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Mitteidentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 12.
Gemeindevertreter im ganzen Lande auf, dies⸗ bezügliche Anträge in ihren Gemeinderatssttzungen einzubringen und zur Annahme zu empfehlen, diese Beschlüsse dem Großh. Ministerium zu unterbreiten, sowie dem Landtag einzureichen. Den Genossen wird empfohlen, Versammlungen zu veranstalten, in welchen obige Forderungen zur Annahme empfohlen werden.
Nach längerer Debatte wird auf einstimmigen Beschluß der Antrag des Kreisvorstandes dem Landes vorstand als Material überwiesen und weiter wird der Landesvorstand ersucht, er möge einen Aufruf wegen Gewinnung von Material über die Mängel im Verwaltungs wesen erlassen.
— Ein Ordnungsheld besonderer Art trat neulich in einer Versammlung in Darmstadt auf, um zur Sozialistenvernich⸗ tung mit beizutragen. Ein bürgerliches Blatt berichtete, daß dieser Mann„mit rücksichtsloser Schärfe die Kampfesweise und die wahren Bestrebungen und Ziele der Sozialdemokratie charakteristerte, sie als ausgesprochene Revolu⸗ tionäre, als die Todfeinde von Thron und Altar, von Ordnung und Sitte, Ruhe und Sicherheit des Bürgertums, sowie der Wohlfahrt und segensvollen Entwicklung des Vaterlandes kennzeichnete und brandmarkte“ ꝛc. Und wer war dieser brave Musterpatriot? Ein Herr Amtsrichter Mahr, dessen Name vor längerer Zeit dadurch bekannt wurde, daß er mit anderen„gebildeten“ Leuten in einem Eisenbahnkoupe auf der Fahrt von Mainz nach Darmstadt einen jungen jüdischen Kaufmann aus Groß⸗Gecau in der unerhörtesten Weise ohne jede Veranlassung beschimpfte und beleidigte. Für diese Heldentat erhielt dieser Gesetzeswächter nur eine geringe Geldstrafe. Er ist der richtige Kämpe für Sitte und Ordnung und den Na⸗ tionalliberalen kann man zu der Erwerbung Glück wünschen. Im Landtage haben unsere Parteigenossen Ulrich und Dr. Fulda ge⸗ sagt, wie sie über das Auftreten dieses Gesetzes⸗ wächters denken und wie überhaupt anständige Leute darüber denken müssen. Für ihn wäre es jedenfalls klüger, politisch nicht hervorzutreten.
— Die Retichs⸗Sozialistenvernichter wollen, wie der Frkftr. Ztg. mitgeteilt wird, in den Wahlkampf im Darmstädter Wahlkreise eingreifen und haben auch dem Pfarrer Korell ihre Hülfe angeboten, der sie indessen abgelehnt hat. Wir hoffen, daß unsere Genossen trotzdem das Mandat behaupten, wenn auch solche käuf⸗ liche Kreaturen unsere Partei herunterzureißen suchen. Unsere Leute werden jedenfalls nicht verfehlen, diesen Burschen gehörig auf die Finger zu klopfen.— Uebrigens zeitigt dieser Wahl⸗ kampf merkwürdige Erscheinungen. So tritt z. B. an der Seite der Mahr, Becker⸗Sprend⸗ ingen ꝛc. auch der Landtagsabgeordnete Noack für die antisemitisch⸗nationallib.⸗ultramontane Kandidatur ein. Das Köstlichste dabei ist aber, daß Noack zur freisinnigen Partei gehört! Es wird also die freistnnige Kandidatur Korells selbst von Freisftnnigen bekämpft!— Noch merkwürdiger ist aber, daß die Bauern⸗ bündler in Trebur für die Kandidatur Korells eintraten und das Hirschelblatt in Friedberg über die betr. Versammlung einen begeisterten Bericht veröffentlichte, obwohl sie vorher Korell schon oft als Nationalsozialen gehörig heruntergerissen hatte! Später wurden die Treburer Bündler wieder zurückgepfiffen.
— Gegen die Ansichtspostkarten⸗ steuer protestierte eine am Freitag in Dar m⸗ stadt stattgefundene, stark besuchte Versamm⸗ lung der Angehörigen der graphischen Gewerbe. Abg. Dr. David legte als Referent dar, wie schwer eine Anzahl Gewerbe und viele kleine Geschäftsleute geschädigt werden würden, wenn diese Steuer nach den Beschlüssen der Reichstagskommission zur Einführung gelangte. An der Diskusston beteiligten sich noch Kommer⸗ zienrat Langenbach und Fabrikant Lautz, die sich beide als Gegner der indirekten Steuern erklären. David forderte noch im Schlußwort auf, bei der bevorstehenden Ersatzwahl für Berthold zu stimmen, der nicht für indirekte Steuern zu haben sei, welche Arbeiter und kleine Geschäftsleute empfindlich schädigen und ruinie⸗ ren. Eine Protestresolution wurde beschlossen.
Gießener Angelegenheiten.
— Müheloser Gewinn. Vor Kurzem kaufte der Schreinermeister Schön von dem Bankier Herz ein Stück Land an der Stephan⸗ straße für 52 000 Mk., was der bisherige Besitzer vor etwa 12 Jahren für ganze 3500 Mk. kaufte! Das heißt man ein Geschäft! Man sieht hieran wieder, welche ungeheuren Summen auf diese Weise verdient werden. Wäre die hesstsche Gemeindesteuer⸗Reform nicht von den Privile⸗ gierten hintertrieben worden, so könnte die Stadt wenigstens einen kleinen Prozentsatz von diesem Gewinne als Wertzuwachssteuer einziehen.
— Die Stadtverordnetensitzung hatte am Donnerstag wieder eine reichhaltige Tagesordnung zu erledigen. Eine längere Debatte rief die Eingabe der Weißbinder⸗ Innung hervor, die sich über die Vergebung der Weißbinderarbeiten am Neubau der höheren Mädchenschule beschwert. Stadtv. Petri sucht die Beschwerde zu rechtfertigen und meint, der Bürgermeister hätte darüber erst die Zustimmung der Stadtverordneten einholen sollen, ferner sollten in erster Linie die in der Innung ver⸗ einigten Handwerksmeister berücksichtigt werden. Der Oberbürgermeister erklärt, daß er den ge⸗ setzlichen Bestimmungen gemäß verfahren sei. Außerdem habe man anderwärts mit der von Petri empfohlenen Praxis sehr schlechte Erfah⸗ rungen gemacht; die Innungen hätten vielfach die Preise un verhältnismäßig in die Höhe ge⸗ trieben. Krumm und Gutfleisch können den Ausführungen Petri's nicht zustimmen. Eine Regelung in seinem Sinne sei sehr schwierig; man würde in die ärgste Zünftlerei hineingeraten. Eine Konkurrenz müsse gewahrt werden. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt.— Der Omnibusgesellschaft bewilligt man Deckung des im Vorjahre entstandenen Deftzits von 3755 Mk. Wirklich nicht wenig!— Bei dem Punkte Ueberlassung der Faßhalle der Aktien⸗ brauerei zu dem Säkularfeste der Universttät im nächsten Jahre kommt die Sache mit dem Ankauf der Aktienbrauerei zur Sprache. Ober⸗ bürgermeister Mecum erklärt hierzu, daß er in der letzten Sitzung mißverstanden worden sei. Er habe nicht sagen wollen, daß Herr Bichler vor dem Verkauf erklärt habe, daß er im Besitz sämtlicher Aktien sei. Auch darüber kam es zu einer längeren Debatte, in der von Kirch bemerkt wurde, daß Herr B. bereit sei, den Verkauf rückgängig zu machen. Es wurde mit Mehrheit beschlossen, die Sache für erledigt zu erklären. Klargestellt wurde eigentlich nichts; man weiß über den Sachverhalt so viel wie vorher. Daß die Stadt trotzdem kein schlechtes Geschäft gemacht hat, mag ja ganz richtig sein; Krumm meinte aber mit Recht, daß man noch lange nicht jedes gute Geschäft zu machen brauche.— Ueber die Schülerzahl in den Volks⸗ schulklassen kam es zu etner längeren Debatte, die durch Stadtv. Jann angeschnitten wurde, der möglichst Verminderung der Schülerzahl wünschte.— Die Verteilung der für das Uni⸗ versttätsfest bewilligten 30000 Mk. wurde nach dem Vorschlage des Oberbürgermeisters be⸗ schlossen. 20000 Mk. davon sollen zu einer Stiftung für Stipendien verwendet werden.
— Majestätsbeleidigung und Sittlichkeitsvergehen— diese unge⸗ heuerlichen Verbrechen sollen wir durch Abdruck der humoristischen Notiz in Nr. 10 begangen haben. Auf dem Gebiete der Rechtspflege ist ja in Deutschland gewiß viel möglich; um aber diese Vergehen aus jener Notiz herauszudestil⸗ lieren, wäre schon ein Uebe r⸗dolus eventualis nötig. Man darf wohl gespannt sein, ob sich ein hesstsches Gericht dazu versteht.
Was sich Unternehmer er⸗ lauben. Die Gießener Weißbinder⸗ meister beglückten ihre Arbeiter mit einem Schriftstück, das sie mit dem stolzen Namen „Arbeitsvertrag“ bezeichnet haben und die Arbeiter unterschreiben sollen. Wenn man nun schon von einem Arbeitsvertrage spricht, so sollte man doch meinen, daß beide Teile sich über den Inhalt desselben einig geworden
sind. Das ist aber keineswegs der Fall; die
Herren Arbeitgeber diktieren einfach die Bedin⸗ gungen von oben herunter. Und welcher Art
diese Bestimmungen sind, dafür wollen wir nur einige Beispiele anführen. Zunächst ist Kündigung ausgeschlossen, was ja schließ⸗ lich von keiner großen Bedeutung Wenn aber der Arbeiter ein paar Stunden versäumt, soll ihm für die doppelte Zeit Lohn abge⸗ zogen werden. Frühstücken und Vespern im Wirtshaus, ebenso wie Rauchen bei der Arbeit ist untersagt. Der Lohnsatz wird am Zahltage festgesetzt; mit anderen Worten: wenn der Arbeiter eine Woche gearbeitet hat, gibt ihm der Meister was er Lust hat. Das Schönste aber ist der Entlassungsschein, der gleich fein säuberlich an das vom Arbeiter zu unterschreibende Vertragsformular angefügt ist und den man auf diesem Wege einführen möchte. Es ist darauf auch gleich die Angabe des Stundeulohnes vorgesehen, so daß dem Arbeiter, wenn er sich verbessern will, Schwierig⸗ keiten gemacht sind.— So glatt wird allerdings die Einführung dieses Arbeilsvertrags nicht von statten gehen. Die Maler und Weißbinder beschlossen vielmehr in einer stark besuchten Versammlung am Samstag, daß niemand diese von den Meistern einseitig aufgestellten Arbeits⸗ bedingungen unterschreiben solle. Ferner stimmte die Versammlung einem neuen Lohntarife zu, der den Arbeitgebern demnächst vorgelegt wer⸗ den soll.
— Die Steinmetzen Gießens haben ihren Arbeitgebern einen neuen Arbeitsvertrag unterbreitet, in dem unter Hinweis auf die gesteigerten Lebenshaltungskosten eine Verbesse⸗ rung der Arbeitsbedingungen gefordert wird. Die hauptsächlichsten Forderungen sind 9 stündige Arbeitszeit und 45 Pfg. Minimal⸗Stundenlohn.
— Die Gedenkfeier der 48er Revo⸗ lution hielten die Gießener Genossen diesmal in Wieseck ab, wo ste sich in dem geräumigen Wacker'schen Saale mit den Wieseckern sehr zahlreich eingefunden hatten. Nach einem Lieder⸗ vortrag des Gesangvereins„Eintracht“ ergriff Genosse Dr. Michels ⸗Marburg das Wort, um die politischen Zustände, wie ste sich von der großen französischen Revolution bis 1848 entwickelt hatten, darzulegen und dann die deutsche Revolution in großen Zügen zu schildern. Zum Schlusse führte er aus, wie heute noch nicht die Forderungen erfüllt seien, die damals der Liberaltsmus aufgestellt habe, auch heute noch habe das Volk fast nichts zu sagen, sei einflußlos in bezug auf die Gestaltung seines eigenen Geschickes. Wir müssen deshalb unab⸗ lässig kämpfen für unser gutes Recht! Und besonders gelte es, das freie Wahlrecht zu er⸗ kämpfen und die politische Bevormundung, wie sie durch das korrupte preußische Wahlrecht ausgeübt werde, zu beseitigen. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die gut verlaufene Feier schloß mit dem Liede: „Ein Sohn des Volkes“.— Zu wünschen wäre nur, daß bei derartigen Versammlungen Stö⸗ rungen durch Hin- und Hergehen mehr zu ver⸗ meiden gesucht würden.
— Der Sanitätsverein hält Mon⸗ tag, den 26. März, seine Generalversammlung im Restaurant Albold ab. Wir machen auf das Inserat aufmerksam.
— Vor der eigenen Türe kehren sollte die Ordnungspresse und speziell der Gieß. Anzeiger. Letzterer brachte dieser Tage eine Notiz, in der gesagt war, daß die Sozialdemo⸗ kratie nur immer schimpfe. Und das sagt ein Blatt, das zu jeder Zeit, besonders aber zu Wahlzeiten in der Beschimpfung und Verdäch⸗ tigung unserer Partei das Möglichste leistet! Von den Schweinburg, Reichsverband und Konsorten wird der Schmutz und die Lügen waggonweise über unsere Partei ausgeschüttet! Um nur ein Beispiel anzuführen, bringt der „Anzeiger“ den offenbaren Schwindel, daß sozialdemokratische Redner in einer Wahlver⸗ sammlung in Darmstadt an dem Kandidaten Korell nichts als dessen„vaterländische Ge⸗ stnnung“ auszusetzen hätten!
Aus dem Rreise gießen.
2 Eine bedeutende Erdsenkung
ist infolge des Regens am bac Linie Gießen⸗Gelnhausen zwischen 8


