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Nr. 12.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Schiffenberg eingetreten. Längere Zeit konnten die Züge die Unfallsstelle nicht passteren und die Reisenden mußten umsteigen. Hätte der Bahuwärter die Senkung nicht rechtzeitig be- merkt, so konnte ein großes Uuglück passteren.

In Klein⸗Linden starb der Schul; knabe, welcher, wie wir in Rr. 10 berichteten, vom Lehrer Herrn Möller an den Kopf ge⸗ schlagen wurde und von der Zeit an bettlägerig war. Es hat sich aber durch die Settion her⸗ ausgestellt, daß der Knobe an Gehirntuber⸗ kulose gestorben ist und nicht an Gehiru⸗ erschütterung von dem Schlage. Das gericht⸗ liche Verfahren gegen den Lehrer wurde daher eingestellt.

Aus dem Rreise friedberg⸗Büdingen.

d. Ordnungswidrige Zustände scheinen in der Landwirtschaftlichen Genossen⸗ schaft in Friedberg zu herrschen, wie uns berichtet wird. Diese Woche waren der Unter⸗ suchungsxichter und ein Büchersachverständiger aus Gleßen mit Prüfung der Bücher beschäftigt. Gegen den Direktor Hirschel soll eine Unter⸗ suchung eingeleitet sein.

Aus dem Rreise Weßlar.

h. Unternehmer⸗Gewinne. Die Bu⸗ derus'schen Eisenwerke haben im vergangenen Jahre einen Bruttogewinn von 2 184 720 Mk. zu ver⸗ zeichnen, das sind 300 000 Mk. mehr als im vorigen Jahre. Nach dem vor Kurzem in der Aufsichtsrats⸗Sitzung vorgelegten Rechnungsabschlusse sollen davon 1 380 000 Mark füc Abschreibungen verwendet werden, so daß noch 804720 Mk. zur Verteilung übrig bleiben. 630 000 Mk. werden davon als Dividende(6 Pzt.) verteilt; für Ver⸗ gütung an Aufsichtsrat und Vorstand sowie Belohnungen der Beamten sind 111487 Mk. vorgesehen. Die Arbeiter des Werkes bekommen wie gewöhnlich nich ts, obwohl sie es vornehmlich waren, durch deren Hände Arbeit dieser bedeutende Gewinn hervorgebracht wurde. 630 000 Mark säckeln die Dividenden⸗Empfänger ein. Nehmen wir an, es kämen als solche 30 Personen in Frage, so erhielte jeder dieser Herren durchschnittlich zwanzigtausend Mark ohne daß er das ganze Jahr auch nur einen Finger zu rühren braucht! Natürlich gibt es viele Unter⸗ nehmungen, die noch viel höhere Dividende einsacken. Um nur einige Beisplele herauszugreifen erzielten die Adler⸗Fahrradwerke vorm. Kleyer in Frankfurt im verflossenen Jahre eine Dividende von 20 Prozent, gegen 16 im Vorjahre Der Verein chemischer Fabriken ver⸗ teilt 19 Prozent; die Hannoversche Continental⸗Kautschuk⸗ und Guttaperchakompagnie schüttete sogar 40 Prozent aus. Dafür kürzte diese Gesellschaftden Arbeitern auch den Lohn um 20 Peozent! Es läßt sich denken, daß unter solchen Umständen derFleiß der Prozent⸗ kapitalisten seine Früchte trägt.

Herr Behrens, der stöckerische Reichstags⸗ kandidat für den Kreis Weslar hatte den Redakteur Leimpeters verklagt, weil dieser geschrieben hatte, Behrens habe den Bergarbeiterverbandsvorstand beschuldigt 90 000 Mark von den Streikgeldern der Bergleute nach Rußland geschickt zu haben. Da das Schwindel ist, nannte Leim⸗ peters den Franz Behrens einen Lügner. Behrens gab daraufhin au, nicht er, sondern sein Parteigenosse Lic. Mumm habe die Streikgeldergeschichte in einer Wählerversammlung während der Reichstags⸗Ersatzwahl in Essen ausgebeutet. Dösse Richtigstellung hatte Leim⸗ peters seinerzeit auch schon gebracht; trotzdem klagte der fromme Christ Behrens. Die Sache wurde kürzlich vor dem Gericht in Essen verlandelt. In der Verhandlung wurde dem Behrens durch das Zeugnis seines früheren Arbeitskollegen Albrecht(Brlin) eine hinterlistige, zweideutige arbeiterschädigende Hal⸗ tung in Sachen der Gäftnerorganisation nachgewiesen. Durch das Zeuguis des Lc. Mumm wurde festgestellt, daß dieser den Schwindel son der Vergeudung von Berg⸗ arbeitergeldern von Behrens übermitttelt be⸗ kommen haben muß. Ferne wurde unter Beweis gestellt, daß Behrens, der christlichsofaler Reichstagskandidat war, von dem Pfarrer Rachel öffentlich wiederholt der wissentlichen Lüge geziehen worden ist, ohne darauf zu reagieren. Ferner gelangten Flugblätter der Stöckerianer aus dem ssener Reichstagswahlkampfe zur Verlesung, die von den ungeheuerlichsten, gemeinsten Beschimpfungen der Sozlal⸗ demokratie und der sozialdemokratischen Führer strotzt. Der Verteidiger Jr. Niemeyer stellte fest, daß gegenüber diesenchristlichn Druckerzeugnissen erscheine die sozialdemokratische Dnaxt als wahrer Salonton. Leimpeters habe als Pajeigenosse und Redakteur der Bergarbeiter⸗Zeitung in a berechtigter Interessen

gehandelt, als er die Vileumdungen und Besudelungen der Stöckerlaner scharf zrückwies. Demgegenüber ver⸗ krochen sich Behrens un sein Anwalt hinter die Aus⸗ rebe, Leimpeters sei in hen Schmutzblättern nicht per⸗

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sönlich genannt. Unverständlicherweise verurteilte das

Gericht Leimpeters zu 14 Tagen Gefängnis. Aus alledem geht aber hervor, daß der Wetzlarer Wahlkreis zur nächsten Wahl einem sehr angenehmen Wahlkampfe entgegensteht. Die Stöckerleute trieben bei der Essener Wahl sowie auch in den Versammlungen, die sie hier abgehalten haben, eine so niedrige gemeine Kampfesweise, wie sie selbst in den halbkultivierten Ländern nicht anzu⸗ treffen ist.

Ein weiteres Stückchen christlicher Redlichkeit sei hier ebenfalls gleich mit angeführt. Diechristlichen Generalsekretäre Efferts und Behrens hatten eine weitere Klage gegen Leimpeters erhoben, die am gleichen Tage wie die obige verhandelt wurde. Es drehte sich hierbei um die Frage, ob 10 000 Butterbons 4a ½ Kilo, welche die Firma Vitello während des Bergarbeiterstreiks für die Streikenden stiftete, regelrecht an die Mitglieder aller Verbände ver⸗ teilt worden seien, oder ob sie nur den christlichen Ge⸗ werkvereinlern zugeschoben worden sind. Efferts hatte öffentlich erklärt, die Bons seien ihrer Bestimmung gemäß vertellt worden. Leimpeters bezeichnete Efferts als einen wissentlichen Lügner, der recht gut wisse, daß seine Behauptung unwahr sei. Vor Gericht bekundete der Vertreter der Firma Vitello, die 10 000 Bons(Wert 8000 Mar) seien bestimmt gewesen für alle Strei⸗ kenden ohne Unterschied der Partei. Die Bons seien an die Geschäftsstelle des christlichen Gewerkvereins gesandt worden, und diese habe ihn(den Firmenvertreter) in den Glauben versetzt, die Vertellung geschähe bestimmungs⸗ gemäß durch die Siebenerkommission. Genosse Sachse, Mitglied der Stebenerkommission, bekundete, die Bons seien ihr nicht übergeben worden, sondern es wäre durch die geladenen Zeugen zu bewelsen, daß die 10 000 Bons von der christlichen Geschäftsstelle nur an die eigenen Mitglieder versandt worden selen. Efferts gab dies zu, erklärte aber, er habe damals von dieser ungerechten Verteilung nicht gewußt. Es kam dann ein Vergleich zustande, in dem ausdrücklich anerkannt wird, daß die Gewerkvereinsleitung die Butterbons wiede rrechtlich nur an die eigenen An⸗ hänger verteilt, die anderen Streikenden also übervorteilt hat! Damit ist der Kern der Behauptung Leimpeters als richtig erwiesen. 5

h. Den ortsüblichen Tagelohn für Wetzlar um 20 Prozent zu erhöhen beantragte das Gewerkschafts⸗ kartell bei der Stadtverordneten-Versammlung. Die Antragsteller begründeten dies damit, daß die Lebens⸗ mittelpreise und die Wohnungsmieten erhebliche Steige⸗ rungen aufweisen. Der Bürgermeister beantragt als Referent für den Finanz⸗ und Tiefbau⸗Ausschuß Ueber⸗ gang zur Tagesordnung, da schon von seiten des Tief⸗ bau⸗Ausschusses eine Erhöhung der Löhne der städtischen Arbeiter in Anregung gebracht sei. Stadtverordneter Michgeli bemerkt, daß der Antrag mit den Absichten der Tiefbau⸗Deputation kaum in Zusammenhang zu bringen sei. Der ortsübliche Tagelohn habe in der Versicherungsgesetzgebung eine weitere Bedeutung. So im Krankenkassengesetz, Unfallgesetz, Invalidengesetz und im Gesetz betr. die Unterstützungen bei Frledensübungen. Er bitte den Antrag anzunehmen und der höheren Ver⸗ waltungsbehörde die anderweitige Festsetzung zu empfehlen. Ohne weitere Debatte wird der Ausschußantrag auf Uebergang zur Tagesordnung mit allen gegen eine Stimme angenommen. Demnach hat sich Graf Posa mit seinen diesjährigen von weitgehendem sozial⸗ politischem Verständnis zeugenden Reden als ein Prediger in der Wüste erwiesen. Wenigstens soweit das Wetzlarer Stadtparlament in Frage kommt.

h. Den Steuerzuschlägen, wie ste von den Stadtverordneten beschlossen worden sind, hat der Bezirksausschuß zugestimmt, wie das Amtsblatt mitteilte. Somit sind die Machen⸗ schaften desstädtischen Wählervereins, welcher bei der Regierung zu Coblenz um Nicht ge⸗ nehmigung der Steuererhöhung winzelte und damit für die abgelehnte Biersteuer scharf machte, fruchtlos geblieben und die Sache erledigt. Es werden im nächsten Jahre 145%ͤ der Ein⸗ kommen- und 195% der Realsteuer als Gemeinde⸗ steuern erhoben.

h. In Gleiberg und Launsbach wurden am Sonntag ebenfalls Versammlungen zur Märzfeier abgehalten. Beide waren gut besucht; in Launsbach meldeten sich 10 Mann zur Aufnahme in den Wahlverein, ebenso wurden neue Abonnenten für die Volksstimme gewonnen. Eine Tellersammlung ergab 8,30 Mk.

Aus dem Rreise Marburg⸗ Kirchhain.

Eine Gewerkschaftsversamm⸗ lung findet Samstag, 24. März, im Lokale Jesberg statt. Die Gewerkschaftskommisston wird zunächst ihren Jahresbericht geben, worauf Arbeitersekretär Heiden Frankfurt einen Vortrag überArbeiterversicherung halten

wird. Ueber diesen Gegenstand herrscht noch viel Unklarheit in Arbeiterkreisen; es ist des⸗ halb für jeden nützlich, sich diesen Vortrag an⸗ zuhören. Die Gewertschaftsmitglieder wollen deshalb recht zahlreich erscheinen und Kollegen auf die Versammlung aufmerksam machen.

* Unsere Märzfeier hatte eine sehr starke Beteiligung aufzuweisen. Genosse Gböller⸗ Frankkurt sprach in stündigem, sehr beifällig aufgenommenem Vortrage über die bürgerliche Revolution von 1848/49 und das preußische Dreiklassenwahlsystem. Sechs neue Genossen murden für den Wahlverein gewonnen.

* Die Stadtverordneten beschäf⸗ tigten sich in den letzten beiden Sitzungen mit der Beratung des Etats. Zu Beginn derselben erinnerte Engel an die Einführung der Wert⸗ zuwachssteuer, deren Einführung unbedingt notwendig sei. Bei dem Etat des Gaswerk wird eine Neuregelung der Preise für Kraft⸗ und Leuchtgas von der Kommisston vorgeschlagen. Sie sollen probeweise auf 12, 15 und 17 Pfg. festgesetzt werden. Bezüglich des Volks bades teilte der Oberbürgermeister in der letzten Sitz⸗ ung mit, daß ein solches in der Herrenmähle errichtet werden solle. Eine lebhafte Debatte rief die Fensterlteferung im neuen Schul⸗ gebäude hervor. Mehrere Redner kritisieren, daß hier keine genügende Kontrolle geübt worden sei. Der Lieferant Fauser in Weimar habe die Bedingungen nicht eingehalten und nun hätte die Stadt bei derbilligen Lieferung nur

Schaden. Eine endgültige Entscheidung darüber

bleibt vorbehalten.

Auf Schwindelmanöber scheint sich der frühere Kolontalwarenhändler und jetziger Kolporteur für nationalliberale Broschüren, Bechnitz, zu legen. Im Laufe des Winters schwätzte er einem Arbeiter das BuchKaiser Friedrich auf unter der Vorspiegelung, daß er dann eine Stelle an der Kreisbahn bekomme. Natürlich stellte sich das als Schwindel heraus; der Mann ist sein Geld los und Bechnitz lacht sich ins Fäustchen. Es ist merkwürdig, daß doch auf den dreistesten Schwindel noch Dumme hereinfallen. Hoffentlich beschäftigt sich mal die Staatsauwaltschaft mit diesem spekulativen und patriotischen Herren.

Wablkreis Alsfeld⸗ Lauterbach. Sonntag, den 1. April, vormittags 10 Uhr, im LokaleZum Stadtpark

Kreis konferenz. Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertraueus manns. 2. Ahrechnung. 3. Verschledenes.

Zu zahlreichem Besuch ladet ein. Der Kreisvertrauensmann.

Versammlungskalender. Samstag, 24. März.

Gießen. Wahlverein. Abends 9 uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.

Wetzlar. Wahlverein. Abends ¼9 Uhr, Ver⸗ sammlung im GasthausZur Glocke. Vortrag von Gen. Vetters⸗Gleßen überZukunftsstaat.

Launsbach. Wahlverein. Nachmittags 4 uhr Versammlung bei Wirt Komp. Die Genossen von Wißmar sind dazu eingeladen.

Heuchelheim. Brau ereiarbeiter-Verbaud. Allgemeine Mitgliederversammlung nachm. Uhr bei Wirt A. Rinn.

Dienstag, den 27. März.

Gießen. Gewerkschaftskartell, Abends 9 uhr

Sitzung bei Orbig.

N. N. Lollar. Die Hebamme darf nach der Instruktion eine ihre Niederkunft erwartende Frau nicht verlassen, wenn der Geburtsakt bereits begonnen hat. Nach der Geburt muß sie mindestens zwei Stunden bei der Wöchnerin verweilen. Stets Namensunterschrift! auch bei Anfragen.

Oduhsn. Soviel wir aus Ihrer Darstellung sehen, hat der Bürgermeister ganz richtig gehandelt. Jede Ge⸗ meindeverwaltung muß bestrebt sein, das Gemeindevermögen zu vermehren, namentlich das an Grund und Boden. Sie handelt im Gesamt⸗JInteresse, wenn sie solchen nach Möglichkeit erwirbt; an Private soll sie aber nur ausnahms⸗ weise abgeben und natürlich nur, wenn der Fall für die Gemeinde günstig gelegen ist. Wir empfehlen jedem, der sich in kommunalpolitischen Dingen aufklären will, die im Verlage desVorwärts erscheinenden billigen Heftchen:Sozlaldemokratische Gemeindepolitit, die von unserer Expedition besorgt werden.