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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung⸗

Nr. 37.

beurlaubte Soldaten des Libauer Regiments, das schon in Rußland an Strafexpeditionen beteiligt war, mit der Zerstörung und Berau⸗ bung jüdischer Läden. Als die Laden⸗ besitzer sich mit Revolverschüssen zu verteidigen suchten, veranstalteten die Soldaten ein allge⸗ meines Judenmassaker. Auf alle Straßenpassanten und auf Hauseinwohner, die am Fenster erschienen, wurde sofort geschossen. In sechs verschiedenen Stadtvierteln brachen Feuersbrünste aus. Niemand wurde in die Stadt hinein⸗ oder herausgelassen.

Am Dienstag wurde aus Warschau weiter berichtet, daß die Judenhetze in Siedlee offen⸗ bar vorbereitet war. Große Banden Fremder, angeblich Beurlaubter, nahmen neben den Soldaten tätigsten Anteil daran. Die Opfer werden nach Hunderten gezählt.— Am Montag früh wurde mit Kanonen geschossen. Durch zwölf Schüsse wurden vier Privathäuser gänzlich zerstört. Etwa 150 jüdische und einige polnische Läden sind zerstört und beraubt worden. Die Soldaten verkaufen die geraubten Gegenstände halb um⸗ sonst. Die Zahl der erschossenen und ermor⸗ deten Juden wird auf hundert geschätzt, die der Verletzten ist viel größer. Aus allen christlichen Wohnungen wurden Heiligenbilder herausgehängt. Das Verlassen der Stadt wird durch den Truppenkommandanten nur wenigen Christen gestattet, den Juden wird es untersagt. Etwa 1000 Personen wurden verhaftet und viele von ihnen durch die Soldaten schrecklich geschlagen.

So verfahren die zarischen Bestien mit Wehrlosen und vielleicht auch gänzlich Unbe⸗ teiligten. Es ist sehr erklärlich, wenn diese dann zur Bombe greifen.

Bomben. In dem Fabrikort Zyrardow wurden am Montag von Unbekannten gleichzeitig zwei Bomben geschleudert, die wit weithin hörbarem, furchtbarem Getöse explodierten. Durch die eine, welche man auf dem Markt gegen acht Polizisten geworfen hatte, wurden zwei Schutzleute tötlich, die sechs andern leichter verletzt. Sofort waren Infanterie und Kosaken zur Stelle, die zahlreiche Salven nach verschiedenen Seiten abfeuerten und vierzig unbeteiligte Einwohner töteten. Viele der Verletzten wurden noch nachträglich durch das Militär erschossen.— In Grodno wurde der Gendarmerie⸗Oberst erschossen.— In Odessa wurde die Attentäterin Schakermann, die gegen den Poltzeiofftzier Poltawischenko, einen Teilnehmer an den Judenkrawallen, eine Bombe geworfen hatte, zum To de verurteilt. — Ein weiteres Todesurteil wurde am Sonntag gegen die Konopliannikova, die den General Minn tötete, vom Petersburger Militärgericht ausgesprochen. Das Zentral- komitee der sozialrevolutionären Partei macht durch ein Flugblatt bekannt, daß General Minn auf das Urteil der Partei hin getötet wurde. General Rtemann, der gleich⸗ falls an der Moskauer„Strafexpedition“ be⸗ teiligt war, verließ nach Blättermeldungen eilig das Land, als er von dem Attentat auf General Minn erfuhr.

Statistik der Zaren⸗Opfer. Nach einer Aufstellung wurden von Februar 1905 bis Mai 1906(ohne März 1905) in Rußland getötet: 13650, verwundet: 12 828 und hin⸗ gerichtet 1159 Menschen. Die Vertreter der Regierung hatten 720 Getötete und 810 Ver⸗ wundete zu verzeichnen.

Pon Nah und Lern.

Hessisches.

— Noch ein sozialdemokratischer Beigeordneter wurde am Donnerstag in Kelsterbach a. M. gewählt. Unser Genosse Kilbert siegte mit 217 Stimmen über den bisherigen Beigeordneten Bausch, der nur 176 Stimmen erhielt. Nun harren also drei der Bestätigung: außer Kilbert noch die Genossen Zahn⸗ Mühlheim und Eißner t⸗Offenbach,

Regierung sich verhalten wird, ob sie die Gleich⸗ berechtigung aller Staatsbürger anerkennen wird. Hehl und die Antisemiten. Der Lederkönig v. Heyl in Worms erklärt zu der neulich durch die Presse gegangenen Nach⸗ richt, daß er 10000 Mk. dem Bündlerblatte in Friedberg zur Verfügung gestellt habe, folgendes:„Die Freisinnige Zeitung schreibt, daß ich mich an dem antisemitischen Blatte in Marburg beteiligt habe. Ich erkläre diese Nachricht für eine willkürlich er⸗ erfundene Uuwahrheit.“— Wir wissen nicht, bemerkt das Offenb. Abendblatt, ob die Frei⸗ sinnige Zeitung sich den Scherz erlaubt hat, durch eine falsche Behauptung Herrn v. Heyl zum Reden zu bringen, aber wir und die ganze Oeffentlichkeit weiß, daß in bündiger Form gesagt worden ist, Freiherr v. Heyl habe einen ansehnlichen Betrag gezeichnet zur Umwandlung des Friedberger antisemitisch⸗bündlerischen Wochenblättchens in ein Tageblatt. Das De⸗ menti ist also von der Art, daß es in der Nordd. Allg. Zeitung stehen könnte: Es be⸗ stätigt die behauptete Förderung des Antise⸗ mitismus mit Geldern des Lederkönigs von Worms! Der nationalliberale Führer als 0 der Radau⸗Antisemiten, ein schönes

FFFFTTCCCVCVVCVVTTVVTVTT———— Vom 1. Oktober an erscheint täg⸗ lich in Gießen die Oberhessische Volkszeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. 2 Probenummern gelangen vom nächsten Samstag, den 22. September ab zur Aus⸗ gabe und werden überall im bisherigen Ver⸗ breitungsgebiete der Mitteldeutschen Sonn⸗ tags⸗Zeitung verbreitet. Unsere Parteifreunde wollen bei der Verbreitung nach besten Kräften behilflich sein und ebenso sich die Werbung von Abonnenten angelegen sein lassen. Besonders ist es Aufgabe der Vor⸗ stände unserer Parteivereine hierbei regelnd und fördernd einzugreifen. Bestellungen wolle man vorläufig an die Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung, später an die Expedition des neuen Blattes, Neustadt Nr. 14 gelangen lassen. Inserate nehmen die erwähnten Stellen ebenfalls entgegen.

Der Abonnementspreis beträgt monatlich 60 Pfennig frei ins Haus, wöchentlich 15 Pfg.

Parteigenossen, Arbeiter! Seid unermüdlich tätig für Euer Blatt! —

Gießener Angelegenheiten.

— Der Bierkrieg wird in Frankfurt, Hanau, Offenbach, Mainz und anderen Orten des Maingaues mit aller Schärfe weitergeführt und der Blerkonsum ist auf ein Minimum zurück⸗ gegangen. Den Brauereien wird natürlich da⸗ durch ein gewaltiger Schaden zugefügt, den sie sich aber selbst zuzuschreiben haben. In Frank⸗ furt und Hanau sind Verhandlungen im Gange, die auf eine Verständigung ta der Frage abzielen.

— Der Konsumverein für Gießen und Umgebung hat auch im verflossenen Geschäftsjahre wieder gute Resultate aufzuweisen. Seine Mitgliederzahl stieg von 365 auf 520; in einem noch stärkeren Verhältnis stieg aber der Umsatz, nämlich von 43000 auf 70000 Mk., wobei ein Reiagewinn von zirta 8900 Mk. er⸗ zielt wurde. Der am 30. September statt findenden Generalversammlung soll vorgeschlagen werden, vom Reingewinn über 3000 Mk. für Rücklagen, Reservefonds ꝛc. aufzuwenden und 5 Prozent Rückvergütung auf entnommene Waren an die Mitglieder auszuzahlen. Da

die schon vor längerer Zeit gewählt wurden. Man darf gespannt darauf sein, wie die„liberale“

außer dem oben angeführten Umsatz im eigenen

Geschäften gekauft wurden, werden insgesasmnt

etwa 6000 Mk. an die Mitglieder zur Aus⸗ zahlung gelangen.

— Der Referentenkursus, den Gen. David am Sonntag abhielt, war recht gut besucht und die Zuhörer folgten aufmerksam den interessanten Darlegungen des Vortragenden, die eine Fülle des Wissenswerten und Belehrenden boten. Natürlich muß jeder den Willen zum Lernen mitbringen, wenn er den Kursus mit Nutzen besuchen will und muß auch fernerhin eifrig und ernsthaft an seiner Weiterbildung arbeiten und bestrebt sein, seine Kenntnisse zu erweitern. Es kann ihm hierbei nur gesagt werden, was und wie er lernen soll. Diesen Sonntag findet der zweite Kursus statt, zu dem sich die Teilnehmer wiederum pünktlich 9 Uhr morgens im Orbig'schen Lokale einfinden wollen. — Eine öffentliche Tabakarbeiter⸗ versammlung findet diesen Samstag, abends 9 Uhr, im„Wiener Hof“ statt. Frau Kkesel⸗ Berlin wird sprechen über:„Neue Tahaksteuer in Aussicht“. Die Tabakarbeiter und ⸗Arbeiter⸗ innen werden zu dieser Versammlung freund⸗ lichst eingeladen und ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Im Uebrigen ist natürlich jedermann freundlichst willkommen.

— Eine Frauen versammlung findet nächsten Mittwoch, den 19. September, abends 9 Uhr, im oberen Lokale des„Wiener Hofs“ statt. Es wird ein Vortrag gehalten werden über:„Licht⸗ und Schattenseiten des Sparens“.

— 101 Jahr alt wird am 1. Oktober Herr Geometer Euler, der älteste Einwohner Gießens. Der alte Herr erfreut sich noch guter Rüstigkeit, die wir ihm auch fernerhin wünschen.

1. Der Streik auf der Gail'schen Dampf⸗ ziegelei dauert unverändert fort. Von Seiten gewisser Leute wurde diese Woche das Gerücht verbreitet, der Streik sei beendet, Herr Gail hätte alles bewilligt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Herr Gail hat zwar erklärt, daß er vor dem Gewerbegericht als Einigungsamt mit den Streikenden verhandeln wolle, jedoch haben bis jetzt noch keine Verhandlungen stattgefunden. Von der Streik⸗ leitung wurde diese Woche nochmals Anregung gegeben, bis jetzt ist aber noch keine Antwort erfolgt. Wie es scheint, will Herr Gail die Sache so lange hinausschieben, bis sich noch mehr Streilbrecher gefunden haben, weil er dann eine günstigere Position hat. Wir richten an alle denkenden Arbeiter das dringendste Ersuchen, nicht zum Streikbrecher zu werden. Vielmehr hat jeder die Pflicht, den Zuzug fern zu halten, bis der Kampf be⸗ endet ist.

Aus dem Rreise gießen.

1. Wieseck. In der Zigarrenfabrik Noll haben 1 die Wickelmacherinnen die Arbeit niedergelegt, weil die Firma den bewilligten einen Pfennig für das Pfund Einlage zu entrippen nicht auszahlte. Wegen des geringen Lohnes find keine Leute zum Entrippen mehr zu bekommen. 40

— Das Turnfest in Altenbuseck hatte einen recht zahlreichen Vesuch zu verzeichnen, namentlich waren die Turngenossen aus Gießen und Wieseck stark vertreten. Von prachtvollem Wetter begünstigt, nahm das Fest den besten Verlauf.

r. Watzenborn⸗Steinberg, Der sozialdemo⸗ kratische Wahl verein hielt am Sonntag seine gut besuchte Versammlung ab. Zunächst erstattete der Dele⸗ gierte Bericht von der Landeskonferenz. In der sich an den Bericht anschließenden Diskusston wurden von allen Genossen die Beschlüsse der Landeskonferenz, in erster Linie die Zustimmung für die Schaffung unserer neu erscheinende Tageszeitung mit Freuden begrüßt. Von allen Genossen wurde darauf hingewiesen, daß es für uns jetzt Zeit wäre die Agitation für das neu er⸗ scheinende Arbeiterblatt mit aller Energie zu betreiben. Beschlossen wurde mit dem Erscheinen der ersten Nummer eine plaumäßige Hausagitation vorzunehmen.

Aus dem Nreise Wetzlar.

h. Wohltaten. Neulich schwang sich der Gruben besitzer und Stadtvater Raab zu einer hochherzigen Handlung auf. Er überließ der Kantine seiner Gruben⸗ arbeiter einen Transport Kartoffeln aus seinem Privat? keller. Das wäre gewiß aller Ehren wert; leider waren aber die Kartoffeln für menschlichen Genuß durchaus nicht geeignet, denn fie stammten noch vom vorigen Jahre und wiesen alle Mängel alter Kartoffeln auf. Für die Proleten wären sie jedenfalls noch längst gut gewesen, aber die Gesellschaft wird immer unzufriedener

Geschäft noch für 39 000 Mk. Waren in andern

und üppiger bei ihren vollen Kompottschüsseln.