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Nr. 23.

Mitteldentsche Sounags⸗Zeitung.

Seite 3.

Genossenschaften gründen. Oder wo ist das Dorf, wo die Sozialdemokratiegroße Ver⸗ kaufshäuser baut? Dem kleinen Kaufmann aber, den diese Mittelstandsretter helfen wollen, setzen sie noch in der Oeffentlichkeit herab, indem sie ihm nachsagen, daß er geringere Ware liefere! Mögen sich diese Kaufleute dafür bei Hirschel und Konsorten bedanken!

Christliche Denunzianten.

Der vorjährige Schreinerstreik in Köln, der durch das schamlose Treiben derChristen eine so traurige Berühmtheit erlangte, hat als Nachspiel! nicht weniger als neunzig Pro⸗ zesse gezeitigt. Dieser Tage ist gegen den letzten der neunzig Angeklagten verhandelt worden, er wurde freigesprochen.

Von den 90 angeklagten Ausständigen ist genau ein Drittel freigesprochen worden. Ge⸗ nau die Hälfte wurde zu Geldstrafen verurteilt: 45 Personen müssen insgesamt 412 Mk. Strafe zahlen, und die übrigen fünfzehn erhielten zu⸗ sammen sieben Monate und 28 Tage Gefängnis. Die Kölner Gewerkschaftschristen können mit ihrer Denunzianten⸗ und Provozter⸗ tätigkeit zufrieden sein. Die dreißig Frei⸗ sprechungen reden eine deutliche Sprache für die Art, wie diese Prozesse zustande gekommen sind; und auch die übrigen sechzig Ausständigen hätte man, ohne daß Recht und Gerechtigkeit gekränkt worden wären, zum weitaus größten Teile un⸗ geschoren lassen können. Aber die berüchtigte Straßenpolizeiordnung, diese Guillotine des ge⸗ setzlichgewährleisteten Streikpostenrechts, und die zarteEhre der christlichen Streikbrecher wollen ihre Opfer haben. Unter diesen Opfern christlicher Nächstenliebe befanden sich auch vier Schulkinder, die die christlichen Streikbrecher beleidigt haben sollen, drei Kinder wurden frei⸗ gesprochen, eines erhielt einen Verweis. Die christlichen Streikbrecher haben die Zusammen⸗ stöße dutzendfach in der dreistesten Weise ab⸗ sichtlich heraufbeschworen. Dennoch hat⸗ ten sich ihrer nur fünf vor Gericht zu veränt⸗ worten; aber nur einer wurde verurteilt, der berühmte Pfefferwerfer nämlich, der sich mit Pfeffer bewaffnet in das Versammlungs⸗ haus der Ausständigen begeben hatte, um zu spionteren, und der, ohne auch nur angegriffen zu sein, einer Anzahl Streikender das tückische Augengift ins Gesicht geschleudert hatte. Justitia, die anscheinend auch von dem christlichen Pfeffer in die Augen bekommen hat, sühnte die feige Tat in einem merkwürdig genug kon⸗ 17155 Urteil mit ganzen zehn Mark Geld⸗ trafe!

Bombenattentat auf den spanischen König.

Am letzten Tage des Mai hielt der 20 jährige König Alfons von Spanien Hochzeit mit der Prinzessiu Erna von Battenberg. Natürlich unter Entfaltung eines riesigen Prunkes. Die Hochzeitsfeierlichkeiten wurden aber empfindlich durch einen Bombenangriff gestört, der auf das Königspaar ausgeführt wurde, als es gerade aus der Kirche, wo die Trauung stattgefunden hatte, in das Schloß zurückkehren wollte. In der StraßeCalle Mayor wurde aus dem Fenster der oberen Etage eines Hotels eine Bombe nach dem Königswagen geworfen, die zwischen diesem und den Pferden niederfiel und furchtbare Verheerungen anrichtete. 24 Personen wurden getötet; etliche 60 sollen verwundet sein. Merkwürdigerweise blieb das Königspaar un⸗ verletzt. Die Explosion verursachte natürlich eine allgemeine Verwirrung, die durch das Geschrei der Verletzten noch erhöht wurde. Unter diesen Umständen gelang es den Attentäter, zu entkommen. Dieser soll ein gewisser Mateo Morrales sein, der später in einem Dorfe von einem Landpoltzisten verhaftet wurde. Dem Polizisten schoß er eine Kugel durch den Kopf und tötete darauf sich selbst durch einen Schuß. Die Leiche wurde nach Madrid geschafft und im Hospital des guten Erfolges öffentlich aus⸗ gestellt. Alle, welche den Toten sahen, wunderten sich über sein ruhiges, sanft lächelndes Gesicht. Morrales war 26 Jahre alt und der Sohn eines reichen Fabrikanten in Sabadell bei Bar⸗

celona, der ihn seit Neujahr verstoßen hatte. Er hatte die Fabrik seines Vaters geleitet.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Ursprung des Bombenanschlages in der Provinz Katalonien zu suchen ist. Katalonien ist die fortgeschrittenste Provinz Spauiens, die Haupt⸗ stadt Barcelona, ist eine moderne, industrie⸗ mächtige, entwicklungsreife Stadt. Und do h ist gerade Katalonien der Herd derPropa⸗ ganda der Tat. Katalonien leidet am schwer⸗ sten unter dem Druck, der von Madrid ausgeht, unter der feudalen, pfäfftschen, bureaukratischen Mißwirtschaft. In Katalonien kommt der Gegensatz zwischen dem verrotteten Regiment und modernem Vorwärtsstreben am schärfsten zum Ausdruck. In dieser Provinz ist viel zu holen, und so wird ste am unverschämtesten ansgesaugt und ausgeraubt. Daher ist Kata⸗ lonten der Sitz des Separatismus, der Be⸗ strebungen auf Autonomie und Lostrennung von Madrid. Separatlismus und Anarchismus fließen aber dort vielfach ineinander, und auch jener greift zur Propaganda der Tal. Wenn in bürgerlichen Zeitungen von einemanar⸗ chistischen Attentat geredet wird, so sind dafür noch durchaus keine Beweise vorhanden.

Im Uebrigen haben sich das Königspaar und dieoberen Gesellschaftskreise durch das furchtbare Attentat nicht stören lassen. Sie feiern rauschende Feste, während das Volk in der Tiefe leidet und verkommt. Man hat auch in keiner Weise den Eindruck, als ob der junge König und seine Umgebung, obschon nun bereits das vierte Attentat gegen Alfonso unternommen wurde, imstande seien, Lehren aus den schweren Erlebnissen zu ziehen.

Der Attentäter gehört offenbar besseren Kreisen an, er ist der Sohn eines Fabrikanten und lebte zuletzt als Sprachlehrer in Barcelona. Nach den Berichten soll er ein eifriger Anhänger des Anarchismus sein; das Attentat jedoch alletu ausgeführt haben. Wie stets bei der⸗ artigen Fällen beeilt sich die kapitalistische Presse, die sozialdemokratische Bewegung für diese Tat eines im besten Falle konfusen Menschen ver⸗ antwortlich zu machen. Die Sozial demokratie hat schon so oft und so deutlich ihre Gegner⸗ schaft zum Anarchismus und derPropaganda der Tat dargetan, daß nur ein böswilliger oder ganz bornierter Mensch Sozialdemokratte und Anarchismus in einen Topf werfen kann. Man braucht sich deshalb auch weiter nicht mit solch' blödem Geschwätz kapitalistischer Sold⸗ 1 aufzuhalten. Dieselben Leute aber

as sei nur noch bemerkt die sich hier nicht

genug entrüsten können, wissen kein Wort zu sagen, wenn jährlich viele Tausende Arbeiter im Interesse des kapitalistischen Profits das Leben lassen müssen, oder wenn Poltzeisäbel Wehrlose niederschlagen.

Eine verunglückte Protest⸗Aktion der Sozialisten im italienischen Parlament.

Vor Kurzem legten die sozlalistischen Abge⸗ ordneten 24 an der Zahl in der italie⸗ nischen Kammer ihre Mandate nieder als Protest gegen die sich wiederholenden Nieder⸗ metzelungen von Arbeitern und Bauern durch das Militär. Da die Regierung Sonnino ebensowenig wie frühere Regterungen gegen diese Schmach einzuschreiten bereit war, glaubte die sozialistische Fraktion, während draußen in der Arbeiterschaft der Generalstreik um sich griff, dem Empfinden weiter Volkskreise durch den Protest der Mandatsniederlegung entsprechen zu müssen. Mittlerweile ist das Ministerium Sonnino durch eine Koalition sehr gemischter Parteigruppen gestürzt und Giolltti ist in das Ministerpräsidium zurückgekehrt, dessen Po⸗ litik sich von der seines Vorgängers kaum unter⸗ scheiden dürfte.

Am ersten Pfingsttage haben nun die Nach⸗ wahlen für die 24 erledigten Mandate statt⸗ gefunden; es sind aber nur 19 Sozialisten wiedergewählt worden; eine Stichwahl ist not⸗ wendig. Unsere Genossen verlieren also drei Mandate. Ueber den Wert der ganzen Protest⸗ aktion dürften jetzt wohl die italienischen Ge⸗ nossen mitsamt den Abgeordneten selber sehr gering denken. Wenigstens hat sich kürzlich einer ihrer Aeltesten und Tüchtigsten recht ab⸗

fällig darüber ausgesprochen. Die Abgeordneten haben offenbar den Eindruck ihrer Demonstration überschätzt. Wir in Deutschland finden diesen Schritt überhaupt unverständlich und unklug; nach unserer Meinung haben die sozialdemokra⸗ tischen Vertreter auf ihrem Posten auszu harren, aten. sie das Vertrauen ihrer Mandatgeber esttzen.

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Revolution in Rußland.

Das Elend der russischen Bauern greift nach neueren Mitteilungen weiter um sich. Die Mißernte bedroht dies Jahr fast alle Gouvernements, die auch im vergangenen Jahre davon betroffen wurden, in noch größerem Maße als damals. Im Gouvernement Kasan ist durch die Dürre die Frühjahrs⸗ und Sommer⸗ saat vernichtet, ebenso im Gouvernement Saratow, wo der Sommerweizen ganz vernichtet ist. Im südlichen Teil des Dongebietes hat der Sonnen⸗ brand die ganzen Felder und Wiesen auf un⸗ geheuere Strecken vernichtet. Seit Anfang des Frühjahrs ist dort kein Regen gefallen. Wann die Regierung Hilfe organisteren wird, ist noch ihr Geheimnis, zumal das Verpflegungskapital aufgebraucht ist. Alle Kassen sind leer.

Große Ausstands bewegungen haben in den letzten Tagen in ganz Rußland wieder eingesetzt. In Warschau streiken die Straßen⸗ bahner und es ist sehr fraglich, ob sie bis Sonntag die Arbeit wieder aufnehmen. Ferner ist das ganze Weichseldampferpersonal in den Ausstaad getreten, etwa 40 Dampfer stehen still. Die Verbindung mit den Weichsel⸗ stationen bis Thorn ist unterbrochen. 450 Streikende verlangen Lohnzulage und Verbesse⸗ rung der Arbeitsbedingungen. Auch in vielen anderen Orten sind größere und kleinere Streiks zu verzeichnen.

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Soziales.

Die Gewerbegerichtswahl in Stutt⸗ gart, die vorige Woche zum ersten Mal nach dem Proporttonalwahlsystem erfolgte, beansprucht deshalb einiges Interesse. Auf den Wahlvorschlag der vereinigten Gewerkschaften entfielen 8660 Stimmen, auf denjenigen der christlich⸗ nationalen Arbeiter 884. Es er⸗ halten demnach die letzteren 3 Beisitzer, die freien Gewerkschaften 27, während sie bisher über sämtliche 30 Sitze verfügten. Der Ausfall wurde wieder ausgeglichen durch Aufstellung elnes freien Wahlvorschlags für die Unternehmer⸗ Seite von Anhängern der modernen Ar⸗ beiterbewegung. Dieser Wahlvorschlag erzielte bei der Wahl der Arbeitgeber 155 Stimmen mit 6 Beisttzern. Der gegnerische Wahlvorschlag erreichte 652 Stimmen mit 24 Beisitzern.

Die große Metallarbeiter⸗Aussper⸗ rung, die auf den Pfingstsamstag eintreten sollte, ist nun doch unterblieben, nachdem eine Beilegung der Differenzen in Dresden, Han⸗ nover ꝛc. erreicht worden war. Der von den Metallindustriellen mit so großem Geschrei an⸗ gekündigte Plan, 300 000 Arbeiter aufs Pflaster zu werfen, ist an der Festigkeit der Metall⸗ arbeiterorganisation gescheitert, die in diesem Kampfe bedeutende moralische Erfolge erzielt hat. Natürlich suchten die Scharfmacher ihren Rückgang zu bemänteln, doch ist kein Zweifel, daß sie sich in diesem Kampfe eine ungeheure Blamage zugezogen haben. Der Kampf hat gezeigt, daß gut organisierte Arbeiter in der Lage sind, auch dem stärksten Unternehmertum erfolgreich entgegentreten zu können!

Der internationale Bergarbeiter⸗ kongreß wurde am Dienstag in London er⸗ öffnet. Es sind dazu Vertreter aus Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Oesterreich Ungarn und den Vereinigten Staaten erschienen. Das englische Parlameutsmitglied Edwards (Arbeiterpartei) führte den Vorsttz und bemerkte in seiner Eröffnungsrede: Die Macht der Ver⸗ einigung habe die Arbeiter in den Stand gesetzt, an der Regierung der Nationen, zu denen sie gehören, teilzunehmen. Er erinnert an den vor kurzem stattgehabten freundschaftlichen Verkehr von Vertretungen aus Deutschland und Frank⸗