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Deutschsoztalen Blättern u. a.:
Bomsdorf zu 15, der Handwerker Bennemann
Nr. 2.
Nitieldeutsche Sonnags Zeitung.
Seite 3.
der 43000 Mk. und freie Dienstwohnung hat; dann folgen die Gesandten in Bukarest mit 42 800, in Athen, Brüssel und Lissabon mit 42 000 und in Christianta(neu), Kopenhagen, Stockholm, sowie die Ministerresidenten in Guatemala und Mexiko mit 40 000 Mark.
Ferner werden Konsuln mit Gehältern von 20 40000 Mark aufgeführt.
Und die Leute mit diesen Riesengehältern arbeiten fast nichts dafür. Die Botschafter⸗ und Gisandten⸗Aemter sind vollkommen über⸗ flüssig. Wenn diese Herrschaften aber arbeiten — das bedeutet bei einem Diplomaten zumeist intrigteren und spionieren— so schaden sie damit meistens mehr, als wenn sie während der Zeit geschlafen hätten.
Protest gegen den Wahlrecht raub.
In Hamburg hatten am Freitag abend Zehntausende Arbeiter dem Rufe der soztal⸗ demokratischen Parteileitung, Protest gegen das Attentat auf die winzigen Hamburger Volks⸗ rechte einzulegen, Folge geleistet. Große Volks⸗ massen eilten den Versammlungslokalen zu, um, wenn irgend möglich, noch einen Platz zu er⸗ obern. In der inneren Stadt vermochten die Lokale die Massen meist nicht zu fassen, so⸗ daß viele Personen keinen Einlaß fanden. In allen 17 Versammluugen, die sämtlich un⸗ gestört verliefen, geißelten die Redner das volksfeindliche Treiben der Wahlrechtsver⸗ schlechterer und forderten die Arbetter auf, der Plutokratenherrschaft ein„Bis hierher und nicht weiter“ zuzurufen. Wie in den Versamm⸗ lungen mitgeteilt wurde, bilden diese nur eine Einleitung zu weiteren Veranstaltungen, die bis zur parlamentarischen Beratung des Wahl⸗ entrechtungsentwurfs stattfinden sollen.
Antisemiten gegen das Wahlrecht.
Der Antisemitenhäuptling Liebermann von Sonnenberg schreibt in seinem Organ, den
„Das allgemeine gleiche Wahl⸗ recht schließt mindestens ebenso große Un⸗ gerechttgkeiten ein, als das jetzige Klüssenwahlsystem. Es würden da⸗ bei ebenfalls starke Minoritäten und ganze Klassen der Bevölkerung ohne gerechte Ver⸗ tretung ihrer Interessen bleiben, weil sie überstimmt würden durch eine mit Phrasen und Schlagworten verblendete Masse. Von allem aber würden damit diel öffentlichen Angelegenheiten den Leidenschaften und niederen Instinkten der Menge ausgeliefert.“ a 1
Aehnlich haben sich ja schon öfter Leute von der Fraktion Liebermann ausgesprochen. Dem Volke reden sie bei Wahlen allerdings vor, daß sie für das allgemeine Wahlrecht seien. Diese Sorte volksfeindlicher Politiker werden aber immer mehr erkannt und nur in ganz rückständigen Gegenden finden ste noch vereinzelt Vertrauensselige.
Neue Schreckensurteile
hat das Dresdener Gericht gegen 4 Wahl⸗ rechtsdemonstrant en gefällt. Ein Arbeiter wurde zu zwei Jahren, der Kaufmann
und Klempner Fischer zu je drei Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt.— Wie es heißt, will die Regierung diesem Landtage noch ein neues Wahlrecht vorlegen, wie es aber aussehen wird, mögen die Götter wissen. Unterdessen hat man auch noch das Versammlungsrecht aufge⸗ hoben und öffentliche Volksversammlungen ver⸗ boten, sogar solche die von bürgerlicher Seite einberufen wurden! Man steht, es ist mehr Augst als Verstand bei den sächstschen Re⸗ gierungsleuten.
selbst, daß er nach einer derarligen Verur⸗ teilung nicht mehr Abgeordneter bleiben konnte. Dem Braven widmet Gottlieb im„Tag“ fol- gende Verse:
Im Rheinland lebt' und zahlt' viel Buß
Der Pantscher Herr Sartorius.
Ihm schien zu stark der Wein vom Rhein, Drum goß er Mußbachwasser rein.
Das Mußbachwasser ist nicht rein,
Piesperter ist ein Moselwein.]
Weil er als Rheinwein ihn, s ist arg, Verkauft, zahlt er dreitausend Mark.
Verzeih in Gnaden ihm, o Herr,
Beis Fortschritt ist er M. d. R.
Der goß schon längst, es mußte sein,
Des Wassers viel in seinen Wein.
Dem Verdienste einen Orden!
Aus Berga a. d. Elster, das zu dem Großstaate Sachsen⸗Weimar gehört, wird fol⸗ gende„wichtige“ Nachricht der Welt kund und zu wissen getan:
„Herr Bürgermeister Fritzsche hier hat vom Großherzog von Sachsen das goldene Verdienstkreuz des Ordens der Wach⸗ samkeit oder vom weißen Falken erhalten.“
Herr Fritzsche ist derselbe Bürgermeister, der sich seit einigen Jahren im Verbot von Versammlungen einen„Namen gemacht“ hat. Die Belohnung für das Bestreben, den Staat zu retten, ihn vor allen umstürzlerischen Gelüsten zu bewahren, ist nicht ausgeblieben. Weil Herr Fritzsche Tag und Nacht den Staat vor Schaden zu bewahren suchte, deshalb dem treuen Phylax den Orden der„Wachsamkeit“.
Die Senatswahlen in Frankreich
haben für die radikalen Republikaner einen mäßigen Gewinn gebracht. Zum ersten Male sind auch zwei Sozialisten in die Körper⸗ schaft gewählt worden und zwar in Mar⸗ seille der frühere dortige Bürgermeister Flaissières und Delhon in Hérault. Bei der Wahl des Kammerpräsidenten am Dienstag wurde Doumer wiedergawählt, doch blieb sein Gegner Sarrien, der Kan⸗ didat der Linken nur um wenige Stimmen hinter ihm zurück. Nach dem Ausfall der Senatswahl hält man für sicher, daß bei der nächste Woche stattfindenden Wahl des Präst⸗ denten der Repußlik der Kandidat der Radi⸗ kalen Falliè res gewählt werden wird.
Kleine politische Nachrichten.
Die endlose Wahl. Die Landtagswahl in Neustadt a. H. verlief auch in dem am Montag stattgefundenen 21. und 22. Wahlgange resultatlos. Die Wahl dürfte ein gerichtliches Nachspiel haben, da von liberaler Seite Wahlmänner durch Geldangebote zu beeinflussen versucht wurden. Wieder ein„Aufruhr.“ In Eisen a ch wurde der Arbeiter Grimmler, der sich bei der dortigen Reichstlagsersatzwahl an einer Demonstration beteiligte und das unsinnige Vorgehen der Polizei kritisiert hatte wegen„Aufruhr“ zu 4½ Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Wahlsieg erfochten unsere Genossen in Nakskows(Dänemark). wo bei der Kommunalwahl sämtliche 8 Sozialdemokraten gegen die Kandidaten der vereinigten Bürszerlichen siegten. r...... ˙— ̃ ̃˙˖˙˖—
on Nah und Fern. Hessisches.
— Wie's bei den Landtagswahlen zuging, geht aus der Begründung des Wahlprotestes hervor, den unsere Genossen gegen die Wahl des Zentrumsmannes Dr. Schmitt⸗Mainz im Wahlkreise Kastel⸗Koßheim eingelegt haben. Die Wählerliste in Kostheim war unter aller Kritik mangelhaft aufgestellt. So fehlte darin z. B. der ganze Buchstabe J. Derselbe wurde
Der Freisiuns mann Sartorius,
Reichstagsabgeordneter für Kaiserslautern, der jüngst als Weinpantscher verurteilt wurde, hat darauf verzichtet, Revision gegen das Urteil ein⸗ zulegen und wird zurücktreten. Es wurde be⸗ richtet, daß er wegen Niederlegung des Mandats erst bei der Parteileitung angefra t hätte. Das war doch überflüssig, es versteht sich doch von
erst innerhalb der dreitägigen Reklamations⸗ frist eingefügt und mußten daher verschiedene Wähler ihr Wahlrecht verlieren. Doppelt in der Liste stehen nach oberflächlicher Durchsicht ca. 20 Mähler, dieselben stehen meistenteils in der Hauptliste und sind dann im Nachtrag noch⸗
mals verzeichnet, teilweise stehen ste aber auch boger doppelt im Nachtrag. Eine große An⸗
zahl von Nichthessen steht in der Wahlerliste
und ein erheblicher Teil davon hat auch gewählt. Nicht mehr in Kostheim wohnhaft slad 905 schledene in der Wählerliste als wahlberechtigt angegebene Wähler. Gestorben sind eben⸗ falls verschiedene in der Wählerliste angeführte Wähler. Vom Zentrum beanstandet wurde eine große Anzahl der in der Wählerliste stehenden sozialdemokratischen Wähler, die, da die Rekla⸗ ma ionsfrist zu kurz ist, ihre Beweise, daß sie hesstsche Staatsbürger sind, nicht mehr bei⸗ bringen konnten. Anstandslos in die Liste aufgenommen wurde eine Anzahl von 98 Wählern, die der Herr Kaplan auf einer Liste einreichte, obschon eine ganz erkleckliche Zahl davon gar nicht wahlberechtigt war. Die ganze Kontrolle dieser Namen bestand darin, daß der Standesbeamte Wilhelm den Herrn Kaplan fragte, ob die Betreffenden auch Hessen seien und Steuer zahlten. Die von sozialistischer Seite Reklamierten wurden dagegen einer hoch⸗ notpeinlichen Untersuchung unterworfen, ver⸗ schtedene davon ausgeschieden, andere anerkannt und nachgetragen, wieder andere dagegen zwar als richtig anerkannt, aber niemals in die Liste geschrieben und bei der Wahl abgewiesen. Un⸗ beaufsichtigt war die Urne in der Zeit, als ein von unserem Vertrauensmann, als Preuße be⸗ anstandeter Wähler eintrat. Er warf seinen Zettel selbst in die Wahlurne, desgleichen ein nachfolgender Wähler. Das festgestellte Wahl⸗ resultat muß als ein sehr zweifelhaftes an⸗ gesehen werden, heißt es in dem Wahlprotest, denn die nach Schluß der Wahlhandlung vor⸗ genommene Zä lung der Stimmzettel ergab 747, während der veretoigte Schriftführer, Standesbeamter Wilhelm, nur 719 Wähler in seiner Liste hatte. Es änderte sich dieses Resultat auch nach wiederholter Kontrolle nicht, sodaß also tatsächlich 28 Stimmen mehr in der Wahlurne waren, als Wähler in der Liste standen.
Angesichts dieser Ungeheuerlichkeiten muß die Wahl für ungültig erklärt werden. Wenn solche Dinge in großen, eigeutlich städtischen Orten vorkommen, dann kann man sich un⸗ gefähr denken, was auf dem vande bei Wahlen geleistet wird. Es kommt davon nur das wenigste an den Tag.
— Von einem„Bubenstück“, das man den Sozialdemokraten aufs Konto schreibt, wußte das Offenbacher Amtsblatt zu erzählen und das Gießener druckt die Mär schleunigst nach. Das„Attentat“ richtete sich gegen den armen vielverfolgten Reichstagsabgeordneten Dr. Becker⸗Sprendlingen, Hauptsozialisten⸗ töter für Hessen und benachbarte Ortschaften. Becker hielt am Donnerstag, Abend eine Ver⸗ sammlung in Isenburg ab, in der er sich Zu⸗ stimmung zu seiner Steuerpolitik ausdrücken ließ. Nebenbei bemerkt, sagte Becker nach dem Bericht nichts von der Biersteuer, wie er auch für die Zigaretten- und Fahrkarten stener eintritt. Schließlich wird folgende Schandtat mitgeteilt:
„Ein unerwartetes Nachspiel zu dieser Versammlung bildete ein Bubenstück von der bekannten Sorte des„geistigen Kampfes“, wie er gegen Dr. Becker von gewisser Seite ja seit Jahr und Tag geführt wird. Als der Kutscher des Fuhrwerks, das Dr. Becker nach Sprendlingen zurückbringen sollte, in das Wirtshaus, in dem er eingestellt hatte, kurz bevor er wegfahren wollte, zurücktrat, um eine vergessene Decke zu holen, benützten einige Strolche seine kurze Abwesenheit, um das Fuhrwerk zu entführen. Pferd und Wagen wurde heute morgen bei Niederrad im Straßengraben gefunden. Leider ist es auch diesmal nicht geglückt, die würdigen„Politiker“ bei ihren Heldentat zu ertappen.“
Solche Mordgeschichten wurden von den Becker⸗Leuten schon soviel in die Welt gesetzt, die sich später als Phantasiegebilde oder minde⸗ stens Uebertreibungen erwiesen, daß ihnen jeder Zeitungsleser, auch wenn er nicht Sozial⸗ demokrat ist, das stärkste Mißtrauen entgegen⸗ setzen muß. Der Sprendlinger Doktor und Soztalistenfresser muß tatsächlich am Ver⸗ folgungswahn leiden. Warum auch niemals die Attentäter erwischt werden? Im vor⸗ liegenden Falle liegt wohl eine Fahrlässigkeit des Kutschers vor, der die Pferde unbeaufsichtigt
stehen ließ, sodaß ste durchg ingen.


