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Nr. 51.
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Mitteldeutsche Sonntags geitung.
Seite 5.
für thre eigenen Interessen einen Groschen auf⸗ wenden.— Uebrigens täuscht sich der für die Interessen der Grubenkapitalisten schreibende Verfasser obiger Notiz. Die Organisat on der Bergleute macht in unserer Gegend recht erfreuliche Fortschritte, weil die Bergleute immer mehr einsehen lernen, was ihnen der Verband nützt. Es gelang ihnen schon, verschiedene Mißstände zu be⸗ seitigen und haben auch hier und da schon eine kleine Aufbesserung ihrer jämmerlichen Löhne erzielt. Und gegen Prellereien, die sich sonst die Bergleute bei Fest⸗ setzung der Gedinge vielfach gefallen lassen mußten, können sie sich auch besser schützen. Es war die höchste Zeit, daß die Eisensteinbergleute aus ihrem Schlafe er⸗ wachten und in die Reihen der kämpfenden Arbeiter eintraten. Sie werden sich von ihrem Verbande nicht abbringen lassen, so sehr sich auch gewisse Bergräte be⸗ mühen.— Was das Geld brauchen betrifft, so gehts noch leidlich bei dem Verbande. Er könnte das Weil⸗ burger mitsamt dem Wetzlarer Kreisblatt und alles, was drum und dran hängt, aufkaufen, ohne merkliche Veränderung seiner Finanzen.
*„‚Unparteiische“ Blätter. Kürzlich wurde in Frankfurt ein Beleidigungsprozeß gegen den Redakteur der„Volksstimme“, Genossen Quint, ver⸗ handelt, den der Verleger der Irkftr.„Neuesten Nach⸗ richten“, Spandel, angestrengt hatte. Dieses Blatt verspricht seinen Abonnenten resp. deren Hinter⸗ bliebenen 500 Mark im Falle tödlichen Unfalles. Im Anschluß an einen Fall in Burgsolms, wo einer Witwe diese Summe nicht bezahlt worden war, hatte die Volks⸗ stimme von Versicherungsschwindel gesprochen. Die Ver⸗ handlung gestaltete sich zu einer Blamage für das„un⸗ partelische“ Blatt. Obwohl Quint zu einer Geldstrafe von 100 Mk. verurteilt wurde, erklärte das Gericht in seinem Urteil, daß Spandel seine Versicherungsprämien nicht aus„Humanität“ eingerichtet habe, sondern um Abonnenten zu fangen. Ob das besonders schön ser, möge dahingestellt bleiben, die Bezeichnung Versicherungsschwindel ginge aber nach Ansicht des Ge⸗ richts zu weit.— Der Arbeiter soll die sozialdemo⸗ kratische Presse lesen!
h. Ueber Hans Sachs und Wilhelm Busch hielt am Freitag Herr Dr. Strecker aus Bad Nauheim einen von der Lesevereinigung veran⸗ stalteten Vortrag im Schützengarten. An den Vortrag über Hans Sachs schloß sich die Aufführung eines seiner lustigen„Fastnachtsspiele“:„Die diebischen Bauern von Fünfing“, das von Mitgliedern des Dürer⸗Bundes ge⸗ spielt wurde. Es fand verdienten Belfall Nach Schilde⸗ rung von Busch's Lebensgang wurden Proben seines Humors und seiner Kunst vorgeführt. Die von einem sehr guten Apparat vorgeführten Lichtbilder von„Plisch und Plum“ und„Haarbeutel“ erregten allgemeine Heiter⸗ keit. Der Vortragende, wie die übrigen Mitwirkenden ernteten lebhaften Beifall.— Der Vortrag war außer ⸗ ordentlich stark besucht. Die Lesevereinigung bemüht sich überhaupt, das Beste zu bieten und volksbildend zu wirken. Man sicht deshalb nicht recht ein, weshalb ein neuer„Verein für Volke bildung“ gegründet werden soll, in dem die Herren Kalser ꝛc. eine Rolle spielen wollen. Denen wird die wahre Volksbildung kaum sehr am Herzen liegen. 5
h. Tödlicher Unfall. Auf der Georgshütte in Burgsolms wurde am Montag vor 8 Tagen der Platz⸗ meister Jung getödtet. Es wurde ihm beim Rangieren der Brustkorb eingedrückt. Die Georgshütte gebört eben⸗ falls den Buderuswerken, wo in letzter Zeit außerordentlich zahlreiche Unfälle zu verzeichnen Und, an.
Aus dem Nreise Marhurg⸗Kirchhain.
O In unserem Reichstags wahlkreise sind die Parteien eifrig beschäftigt. sich auf die nächste Wahl zu rüsten und Herr v. Gerlach dürste es schwer werden, das einzige national⸗soz. Mandat zu behaupten. Anfang Dezember waren in Frankenberg die Vertrauensmänner des Bundes der Brot⸗ und Flelschverteuerer versammelt und erkärten sich für die Kandidatur des Herrn Dr. Böhme, der vor einiger Zeit in unserem Wahlkreise bereits Ver⸗ sammlungen abhielt und darin erklärte, Antisemit Liebermann'scher Richtung zu sein, der Wirtschaftlichen Vereinigung anzugehören und seine Kandidatur eine
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Mutelstandskandidatur nannte. Die anwesenden Kon⸗ servativen unter Führung des Bürgermeisters Dertz aus Frankenberg gaben dieser Kandidatur ihre Zustimmung. Ob die Marburger Leitung der Konservativen mit diesem hinterwäldlerischen Elngriff in ihre Rechte sich zufrieden gibt, bleibt abzuwarten. Bis jetzt haben die Marburger Konservativen es als ihr heiligstes Recht betrachtet, selbst den Durchfallskandidaten zu bestimmen; wenn sie diesem Beschlusse beitreten sollten, so würden sie sich damit selbst zur Bedeutungslosigkeit verdammen. Die mittelstands⸗ antisemitisch⸗bündlerisch⸗konservative Kandidatur de“ Herrn Böhme dürfte dem nächsten Wahlkan pfe einen Charakter geben, wie man ihn bis jetzt hier nicht gewohnt. Eine Diskusslon, wie man ste, wenn auch in beschränklem Maße, vor der letzten Wahl selbst bei den Konservatlven be⸗ wllligte, kennt Herr Böhme nicht, wie ja überhaupt die Liebermannschen Bündler die ausgeprägtesten und un⸗ verschämtesten Vertreter des Agrar⸗Kapitalismus sind. Gerlach beginnt bereits sich seiner Haut zu wehren. Am Freitag sprach er hier in Marburg in einer nur schwach besuchten Versammluug über die neuen Steuerprojekte. Obschon diese Versammlung von unserer Seite nicht be⸗ sucht war, berichtet die hiesige konservative„Oberh. Ztg.“ in ihrer Mistgabel Manier doch von„roten Genossen“, die H. v. G. Beifall zollten. Auch die Stöckerianer ar⸗ beiten still aber rührig für den nächsten Wahlkampf. Aus all diesen Anstrengungen der Gegner sollten unsere Ge⸗ nossen die Lehre ziehen, auch ihrerseits allen Eifer zu betätigen, damit wir für die nächste Wahl gerüstet da⸗ stehen. Und da es für uns nur sehr schwer ist, Lokale zur Abhaltung von Versammlungen zu erhalten, sollten unsere Genossen es sich um so mehr angelegen sein lassen, unsere Partetpresse zu verbreiten. Nicht darüber sollte man in unserer Versammlung Worte verlieren, ob das nationalsoziale oder das konservative Organ sich für einen Arbeiter besser eigne— keines von beiden sollte vom Arbeiter unterstützt werden, nur die sozialdemokratische Presse sollte bei Arbeltern zu finden sein. Vor allen Dingen aber sollten die Genossen darauf wirken, daß in den Nachbardörfern beim bevorstehenden Quartals wechsel recht viele Abonnenten für die„Mitteld. Sountags⸗Ztg.“ gewonnen werden. Für die Arbeiter auf dem Lande, deren Zeit und Lesebedürfnis nicht sehr groß ist, ist die „Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ am besten geeignet. Darum, auf, Genossen, an die Arbeit für die nächste Wahl, sorgt für Aufklärung in den dunkelsten Wukein unseres Wahl⸗ kreises, auf zur Verbreitung der sozlalistischen Grundsätze
Von der Wertzuwachs steue r. In verschiedenen Sitzungen der Marburger Stadtverordneten wurde über die Einführung der Wertzuwachssteuer in Marburg gesprochen. Jedoch immer wieder beschloß man, nochmals„Erhebungen“ anzustellen. Die Er⸗ hebungen werden nach alter Stadtväterbrauch so lange angestellt, bis die Hauptgrundstücke, bei der schon eine ziemliche hohe Steuer bezahlt werden müßte, verkauft find. Wie gesagt, so geschehen. In der letzten Woche wurde das gesamte Gebäude im Südviertel, welches dem Rentier Littmann und dem Fabrikanten Niederehe gehörte, an die Bauunternehmer Wick und Weishaupt verkauft. Wäre die Wertzuwachs⸗ steuer eingeführt gewesen, so hätte die Stadt eine hübsche Summe eingenommen. So aber floß der ganze Ge⸗ winn in die Taschen zweier Leute, die es gar nicht so nötig brauchen. Die Stadt hat jetzt das Nachsehen. Wenn wird wohl endlich die Wertzuwachssteuer einge⸗ führt werden??
Zu demselben Gegenstand wird noch von unserem O' Korrespondenten geschrieben: In der Stadtverordneten⸗ Sitzung vom Dienstag wurde die Summe, welche dem Stadtsäckel entgangen ist, auf 20-30 000 Mk. angegeben. Ein Stadtverordneter wollte seine Zustimmung zur Er⸗ höhung der Hundesteuer von 10 auf 15 Mk. nur von der vorherigen Erledigung der Wertzuwachssteuer abhängig machen. Trotz vieler Anzapfun gen erfolgte vom Magistrat keine Antwort. Er gab dadurch zu erkennen, daß ihm dieses Steuerprojekt nicht sympathisch ist. Und warum sollte es auch anders sein? Magistratsmitglieder ver⸗ äußern selbst Grundstücke und sind Angehörige einer Klasse, die in der Grundstücksverteuerung einen leichten und angenehmen Erwerb findet, aber dafür Steuern zahlen— brrr!
Eine schwere Gasexploston ereignete sich am vorigen Freitag im Gymnastum. Als der dort an⸗ gestellte Hausbursche und Heizer morgens ½8 Uhr mit einer Laterne den unteren Raum betrat, explodierte das dort angesammelte Gas und richtete eine fürchterliche Verheerung an. Es wurden nicht nur sämtliche Türen und Fenster demoliert, sondern auch eine massive Stein⸗ wand des Gebäudes herausgedrückt. Leider ging auch ein Menschenleben dabei zu Grunde. Der Hausbursche wurde fürchterlich zugerichtet. Es wurde ihm der Kopf und Leib aufgerissen und der ganze Körper verbrannt, so daß er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Unter überaus zahlreicher Beteiligung der Marburger Bevölke⸗ rung wurde er am Sonntag zu Grobe getragen. Wem trifft nun aber die Schuld an diesem furchtbaren Un⸗ glück? Schon um ½¼6 Uhr morgens bemerkten Passanten den starken Gasgeruch am Gymnasium. Ein uns als zuverlässig bekannter Mann meldete dies auch sofort einem diensttuenden Schutzmann mit dem Bemerken, daß, wenn das Gymnasium mit Licht betreten würde, unbe⸗ dingt eine Epploston entstehen müsse. Anstatt dies sofort der Gasanstalt mitzuteilen, hat sich der Schutzmann nicht weiter um die Sache gekümmert.
Drei politische Versammlungen wurden vorige Woche in Marburg abgehalten. Am Mittwoch sprach in einer nationalliberalen Versammlung ein Amts⸗ richter über die badischen Landtagswahlen. Freitag hielt„unser“ Reichstagsabgeordneter Gerlach zum ersten Mal seit der Wahl eine Versammlung ab, die von seinen Anhängern nicht besonders gut besucht war.— Weiter fand eine vom soz.⸗dem. Wahlverein einberufene Volks⸗ versammlung statt, in der besonders die Genossen vom Lande stark vertreten waren. Genosse Quint⸗Frankfurt sprach über die Fleischnot. Unter lebhaftem Beifalle kritisierte der Redner die Haltung des Zentrums und nahm sich den General⸗Schweinezüchter Podbielski gehö rig vor. Nachdem der Redner in ausgezeichneten Ausfüh⸗ rungen die verderblichen Schädigungen des am 1. März in Kraft tretenden Zolltarifs brandmarkte, ferner die offiziellen Worte, eine Fleischnot gäbe es nicht, energisch zurückwies, ermahnte er die Versammelten, vor allen Dingen dahin zu wirken, daß die gewerkschaftlichen und politischen Organisatlonen gestärkt und die sozlaldemo⸗ kratische Presse verbreitet werde. Eine Anzahl Genossen traten dem Wahlverein bei.
Versammlungs kalender.
Samstag, 16. Dezember.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 1½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.
Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Tgs.⸗Ord. Der Massenstreik und die Etatsdebatten im Reichstage. Ref. Vetters.
Garbenteich. Arbeiter-Bildungs⸗Vere in. Abends 8/ Uhr Versammlung bei Peter Becker. Zahlreich erscheinen!
Großen⸗Linden. Arbeiter⸗Bildungsvere in. Abends 1/9 Uhr Versammlung bei Wirt Johs. Weigand. Zahlreich erscheiuen 1
Alsfeld. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Stadtpark“.
Sonntag, den 17. Dezember.
Heuchelheim. Arbeiterbildan gsverein. Abends 8 Uhr Versammwlung bei Wirt Lud w ig Germer. Zahlceich und pünktlich erscheinen!
Montag, den 18. Dezember.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr
Versammlung bei Orbig.
Briefkasten.
Nach Wetzlar. Civis, Ihre Zuschrift„Ein psychologisches Rätsel“ ist für unseren weiteren Leserkreis nicht von Interesse. Sie müßten schon die Sache in anderer Form verarbeiten.— N.⸗N. Das Gedicht wollen wir ungedruckt lassen. Erstens ist von Dicht⸗ kunst gar zu wenig an ihm zu spüren, zweitens nehmen wir anonyme Einsendungen grundsätzlich nicht auf.
Zuschriften aus Schotten Wetzlar u. a. zurückgestellt.
Hierzu eine Beilage.
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