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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 2.

drohten und zum Teil vernichteten politischen Freiheit erhoben hat, wendet sich an die Ar⸗ beiter und alle freien Bürger Europas und der neuen Welten. Das System des Selbstherrscher⸗ tums haben wir wohl gestürzt, allein die Re⸗ gierungsgewalt ist noch in den Händen der alten Machthaber, die, um der politischen und finanziellen Abrechnung zu entgehen, die ste dem Volke schulden, eine soziale Anarchie erzeugen. Wir kämpfen für eine konstituierende Versamm⸗

lung auf Grundlage des lallgemeinen, gleichen,

direkten und geheimen Wahlrechts, die allein imstande ist, das Reich in die Bahnen einer geregelten politischen Entwicklung zu leiten. Wir geben dies durch die Vermittlung der uns befreundeten deutschen Sozialdemokratie der zivilisterten Welt bekannt und erwarten Unterstützung in unserem Kampfe, der nicht nur ein Kampf um die Freiheit des russtschen Volkes, sondern ein Kampf um die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt ist.

Ueber den Aufstand in Moskau

brachte unser Leipziger Parteiorgan einen Be⸗ richt von einem Augenzeugen, dem wir folgendes entnehmen:

In Moskau ist das Unmögliche geschehen, und was die Klügsten fast nie im Traum er⸗ wartet hatten, haben begeisterte Revolutionäre vollbracht. Niemand hätte glauben können, daß ein zufällig zusammengebrachter und verhältnis⸗ mäßig schlecht bewaffneter Haufen von Arbeiter, Studenten, Studentinnen und andere Intel⸗ ligenten während einerganzen Woche einen großen Teil Stadt Moskau in ihren Händen halten konnten. Der Beweis, daß das am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts doch passteren kann, ist das wichtigste Resultat dieser Aufstandstage. Diesen Beweis zu liefern, war gewiß nicht der Zweck der Revolutionäre. Ste hatten ein ganz konkretes Ziel vor Augen, näm⸗ lich die Eroberung Moskaus und die Einrich⸗ tung einer demokratischen Republik.

Aus einem Generalstreik ist dieser kühne Versuch entstanden. Passtver Widerstand ist plötzlich zu aktivem Widerstand geworden, eigentlich weil der Streik diesmal mehrfach er⸗ folgreich war. Petersburg, das den Aufruf verbreitet hat, konnte den Streik bei sich selbst zu Hause nicht gründlich durchführen; dagegen hatte die Regierung zu rechter Zeit Maßnahmen getroffen, in dem ste die Führer verhaftete. Moskau hat viel mehr Energie bewiesen, aber ohne den Beistand des übrigen Rußlands hätte es nicht viel ausrichten können. Wahrscheinlich um die Bewegung nicht ohne Spitze zu lasseu, teilweise auch in der Hoffnung, die er⸗ regte Stimmung der Truppen so bald wie möglich auszunutzen, haben die Moskauer Re⸗ volutionäre beschlossen, ihren langgehegten Plan eines bewaffneten Aufstandes gleich zu ver⸗ wirklichen.

Der Plan der Revolutionäre war, das Haus des Generalgouverneurs und das Rathaus zu erobern, mit dem Zweck, in diesen Gebäuden eine provisorische Regierung aufzustellen. Doch ist es ihnen nicht gelungen, da der Generalgou⸗ verneur genug Truppen zu seiner Verfügung hatte, um das Zentrum der Stadt zu vertei⸗ digen. Die ganze Garnison bestand aus 5000 Mann, von diesen waren eine nicht geringe Anzahl der Infanterie revolutionär gesinnt und mußte in den Kasernen behalten werden. Es blieb fast nur Kavallerie und Artillerie übrig.

Die Barrikaden! Das Work klingt romantisch und schmeckt nach Kinderspiel und naiver Nach⸗ ahmung eines vergangenen Alters. Aber in Moskau haben ste einen ganz bedeutenden Dienst geleistet, ste haben die Truppen auf lan ge Zeit aus bestimmten Stadtteilen ausgeschlossen. Mit Infanterie wäre es leicht gewesen ste zu nehmen. Die Kavallerie war gegen ste gradezu hilflos, und dazu sind viele Moskauer Straßen wunder⸗ bar krumm, so daß die Artillerte nicht viel

ausrichten konnte. Was für Errichtungen die

Barrikaden waren, ist nicht ganz leicht zu be⸗ schreiben. Ich ging eines Abends eine lange Straße im Nordwesten entlang; während des Tages hatte die Feuerwehr einen Teil der ersten Barrikade verbrannt, aber eine Menge junge Leute, unter ihnen zwei Soldaten Reser⸗ visten, arbeiteten fröhlich an der Neuerrichtung. Weiter nach Westen war die ganze Straße ver⸗ barrikadiert, oft in sehr gründlicher Weise. Als Material hatte man an erster Stelle Tele⸗ graphenstangen und Draht benutzt, dann Haus⸗ tore, Türen, Gitter, Schilde, Brennholz, Kinder⸗ wagen und was noch auf irgend einem Hofe zu finden war. An einigen Stellen, anstatt eine Barrikade zu errichten, hatte man sich mit einer Drahtsperre begnügt. Während die Jünglinge Barrikaden bauten, beschäftigten sich die Buben damit die Straßenlaternen zu zerschlagen, um auch die Dunkelheit als Verteidigungsmittel brauchen zu können. Dunkel war es in der Straße und die Barrikaden sahen kriegerisch aus. Alle Vorbeigehenden waren heiter und froh, und selbst wenn auf einem Hofe in der Nähe plötzlich Schüsse knallten, behielt man 900 elt Hunderte von Straßen waren auf tese Weise verbarrikadiert, nicht hauptsächlich von den Mitgliedern der revolutionären Kriegs⸗ truppe, sondern von der Bevölkerung selbst.

Und das Revolutionsheer, diese berühmte Drushina, was war es, wie sah seine Organi⸗ sation aus? Die Drushina bestand aus drei verschiedenen Abteilungen, je eine von Sozial⸗ demokraten, Sozialrevolutionären und dem Rat der Arbetterdelegierten. Die Anzahl der Mit⸗ glieder ist unbekannt. Die Sache schwoll täg⸗ lich und aus vielen verschiedenen Gesellschafts⸗ klassen traten Helfer bei. Die große Masse der Revolutionäre bestand natürlich aus Arbeitern, es waren auch Studenten, Ingenieure und Aerzte: mindestens zwei Offiziere waren dabei und eine ausehnliche Anzahl von Studentinnen haben mitgekämpft. An Waffen hatten ste viele Revolver und Gewehre; an Patronen war auch kein Mangel. Vielfach sind Offtziere und Sol⸗ daten entwaffnet worden, ein großer Gewehr⸗ laden ihm Zentrum der Stadt ist geplündert worden, und in den letzten Tagen ist es kühnen Insurgenten gelungen, von einem Wagen mit Ge⸗ wehren aus dem fernen Osten Besitz zu er⸗ greifen. Auch ist ein Feldgeschütz erobert worden.

Die Revolutionäre verteidigten die Barri⸗ kaden so lange als möglich, und wenn es nicht mehr möglich war, schossen sie aus Hoftoren und aus Fenstern. Der Zweck dieser Taktik der letzten Tage war, die Truppen zu demo⸗ ralisteren und einfach untauglich zu machen. Was ihnen aber am meisten geholfen hat, ist die ungeheuere Taktlostgeeit der Vertreter der Regierung.

Gewiß war Admiral Dubasows(Koman⸗ dant von Moskau) Aufgabe außerordentlich schwer. Er wußte nicht, ob er sich auf seine Truppen verlassen konnte: die Infanterie taugte überhaupt nur für Schildwachedienst. So hat er mit Hilfe der Artillerie versucht, Barrikaden zu stürzen; dabet sind aber viele Unschuldige verunglückt. Die leiseste Ahnung, daß ein Schuß gefeuert worden, war genug, um Offiziere zu veranlassen, das betreffende Haus zu bom⸗ bardieren. Was diese Bombardements für Zweck und Ziel haben könnten, weiß kein Mos⸗ kauer, und die Verluste an Leben und Besttz haben eine mächtige Entrüstung gegen die Re⸗ gierung hervorgerufen.

Es ist unmöglich, zu erfahren, wie viele als Resultat dieses absolut sinnlosen Vorgehens um ihr Leben gekommen sind. Ueberhaupt haben die Maßnahmen der Regierung bei diesem Anlaß nur die Wirkung ge⸗ habt, die Massen mehr und mehr revolutionär zu stimmen. Der Mittel⸗ stand ist böse auf die Aufrührer und fordert die streugsten Unterdrückungsmaßnahmen. Aber das Volk ist gegen die Regierung äußerst ver⸗ bittert und hegt in sich die Kräfte für einen neuen Aufstand. In den letzten Tagen habe ich vielfach aus dem Munde der in der Stadt lebenden Bauern Ausdrücke einer re⸗

voluttonären Stimmung gehört. Wir haben lange genug Geduld gehabt, jetzt ist es Zeit, unsre Rechte zu erobern; die Be⸗ amten haben uns bestohlen und unterdrückt, ste verdienen alle gehängt zu werden. Wir sind auch Menschen, keine Tiere, und wir wollen unsre Rechte haben. Dreimal ist es nickt ge⸗ lungen, aber später fängt es wieder an, und dann werden wir mit all diesen Schuften, mit diesem Trepow und Durnowo und Dubasow ein Ende machen. Das ist die Stimmung des Volkes in Mos⸗ kau; es ist die Stimmung nicht nur in Mos⸗ kau, sondern auch auf dem Lande; die Gärung verbreitet sich täglich, und in diesen Tagen, wo das Volk lernt, nicht nur sich zu beklagen, sondern auch zu handeln, beginnt eine große soziale Revolution.

politische Rundschau.

Gießen, den 11. Januar 1906.

Der Reichstag trat am Dienstag wieder zusammen und

nahm die Steu er vorlagen bor, die Reichs⸗

schatzsekretär Stengel angelegentlichst zur Annahme empfohlen. Der Zentrumsmann erging sich in allgemeinen Ausführungen, die

nicht erkennen ließen, ob seine Partei die vor⸗

geschlagenen Steuern auf den Massenkonsum ablehnen wird. Nur für die Erbschaftssteuer fand er entschiedene Worte. Unser Genosse Singer übte dagegen an den Steuerprojekten scharfe Kritik und auch an den Ausführungen des Zentrums-Wortführers. Er lehnte die die minderbemittelten Klassen belastenden indirekten Steuern grundsätzlich ab, forderte dagegen, die Besitzenden durch vernünftige Ausgestaltung der Erbschaftssteuer schärfer heranzuziehen. Mit der Opferwilligkeit der besitzenden Klassen in Deutschland sehe es äußerst windig aus. Wir verlangen eine Erbschaftssteuer, führte er aus, die die kleinen Erbschaften unter 1000 Mk. frelläßt, dann mit 1 Prozent einsetzt und in langsamer Progresston bis zu 20 Prozent erhebt, übrigens selbstredend neben der Höhe der Erb schaft auch die größere oder geringere Nähe der Verwandschaft berückstchtigt. Auf das aller⸗ entschiedenste müssen wir uns gegen die Bestim⸗ mung der Vorlage wenden, daß die regierenden Fürsten von der Reichserbschaftssteuer befreit werden sollen. Diese Bestimmung ist durch nichts gerechtfertigt und muß schleunigst beseitigt werden. Genießt doch kein anderer Staats⸗ beamter ein solches Privilegium, daß die Vor⸗ lage kirchlichen und wohltätigen Stiftungen zu⸗ wenden will. Solche Stiftungen sind als Privat⸗ veranstaltungen zu betrachten und zu behandeln. Gelingt es uns, unsere Vorschläge zum Gesetz zu erheben, so werden endlich auch die Besitz⸗ enden ihren gebührenden Beitrag zu den Reichs⸗ lasten leisten und wird endlich die fortgesetzte Auspowerung der breiten Massen durch immer neue indirekten Steuern aufhören!

Rachdem der Nationalliberale Brüsüng noch in einer längeren Rede zu verstehen gegeben hatte, daß der Kuhhandel bereits im Gange ist, wurde die Debatte auf Mittwoch vertagt. An diesem Tage bekämpfte unser Genosse Südeku m ganz besonders die Brausteuer.

Sut bezahlte Nichtarbeiter.

Beamte werden in der Regel desto glänzen⸗ der bezahlt, je weniger ste Arbeit zu leist en haben. Die alte Tatsache wird durch eine Zusammenstellung bestätigt, die dieser Ta ge durch die Presse lief. Danach beträgt das Gehalt der Botschafter in London und Petersburg 150000 Mk. und das der Botschafter in Paris, Wien und Konstantinopel 120 600 Mk. Die Botschafter in Rom, Madrid und Washington erhalten je 100 000 Mark. Sämtliche Botschafter haben außerdem freie Dienstwohnung. Von den Gesandten sind am öchsten besoldet, die in Peking, Teheran und okio, die je 60 000 Mk. und Dienstwohnung aben. Von den in Europa befindlichen Ge⸗ andten hat das höchste Gehalt der im Haag,