ sagen, daß nämlich die allgemeine Ansicht in gewissen Kreisen künstlich verwirrt und auf Abwege gelenkt wird. Gewiß tragen die Richter für ihre Entschließungen selbst die Verantwortung und sie werden sicherlich der Ueberzeugung sein, ihre Sprüche verantworten zu können, aber trotzdem fällt nach meiner An⸗ sicht ein großer Teil der Schuld an diesem so weite Kreise entsetzenden Urteile auf die Leute zurück, die fortwährend in Wort und Schrift gegen jede berechtigte Bestrebung der Arbeiter⸗ schaft hetzen, die eine völlig erlogene Gefahr revolutionärer Gewaltthaten an die Wand malen, und die am liebsten für jeden, der sich der Ar⸗ beitersache widmet, das Zuchthaus und die Ver⸗ bannung bereit halten möchten. Namentlich die Dresdener konservative Hetzpresse hat unmittelbar nach dem traurigen Vorfalle das Menschenmögliche gethan, die Sache aufzubauschen, zu verdrehen und dem Publikum, zu dem doch Richter und Geschworene schließlich auch gehören, das Gefühl beizubringen, daß es sich hier um einen sozialdemokratischen Gewaltakt handele.

Ich glaube, daß gewiß unbewußt auch die Geschworenen und Richter durch solche Stimmungen beeinflußt worden sind.

Freilich sind sie dann einem verhängnisvollen Irrtume verfallen: Die Ausschreitungen, die verübt worden sind, hatten weder mit der Sozialdemokratie noch mit der Gewerk⸗ schaftsbewegung, weder mit dem Streben nach besseren Arbeitsbedingungen, noch nach einer neuen Gesellschaft das gering ste zu thun, sie waren eine Frucht der Trunken⸗ heit, der Unbildung und der Neigung zu Gewaltakten, Erscheinungen, die gänz⸗ lich im Boden der unübertrefflichen heutigen Gesellschaft wuchern.

Und doch, so fremd gerade uns Sozial⸗ demokraten die Handlungen der Angeklagten sind, wir betrachten sie als Märtyrer: nicht als Blutzeugen einer Gesinnung, aber als Opfer einer systematischen Irreführung der öffentlichen Meinung in gewissen Kreisen, deren Einfluß sich Geschworene und Richter nicht haben entziehen können, und die allein im stande gewesen sein kann, aus ihrem Herzen die Milde zu verbannen. Und darum verdienen die Angeklagten unser Mitgefühl und unsere Hilfe.

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* Die Geschworenen des Zuchthaus kurses.

DasVolksgericht, nach dessen Wahr⸗ spruch vom Schwurgericht in Dresden die neun Bauarbeiter in so erschreckender Weise abgeurteilt wurden, war zusammengesetzt aus 3 Apotheken-