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Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

Nr.

bürgermeister bewies in durchaus klarer, unan⸗ fechtbarer Weise, daß das ihm unterstellte Gebot von 18 Prozent über die Taxe nur auf einem Mißverständnis beruhen könne, da 1903 bereits die Enteignung beschlossen wurde, während die neue Taxe erst 1904 gemacht wurde. Die Lokal⸗Kommissions⸗Tätigkeit des Herrn Helfrich bringe ihn in Konflikt mit seiner Stadtverord⸗ netentätigkeit. Krumm erklärte, daß die Lokal- Kommission den Hektar mit 7000 Mk., eine andere neue Kommission sogar mit 10000 Mk. bewerte; solche Schätzungen könnten nur be⸗ wirken, daß die Vermögenssteuer⸗Kom⸗ mission sich auch diese Werte zu Grunde lege, dann möchten sich die Bauern bei der Kommission bedanken. Nach seiner Ansicht sei es ein Unsinn, kleine Bauern mit 5 Hektar Land 35 oder 50000 Mark reich zu halten. Die ver⸗ schiedenen Schätzungen gingen derart ausein⸗ ander, daß man an dem Sachverständnis der Schätzer zweifeln müsse. Herr Helfrich rekla⸗ mierte für sich den guten Glauben, den ihm unseres Wissens noch Niemand bestritten hat. Hoffentlich kommt der Fall nicht wieder vor, daß ein Stadtverordneter Arm in Arm mit den Herren Leun und Schlenke Abschätzungen vornimmt, die von jedem städtischen Steuer⸗ zahler als übertrieben hoch angesehen werden. Und wenn wieder ein Lamento über dieNot undVerschuldung des Bauernstandes kommt, empfehlen wir unseren Freunden die Schätzungen der Herren Leun, Schaum, Schlenke usw. vorzulegen. Entweder ist die Not der Landwirtschaft oder diese Schätzung unrichtig. In der gleichen Sitzung sprach der Ober⸗ bürgermeister der Bürgerschaft seinen Dank für Schmückung der Stadt bei dem Kaiserbesuch aus. Dafür hatten die Stadtverordneten aller⸗ dings in einer am Sonntag vorher zusammen⸗ getrommelten Sitzung 3000 Mk. bewilligt, wo⸗ gegen sich unser Genosse Krumm aussprach. Für solche Dinge ist doch immer Geld da, während oft notwendige Sachen wegen Mangel an Mitteln unterbleiben müssen.

Der gute Ton im Amtsblatt. Wir haben schon öfters Beispiele dafür erbracht, in welch' niedriger Weise derGießener An⸗ zeiger unsere Partei und die ihrer Angehörigen herunterreißt und beschimpft. Besonders bei den letzten Reichstagswahlen hat er in dieser Beziehung etwas geleistet und zeigte damit die Bildung, die dem betreffenden Macher eigen ist. Den Gipfel seiner Gemeinheit erreicht der Anzeiger aber in der Nummer vom 5. Mai, in der er seiner Wut über den Wahl⸗Ausfall in Darmstadt in einem unflätigen persönlichen Angriff gegen den Abgeordneten Berthold Juft macht, von dem er sagt:

Aber er ist ein Mann von dem Weit⸗ und Scharfblick eines höheren Hausburschen, ein blutiger Ignorant, ein treuer Schildknappe der Mehring und Konsorten, ein Mensch der ver⸗ ächtlichsten Pöbeltonart.

Mehr kann man von demgebildeten Re⸗ dakteur eines Amtsblattes nicht verlangen. Er will offenbar beweisen, daß er ebenso schimpfen kann, wie Schweinburg und die Reichs verbändler und wir geben zu, daß er den Beweis vollständig erbracht hat. Er erhebt diesen schmutzigen und gehässigen Angriff gegen einen Ehrenmann, den er gar nicht kennt und der ihm dazu nicht die geringste Veranlassung gab. Das läßt die Pöbelei in umso schlimmeren Lichte erscheinen. Und das ist die Gesellschaft, die ost genug der Sozialdemokratie vorwirft, daß sie denTon im politischen Kampfe verrohe, die Gesellschaft, die eben in Darmstadt⸗Groß⸗Gerau den Kampf in der ruppigsten, rohesten Weise führte! Nun legen wir's zu dem Uebrigen! Die Ehre unseres Genossen Berthold kann durch einen derartigen Anwurf nicht beeinträchtigt werden. Das Amtsblatt schlägt sich aber selbst auf den Mund, indem es ein paar Nummern später Berthold als ruhigen und verständigen Mann bezeichnet. Allerdings diese Nummer wurde nicht von demChef, sondern von dem andern Redakteur hergestellt, den wir als anständigen Mann kennen gelernt haben und dem wir keinen Vor⸗ wurf machen.

Mit unserm Maifest haben wir diesmal wieder Glück gehabt. Noch am Sams⸗ tag war das Wetter derart regnerisch und kühl, daß Jedermann die Abhaltung eines Waldfestes für unmöglich hielt. Noch bis Mitternacht regnete es in Strömen! Trotzdem strahlte am Sonntag die Maiensonne freundlich auf die Erde hernieder, ein Frühlingstag, wie er präch⸗ tiger kaum denkbar ist! Er lockte jeden ins Freie und unser Fest hatte unter diesen Um⸗ ständen gewaltigen Zuspruch. Man wird die Zahl der Teilnehmer mit 2500 nicht zu hoch schätzen. Das Fest nahm auch sonst einen in jeder Beziehung guten Verlauf; die Ansprache des Genossen Deichmann Bremen, Vor⸗ sitzenden des Tabakarbeiter⸗Verbandes, der zu⸗ fällig hier anwesend war, fand stürmischen Beifall. Der Festzug wies zwar ebenfalls eine starke Teilnehmerzahl auf, mehr als in früheren Jahren, doch meinen wir, müßten die Gewerkschaften vollzähliger am Platze sein, es wäre auch sonst noch manches zu tun, um dem

Maifestzug das ihm zukommende Gepräge zu

geben.

Ein starker Mann. Uns wird geschrieben: Die Metallarbeiter von Gießen sind gewiß friedfertige Menschen, aber wenn man die Friedensliebe mißbraucht, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn zuletzt dem Gemütlichsten die Galle überläuft. Des⸗ halb müssen wir der Oeffentlichkeit mitteilen, wovon das Herz voll ist. Wie den Lesern dieses Blattes bekannt sein dürfte, stehen die Former und Gießereiarbeiter vor einer Lohnbewegung. Der Chef der Firma Heyligenstädt hat mit der von den Formern gewählten Kommission einige⸗ mal verhandelt, aber nur 10% Lohnerhöhung bewilligt, worauf die Former nicht eingehen können. Die Arbeiter haben aber auch noch sonst Beschwerden und zwar betrifft dies das Auftreten und Verhalten des Sießermeisters Rohleder. Das ist derart, daß wir es der Oeffentlichkeit unterbreiten müssen. Herr Roh⸗ leder verfährt mit den Arbeitern und gebraucht ihnen gegenüber Ausdrücke, daß man daran zweifelt, sich in einem kultivierten Lande zu befinden.Euch schlage ich einen mit dem an⸗ dern tot!Mir ist keiner von Euch gewachsen! So und ähnlich lauten die Redensarten, mit denen die Arbeiter regaltiert werden. Wir sind aber noch Weiteres anzuführen genötigt. Daß ein Formermeister Werkzeug verkauft, wäre zu entschuldigen(So? D. R.), daß aber Manu⸗ fakturwaren in einer Gießerei verkauft werden, ist etwas stark. Zu diesen beiden Aemtern als Meister und Händler kommt noch eine Lebeusverstcherungsagentur. Natürlich erhoffen die Konsumenten der Manufakturwaren und die in die Lebensversicherung Aufgenommenen Vor⸗ teile im Arbeits- und Lohnverhältnis. vorgekommen, daß ledige Arbeiter die Quittung von der Lebensversicherungsprämie zugleich mit Lohn bekamen, natürlich war die Prämie am Lohn abgezogen. Nachdem in letzter Zeit sich die Arbeiter mehr der Gewerkschaft angeschlossen haben und gegen diese Mißstände energisch an⸗ kämpfen, sind die oben erwähnten Ausdrücke noch öfter zu hören. Mag aber Herr R.seine Arbeiter bei dem Chef der Firma anschwärzen wie er will, wir werden nicht ruhen, bis diese Mißstände beseitigt sind. Finden unsere Be⸗ schwerden kein Gehör, müssen wir uns eben in die Oeffentlichkeit flüchten. Dies nur ein kleiner Auszug aus dem Beschwerde⸗Register; wenn er nicht genügen sollte, wollen wir weiteres Mate⸗ rial bringen. Was nun die Lohnbewegung an⸗ belangt, so ist eine Erhöhung von 10% sehr mäßig. Wir müssen weiter verlangen, daß eine Akkordpreisliste bekannt gegeben wird. Wenn jetzt ein Former fragt, was er für das Stück Arbeit bekomme, antwortet ihm der Meister: seid ihr aber neugierig! oder gibt ihm sonst eine höhnische Antwort? Ist es zuviel verlangt, wenn der Arbeiter wissen will, was er für seine Arbeit bekommt. Würde die Behandlung eine bessere und unsere sehr berechtigte Lohnforde⸗ rung berücksichtigt, so ist friedliches Zusammen⸗ arbeiten leicht zu erreichen. Aber Krieger und Frieden, wie reimt sich das zusammen?

Zur Metallarbetiterbewegung. Wohl die stärkste Versammlung der Arbeiter

Es ist

eines einzelnen Berufes, die je in Oießen abge⸗ halten wurde, war die Metallarbeiter⸗Versamm⸗

lung, die am Freitag im Saale des Café Leib stattfand. Die von den Unternehmern geplante

General⸗Aussperrung der Metallarbeiter bildete

den Gegenstand der Tagesordnung, über den Fuhrmann⸗Gießen und Böckler ⸗Frankfurt sprachen. Ersterer besprach nochmals die Forde⸗ rungen, welche die Former gestellt haben und wegen der die Aussperrung erfolgen soll, die völlige Berechtigung der ersteren nachweisend. In den letzten Jahren habe die Metall⸗ und Montanindustrie ungeheuere Gewinne abge⸗ worfen; ein Goldregen habe sich über ste er⸗ gossen, wenn die diese Werte schaffenden Arbeiter davon einen bescheidenen Anteil haben wollten, so sei dies ihr gutes Recht. Um diesen Kampf aber durchführen zu können, brauche man große, starke Organisationen, die kleinen, als welche diechristlichen in Betracht kämen, an denen übrigens noch vieles andere auszusetzen sei, sind kampfunfähig. Der zweite Redner betonte, daß der Metallarbeiter⸗Verband schon vor zwei Jahren mit den Unternehmern verhandeln wollte und die Hand zum Frieden geboten habe. Das

sei damals höhnend zurückgewiesen worden.

Redner setzte im weiteren die Vorteile ausein⸗ ander, welche der Verband bietet und legte dessen bisherige Leistungen dar. Komme die Aussperrung, so muß jeder auf dem Posten sein! Jeder schließe sich der Gewerkschaft an, lese und unterstütze unsere Parteipresse, die jederzeit für die Interessen der Arbeiterschaft eintrete. Mit einem Hoch auf den Verband schloß die begeistert verlaufene Versammlung.

In der Gail'schen Tabakfabrik sind die Differenzen, die von der Firma durch die Aussperrung der Tabakspinner hervorgerufen wurden, noch nicht beigelegt. Die Firma suchte im Gießener wie im Wetzlarer Anzeiger Arbeiter bei hohen Löhnen, bis jetzt haben sich aber, wie wir hören, noch keine Streikbrecher gefunden. Herr Kommerzienrat Gail sollte doch wirklich

sein Möglichstes tun, die Sache beizulegen, er

kann es sehr leicht.

Aus dem Rreise gießen.

Kommunales aus Alten⸗Buseck. Vor Kurzem, als noch ziemlich kalte Witterung herrschte, schickte einer unserer Lehrer die Kinder nach Hause, und ließ jedes ein Scheit Holz holen. Jedenfalls war kein Holz zum Heizen der Schulräume vorhanden und der Lehrer verfiel auf diesen Ausweg, damit die Kinder nicht in der Kälte sitzen sollten und da hatte er ganz recht. Warum sorgt aber die Gemeinde⸗Verwaltung

nicht für Brennmaterial? Das ist doch ihre selbstver⸗

ständliche Pflicht! Bei uns liegt überhaupt manches im Argen. Der Fußweg nach Trohe, den täglich Hunderte

von Arbeitern benutzen müssen, um zur Bahn zu gelangen,

befindet sich in einem jammervollen Zustande. Schutt, Scherben, sogar Tierkadaver liegen da herum und machen den Weg in der Dunkelheit fost unpassterbar. Daß hier

einmal etwas zur Verbesserung getan würde, wäre wirk⸗

lich die höchste Zeit. Schon längst hätte der Gemeinderat

dafür sorgen können, daß eine Bauflucht in der Richtung

nach Trohe angelegt würde. Das ist schon östers an⸗ geregt worden und es würde damit nicht nur ein ordent⸗ licher Weg nach der Bahn geschaffen, sondern auch Baugelände aufgeschlossen, das recht notwendig gebraucht würde. Es werden Wohnungen nötig gebraucht, viele Familien müssen sich recht mühsam behelfen und zu⸗ sammenpfergen. Baulustige Leute gibt es hier genug, aber es ist kein Gelände vorhanden. Unsere Genossen sollten zu diesen Angelegenheiten einmal Stellung nehmen und energisch auf Abhilfe dringen. Besonders müssen wir uns bei der Gemeinderatswahl die Kandidaten genau ansehen und nur solche Leute wählen, die das Interesse der Gesamtheit wahrzunehmen gewillt und für den Fort⸗ schritt zu haben sind. Auch der Mangel einer Gemeindewaage macht sich bemerkbar. Eine solche muß in einem Orte wie Alten⸗Buseck unbedingt vor⸗ handen sein, es kann sonst mancher leicht in Nachteil geraten. Nachträgliches von der Maifeker.

Heuchelheim. Die Maifeler am Sonntag war sehr stark besucht, namentlich die Frauen Heuchelheims waren sehr zahlreich vertreten. die Festrede hielt, wandte sich in eingehender Weise gegen den Flotten⸗, Militair⸗ und Kolontalkoller. Hand in Hand mit dieserpatriotischen Simpelei gehe eine geradezu krankhafte Steuer scheu der Besitzenden. Zigarettensteuer, Biersteuer, Fahrkartenstempel usw. 5 5 die duftigen Blüten am Steuerbaume, den man 1 kleinen Leuten pflanze. Die Justiz sel in vielen

Genosse Krumm, der i