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Nr. 19.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
Bundesstaaten nur noch ein Hohe auf die Rechtsprechung. Eine Reihe Urteile, die in den letzten Jahren gefällt wurden und deutlich beweisen, daß es etwas anderes ist, ob ein Besitzender oder ein armer Teufel vor Gericht steht, müßten allein schon den letzten Arbeiter die Schlaf⸗ haube vom Kopfe ziehen.— Die erfreuliche Entwickelung der Organisationen dürfe uns nicht genügen;„immer vorwärts“ müsse die Loosung sein. Zu einem Sozial⸗ demokraten gehört auch, daß er sein Haus rein hält von der Reptil⸗ und„Ordnungs“presse. Beim Quartals⸗ oder Monatswechsel möchten unsere Genossen sich nur des pöbelhaften Anwurfs erinnern, den der„Gieß. Anz.“ gegen unsern Genossen Berthold richtete. So ein West⸗ kalmücke, der hier ohne jeden Grund einen ehrenwerten Handwerker beschimpfe, bloß weil dieser nicht zur Clique der sogenannten„Gebildeten“ gehöre, sei für jeden an⸗ ständigen Menschen ein verächtliches Subjekt, für den der einzige Milderungsgrund nur angeborene Dumm⸗ heit sei. Unter stürmischem Beifall schloß Krumm mit der Mahnung zur Einigkeit und unverdrossenem, unab⸗ lässigem Weiterarbeiten.— Recht schnell verflogen die paar Stunden geselliger Unterhaltung, die nunmehr folgten. Wle es sich bei unsern Festen von selbst versteht, wurde die Feier durch keinen Mißton beeinträchtigt.
f. In Lollar wurde der 1. Mai durch eine Abend⸗ versammlung begangen, die im Saale zum„Schwanen“ stattfand und sich eines recht guten Besuches zu erfreuen hatte. Nur hätten die Frauen noch zahlreicher anwesend sein sollen, denen doch Aufklärung über die wirtschaft⸗ lichen und sozialen Fragen noch sehr not tut. Genosse Schnell-Gießen, der über die Bedeutung der Mai⸗ kundgebung sprach, entledigte sich seiner Aufgabe in ein⸗ stündiger Rede zur allgemeinen Zufriedenheit. Der erst vor Kur zem gegründete Arbeiter⸗Gesangverein„Vorwärts“ trat bei dieser Gelegenheit zum ersten Male auf und konnte schon mit sehr anerkennenswerten Leistungen auf⸗ warten. Es traten noch eine Anzahl Mitglieder bei, so daß der Verein jetzt über 38 Sänger verfügt. Trotz⸗ dem gewisse Leute ihm die Existenzfähigkeit absprachen, macht der Verein gute Fortschritte.
n. Maifeier mit Hindernissen. Der Wahl⸗ verein in Harbach wollte am Sonntag seine Maifeier begehen, die in einer Festrede und darauffolgender Tanz⸗ unterhaltung bestehen sollte. Der Herr Bürgermeister verweigerte aber die Ausstekung einer Bescheinigung zur Tanzerlaubnis; er erklärte einfach:„es gibt keine“. Der gute Mann scheint entweder die gesetzlichen Be⸗ stimmungen nicht zu kennen, oder er wollte damit den bösen Sozialdemokraten eins auswischen. Die ärgern sich aber so leicht nicht! Leider war es zu spät, um eine Beschwerde über das bürgermeisterliche Vorgehen anzubringen, vielleicht wird es aber noch nachgeholt. Uebrigens ging's auch ohne Tanz. Genosse Beckmann⸗ Gießen hielt einen Vortrag über die Bedeutung der Maifeier, der mit Beifall aufgenommen wurde.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Mordkultur. Im„Schützengarten“ wurden in den letzten Tagen sogenannte„Kriegs⸗ festspiele“ aufgeführt, die ein gewisser Werning arrangiert. Wie das Kreisblatt berichtet, hätten
diese Vorstellungen„bei brechend vollen Häusern“ stattgefunden. Die Mehrheit der Zuschauer waren aber Schulkinder. Fast hat es den Anschein, als wären diese in Massen dahin kommandiert worden. Soll damit etwa ein erzieherischer Zweck verfolgt werden? Jeder vernünftige Mensch muß zugeben, daß diese Darstellungen auf die Kinder höchst ungünstig einwirken müssen. Soll es veredelnd auf das Kindergemüt wirken, wenn das blutige Hand⸗ werk sich vor ihren Augen abspielt? Tatsächlich wurden verwundete, blutende Krieger markiert und verbunden, wobei es Kindern übel wurde. Außerdem knöpft man jedem Kinde, auch wenns erst 8 Jahre alt ist, 30 Pfg. dafür ab. Der Veranstalter macht daher ein gutes Geschäft, er soll für jede Vorstellung 75 Mk. bekommen, dazu noch einen bestimmten Prozent⸗ satz der Einnahme. Sein Patriotismus lohnt
sich also. eee don Neumann und Dyckerhoff befinden sich die
Steinarbeiter noch immer im Ausstand. Wäh⸗ rend die Firma den Arbeitern in ihren Werken in Villmar Zulage gewährte, verhält ste sich den Forderungen ihrer Wetzlarer Arbeiter gegen⸗ über schroff ablehnend. Diese sind doch wahr— lich nicht aus Wollust in den Streik getreten; der Lebensunterhalt ist in Wetzlar sicher teurer als in Villmar, wenngleich auch den dortigen Arbeitern eine Aufbesserung, die sie sehr nötig haben werden, wohl zu gönnen ist.
Westerwald und Anterlahn.
h. Die Maifeier in Nieder shausen, die dort am Sonntag zum ersten Male abgehalten wurde, nahm bei prächtigem Wetter den besten Verlauf. Die Genossen von Weilburg und Odersbach waren in stattlichem Zuge erschienen. Die Festrede hielt Genosse Hopf⸗Frankfurt, dessen Ausführungen lebhafte Zustimmung fanden. Von behördlicher Seite sucht man unsern Genossen stets Schwierigkeiten zu machen und es sind oft schon klein⸗ liche Maßnahmen berichtet worden. Jetzt wieder mußte der Wirt die zum Saale führende Treppe ändern lassen. Er ließ sich aber nicht abschrecken, sondern stellte trotz⸗ dem sein Lokal zur Verfügung, und am Sonntag zeigte sich, daß er damit ganz klug handelte.
Aus dem RNreise Marburg⸗Nirchhain.
Das Maifest der Arbelter Marburgs fand am Sonntag unter starker Beteiligung statt. Besonders waren diesmal die älteren Genossen stark vertreten, von denen in der Festversammlung am 1. Mai viele fehlten. Der Arbeitergesangverein„Eintracht“ sowie die„Freie Turnerschaft“ erfreuten die Festteilnehmer durch ihre Darbietungen. Schon frühzeitig mußten sich die Genossen trennen, da der nötige„Stoff“ mittlerweile ausgegangen war. Allgemein aber war man der Ansicht, daß der⸗
artige Familienfeste im Sommer öfters stattfinden möchten ein Zeichen, daß ein jeder Genosse mit dem Verlauf des Waldfestes zufrieden war. e
Der Konsum verein Marburg entwickelt sich in recht erfreulicher Weise und hal in der letzten Zeit wieder recht gute Fortschritte zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl ist über 600 gestiegen und dementsprechend notürlich auch der Umsatz. Trotzdem gibt es leider noch immer Gewerkschaftsmitglieder und Genossen, die sich nicht entschließen können, dem Konsumverein als Mit⸗ glied beizutreten. Und gerade bei der jtzigen teuren Zeit ist ein Zusammenhalt der minderbemittelten Klasse doppelt notwendig. Pflicht eines jeden Arbeiters ist es daher, sich dem Konsumvereine anzuschließen.
Eine glückliche Gemeinde.
Obwohl die Stadt Klingenberg a. M. (Bayern) ein Elektrizitätswerk erbaute, stattliche Schulräume errichtete, ein Schlachthaus auf⸗ führte, einen großen städtischen Fest⸗ und Spiel⸗ platz am Main erwarb, eine Brücke über den Main erbaute und keinen Pfennig Gemeinde⸗ umlagen erhebt, ist sie noch in der Lage, jedem ihrer Bürger alljährlich die Summe von etwa 400 Mk. bar aus den Ueberschüssen des städti⸗ schen Touwerks auszuzahlen. Freilich hat das Ding noch eine andere Sette, nur die Orts⸗ bürger sind daran beteiligt, den„Hergeloffenen“ wird es recht schwer gemacht, in die glückliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden.
Versammlungskalender.
Samstag, den 12. Mai.
Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wack er.
Wetzlar. Wahl verein. Abends ½9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Vortrag
Donnerstag, den 17. Mai.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Samstag, den 19. Mai.
Wieseck. Tabakarbeiter⸗Verband. Abends 9 Uhr Mitglieder Versammlung bei A. Ziegler. Vollzählig erscheinen!
Nach Lollar. Die Mitglieder des Metallarbeiter⸗ Verbandes, des Wahlvereins und des Arbeiter⸗ Gesangvereins werden gebeten, nächsten Sonntag, den 13. Mai, punkt ¼2 Uhr zum Abwarsch nach Staufenberg im„Schwanen“ zu erscheinen. Auch Nichtmitglieder sind fr undlichst eingeladen.
Die Vorstände.
Briefkasten.
Zuschriften aus Wieseck, Marburtz, Wetzlar ꝛc. mußten leider zurückgestellt werden.
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Konsum Große Volksversammlung.
Dienstag, 15. Mai 1906, abends
9qubr, in[Lony'sf;ierkeller:
Vortrag der Frau Zietz aus Hamburg
über:
Unser Todfeind.
.„ Alle Arbeiterinnen und Arbeiter werden zum zahlreichen Besuch Neueintritte können täglich in dieser Versammlung höflichst eingeladen.
Der Einberufer.
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