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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
die mit aller Entschiedenheit für das allgemeine, Sozialdemokratie erhebt. Sie verrät damit die
gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für jede über 20 Jahre alte Person ohne Unterschied des Geschlechts eintritt, ist die Sozialdemokratie. Darum Arbeiter, lernt erkennen, daß wir nicht allein da sind zum Steuer zahlen, lernt erkennen, daß wir auch die polttischen Rechte besitzen müssen! Aus diesem Grunde ist es Pflicht jedes Arbeiters, die sozialdemokratische Partei zu fördern und ihr zum Siege zu verhelfen.
Von falschen Pässen.
Die Ordnungspresse macht sich seit einigen Tagen das kindliche Vergaügen, immer und immer zu wiederholen, daß nicht allein die preußische Polizei falsche Pässe benütze; die Sozialdemokraten, die nach Rußland reisten, täten es auch. Die Geschichte ist so albern, daß man stch fast schämt, auf sie einzugehen; aber die Gegner, die nach dem Rezepte arbeiten, für das Volk ist das Dümmste gerade gut genug, scheinen von ihr ungeheure Wirkungen zu erwarten; denn sie schwimmen förmlich im Entzücken über ihre kostbare Entdeckung. Viel⸗ leicht kann eine kleine historische Erinnerung ihnen den Unterschied klar machen, der zwischen einem falschen Paß und einem falschen Paß ist. Der jüngst verstorbene Karl Schurz, zu dessen Leichenfeier der deutsche Kaiser ein Kondolenz⸗ telegramm schickte, ist einst, mit einem falschen Paß ausgestattet, nach Deutschland zurückgekehrt, um den Dichter Kinkel aus dem Gefängnis zu befreien. Es wird kein Mensch den Mut haben zu behaupten, daß Schurz, der zur Be⸗ freiung eines edlen Freundes sein eigenes Leben in die Schanze schlug und einen deutschen Dichter vor dem Schicksal rettete, im preußischen Ge⸗ fängnis zu verfaulen, eine unedle, verwerfliche Tat begangen habe. Es ist vielmehr eine sehr ehrenvolle und ruhmreiche Geschichte, diese Ge⸗ schichte vom falschen Paß des Karl Schurz.
Zwei Jahre vor jenem Ereignis hatte ein Herr, der den schlichten bürgerlichen Namen
Wilhelm Lehmann zu führen vorgab, mit
veränderter Haar- und Barttracht und in un⸗ gewohnt unauffälliger Kleidung, Deutschland in größter Eile verlassen, um sich nach England zu begeben. Dieser Herr Lehmann hatte zuvor Wilhelm, Prinz von Preußen, geheißen und hatte sich durch seine Brutalität und seine öffentlich verübten Rüpeleien beim Volke so verhaßt gemacht, daß er sich der drohenden Lynchjustiz durch eilige Flucht unter falschem Namen entziehen mußte. Und das ist hin⸗ wiederum keine sehr ehrenvolle, noch keine sehr ruhmreiche Geschichte, diese Geschichte vom falschen Paß Wilhelm I., den man später den Heldenkaiser nannte, weil sich sehr viele für ihn hatten totschießen lassen. Es ist also ein Unter⸗ schied zwischen einem falschen Paß und einem falschen Paß. Wenn die Genossin Luxem⸗ burg mit einem falschen Paß nach Rußland gefahren ist, so ist das immerhin etwas anderes, als wenn der preußische Staat russische Staats⸗ angehörige zu Splonendiensten gegen das eigene Vaterland preßt und ihnen zu diesem Zwecke falsche Papiere ausstellt. Man sollte nicht glauben, daß es Köpfchen gibt, die diesen Unter⸗ schied nicht begreifen können und die in einem⸗ fort erklären: wenn sich die Sozialdemokratie über die Paßfälschung der preußischen Polizei entrüste, so müsse ste sich über die„Paßfälschung der Rosa Luxemburg“ auch entrüsten! Damit erinnern sie eben nur daran, daß die Genossin Luxemburg immer noch in Warschau im Ge⸗ fängnis ist, während die beiden Edelleute von Preußen, die von Schöne und von Brock⸗ husen, sich in voller Freiheit und völlig unbehelligt ihres Lebens erfreuen dürfen. Es gibt also falsche Pässe, deren Inhaber man in den Kerker wirft, und es gibt andere falsche Pässe, deren Aussteller unter dem Schutze höchster Behörden stehen. Wer das nicht ka⸗ piert, mag vielleicht im Besttz eines richtigen Aufnahmescheins für eine Idioten⸗Anstalt sein, aber eine echte Legitimation als sogenannter „Politiker“ besitzt er gewiß nicht!
Traurig genug, daß auch die„Frankfurter Zeitung“ mit dem reaktionärsten und bornirtesten Zeitungsgeschwister in eine Kerbe haut und ebenfalls den lächerlichen Vorwurf gegen die
demokratischen Grundsätze, die ste zu vertreten vorgibt. 7
Hetze auf Rotwild.
Zu den in letzter Zeit meistverfolgtesten Parteiblättern gehört die„Leipziger Volks⸗ zeitung“. Am Donnerstag wurde wieder einer ihrer Redakteure, der Genosse Kressin, wegen angeblicher Beleidigung der Ministerien des Kriegs und des Innern von Preußen und Sachsen zu einer Gefängnisstrafe von 10 Wochen verurteilt. Die Beleidigungen sollten enthalten sein in einem Artikel: Der Tiger als Affe.— Wegen angeblicher„Unge⸗ bühr“ vor Gericht— Kollege Kressin hatte eine Ungebühr des Staatsanwalts Böhme scharf zurückgewiesen— wurde Kressin zu einer sofort zu vollstreckenden Haftstrafe von zwei Tagen verurteilt. Der Oberstaatsanwalt Böhme bemerkte nämlich in seinem Plaidoyer: Bei der Strafzumessung ist zugunsten des Angeklagten lediglich anzuführen, daß er den Artikel nicht geschrieben hat, und daß er in der Redaktion der Leipziger Volkszeitung, wenn auch mit einer gewissen Intelligenz, eine bloß handwerks⸗ mäßige Tätigkeit ausübt, und nicht in der Lage ist, die Aufnahme solcher Artikel abzuweisen.
Hierauf Angeklagter Kressin: Ich will nur bemerken, daß ich meine angebliche hand⸗ werksmäßige Tätigkeit in der Leipziger Volkszeitung zum min destens so hoch ein⸗ schätze, wie die handwerksmäßige Tätig⸗ keit des Herrn Oberstaa'sanwalts.(Bewegung im Zuhörerraum.)
Vorsitzender(mit erregter Stimme): Ich weise diese Bemerkung als ungehörig zurück, das ist eine Beleidigung.
Oberstaatsanwalt: Ich beantrage eine Ordnungsstrafe.—
Natürlich erkannte das Gericht auf eine solche und brummte dem Angeklagten noch zwei Tage Haft auf. Warum wird es aber dem Staatsanwalt nicht verwiesen, wenn er sein Amt dazu benutzt, den Angeklagten zu beleidigen? Die Herren erlauben sich immer öfter, wenn Sozialdemokraten als Angeklagte vor Gericht stehen, diese als ihre politischen Gegner anzu⸗ greifen und herunterzureißen.
Vom Breslauer Landgericht, das in letzter Zeit durch Fällung von Schreckensurteilen gegen die Sozialdemokratie„berühmt“ geworden ist, wurde wieder ein Redakteur unseres dortigen Parteiblattes, Genosse Klüß, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Und zwar wegen„Auf⸗ reizung verschtedener Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten“, die das Gericht fand in dem Abdruck eines Gedichts von Leon Holly, das die„Volkswacht“ in ihrer Mainummer zum Abdruck gebracht hatte. Dasselbe Gedicht haben andere Parteiblätter schon vor zwei Jahren abgedruckt, ohne daß es einem Staats⸗ anwalt eingefallen ist, Strafantrag zu stellen. Der Breslauer Staatsanwalt aber hatte die— Kühnheit, ein Jahr Gefängnis zu beantragen! Angesichts dessen wird jeder Unbefangene zugeben müssen, daß in unserer Rechtspflege nicht blos ungesunde Zustände herrschen, sondern auch un⸗ gesunde Personen mitwirken. Der Redakteur Albert von der„Volkswacht“ wurde ebenfalls wieder zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt.
In einem weiteren Aufreizungspro⸗ zesse, der gegen den Genossen Lißke in Görlitz wegen des preußischen Wahlrechts⸗ flugblattes durchgeführt wurde, bekam dieser einen Monat Gefäugnis. Die deutsche Rechts⸗ einheit wird boshaft illustriert durch die Tat⸗ sache, daß dieses Flugblatt vor mehr als einem Dutzend preußischer Gerichte bezw. Staatsan⸗ wälte als nicht gegen die Gesetze verstoßend erklärt worden ist. In Görlitz und Stargard erblicken die Richter das Vergehen der Auf⸗ reizung in der Sprache des Flugblattes, in anderen Gerichtsbezirken sind stie von seiner gesetzlichen Tendenz so überzeugt, daß sie nicht einmal eine Verhandlung anberaumen, sondern das Verfahren ohne weiteres einstellen! Ist es bei solchen Urteilen ein Wunder, wenn das Ver⸗ trauen zur Rechtspflege immer mehr schwindet?
Zwei Monate Gefängnis hat ferner der Genosse Riedlinger vom Volksblatt in
Harburg endgiltig aufdiktiert bekommen.
Diese Strafe war ihm seinerzeit wegen angeb⸗ licher Beleidigung des Altonaer Schwurgerichts, das bekanntlich einige Bourgeoissöhnchen von dem Verbrechen der Notzucht freigesprochen hatte, trotzdem das Verbrechen klar zutage lag, zuerkannt worden. Eines formalen Verstoßes wegen hatte das Reichsgericht das Urteil aufgehoben, das aber dann vom Landgericht in Lüneburg abermals ausgesprochen wurde. Die erneute Revision Riedlingers verwarf jetzt das Reichsgericht.
Schliezlich waren wegen des Wahlkrawalls in Eisenach, den die Antisemiten provoziert hatten, 21 Arbeiter angeklagt. 18 davon wurden insgesamt zu 32 Wochen Gefängnis verurteilt; der Staatsanwalt wollte für jeden 1 Monat Gefängnis haben.
Wittelstandsretter.
„Die Sozialdemokratie vernichtet den Mittel⸗ stand!“ Das ist die stehende, bis zum Ueberdruß wiederholte Redensart jener famosen Politiker und Parteien, die die„Rettung des Mittelstandes“ auf ihre Fahne geschrieben haben. Wie sie den Mittelstand„retten“ wollen, darüber lassen sie die Welt beharrlich im Unklaren, wie sie überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Das bekannte auch seinerzeit einer der fähigsten an⸗ tisemitischen Führer, der Abg. Dr. Förster, ganz offen, als er sagte:„Mittelstand und Mittelstand, darauf sitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen“. Trotzdem operieren Antisemiten aller Schattierungen, Landwirts⸗ bündler und so weiter mit dem Schlagworte Mittelstandsrettung und ziehen damit seit Jahr⸗ zehnten noch Leute aus Handwerks⸗ und Kauf⸗ mannskreisen an der Nase herum. Denn gerade in diesen Kreisen herrscht die größte polltische Rückständigkeit. Und hier finden die antisemi⸗ tischen Phrasenhelden und Spekulanten noch Gläubige, wenn ste schreien:„Die Sozialdemo⸗ kratie vernichtet den Mittelstand!“ Schamloser wurde aber die Wahrheit noch nicht auf deu Kopf gestellt und elendere Heuchelei ist noch nicht getrieben worden, als es in der Samstags⸗ Nummer des Friedberger Antisemitenblattes geschieht. Das Organ des hessischen Bauern⸗ bundes und des Herrn Hirschel schreibt, nach⸗ dem es davon geredet hat, daß die Sozial⸗ demokratie besonders in den Kreisen der Ge⸗ werbetreibenden und Handwerker Anhänger zu werben suche, Folgendes:
„Denn überall da, sei es in Städten oder Dörfern, wo die Sozialdemokratie eine starke Arbeiterbevölkerung zu ihrem Heerbann zählt, da läßt sie es sich angelegen sein, Genossen⸗ schaften zu gründen und große Verkaufshäuser zu bauen, in denen die Arbeiter alles kaufen müssen, was zu ihrer Leibesnahrung und Not⸗
durft gehört. Mit Schrecken werden die Kauf⸗
leute und Handwerker, welche bei jeder Wahl der Sozialdemokratie ihre Stimme gegeben haben, gewahr, daß ihnen diese Partei in der erfolg⸗ reichsten Weise Konkurrenz macht. Die Zahl ihrer Kunden verringert sich von Tag zu Tag, die Läden werden leerer und leerer, die Elu⸗ nahmen gehen von Woche zu Woche zurück. Um sich doch einigermaßen über Wasser zu halten, greifen Kaufleute und Handwerker zu dem letzten, aber gewagtesten Mittel: sie liefern geringere Ware. Die Folge davon ist daß sich auch die wenigen Leute— vielleicht auch noch Arbeiter—, die so lange noch von ihnen kauften, zurückziehen. Nun gibt es keinen Halt mehr, der Ruin bricht über die Kaufleute und Handwerker herein. Und das hat mit ihrer
Macht die Sozialdemokratie getan! Aber die
Sozialdemokratie bedauert es durchaus nicht,
daß sie den Mittelstand zugrunde richtet, u
Gegenteil, sie freut sich über jeden Handwerker und Kaufmann, dessen Existenzen für den sozi⸗ alistischen Rummel am besten zu gebrauchen sind, weil nur mit solchen Leuten eine Revo⸗ lution gemacht werden kann.“ 5 5.25
Die erbärmliche Heuchelet, die in dem albernen und verlogenen Gesetre des Antisemiten⸗ blattes liegt, erkennt sofort jeder, der weiß, daß gerade die Bündler, die Hirschel und Konsorten es sind, welche auf den Dörfern


