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Nr. 29.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
ähnliches mehr.
Nachdem er zunächst eine drastische Schilderung der heutigen Diplomaten gegeben hatte, welche, niemals aus anderen als altadeligen Kreisen stammend, in gesell⸗ schaftlicher und sportlicher Beziehung meist größere
Fähigkeiten aufweisen als in geistiger, entwickelte er in
kurzen Zügen die wolitische Lage Europas während der letzten Jahrzehnte.
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Dem Dreibund von Mitteleuropa,
Deutschland, Oesterreich, Itaken, stand der Zweibund Frankreichs mit Rußland gegenüber, während England lange Jahre hindurch völlig issltert war. In der letzten
Zeit jedoch gestalteten sich die franko⸗englischen Beziehungen immer herzlicher, bis zu dem Abschluß eines Schieds⸗ gerichtsvertrages und jenen berühmten marolkanischen Abmachungen, laut deren Frankreich auf alle ägyptischen Ansprüche verzichtet, dafür aber in Marokko, wo die un sicheren Zustände einen Eingriff von Seiten der europälschen Mächte pravoziert haben, völlig freie Hand erhielt. Auch Spanien schloß sich dieser Abmachung an. — In Deutschland regte sich damals kein Mensch über dieses Ereignis auf, aur der antisemitische Hetzgraf Reventlow interpellierte im Reichstag den Grafen Bülow wegen seiner Stellungnahme in dieser Frage, ohne jedoch bei irgend einer anderen Partet Anklang zu finden. Graf Bülow selbst erklärte, daß alles in bester Ordnung sei, und so galt denn die Sache als abgemacht, bis plötzlich in diesem Frühjahr der deutsche Kaiser den Sultan von Marokko mit seinem Besuche beehrte und in Tanger eine heftige Rede gegen die französische Ein⸗ mischung in die marokkanischen Angelegenheiten hielt. Damit war plötzlich über Nacht die marokkanische Frage in die Welt gesetzt. Nun ertönten in den bürgerlichen
Blättern Klagen über Klagen, daß die deutschen Interessen
in Marokko nicht genügend gewahrt seien, daß Deutsch⸗ land von Frankreich in seiner Würde gekränkt sei und
Ausfuhr nach Marokko auch nicht einmal durch Frank⸗ reich bedroht worden war. So, führte Redner weiter aus, wäre das deutsche Volk und mit ihm die deutsche Arbeiterschaft um ein Haar in einen Krieg ge⸗ stürzt worden, ohne auch nur zu wissen, für welche „heiligsten Güter der Nation“ sie eigentlich in den Kaiapf zögen!
Zum Schluß kommt Genosse Michels noch auf das Verhalten der Sozialdemokratie in der Marokko⸗ frage zu sprechen und gibt seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß, während die französischen Arbeiter, z. B. in Limoges, große Demonstrationen für Erhaltung des Friedens veranstaltet hätten, die deutsche Partei sich nicht im Geringsten um die ganze Marokkofrage gekümmert habe. Auch Jaurés sei nicht von den deutschen Genossen zu einer Fahrt nach Berlin aufge⸗ fordert worden, sondern habe sich vielmehr selber ein⸗ geladen. Unter lebhaftem Beifall verurteilte Redner das Verbalten Bülows gegenüber dem Genossen Jaurès. — Es set dringend nötig, daß die sozialdemokratische Partet unseren Herren Diplomaten etwas besser auf die Finger sähe, um solchen ernsten Verwicklungen künftighin schneller vorzubeugen, nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch aus rein egoist schen, da ein derartiger Krieg die gesamte Arbeiterbewegung auf Jahre hinaus lahm legen würde.— Eine Diskussion schloß sich an den Vortrag nicht. Nachdem mehrere Mitglieder auf⸗ genommen, ermahnte der Vorsitzende die Parteigenossen, vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß unsere Partei⸗ zeitungen, Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung und Frank⸗ furter Volksstimme immer mehr im Kreise verbreitet würden. Scharf bekämpft müsse dagegen die Schund⸗ literatur werden, um deren Absatz sich jetzt Agenten bemühen. Man solle den„Freien Stunden“ als einer billigen und guten Romanbibliothek mehr Eingang
Trotz aller Aufregung aber, und trotz des Ernstes, den die Situation zeitweilig hatte, weiß; bis heutzutage noch imer kein Mensch, warum es sich eigentlich handelt, da die eine einzige Million deutsche
zu verschaffen juchen. Versammlung.
— Eingesandt. Genosse Dr. Michels hat in der letzten Versammlung im Wahlverein in seinem Vortrage doch einige allzu kühne Behauptungen aufge⸗ stellt. So machte er unserer Partei den Vorwurf, daß erst Genosse Jaures aus Paris sich selbst einladen mußte(nach Zeitungsberichten ist er aber von den Berliner Genossen eingeladen worden), um die deutsche Sozialdemokratie aus ührem Schlaf aufzurütteln. Ob Gen. Dr. Michels bisher auch geschlafen hat, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls aber hat die deutsche Sozlaldemokratie bis heute ihre auferlegten Pflichten treu und redlich erfüllt. Das zeigen uns zur Genüge die Erfolge bet verschiedenen Wahlen usw. usw. Daß auch die Sozialdemokratie des Kreises Marburg nicht geschlafen hat, das zeigen auch unsere Erfolge. Der Wahlverein wächst von Versammlung zu Versammlung und ebenso die Gewerkschaften. Rösler.
— Eine Auskunftsstelle für Rechts schutzsachen hat die Gewerkschafts⸗ kommission zu errichten beschlossen. Geeignete Genossen, die gewillt sind diese Stelle zu über⸗ nehmen, möchten sich bis zum 20. Juli beim Vorfitzenden der Gewerkschaftskommission melden.
Warnung! Streikbrecher werden in der hiesigen„Hess. Landeszeitung“ nach Düsseldorf gesucht bon dem Schreinermeister Max Werner. Da dort seit dem 1. Juli die Schreiner ausgesperrt sind, kann es sich nur um solche Elemente handeln, die ihren Kollegen in den Rücken fallen und sich als Herausreißer für das Unternehmertum ge⸗ brauchen lassen sollen, zu welcher Ehrlosigkeit sich kein Marburger Schreiner hergeben wird. Bezeichnend ist aber für die„Hess. Landesztg.“, daß sie Streikbrechergesuche aufnimmt, während sie doch sonst immer tut, als hätte sie etwas für die Besserung der Lage der Arbeiter übrig.
Auf das Gewerkschaftsfest noch⸗ mals hinzuweisen, erübrigt sich eigentlich, denn in den Marburger Arbeiterkreisen freut sich alt und jung schon längst darauf, ein paar ver⸗ gnügte Stunden unter Gleichgesinnten verleben zu können. Das Festprogramm ist so reich⸗ haltig wie in früheren Jahren und außerdem werden wir diesmal das Vergnügen haben, uns an den turnerischen Leistungen der„Freien Turnerschaft Ockershausen“ erfreuen zu können. Aus dem Inserat sind ja weitere Einzelheiten ersichtlich.
* Schlimmer Jugenderzieher. Von der Marburger Strafkammer wurde am vorigen Freitag der Volksschullehrer Friedrich Pfeiffer aus Nassenerfurt bei Homberg wegen Sittlichkeits verbrechen au Grund des§ 176 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Damir schloß die jehr gu, besuchte
Partei-Uachrichten
Parteigenossen!
Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Jena statt. Auf Grund der Bestimm⸗ ungen der§§ 7, 8 und 9 der Parteiorganisation beruft die Parteileitung den diesjährigen Parteitag auf
Sonntag, den 17. September,
abends 7 Uhr, nach Jena, in das Lokal„Volkshaus“, Karl Zeiß⸗Platz, ein.
Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Die diesjährige
Kreiskonferenz findet am Sonntag, den 13. August, vormittags 10 Uhr, im Lokale des Genossen Orbig in Gießen statt. Tagesordnung: 1. Vorstands⸗ und Kassenbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Die Landtagswahlen. 4. Parteitag in Jena. 5. Verschiedenes.
Die Parteivereine im Kreise werden ersucht, die Wahlen von Delegierten nach Maßgabe des Kreisstatuts alsbald vorzunehmeu. Orte, in denen keine Organisation besteht, können ebenfalls einen Delegierten wählen. Mandatsformulare sind vom Vertrauensmann Au gu st Bock, Gießen, Dammstraße 22, zu beziehen. An⸗ träge zur Tagesordnung, sowie Wünsche in Bezug auf den Ort des nächstjährigen Kreisfestes wolle man recht⸗ zeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44, gelangen lassen.
Der Vorstand des Kreiswahlvereinus.
Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen.
Gemäß§ 11 der Statuten und laut Beschluß des erweiterten Vorstandes wird die
Generalversammlung
des Kreiswahlvereins (Kreiskonferenz) auf Sonntag, den 30. Juli d. J., vormittags präzis 10 Uhr, nach Helden bergen bei Gastwirt Schneider einberufen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Jahres- und Kassenbericht des Vorstandes; Bericht der Bezirksleiter; Neuwahl des Vorstandes. 2. Die bevorstehenden Landtagswahlen. 3. Die diesjährige Landeskonferenz. 4. Der diesjährige Parteitag und eventl. Wahl eines Delegierten. 5. An⸗ träge und Verschiedenes.
Die Filialen werden ersucht, die Delegiertenwahlen nach§ 13 des Statuts vorzunehmen. Etwaige An⸗ träge sind bis spätestens den 25. Juli an den Kreis— vorstand einzureichen.
Die Bezirksleiter werden ersucht, für ange⸗ messene Bekanntmachung in ihrem Bezirke Sorge zu tragen. Die noch ausstehenden Abrechnungen sind nunmehr umgehend an mich einzusenden.
Friedberg, 12. Juli 1905.
Mit Partei⸗Gruß Der Vorstand. J. A. Gustav Kühn.
Versammlungskalender. Samstag, den 15. Juli. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag. den 16. Juli. Heuchelheim. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 3½ Uhr Versammlung bei Ferd Kröck. Samstag, den 22. Juli.
Schotten. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver- sammlung bei Wirt Müller.
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Veleinigte bewestschaften AMaburgs!
Sonntag, deu 16. Juli 1905, von 2 Ahr ab
Grosses Sommerfest
auf der Schanze(oberhalb der Landesheilanstalt) Gesangsvorträge des Gesang⸗Vereins„Eintracht“, turuerische Aufführungen der„Freien Turnerschaft Ockershausen“, Ronzert, Kinderbelustigungen und Preisschießen. 1 Fesir de des Stadtverordneten E. Krumm Gießen. Um 6 Uhr: Aufsteigen zweler Riesenluftballons. Um 8 Uhr: Lampionzug durch die Stadt nach Café Onentin, daselbst
TANZ
Zahlreiche Beteiligung der Arbeiterschaft Marburgs und Um⸗ gegend erwartet
Bei ungünstiger Witterung von 4 Uhr nachm. ab im Café Quentin.
es
Die Gewerkschafts-Kommission.
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