Ausgabe 
5.11.1899
 
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Beilage z. Mitteldeutschen Sonntags⸗Itg.

Nr. 45.

Gießen, den 5. November 1899.

6. Jahrgang.

Wiesecker, paßt auf!

* Von verschiedenen angesehenen Leuten in Wieseck, die als gegnerische Wahlmänner genannt worden waren, ist uns versichert wor⸗ den, daß sie nicht daran dächten, sich als Wahlmänner aufstellen zu lassen. Wir haben keine Ursache, diesen Versicherungen zu miß⸗ trauen. Aber wer garantiert uns denn, daß nicht andere Leute hinter den Kulissen wühlen? Vorsicht ist um so mehr in Wieseck am Platz, als der dortige Bürgermeister, wohl als der einzige im Wahlkreis() die Wohlzeit in die Zeit von 14 Uhr verlegen will. Grund: Er arbeite nicht bei Licht!

Wiesecker, seid auf dem Platz! Es ist Ge⸗ fahr im Verzug!

In fast allen Orten des Kreises wird bis 7 oder aber doch bis 6 Uhr abends ge wählt. Alle Bürgermeifter, die darum er sucht wurden, haben den Wünschen ihrer Gemeinde mitglieder Rechnung getragen. Nur der Wiesecker Bürgermeister will nicht. Hoffent⸗ lich zwingt ihn das Kreisamt, so wählen zu lassen, wie es den Interessen der Wähler und dem einstimmigen Willen des Gemeinderats entspricht.

Noch am Mittwoch Abend ist eine Be⸗ schwerde gegen das Verhalten des Wiesecker Bürgermeisters an das Kreisamt abgegangen.

Mag nun die Wahlzeit in Wieseck selbst in die ungünstigste Zeit gelegt werden: Jetzt ist es Ehrenpflicht für die Wiesecker, Mann für Mann am Platz zu sein. Jetzt müssen sie zeigen, daß sie noch die Alten sind! Be⸗ weist ein für allemal den Sozialistenhassern, die Euch um den Sieg prellen wollen, daß die Wiesecker nicht auf den Kopf gefallen sind.

Die Wiesecker Vorkommnisse mögen aber auch anderwärts beherzigt werden.

Die Gegner arbeiten in der un⸗ glaublich rührigsten Weise im Stillen. Offen wagen sie es nicht, sie sischen im Trüben!

Arbeiter, überall!

Am Mittwoch gilt's! Seid Euch des Ernstes der Situation bewußt und agitiert in den wenigen Tage noch unermüdlich.

Sorgt dafür, daß jeder Wahl⸗ berechtigte zur Wahl geht!

Von Nah und Lern.

Mittellungen aus unserxem Leserkreise sind je derzeit willkommen Die Ehre unferer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. 2 Zir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Vom Gleiberg.

* Am Kirmeßmontag, den 4. September, hatten eine Anzahl Burschen und Mädchen von Gleiberg eine Art Festzug veranstaltet, indem sie unter Vorantritt der Musik und eine rothe Fahne mit sich führend, von Gleiberg hinunter nach Krofdorf zogen. Zu dieser Veranstaltung, die sich Jahr für Jahr wiederholt und gegen die niemals etws eingewendet worden ist, besaßen sie natürlich keine besondere polizelliche Erlaubnis. Es erfolte Anzeige gegen dieVer⸗ brecher und 13 Burschen und Mädchen erhielten Strafmandate, gegen die sie Einspruch erhoben. Das Schöffengericht in Wetzlar erkannte gegen 9 der Beteiligten auf je 3 Mk., gegen 4 auf je 6 Mk. Geldstrafe.

Diese Strafe für ein harmloses Vergnügen am Kirchweihfest hat gerade noch gefehlt, um 1 ziemlich ganz Gleiberg sozialdemo

ratisch zu machen. Aus Marburg. st- Dieser Tage wurden alle diejenigen hiesigen Einwohner, die nach Einführung der hessischen Städteordnung hier Bürger geworden sind, mit einer behördlichen Zustellung beglückt,

wonach sie für das Recht, sichMarborger Bürger nennen zu dürfen, den Obolus von 5 Mark abzuladen haben. Selbstverständlich sind die davon Betroffenen wenig erfreut, und wenn die Situation von den Arbeitern jetzt ausgenutzt würde, so wäre es vielleicht durch⸗ aus nicht so unmöglich, bei der herschenden Mißstimmung einen oder mehrere oppo sitionelle Vertreter in die Stadtver⸗ ordnetenversammlung zu bringen, vorausgesetzt, daß sich die geeigneten Kandidaten finden und jeder sein Wahlrecht ausübt. Die Wahlen finden bereits am 14. November statt.

Ein regelrechter Streik eine Seltenheit für Marburg, wo die Arbeiter zum größten Teile noch äußerst loyal sind spielte sich vor einigen Tagen hier ab, und zwar waren die Beteiligten Bauernmädchen aus einem be⸗ nachbarten Dorfe. Dieselben arbeiteten in einer hiesigen Fabrik und hatten jedenfalls bei Beginn der Arbeit keinen Lohn vereinbart. Bei der Lohnzahlung am Freitag erhielten sie pro Tag 75 Pfg. Das war ihnen zu wenig und so beschlossen sie, zu streiken und kehrten am

Sonnabend nicht wieder zur Arbeit zurück.

Der Fabrikant bot ihnen schließlich, als er den Grund ihrer Arbeitsverweigerung vernahm, 1 Mark pro Tag an, aber auch dies war den Mädchen nicht genug und sie bestanden auf 1,25 Mark. Schließlich einigte man sich auf 1,10 Mark, worauf die Arbeit wieder auf⸗ genommen wurde. An dieser Kouragiertheit desschwachen Geschlechts könnte sich mancher Mann hier ein Beispiel nehmen.

Eine von national sozialer Seite arran⸗ ierte Versammlung fand am Dienstag ier statt, in welcher Pfarrer Naumann über das ThemaKanal und Flotte referierte. Die Versammlung bestand zum weitaus über⸗ wiegenden Teil aus Studierenden, und nur wenige Arbeiter und Geschäftsleute hatten sich eingefunden. Die Stellungnahme der Na⸗ tionalsozialen zur Flottenfrage ist allgemein bekannt.

Auf die am Sonnabend, den 11. November, bei Jesberg stattfindende Parteiversamm⸗ lung wollen wir die Genossen an dieser Stelle noch besonders aufmerksam machen, da in dieser Versammlung die Berichterstattung über den Parteitag durch Genossen Ph. Scheidemann erfolgt.

Die Wanduhren schlagen auf.

Wie die deutsche Uhrmacherzeitung berichtet, sahen sich die Wanduhrenfabriken Deutschlands infolge der stark gestiegenen Materialpreise vor die Alternative, gestellt, jetzt entweder ge⸗ ringere Qualitäten zu liefern oder ihre Preise um zehn Prozent zu erhöhen. Sie beschlossen glücklicherweise das letztere. Man kommt ja auch nicht allzu oft in die Lage, eine neue Uhr zu kaufen, sodaß es nicht viel verschlägt, wenn man die kleine Preiserhöhung bewilligt, dafür aber die Gewähr hat, auch fernerhin die guten Qualitäten zu erhalten, die Deutschland auf dem Gebiete der Uhrenindustrie einen Weltruf verschafft haben.

Landtagswahl!

Die Wahl der Wahlmänner findet statt:

Mittwoch den 8. Nov.

Während welchen Stunden zu wählen ist, muß von dem Bürgermeister spätestens zum Samstag, den 4. November bekannt ge⸗ macht worden sein.

Wahlmännerwahl.

Gewählt sind Diejenigen, welchen die meisten Stimmen zugefallen sind. Eine Ab⸗ lehnung der Wahl zum Wahlmann findet nicht statt.

Also man merke genau, es ist nicht wie bei der Reichstagswahl, eine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit nötig. Haben beispielsweise unsere Wahlmänner 80

Stimmen, diejenigen der Liberalen 79 Stimmen und die der Antisemiten 78 Stimmen, so sind unsere Wahlmänner gewählt.

Die Abgeordnetenwahl.

Den gewählten Wahlmännern muß mindestens zwei Tage vor der Wahl des Ab⸗ geordneten eine schriftliche Einladung des Wahl⸗ kommissärs zugestellt werden.

Es müssen wenigstens zwei Dritteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeord⸗ neten abstimmen.

Die drei ältesten Wahlmänner sind als Urkundspersonen bei der Wahlkommission zu nehmen.

Jeder Wahlmann beteuert durch Handgelübde, daß er nach eigener Ueberzeugung für das Beste des Landes seine Stimme abgeben werde.

Gewählt als Abgeordneter ist Derjenige, welcher mehr Stimmen hat, als die Hälfte der Wahlmänner, welche abgestimmt haben. Ergiebt stch bei der ersten Ahstimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und Derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stim⸗ men hat.(Art. 40.)

Nach diesem Artikel findet also beim zweiten Wahlgang keine Stichwahl statt, wie bei den Wahlen zum Reichstag, es entscheidet viel⸗ mehr die einfache Mehrheit.

Stimmzettel.

Sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahlgang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner(zweiter Wahlgang) ist geheim, wie bei der Reichstagswahl.

Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimmzettel, die zusammengelegt sein müssen, damit kein Mensch im Wahlbüreau erfährt, wem der einzelne Wähler seine Stimme gegeben hat.

Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner in dem betreffenden Bezirk zu wählen sind. Also im Wahlbezirk Gießen ⸗Land in Allendorf a. L. 1; Alten⸗Buseck 2; Annerod 1; Daubringen 1; Garbenteich 1; Großen⸗Buseck 3; Großen⸗ Linden 3; Hausen 1; Heuchelheim 3; Klein⸗ Linden 2; Langgöns 2; Leihgestern 2; Lollar 2; Mainzlar 1; Oppenrod 1; Rödgen u. Trohe 1; Ruttershausen-Kirchberg 1; Staufenberg mit Friedelhausen 1; Watzenborn-Steinberg 3; Wieseck 5.

Wir bitten alle Parteigenossen, sich die vor⸗ stehenden Bestimmungen gründlich einzuprägen und dies Blatt aufzubewahren, um gegebenen Falls sich selbst Rats holen und Anderen Aus- kunft erteilen zu können.

Samstag, 4. Nov. abends 8 ½ Ahr: Volksversammlung

ID au bringen. Montag, 6. Nov., abends 8 Zlhr;

in 0 2 Klein- Linden bei Gastwirt Hinterlang. Es spricht in beiden Versammlungen: Redakteur Philipp Scheidemaun über die

Landtagswahl.

Freie Diskussion für Jedermann.

ueber weitere Versammlungen in Großen⸗Linden, Garbenteich, Staufenberg,

Heuchelheim und Wieseck siehe das Jaserat auf Seite 7 des Hauptplattes.