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Nr. 37.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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Seite 5.
W. Gesundheitsschädliche Arbeitsräume. In dem was in vorigen Nr. über die Arbeitsräume der Firma Mo mma gesagt wurde, muß noch einiges hinzugefügt werden. Besonders über ungenügende Venti⸗ lation haben sich die Arbeiter beschwert, ohne daß Ab⸗ hilfe geschaffen wird. Der Rauch zleht so schlecht ab, daß die Arbeiter oft und lange in Qualm arbeiten müssen. Infolgedessen läßt der Gesundheitszustand zu wünschen übrig; starben doch in verhältnismäßig kurzer Zeit vier Mann im besten Mannesalter an der Schwind⸗ sucht! Daß dadurch furchtbares Elend über die Familien gebracht wird, sollte sich der Inhaber der Firma, Herr Stadtverordnete Coers, doch vor Augen führen und Besserung herbeiführen. Aber auch die Arbeiter sollten sich besser darum bekümmern und vor allem sich der Gewerkschaft anschließen, die in der Lage ist, Wandel zu schaffen.
* Die Kriegervereins⸗Festrede. Wir er⸗ wähnten neulich, daß am„Sedantage“ der Lehrer Petri eine Festrede im Kriegerverein hielt. Wie alle solche Produkte brachte auch diese das Amtsblatt ausführlich und wir ersehen daraus, daß sich die Schulmeister⸗Rede auch angelegentlich mit der Sozialdemokratie beschäftigte. Gleich am Anfang entrüstete sich Herr Petri üver unsere Partei folgendermaßen:„Geht doch ein böser, vaterlands⸗ feindlicher Geist in den deutschen Landen um, ein Geist des Hasses und des Aufruhrs wider alle Autorität, der neuerdings sogar eine planmäßige Wühlerei unter unserem jungen Nachwuchs entfachen will, als deren Ergebnis eine Art soztaldemokratischer Jugendwehr und sozialdemokratischer Kindergärten erstehen sollen.“— Dem solle die Sedanfeier entgegen wicken. Herr Petri mag sich über die Wirkung nur keinen allzugroßen Hoffnungen hingeben. Die Sozialdemokratie ihrerseits wird darüber ruhig bleiben und weiter arbeiten. Ob Herr Petri übrigens schon einmal einen Blick in die sozialistische Literatur geworfen hat, bezweifeln wir stark, er würde sonst objektiver urtellen und nicht einfach abgedroschene Phrasen nachbeten. Er verglich dann das römische Reich mit dem heutigen Deutschland, welcher Vergleich natürlich zu Gunsten des letzteren ausfiel. Es gibt sehr tüchtige und gelehrte Leute, die ganz anderer Meinung sind, und zwar der, daß die heutigen sozlalen Zustände nicht besser als im alten Rom sind. Unermeßlicher Reichtum auf der einen Seite, Entbehrung, Not auf der andern! „Diese Reichtümer waren in den Händen weniger, während die Massen nach Brot schrien. Daraus er⸗ wuchsen sittliche Schäden, welche auf die Entwicklung und Kraft des Staates die verderblichsten Wirkungen übten.“
Was Herr Petri hier vom römischen Reiche sagt, haben wir genau so in Deutschland. Er gibt das ja auch weiterhin zu, aber mit der„christlichen Liebe“ wird keine Besserung geschaffen. Nur die Verwirklichung des Sozialismus bringt allgemeine Wohlfahrt, ein gesundes und freies Volk!
Aus dem RNreise Marburg⸗Kirchhain.
* Ueber die Preissteigerung der Lebens⸗ mittel beklagte sich ein Beamter in der„Hessischen Landeszeitung“. Er rechnet vor, daß er für die not⸗ wendigsten Lebensmittel bet seiner aus 7 Personen be⸗ stehenden Familie 20 2 Mk. jährlich mehr aufwenden müsse als seither und für den ganzen Haushalt betrage die Mehrausgabe 4— 500 Mk. Die Rechnung mag schon ungefähr stimmen. Nicht zutreffend ist aber, wenn der Beamte sagt:
„Während die Handwerker und Gewerbetreibenden die entstehenden Mehrausgaben dadurch zum Teil decken, daß der Preis der Erzeugnisse und Waren entsprechend erhöht wird, während der Arbeiter unter Hinweis auf die Verteuerung der Lebens weise leichter eine Lohnerhöhung erwirken kann, stehen dem Beamten keine Mittel zur Seite, sein Einkommen zu verbessern und die entstehenden Mehrausgaben zu decken.“
Jawohl, der Arbeiter kann„leichter eine Lohnerhöhung bewirken“! Hätte der Mann eine Ahnung, welche Kämpfe die Arbeiter durchführen müssen, um 1 oder 2 Pfennige Erhöhung des Stundenlohnes zu erreichen, so würde er den Satz nicht niedergeschrieben haben. Wochen⸗ lang muß gestreikt werden, Opfer und Entbehrungen aller Art müssen die Arbeiter auf sich nehmen, bis die Unternehmer einen Pfennig zulegen! Das hat man ja erst kürzlich bei dem Schreinerstreik gesehen, der zudem noch ungünstig für die Gehilfen verlief. Handwerker und Gewerbetreibende können vielleicht schon eher eine „Preiserhöhung ihrer Erzeugnisse“ eintreten lassen, immer geht's bei denen aber auch nicht, namentlich nicht in Gewerben, wo starke Konkurrenz herrscht. Vielfach find sie(und besonders die Kleinen) eben so schlimm und noch schlimmer daran als die Beamten.— Aber sind letztere nicht selbst schuld? Haben nicht die meisten Beamten die Wucherpolitik bei den Wahlen unterstützt und gegen die Sozialdemokratie gewettert, die jene volks⸗ feindliche Politik bekämpfte? Ob ste jetzt durch Schaden klug werden?
„Eine Genossenschaftsbrauerei wollen die Marburger Gastwirte gründen. In einer General ver⸗
stattfindet, soll darüber Beschluß gefaßt werden,
* Genosse Dr. Michels hat kürzlich von der Schweiz aus, wo er sich befand, in einer Eingabe an das Marburger Steueramt Protest gegen die jüngst er⸗ folgte Beschlagnahme seiner Bücher eingelegt, die er an den Genossen Härtling gesandt hatte. Das Steueramt hat die Broschüren übrigens sehr bald wieder heraus⸗ gegeben und dem Adressaten zugestellt. Man hat jeden⸗ falls eingesehen, daß die Konfiskation völlig ungesetzlich war. f. Nette„Studentenstreiche“. Ende Juli lockte der in der Wilhelmstraße 7 wohnhafte Student Siegfried May aus Zittau i. S. die 13 jährige Tochter eines Marburger Arbeiters in seine Wohnung, verschloß Türen und Fenster, machte die Gardinen zu, hob dem Mädchen die Röcke hoch und„drückte es fest an sich“, wie das Kind selbst erzählte. Auf heftiges Schreien ließ er schließlich sein Opfer laufen. Trotzdem die Polizei damals sofort zur Stelle war, ist gegen den Studenten nichts erfolgt, weil kein öffentliches Interesse vorliege. Allerdings hat der Vater gegen ein Zwanzig⸗ markstück von der Stellung eines Strafantrages abge⸗ sehen. Man ist ja längst gewohnt, daß Exzesse der Studenten und anderer„besserer“ Leute anders beurteilt werden, als wenn sich Angehörige des arbeitenden Volkes mal vergehen. Daß aber hier keine Verfolgung einge⸗ treten ist, muß denn doch allgemein befremden.
Partei-Uachrichten.
Zum Parteitage
sind bereits 120 Anträge gestellt und im Vorwärts veröffentlicht worden. Die wichtigsten davon seien hier kurz inhaltlich wiedergegeben.
Zum Bericht des Parteivorstandes wird von einer ganzen Anzahl Orte Vermehrung der Mitglieder des Parteivorstands beantragt.
Die Frankfurter Genossen beantragen z. B.:
Zusammenarbeiten zwischen Partei und Gewerkschaften. Der Parteivorstand ist um mehrere Mitglieder zu verstärken. Dabei ist der Frage näher zu treten, ob durch eine Personalunion oder auf anderem Wege eine ständige enge, an Zahl gleichmäßige Ver⸗ bindung des Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften herbeizuführen ist.
Die Breslauer verlangen eine umfassende Agi⸗ tation gegen den Militarismus.
Zu„Presse“ beantragen Hanau, Kassel und andere Orte: Den Parteivorstand zu beauftragen, ein Flugblatt heraus⸗ zugeben, in welchem die Tätigkeit des Reichstages wäh⸗ rend der letzten Sesston kritisch beleuchtet wird.
Die Vorstände der Wahlvereine werden gebeten, die etwa noch eingegangenen Gelder für den Preßfonds umgehend an H. Fourier, Ludwiostr. 12 ab⸗ zuliefern.
Zum Parteisekretär für Hessen hat das Landeskomitee an Stelle des Anfang Oktober aus sein em Amte scheidenden Genossen Dr. David den Landtags⸗ abgeordneten Orb gewählt.
Ein Arbeitersekretariat wird zum 1. November in Offenbach errichtet. Die Stelle des Sekretärs ist bereits ausgeschrieben.
Versammlungskalender.
Samstag, den 15. September.
Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Sonntag, den 16. September.
Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung im„Stadtpark“. Tages⸗Ordnung: Die hessische Landeskonferenz.
Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags ½3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagen bach. Tagesordnung: Agitation für die Presse. Ver⸗ schiedenes. Zahlreich erscheinen!
Gleiberg⸗Krofdorf. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Feuße r⸗Gleiberg.
Launsbach. Oeffentliche Tabakarbeiter⸗ versammlung. Nachmittags 3 Uhr im Saale bei Wirt Ko mp.
Montag, den 17. September.
Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Kartell⸗ bericht. 2. Vortrag: Gewerkschaft und Partei. 3. Neuwahl der Ortsverwaltung. 4. Stiftungsfest.
Dienstag, den 18. September.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ½9 Uhr
Sitzung bei Orbig.
Duittung. Zur Unterstützung der Tabakarbeiter gingen ein von den Brauern: Liste Nr. 40, Mk. 9,30, L. 33, Mk. 14,10, L. 31, Mk. 20,15. Von den Maurern: Liste Nr. 8, Mk. 3,.—.— R. Heuchelheim.
Olste Nr. 34, Mk.— 30.
sammlung des Gastwirtevereins, die nächsten Dienstag
Tätigkeit der Sozialdemofratie im Reichstage.
Aus dem sehr umfangreichen Bericht,.
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den unsere Reichstagsfraktion über ihre Tätigkeit in der letzten Session an den Mannheimer Parteitag erstattet, können wir des geringen Raumes wegen nur einige Auszüge wieder⸗ geben.— Nicht weniger als 35 Gesetzesvorlagen wurden dem Reichstage an den ersten beiden Sitzungstagen präsentiert, beginnt der Bericht, darunter die sehr umfang⸗ reichen,„Finanzreform“ titulierten Steuervorlagen und die Militär⸗Pensionsgesetze, von denen die verbündeten Regierungen wissen mußten, daß ihre Be⸗ ratung viel Zeit in Anspruch nehmen werde. Um so un verantwortlicher war daher die zu späte Einberufung des Neichsparlaments, die bei der Etatsberatung auch eine scharfe Kritik erfahren hat. In der Usus gewordenen späten Einberufung scheint System zu liegen, getragen von der Absicht, sowohl die Etatskritik wie auch die gesetzgeberische Initiative des Reichstags möglichst ein⸗ zuschränken, was, soweit die letztere in Betracht kommt, in der verflossenen Session in hohem Maße gelungen ist, denn sie war beinahe gleich Null, obwohl der Senioren⸗ konvent unter Zustimmung des Präsidenten zu Beginn der Session beschlossen hatte, die sogenannten Schwerins⸗ tage regelmäßig innezuhalten. Durch die drängenden Etats⸗ und Steuerberatungen wurde der Beschluß jedoch in der Praxis umgestoßen, ungeachtet des Umstandes, daß der Etat nicht rechtzeitig, d. h. bis zum 1. April, fertig gestellt werden konnte.
Reichshaushalts⸗Etat für 19 0 6. Der Reichshaushaltsetat ist in Einnahme und Ausgabe auf 2406 274999 Mk., festgesetzt, und zwar im ordent⸗ lichen Etat auf 1898 421 152 Mk. an fortd auern den, 248 221 248 Mk. an einmaligen Ausgaben und 2 146 642 400 Mk. an Einnahmen. Im außer⸗ ordentlichen Etat beziffert sich Einnahme und Aus⸗ gabe auf 259 632 599 Mk. Der Etat fordert zur Be⸗ streitung einmaliger Ausgaben die Su mme von 254,7 Millionen, die auf dem Wege des Kredits flüssig zu machen find; ferner zur Verstärkung der Betriebsmittel des Reiches die Ausgaben von Schatzanweisungen im Betrage bis zu 275 Millionen Mark.
Mit der Generaldebatte über den Etat wurde auch die erste Lesung der neuen, in schale Friedens versiche⸗ rungen einzewickelten Flotten forderungen(sechs große Kreuzer mit einem Kostenaufwand von 165 Mil⸗ lionen Mark), sowie der neuen Steuer vor lagen verbunden; die Debatte also außerordentlich mit Material belastet. Die einleitende Rede des Reichskanzlers brachte das Geständnis, daß die Finanzverhältnisse des Reiches traurige,„daß es so nicht weiter geht“. Sechs Jahre vorher hatte aber der damalige Reichsschatzsekretär v. Thielmann unter dem Beifall der bürgerlichen Par⸗ teien den gewissenlosen Satz aussprechen können:..„wir schwimmen im Golde.“ Es galt damals, die Milliarden⸗Flottenvorlage durchzudrücken. Daß der Reichs⸗ kanzler weder die wahren Ursachen der Finanzmisere er⸗ wähnte noch eingestand, nämlich die ungeheueren Rüst⸗ ungen zu Wasser und zu Lande und die Verschleuberung der Gelder für eine wahnsinnige Kolonialpolitik, war von ihm nicht zu erwarten, und sein kategorischer Aus⸗ spruch,„daß es so nicht weitergeht“, war selbstverständlich auch nicht gegen diese Politik gerichtet, vielmehr gegen die bisherigen Einnahmequellen, die erheblich vermehrt und ertragreicher gestaltet werden müssen.„Die zweck⸗ mäßigsten Objekte der Besteuerung seien die Genußmittel der Allgemeinheit“ und diese Erwägung mußte die Regierungen auf die in⸗ direkten Steuern führen, erklärte Fürst Bülow am 6. Dezember vorigen Jahres im Reichstage.
Der Reichsschatzsekretär sang das von seinem Chef angestimmte Finanz⸗Trauerlied weiter; das Reich habe im Jahre 1905 rund 900 Millionen Mark Schatzan⸗ weisungen bei der Reichsbank diskontieren müssen, um nicht in Zahlungsschwierigkeiten zu kommen. Mehr Steuereinnahmen, mindestens 200 Millionen Mark, da⸗ rauf waren die belden Reden gestimmt. Und Preußens Finanzminister v. Rheinbaben versuchte zu„beweisen“, daß speziell auch die Arbeiterklasse die Neu⸗ belastung sehr wohl ertragen kann. Zu dieser famosen Behauptung hatte dem Minister irgend ein Geheimerat tolles Zeug von Angaben über das Ein⸗ kommen der Arbeiter und über deren angebliche enormen finanziellen Opfer für Partei- und Gewerkschaftszwecke unterbreitet. Aber auch der steuersüchtige preußische Finanzminister hat ein mitleidiges Herz im Leibe, wes⸗ halb er mit großer Wärme gegen die Heranziehung der Deszendenten und Ehegatten bei der vorgeschlagenen Erbschaftssteuer sprach. Dies zum Schutze der besitzenden Klassen, während er gleichzeitig au den Patriotismus des Volkes zur Behebung der Finanznot appellierte—, und zur selben Stunde, wo er im trauten Vereln mit den deutschen Regierungen Schikanierungssteuern für Handel und Gewerbe vorschlug. wie z. B. die Quittungs⸗ und Zigarettensteuern, uns
— eine Erhöhung der Tabak- und Brausteuer, die vor⸗
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