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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitnug.
Von Nah und Lern. 50 000 Mark für Feste.
Die bürgerlichen Stadtväter in Leipzig haben zur festlichen Einweihung des neuen Rathauses das nette Sümmchen von 50000 Mk. bewilligt. Da zeigt sich wieder, wie mit dem Gelde der Steuerzahler gewirt⸗ schaftet wird. Für notwendige, im Interesse der Gesamtheit liegende Dinge fehlt es aber immer an Mitteln. Hätte man diese Summe zu Lohnaufbesserungen für die städtischen Ar⸗ beiter verwendet, wäre es jedenfalls vernünftiger gewesen.
Betrügerische Ordnungsstütze.
Der Amtsvorsteher Gutsbesitzer Reuß ner, Rittmeister d. L., erschoß sich in dem Orte Cospa bei Delitzsch, und zwar Angesichts einer angekündigten Revision der ländlichen Spar⸗ und Darlehnskasse. Es stellte sich, wie dem Halleschen Volksblatt geschrieben wird, heraus, daß R. die genannte Kasse um rund 100000 Mk. geschädigt hat.
Aerztlicher Standesdünkel.
Vom Ehrenrat des ärztlichen Bezirksvereins zu Freiberg in Sachsen war der praktische Arzt Dr. Franken in Frankenstein zu 1000 Mk. Geldstrafe und Aberkennung des Wahlrechts auf zwei Jahre verurteilt worden, in der Haupt⸗ sache, weil er durch„familiären Verkehr mit tief unter seinem Stande stehen⸗ den Personen“, nämlich Arbeitern, sich gegen die Standesehre vergangen habe. Das„Großenhainer Tageblatt“ tadelte diesen Spruch und nannte die Mitglieder des Ehren⸗ rats„geschwollene Herren und unvernünftige Menschen“. Der betreffende Redakteur wurde wegen dieser Aeußerungen zu 40 Mark Geld⸗ strafe verurteilt. Mit diesem Verdikt nicht zufrieden, legte der Ehrenrat, obwohl vom ärztlichen Ehrengerichtshof Dresden die Strafe gegen Dr. Franken auf 500 Mk. herabgesetzt, und der Verkehr mit Arbeitern als nicht standes⸗ unwürdig bezeichnet worden war, Berufung ein und erreichte damit auch, daß die dem Redakteur 9 85 Geldstrafe auf 160 Mark erhöht wurde.
Der verliebte Pastor.
Vor der Zivilkammer des Erfurter Land⸗ gerichts wurde die Ehe des Pastors Köhler
getrennt, weil er jedenfalls gar zu starker
Verfechter der„freien“ Liebe war. Zwar wollte der geehrte Herr seine Ehefrau des Ehebruchs bezichtigen, doch drehte sich bet der Verhandlung der Spieß herum, so daß zur Scheidung der ehelichen Gemeinschaft ausschließlich nur der Pastor den Stoff geliefert hatte. Vom Konst⸗ storium war das Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet und vom 1. Juli ab wurde er vom Amte suspendiert, nachdem er seit Drei⸗ vierteljahr die Kanzel nicht wieder betreten. Er war auch Gefängnisgeistlicher. Es ist nicht schwer anderen Moral zu predigen; selber den Versuchungen Stand zu halten ist jedenfalls schwerer. Seit 20 Jahren wirkt K. in Erfurt als Pastor.
Pfaffen⸗ Terrorismus.
Die Strafkammer in Heidelberg verur⸗ teilte am 20. Juni den katholischen Pfarrer (Steinbach von Schönau bel Heidelberg wegen Körperverletzung und Nötigung zu 50 Mark Geldstrafe. Steinbach hatte eine zatholische Frau, die an der Konfirmation ihres protestantischen Neffen teilgenommen hatte, g e⸗ waltsam aus der katholischen Kirche, wo sie ihre Gebete verrichtete, entfernt. Anderen Frauen batte Steinbach aus dem gleichen Grunde die Absolution verweigert.
Ausschweifungen der Besitzenden.
Welche maßlose Verschwendung in den besitzenden Kreisen geübt wird, dafür brachte das„Neue Wiener Tageblatt“ vor Kurzem ein Beispiel. Es berichtete aus London vom 1. Juli: Wohl das kostspieligste Diner, welches jemals in London serviert wurde, gab
gestern Abend der exzentrische amerikanische Millionär Keßler im Savoy⸗Hotel. Keßler hatte versprochen, seinen Gästen etwas ganz Neuartiges in diesem Genre zu bieten, und ließ zu diesem Zwecke den größeren Hof des Hotels in ein Wasserbassin umgestalten, auf welchem zwei goldgeschmückte, eigens hierzu er⸗ baute 927 0 Gondeln schwammen. Rings⸗ um waren die Wände mit veneziauischen Szenerien, u. a. dem Markusplatz mit dem Campanile, bemalt worden. Ein zierlicher Steg führte zu einer der Gondeln, in welcher die Gäste auf vergoldeten Sesseln längs der mit Blumen überdeckten Tafel Platz genommen hatten, während die andere, kleinere Gondel mit den Sängern und dem Orchester, welches die Tafelmusik besorgte, inzwischen auf dem improvisterten Teiche herumschwamm. Der Tenor Signor Caruso, der hierbei mitwirkte, soll allein hierfür ein Honorar von 300 Pfund Sterling(60000 Mk.) erhalten haben. Die Vorhallen, welche die eingeladenen vorher zu durchschreiten hatten, waren aufs wunderbarste durchwegs mit rosa Rosen und rosa Nelken in verschwenderischer Anzahl geschmückt worden. Die Gesamtrechnung für das Diner, das aus zehn Gängen bestand, dürfte 2000 Pfund Sterling betragen, was per Kopf zwei⸗ tausend Mark ausmacht.— Millionen fleißiger Arbeiter müssen aber hungern, trotzdem sie täglich von früh bis spät sich ab⸗ schinden!
Der Zar.
Von Professor M. v. Reusner.
(Schluß.)
Das Leben des Hofes selbst wird von einem zwar latenten, aber dennoch äußerst erbitterten Kampf der verschiedenen Parteien um Besitz und Herrschaft bestimmt. Man darf nicht ver⸗ gessen, daß Kaiser Nikolaus II. die brutale Gewalt seines Vaters nicht besitzt und daß er es nie vermocht hat, die äußerste Zuspitzung von Parteistreitigkeiten und Zwistig keiten inner⸗ halb der Mitglieder der Dynastie hinten anzu⸗ halten. In diesen Kreisen wütet schon lange der Kampf zwischen dem rechten und dem linken Flügel, zwischen der Partei der patriarchalen Despotie mit der Kaiserin⸗Mutter an der Spitze und der des polizeilichen Absolutismus, den der Zar und seine Frau bevorzugen. Die liberale kulturelle Tendenz, die sich in der groß⸗ fürstlichen Linie der„Konstautine“ mehrere Generationen hindurch geltend machte, ist hin⸗ gegen schon längst verschwunden. Schon unter Sipjagin wurde der letzte Sprößling dieses Hauses, Großfürst Konstantin Konstantinowitsch, als Vorsitzender der Akademie der Wissenschaften öffentlich beleidigt und... er mußte nicht nur krank werden und die zugefügte Beletdigung in Kauf nehmen, sondern dazu noch nach wie vor das Amt des Vorsitzenden beibehalten. Konstantin hatte nämlich vorgeschlagen, Gorkt als Ehren⸗ mitglied der Akademie aufzunehmen, und mußte es sich gefallen lassen, daß der Polizei⸗Minister aus eigener Macht und in gesetzwidriger Weise den neuen Akademiker aus der Mitgliederliste strich und davon, ohne die Akademie in Kennt- nis zu setzen, anonym in den Blättern Mit⸗ teilung machte.... Seinerzeit bildeten sich ganze Legenden über die mannhafte und liberale Gesinnung des Konstantin Nikolajewitsch, dieses „roten“ Onkels in der Familie Romanow, der mit seinem Geiste die ganze russische Flotte und ihre altehrwürdigen Helden angesteckt haben sollte. Allein, wir wiederholen, diese Tradition ist gegenwärtig verschwunden;„rote“ Romanows existteren nicht mehr. Um so mehr entwickelt sich der Gegensatz der rein persönlichen dyna⸗ stischen Interessen innerhalb der„patriarchalen“ und„polizeilichen“ Hofpartei. Die Kaiserin⸗ Mutter, die au der Spitze der patriarchalen Reaktion steht, kann sich bis jetzt noch nicht über den Tod des Bauernzaren trösten und steht gleich Podjedonoszew die Ursache alles Uebels darin, daß auf dem Thron nicht mehr ein Mann von starkem Willen und mit eiserner Faust sitzt, der den Hof, die Minister, die Armee in seinen festen Händen halten, und
dadurch dem Volke das Schaufpiel einer strengen aber gnadenvollen Gewalt bieten könnte. Wieder⸗ holt wurde es versucht, Nikolaus für krank zu erklären und Michael auf den Thron zu setzen, da der letztere, wie es der Mutter scheint, eine starke unmittelbare Natur ist, unberührt von irgendwelchem verderblichen Einfluß, frei von inneren Schwankungen für Frauenintrigen; allein diese Versuche stoßen auf harten Wider⸗ stand bei der Kaiserin und dem Zaren, die ihre Nachkommenschaft um jeden Preis auf dem Thron der russtschen Selbstherrscher sehen wollen. Es ist geradezu unglaublich, wie weit die Feindseligkeiten dieser beiden rivalisterenden Parteien gehen; und da jede Partet viele An⸗ hänger in den höheren Kreisen der Gesellschaft zählt und ihrer hohen Stellung gemäß über ungeheuer große Mittel verfügt, so äußert sich der Kampf mitunter in den sonderbarsten Formen. So z. B. wurde in den Hofkreisen erzählt— hegte die Partei der Zarin Alexandra eine Zeitlang— noch vor der Geburt des Thron⸗ folgers Alexei— den Plan, die Thronfolge zugunsten der Töchter Nikolaus II. völlig zu ändern und auf diese Weise dem damaligen Thronfolger Michael den Thron zu entreißen. Ein hervorragender russischer Jurist konnte mir sogar den Entwurf einer rechtlichen Begründung dieses Umwälzungsplanes mittellen. Der Ver⸗ such ist aber mißlungen. Die Geburt Alexeis machte den Plan überflüssig, aber bis jetzt noch ist nicht nur der Hof, sondern die Garde selbst in zwet feindliche Parteien geteilt, so daß Kaiserin Marta gleich Kaiserin Alexandra über eigene Lieblingsregimenter verfügt...“
Durch Verschwörung und Verrat brachte die Kamarilla nicht nur einmal die verhaßten Zaren zur ewigen Ruhe. In den Kassematten der Schüsselburg schmachteten nicht nur die „Rebellen“ aus dem Adel und dem Volk. Dieses Gefängnis sah auch gekrönte Gefangene, die dort in schmutzigen und kalten Kammern unter dem Messer gedungener Mörder gestorben sind. Ueber dem Michailowsky⸗Palast in Peters⸗ burg schwebt noch bis jetzt der Schatten des wahnsinnigen Kaisers Paul, der im Einver⸗ nehmen mit seinen Angehörigen und mit der stillschweigenden Zustimmung seines leiblichen Sohnes und Thronfolgers Alexanders I. so ver⸗ räterisch von seinen Würdenträgern erwürgt wurde.... Dieses Ende beeinflußt zweifellos in der traurigsten Weise die Geschicke des Reiches. Wenn in einer geheimen Ecke des Winterpalais der feige und niederträchtige Hofverrat seinen Dolch zückte, so müßte das mit Abscheu auf⸗ genommen werden, da sich dadurch in die Reihen der Kämpfer für Recht und Freiheit die Träger niederträchtiger Intrige und enger dynastischer Interessen mischen konnten. Wir wünschen Nikolaus von ganzem Herzen, daß er bis zum Tage der Nemesis des Volkes am Leben bleibe, von ihrem Munde das Urteil des großen Gerichtes höre und aus ihren Händen die Krone oder die Verbannung entgegennähme. Wir werden uns aber nicht wundern, wenn die Blätter einmal folgende Nachricht bringen werden:„Am Tage so und so, als Kaiser Nikolaus die Kirche des Regiments so und so zu Ehren des Feiertags aufsuchen wollte, ver⸗ fiel seine Majestät in Wahnsinn, weshalb der Kaiser dem Leibpsychtater so und so übergeben wurde. Laut Grundgesetz des Reiches und laut Erlaß Seiner Majestät wurden seit dem Tage... die Regierungsgeschäfte von übernommen.“
Man sieht, solche Sachen können äußerst einfach gemacht werden.
Elisée Reclus.
In Thouront in Belgien verstarb, wie in voriger Nummer bereits kurz mitgeteilt, im Alter von 75 Jahren auf dem Landsitz eines Freundes Elisée Reclus. Ein schicksalreiches Leben, gleich bedeutsam an ernster wissenschaft⸗ licher Arbeit wie au revolutionärer politischer Betätigung, hat damit seinen Abschluß gefunden. Elisee Reclus vereinigte in seiner Person den gründlichen geographischen Forscher mit dem hervorragenden anarchistischen Politiker und
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