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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 39.
Beifallssalven begrüßt, das Wort. Er dankt den Mannheimer Genossen für den glänzenden Empfang. Er erinnert an Badens Vorgeschichte als„liberales Musterländle“. Der Liberalismus habe auch hier versagt. Gerade ein Mannheimer Nationalliberaler, der Abg. Bassermann, habe vor wenigen Jahren gesagt, Deutschland hungere nach Liberalismus. Und derselbe„Liberale“ habe sich an die Spitze der Zollmajorität gestellt und trage jetzt die Verantwortung dafür, daß die Lebensmittel immer teurer und teurer würden und die große Mehrheit des deutschen Volkes schon jetzt an einer verderblichen Unter⸗ ernährung leide. Die Nationalliberalen seien auch Schuld, daß jetzt in Preußens Schule das Pfaffentum Trumpf sei. So haben wir keinen Grund, freudig in die Zukunft zu sehen. Aber„Schwarzseher sind wir doch nicht.“ Wir haben Vertrauen in uns und das deutsche Volk, daß es früher oder später mit diesen schwarzen Zuständen aufräumen wird.(Stürmischer Beifall.) Bebel erinnert an alle die charak⸗ teristischen Vorgänge der preußisch⸗deutschen Politik, an Studt's Verbot, an einen sozial⸗ demokratischen Turnlehrer, wegen sittlicher Minderwertigkeit, Turnunterricht zu erteilen und dafür seine Dekorierung mit dem Schwarzen Adlerorden, die Wahlrechtsfeindschaft des Zent⸗ rumsgrafen Strachwitz, die„Kaninchenjagd“⸗ Politik gegen die Polen, die Steuergesetzgebung usw. Die Kolonialskandale hätten Deutschlands „führende“ Politiker heillos kompromittiert. Wenn trotzdem Podbielskt im Amte bliebe, der Partei könne es nur recht sein, wenn die regierenden Kreise sich von Grund auf kompro⸗ mittierten. Von der Korruption lebt der größte Teil der bürgerlichen Ge⸗ sellschaft und Podbielskt hat nichts Schlim⸗ meres getan, als der große Nationalheros Bismarck auch. Zum Schluß gedenkt Bebel der heroischen Kämpfe in Rußland, die auch für die deutsche Partet der schärfste Sporn sein müßten, mit nie rastender Energie gegen die jetzigen unwürdigen politischen Zustände Deutschlands anzukämpfen.(Großer Beifall.)
Der Parteitag ist damit eröffnet. Zu Vor⸗ sitzenden werden Singer und Drees bach gewählt. Singer spricht seine aufrichtigen Wünsche für einen ernsten würdigen Verlauf der Verhandlungen aus und schließt mit der Hoffnung, daß auch dieser Parteitag zum Heil und Frommen der deutschen Sozialdemokratie gereichen werde. Dann folgt die Wahl der Schriftführer und Mandatsprüfungskommisston.
Am Montag trat der Parteitag in dem Apollotheater zusammen. Die ausländischen Delegierten hielten zunächst Begrüßungs⸗ ansprachen. Es sprachen Huysmann⸗ Brüssel, Hueber⸗Oesterreich, As ke w⸗England, Söderberg⸗Schweden, Rotter⸗Warschau. Im Anschluß an die Rede des letzteren teilt Singer mit, daß die sozialistische Partei Polens und Litauens ihren Sruß habe durch
die Benossin Luxemburg ausdrücken lassen.
Er ergreife diese Gelegenheit, um die Genossin Luxemburg herzlich zu begrüßen, da sie wieder die Möglichkeit habe, für die deutsche Partei tätig zu sein, und zugleich den Dank der Partei für ihre tapfere Haltung, mit der sie in den letzten Monaten versucht hat, der russischen Bewegung zu Hilfe zu kommen, und für die persönlichen Opfer, die sie in der langen Haft auf sich genommen hat. Hierauf begrüßt die russische Genossin Bolabanoff den Parteitag im Namen der russischen Sozialdemokratie und spricht der deutschen Partei ihren besonders warmen Dank für die intellektuelle, moralische und materielle Unterstützung der russischen Re⸗ volution aus. Sie schließt mit den Worten: Der Sozialismus weckt in jedem Menschen das Klassenbewußtsein und die Menschenwürde. Und diese Kräfte sind es, die zum unermüdlichen Kampf gegen den Despotismus anfeuern. Die Reihe der Begrüßungsreden schließt die Genossin Biba ne⸗Amsterdam, welche die Grüße der holländischen Partei überbringt. Hierauf erstattet Abg. Pfannkuch den Bericht des Vor⸗ standes. Er bemerkt zunächst, daß an der Parteiorganisation noch viel zu bessern wäre. Ferner geht er auf die Frage Partei und Ge⸗
werkschaften ein und erklärt, daß im Partei⸗ vorstand niemals die geringste Meinungs⸗ verschiedenheit darüber bestanden habe, daß die Gewerkschaften auf jede Weise von der politischen Arbeiterorgantsation un⸗ terstützt werden müssen. Auch habe der Parteivorstand keinen Augenblick daran gezwei⸗ felt, welches die richtige Form der gewerkschaft⸗ lichen Organisation sei. Nicht erst die Kampfes⸗ art der Lokalisten, die Partei und Gewerkschaft hätte schädigen können, habe den Parteivorstand zu dieser Entschließung bestimmt, sondern er habe von jeher diese Absplitterungsversuche aufs tiefste bedauert und habe alles getan, um die Einheit herbeizuführen. Nachdem er verschiedene gegen den Parteivorstand gerichtete Angriffe zurückgewiesen, teilt er mit, daß der Partei⸗ vorstand den Genossen Dr. David mit der Abfassung eines Leitfadens für die praktische Parteiarbeit und den Genossen Katzenstein mit der Abfassung eines Tätigkeitsberichts der Reichstagsfraktion seit der Reichsgründung be⸗ auftragt und erhoffe eine wertvolle Bereicherung der Parteiliteratur. Neuerdings sei selbst in der deutschen Sozialdemokratie der Ausspruch getan worden, die Partei sei bedeutungslos. Den Gegenbeweis lieferten schon heute die Be⸗ grüßungsworte der ausländischen Gäste. Nicht mit Verachtung, mit Stolz blicken wir auf die Arbeit des verflossenen Jahres zurück. Wir können getrost in die Zukunft sehen. Wir sind stark genug, unsere Ziele unbeirrt weiter zu verfolgen. Wir waren immer kampfbereit und werden es auch in Zukunft sein.(Beifall.)
Parteikassterer Abg. Gerisch erstattet hier⸗ auf den Kassenbericht. Er geht aus⸗ führlich auf die Finanzverhältnisse der Partei ein und beklagt, daß in einzelnen Ländern, Bayern, Dessau ꝛc., die Zentralkasse zu stief⸗ mütterlich von den Genossen behandelt würde. In der Diskussion wendet sich Ehrhardt⸗ Ludwigshafen in humortstischer Rede gegen die von Gerisch gegen die Bayern erhobenen Vor⸗ würfe. Weiter kommt es zu einer heftigen Debatte über die Haltung des Vorwärts, der gegen den Genossen Stampfer den Vorwurf er⸗ hoben hatte, daß er eine schwankende Haltung ein⸗ genommen und sich in Widersprüche verwickelt habe. Das Vorgehen Stampfer's wird von Hoch, Ledebour, Wels⸗Berlin u. a. scharf ge⸗ tadelt; Hch. Braun, der den betr. Artikel Stampfers in der„Neuen Gesellschaft“ veröffent⸗ licht hatte und Stampfer selbst verteidigen sich. Andere Redner mißbilligen die von dem Vor⸗ wärts gegen Stampfer gebrauchten Ausdrücke. Nach dem Schlußwort Gerisch's wird dem An⸗ trage der Kontrollkommisston gemäß einstimmig Entlastung erteilt.
Es folgt der Bericht der Reichstags⸗ fraktion, den Abg. Schöpflein erstattet. Das Wesentliche aus dem Bericht haben wir schon in den voraufgegangenen Nummern wieder⸗ gegeben. Verschiedene Redner kritisteren in der Diskusston, daß die Fraktion bei der Beratung der„Borussia“. Interpellation nicht voll⸗ zählig vertreten war.
Es waren zum Fraktionsbericht zwei Tadels⸗ Anträge gegen die Fraktion wegen der Borussta⸗ Interpellation und der Weinprobe im Reichs⸗ tage eingebracht, wurden aber natürlich fast einstimmig abgelehnt.
Am Dienstag Nachmittag referierte Singer über den Internationalen Kongreß und empfiehlt folgenden Antrag, dessen ein⸗ stimmige Annahme erfolgt:
Der Parteitag fordert die Parteigenossen auf, den im Jahre 1907 zum erstenmal in Deutschland statt⸗ findenden internationalen sozialist ischen Arbeiterkongreß zur Bekundung ihrer Solidarität mit den Arbeitern aller Länder zu beschicken. Um eine Ueberfüllung des Kongresses deutscherseits zu vermeiden, beschließt der Parteitag, die Höchstzahl der deutschen Delegierten auf 150 Personen festzusetzen, überläßt dem Parteivorstand gemeinsam mit der Kontrollkommisston die Verteilung der Mandatszahl auf die Landes⸗ bezw. Provinzial⸗ organisationen und ersucht die Generalkommisston der Gewerkschaften, dafür zu wirken, daß die Gewerkschaften auch keine höhere Anzahl Delegierte nach Stuttgart entsenden.
(Weiterer Bericht siehe Seite 5)
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Der Breslauer Krawall⸗Prozeß.
Seit dem 18. September wurde vor der Breslauer Strafkammer der Prozeß wegen der Krawalle auf dem Striegauer Platze gelegentlich der Aussperrung in der Metallindustrie ver⸗ handelt. Es wurde festgestellt, daß die Aus⸗ sperrung erfolgte, weil die Former Forderungen
estellt hatten, ausgesperrt wurden auch weitere ünfhundert Mitglieder der Hirsch⸗Dunckerschen Organisation, auch solche, die von dem Vorgehen det Former nichts wissen wollten. So sagte der Vorsttzende des Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereins aus, sein Verband stehe den Zwecken und Zielen des Deutschen Metallarbeiterverbandes durchaus fern und habe mit der Lohnbewegung nichts zu tun gehabt, trotzdem sei der Austritt aus dem Gewerkverein von den Unternehmern gefordert worden. Der Austritt würde die Leute um ihre Unterstützungsansprüche gebracht haben, für die ste lange Jahre Beiträge zahlten. 560 Hirsch⸗Dunckersche waren ausgesperrt. Fest⸗ gestellt wurde weiter, daß die Ausgesperrten nicht extra nach dem Striegauer Platze ge⸗ kommen sind, um die arbeitswilligen Unorgani⸗ sterten zu ärgern, sondern sie wären in der Nähe des Platzes zur Kontrolle und Empfang nahme der Unterstützungsgelder gewesen. Auf der Anklagebank sttzen Organtsierte aller Rich⸗ tungen. Am Samstag wurde der Arbeiter Biewald als Zeuge unter Eid vernommen. Er ist 21 Jahre alt, katholisch, seinem Berufe nach Flaschenspüler, ledig und unbestraft. Er wird zunächst unter Aussetzung der Vereidigung vernommen. Vert. Dr. Mamroth: Ich be⸗ merke ausdrücklich, daß Biewald weder zu den Ausgesperrten, noch zu den Strei⸗ kenden gehörte und an dem Lohnkonflikte wie dem Tumulte überhaupt nicht beteiligt war. Biewald gibt an, daß er am Abend des 19. April wie gewöhnlich aus dem Geschäfte nach Hause gegangen sei und dort ruhig sein Abendbrot verzehrt habe. Etwa um 7½ Uhr habe ihn sein Freund Hartmann zum Spazieren⸗ gehen abgeholt. Als sie herunterkamen, habe eine große Menge Frauen und Männer vor der Haustüre gestanden. Plötzlich sei von der Posenerstraße her eine ganze Anzahl von Schutz ⸗ leuten mit blanker Waffe angelaufen gekommen. — Vors.: Wie viel waren es ungefähr?— Zeuge: Etwa 10—12. Die Bewohner zogen sich darauf in das Haus zurück und die Tür wurde verschlossen.— Vors.: Sie gingen auch hinein?— Zeuge: Jawohl, ich wollte die Treppen hinaufgehen, um in meine Wohnung zu gelangen.— Vors.: Wieviel Treppen hoch wohnten Sie? Zeuge: Vier Treppen. Ich kam aber nur bis zu der ersten Treppenbiegung, wo ein Nebenflur abgeht, und da bekam ich einen Hieb, sodaß ich zur Erde fiel.— Vors.: Wer den Hieb geführt hat, wissen Sie nicht?— Zeuge: Nein, aber bestimmt war es ein Schutzmann.— Vors.: Warum sind nur gerade Sie verletzt worden und alle die anderen Leute nicht?— Zeuge: Ich wußte ja gar nicht, worum es sich handelte; die anderen sind sofort weggelaufen, als sie die Schutzleute mit der blanken Waffe sahen. Ich aber war guten Mutes und ging im Gefühl der Sicherheit langsam. Nach jenem ersten Schlage stand ich bald wieder auf, bekam aber sofort wieder einen Schlag über den Kopf, der mir die Mütze durchschlug. Ich bat den Schutzmann, er möchte doch aufhören und von mir ablassen, ich sei ja an der ganzen Sache nicht beteiligt. Gerade in diesem Moment bekam ich den i dritten Schlag, der mir die Hand raubte. Ich hatte gerade die Hand auf das Treppen- geländer gelegt.— Vors.: Das muß ein ganz kräftiger Schlag gewesen sein.— Zeuge: Jawohl. Meine Hand flog weit hinter mir auf die Erde.(Große Bewegung.) Festgestellt wird noch durch Vernehmung eines anderen Zeugen, daß Biewald tatsächlich unbe⸗ teiligt war.— In der Verhandlung am Freitag wurde u. a. der Anstreicher Scholz vernommen. Als er um 6 Uhr abends über den Striegauer Platz nach Hause gehen wollte, wurde er ohne jede Veranlassung von einem Schutzmann mit


