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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 51.

nun voll.“ Das heißt mit anderen Worten, die Gesetzgebung habe nun für die Arbeiter genug getan, sie können zufrieden sein, sie schwimmen im Fette. Auf die Anfrage eines Redakteurs hat damals Bülow erklärt, daß der Kaiser nie etwas derartiges zu ihm geäußert habe. Dagegen hielt Maximillian Harden, der Herausgeber der„Zukunft“ seine frühere Behauptung, daß das Wort wirklich gefallen sei, aufrecht. Ob nun das Wort gefallen ist oder nicht, soll uns weiter nicht interessteren. Tatsache ist jedenfalls, daß im ganzen Reiche danach gehandelt wird. Völliger Still⸗ stand der viel berühmten„Arbeiterfürsorge.“ Das muß jeder zugeben, der die Dinge unbe⸗ fangen prüft. Und außerdem weiß doch jeder nur einigermaßen mit den Verhältnissen Ver⸗ traute, wie die Lage der arbeitenden Bevölke⸗ rung in Wirklichkeit ist. Gerade jetzt, bei Teuerung aller Lebensmittel ist es dem Ar⸗ beiter kaum möglich, das Nötigste für seine Familie herbeizuschaffen. In vielen Familien kommt die ganze Woche kein Stückchen Fleisch auf den Tisch, es ist bei den heutigen Fleisch⸗ preisen einfach nicht möglich. Auch die Butter⸗ preise siud in diesem Jahre bedeutend höher als je vorher. Das Pfund kostete in den letzten Wochen 1.25—1.30, in früheren Jahren bezahlte man 90 Pfg. bis 1 Mk. Cier kosten 9— 10 Pfg. das Stück; hat ein Arbetter etwa kränkliche oder schwächliche Kinder, so ist es ihm gar nicht möglich ihnen Eier zu geben, so oft es der Arzt auch verordnet. Sogar die Kar⸗ toffeln waren in diesem Jahre teurer als sonst. Kurz, es reicht der karge Lohn auf keiner Ecke. Das wissen die Arbeiterfrauen am besten und es sind in letzter Zeit wiederholt lebhafte Klagen von solchen in unserer Parteipresse, wie auch in anderen Blättern veröffentlicht worden. Um so unsinniger ist es, wenn im„Gieß. Anz.“ vor einiger Zeit in Anknüpfung an das Wort von der Kompottschüssel es so hingestellt wurde, als habe das Bürgertum und der Staat so unendlich viel für die Arbeiter getan, daß diese nichts zu klagen hätten, zufriedenzustellen seien ste trotzdem nicht. Die Leute, die die Verhält⸗ nisse nicht kennen, sollten mal genötigt sein, ein Vierteljahr eine Arbeiterexistenz zu führen, sie würden bald zu anderen Ansichten kommen.

— Brauereibesitzer und Tabak⸗ fabrikanten halten Versammlungen und Konferenzen ab, um gegen die geplante Be⸗ lastung ihrer Gewerbe durch die neuen Steuern auf Vier und Tabak zu protestieren. Vor kurzem fand hier eine Versammlung ober⸗ hessischer Brauereibesttzer statt, die eine Resolution beschloß, in der es unter anderem heißt:„Die in der Vorlage enthaltenen Steuersätze würden, falls sie Gesetz werden, entweder eine wesent⸗ liche Verteuerung des Bieres oder eine Quali⸗ tätsminderung zur Folge haben. Die Ver⸗ sammlung protestiert dagegen, daß das Brau⸗ gewerbe, welches schon schwer getroffen wird, durch den neuen Zolltarif und die Handels⸗ verträge, jetzt nun schon wiederum durch eine Steuererhöhung stark beunruhigt wird. Die Versammlung erwartet von der Volks⸗Ver⸗ tretung, daß diese die Vorlage der Reichs⸗ regierung ablehnt.“— In einem neulichen (eingesandten) Artikel des„Gleß. Anz.“ wurde gesagt, man möge sich an Herrn Heyligen⸗ städt wenden, damit er mit seinen Parteifreunden gegen die neuen Steuern stimme. Wir meinen, da verlangen die Herren Wasser vom Bims⸗ stein. Heyligenstädt soll als Flottenpatriot und Zöllner gegen neue indirekte Steuern und Zölle stimmen? Da hätten die Herren vom„Tubaksfreisinn“ und andere sich eben bei der Wahl vorsehen sollen. Es schadet ihnen eigentlich nichts, wenn sie jetzt die Folgen der junkerlich⸗natlonalliberalen Politik zu spüren bekommen. Jetzt winseln sie wie junge Hunde, sie wählten aber wie die Kälber.(Protestversamm⸗ lung in Heuchelheim stehe Inserat in der Beilage.)

p. Eine Konferenz der Former von Gießen, Lollar und Wetzlar fand am Sonn⸗ tag bei Orbig statt, um eine Aussprache und Verständigung über die Lohn⸗ und Akkordver⸗ hältnisse herbeizuführen, besoud ers aber die in den Gießereibetrieben herrschenden Mißstände

zu besprechen und Mutel zu ihrer Abhilfe zu treffen. Daß da mitunter recht krasse Zustände herrschen, lehrten die Ausführungen einzelner Kollegen und es wäre dringend geboten, das Material zu sichten und in der Presse zu ver⸗ öffentlichen. Da man die Notwendigkeit und den großen Nutzen für die Organisation die in solchen gemeinsamen Zusammenkünfte liegt einsah, beschloß man, alle Vierteljahr eine allgemeine Metallarbeiter⸗Versammlung der drei Orte ab⸗ zuhalten und eine Kommisston zu bestimmen, welche in diesen Versammlungen über die her⸗ vorgetretenen Mißstände berichten soll. Mit Freuden ist dieser Zusammenschluß zu begrüßen. Wenn die beiden anderen Verwaltungsstellen dem Beispiele Gießens folgen und einen wöchentlichen Lokalzuschlag erheben würden, wäre die Möglichkeit gegeben in absehbarer Zeit einen Geschäftsführer anstellen zu können. — Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hat seit 1. Dez. seine zweite Verkaufsstelle in seinem eigenen Hause am Asterweg eröffnet. Für die Mitglieder in dem nördlichen Stadtteile bedeutet das eine will⸗ kommene Erleichterung, und der neue Laden hat lebhaften Verkehr aufzuweisen. Der Laden⸗ raum wie das ganze Gebäude ist sauber her⸗ gerichtet worden, wofür erhebliche Aufwendungen notwendig waren. Doch dürften diese durch den Mitgliederzuwachs, der seitdem zu ver⸗ zeichnen ist, bald wieder ausgeglichen sein.

— Boykott der Wehmutter. Der „Gieß. Anz.“ bringt folgende Schauermär:

„Wie sehr der Grimm über den Ausfall der Landtagswahl bei den„Genossen“ in Watzen⸗ born ist, zeigt folgendes Vorkommnis: Neu⸗ lich kam die Frau eines„Roten“ in die Wochen. Da der Mann der Steinberger Hebamme nicht „rot“ gewählt haben soll, so hat sich die Wöchnerin die Hebamme in Watzenborn holen lassen mit der Aeußerung:„Die Steinberger Hebamme soll dem Bürger⸗Leun von Großen⸗ Linden ein Kind bringen.“

Ob das wahr ist, wissen wir nicht. Wenn aber ja, so können wir der Frau das gar nicht übel nehmen, sie hat nur dasselbe getan, was die Gegner seit langem praktizieren; das . die Kriegervereine und auch die Amts⸗

ätter.

Aus dem Kreise gießen.

r. Leihgestern. Von einem jähen Tode wurde unser treuer und allezeit pflicht⸗ bewußter Parteigenosse Joh. Gg. Eiff ereilt. Als er am Mittwoch Nachmittag in seiner Sandgrube, die er neben seinem Ackerbau noch betrieb, arbeitete, wurde er von herabstürzenden Erdmassen verschüttet, so daß erznur noch als Leiche hervorgezogen werden konnte. Er stand im Alter von etwa 50 Jahren und hinter⸗ läßt eine Witwe und eine verheiratete Tochter. Eiff war für unsere Partei jederzeit tätig, so⸗ viel in seinen Kräften stand. Bei der letzten Landtagswahl fungierte er als Wahlmann für unsere Partei und es hätte ihm große Freude gemacht, wenn er zu unserem Siege hätte beitragen können. Ehre seinem An⸗ denken! 1

h. Großen⸗Linden. Der hier kürzlich ge⸗

gründete Arbeiter⸗ Bildungsverein macht erfreuliche Fort⸗ schritte, er zählt jetzt bereits 30 Mitglieder. Die Gegner suchen ihm Schwierigkeiten zu machen und Herr Leun soll, wie wir hören, uns die Lokale zu Versammlungen abtreiben wollen. Das wird aber nicht gelingen. Wir werden etwaige Schwierigkeiten zu überwinden wissen. Vorwärts muß bei uns die Losung sein. f. Hausen. Bei der ae eee wahl am Samstag wurde der bisherige Bürgermeister Müller mit 83 Stimmen wieder⸗ gewählt. Sonst gab es bei solchen Wahlen immer einen schweren Kampf, wobei die zWirtschaftspolitit eine Hauptrolle spielte. Auch diesmal hätten gewisse Herren uns gerne einen andern Kandidaten aufgeschwätzt, doch unsere Parteigenossen traten alle für Müller ein und jene ließen mit süß⸗sauerer Mine geschehen, was ste nicht ändern konnten.

Aus dem Nreise Iriedberg⸗Püdingen.

W. Antisemitische Stegesfeter mit Keilere i. Um den„Sieg“ des Bünd⸗

lers Breidenbach im Wahlbezirk Friedberg⸗ Nauheim zu feiern, hatten die Hirschel und Konsorten auf den 2. Dezember ein großes Siegesfest in Oberwöllstadt arrangiert. Das ist natürlich Wahlbier in anderer Form, anstatt es wie früher vor der Wahl oder am Wahltage selbst gegeben wird, giebt man es einige Zeit nach der Wahl. Für diese Zwecke soll der neue Abgeordnete einige Tausend Mark im Falle seiner Wahl bereitge⸗ stellt haben. Bereits bei der Wahl am 24. November sind von den Wahlmännern in Bad Nauheim 68, nach anderer Aussage mehr als 100 Flafchen Sekt getrunken worden, ohne das Andere. Für die Oberwöllstädter Siegesfeier machte das Bündlerblatt schon vorher erheblichen Lärm, es kündigte an, daß nicht blos Hirschel und Breidenbach, sondern auch Bürger meister Gondolf⸗Oberwöllstadt, Altbürgermeister Kling⸗ Bruchenbrücken, Landwirt Moscherosch⸗Nieder⸗ wöllstadt u. A. anwesend sein würden. Es fehlte blos noch, daß es hieß: lauter schwer⸗ reiche Leute, die etwas bezahlen können. Aber das konnte man stch ja auch denken.

Auch die zwei Gesangvereine Liederkranz und Germanta wirkten mit, letztere sagte aber erst zu, nachdem ihm der Bürgermeister wiederholt darum ersucht hatte. Nun wurde getrunken und Hoch geschrieen. Aber nicht lange dauerte die Festesfreude, und da die Worte Kampf und Sieg die Parole bildeten und ein leibhaftiger Hauptmann(oder davongejagter Feldwebel), wenn auch ohne Uniform, zugegen war, so mußte auch gekämpft werden. Innerhalb kurzer Zeit spielte das Messer und andere bekannte Waffen eine Rolle; der tapfere teutsche Haupt⸗ mann Wolf mit seinem Schnerrbein aber fing an zu laufen, und die Hirschel und Breiden⸗ bach hinterdrein, die Kämpfer zurücklassend. Von diesen trugen einige erhebliche Wunden davon, der jugendliche Peter Kuhn wurde be⸗ deutend am Auge verletzt. So feiern die an⸗ tisemischen Patrioten Feste! 3

Das Hirschelblatt in Friedberg bemerkt gegen die„N. Friedberger Ztg.“, die eine Schilderung der Prügelei gebracht hatte:„Augen⸗ zeugen bedauerten, daß ste nicht einen gewissen freistnnigen Zektungsschreiber so mitten darunter drin gehabt hätten, damit er die Sache„aus eigner Er⸗ fahrung“ noch besser hätte schildern können.“ Wenn die Pücklerleute etwa so„kämpfen“ wollen, kann's ihnen aber passieren, daß auch sie mal einen gehörigen Klapps auf den Rüssel bekommen. Am Ende wäre ihnen eine derartige Lektion ganz dienlich.— Das Blatt sucht sich im Uebrigen höchst plump aus der Affäre zu ziehen. Es erklärt, sein Berichterstatter habe vor Ausbruch der„Meinungsverschiedenheit“ das Lokal verlassen, deshalb wisse es nichts über den Ausgang. Wirklich köstlich! Hirschel weiß von nischt. Wir hätten die großmäulichen Phrasendrescher von der„Volkswacht“ mal hören wollen, wenn die Kellerei bei der Sozial⸗ demokratie stattgefunden hätte! Was bei den Bauernbündler„Meinungsverschiedenheiten“ wäre bei uns zum mindesten Roheit gewesen. Die Pücklerleute sind nicht nur im Aufschneiden, sondern auch im Heucheh n groß.

Aus dem Nreise Wetzlar.

* Ordnungsblätter über die Arbeiter⸗ organisation. Das„Weilburger Tageblatt“ ver⸗ zapfte neulich folgenden Unfinn und der„Wetzl. Anz.“ druckte ihn schleunigst nach:

„Die Streik⸗Kasse des sozialdemokratischen Bochum er Bergarbeiterverbandes scheint Geld nötig zu haben, da Agitatoren dieses Verbandes sich bemühen, Bergleute des hiesigen Reviers zum Beitritte zu bewegen. Die Agitation hat jedoch wenig Erfolg, da die hiesigen Berg⸗ leute wissen, daß durch jeden Streik im Kohlenbergbau der Eisensteinbergbau an der Lahn geschädigt wird, weil ohne Kohlen und Kols kein Eisen aus Eisenstein geschmolzen werden kann und daß daher jeder Groschen Beitrittsgeld, der von hier in die Kasse des Bochumer Bergarbeiterverbandes fließt, einen Nagel zum Sarge des hiesigen Bergbaues bildet.“

Wie doch die Kapltalisten⸗ und Uunternehmerblätter um das Wohl und die Groschen der Arbeiter besorgt sind! Sie selber und ihre Klassengenossen nehmen aber die Arbeitergroschen mit Vorliebe, je mehr, desto besser! Darum sehen sie es auch nicht gern, wenn die Arbeiter