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Nr. 24.
Mitteldeutsche Sonntags⸗ genung.
Seite 7.
einen höheren Preis verkaufen. Wohllust war meine wütendste Neigung; das andere Geschlecht hatte mir bis jetzt nur Verachtung bewiesen, hier erwarteten mich Gunst und zügellose Ver⸗ gnügungen. Mein Entschluß kostete mich wenig. „Ich bleibe bet euch Kameraden,“ rief ich laut mit Entschlossenheit und trat mitten unter die Bande;„ich bleibe bei euch,“ rief ich nochmals, „wenn ihr mir meine schöne Nachbarin abtretet!“ — Alle kamen überein, mein Verlangen zu be⸗ willigen, ich war erklärter Eigentümer einer Hr und das Haupt einer Diebesbande.
Den folgenden Teil der Geschichte übergehe ich ganz; das bloß Abscheuliche hat nichts Unter⸗ richtendes für den Leser. Ein Unglücklicher, der bis zu dieser Tiefe heruntersank, mußte sich endlich alles erlauben, was die Menschheit em⸗ pört— aber einen zweiten Mord beging er nicht mehr, wie er selbst auf der Folter bezeugte.
Der Ruf dieses Menschen verbreitete sich in kurzem durch die ganze Provinz. Die Land⸗ straßen wurden unsicher, nächtliche Einbrüche beunruhigten den Bürger, der Name des Sonnenwirts wurde der Schrecken des Land⸗ volks, die Gerechtigkeit suchte ihn auf, und eine Prämie wurde auf seinen Kopf gesetzt. Er war so glücklich, jeden Anschlag auf seine Frei⸗ heit zu vereiteln, und verschlagen genug, den Aberglauben des wundersüchtigen Bauern zu seiner Sicherheit zu benutzen. Seine Gehilfen mußten aussprengen, er habe einen Bund mik dem Teufel gemacht und könne hexen. Der Distrikt, auf welchem er seine Rolle spielte, ge⸗ hörte damals noch weniger, als jetzt, zu den aufgeklärten Deutschlands; man glaubte diesem Gerüchte, und seine Person war gestchert. Niemand zeigte Lust, mit dem gefährlichen Kerl anzubinden, dem der Teufel zu Diensten stünde.
Ein Jahr schon hatte er das traurige Hand⸗ werk getrieben, als es anfing ihm unerträglich zu werden. Die Rotte, an deren Spitze er sich gestellt hatte, erfüllte seine glänzenden Erwar⸗ tungen nicht. Eine verführerische Außenseite hatte ihn damals im Taumel des Weines ge⸗ blendet; jetzt wurde er mit Schrecken gewahr, wie abscheulich er hintergangen worden. Hunger und Mangel traten an die Stelle des Ueber⸗ flusses, womit man ihn eingewiegt hatte; sehr oft mußte er sein Leben an eine Mahlzeit wagen, die kaum hinreichte ihn vor dem Verhungern zu schützen. Das Schattenbild jener brüder⸗ lichen Eintracht verschwand; Neid, Argwohn und Eifersucht wüteten im Innern dieser ver⸗ worfenen Bande. Die Gerechtigkeit hatte dem⸗ jenigen, der ihn lebendig ausliefern würde, Belohnung, und, wem es ein Mitschuldiger wäre, noch eine feierliche Begnadigung zugesagt — eine mächtige Versuchung für den Auswurf der Erde! Der Unglückliche kannte seine Ge⸗
fahr. Die Redlichkeit derjenigen, die Meuschen und Gott verrieten, war ein schlechtes Unter⸗ pfand seines Lebens. Sein Schlaf war von jetzt an dahin; ewige Todesaugst zerfraß seine Ruhe; das gräßliche Gespenst des Argwohns rasselte hinter ihm, wo er hinfloh, peinigte ihn, wenn er erwachte, bettete sich neben ihm, wenn er schlafen ging, und schreckte ihn in entsetzlichen Träumen. Das verstummte Gewissen gewann zugleich seine Sprache wieder, und die schlafende Natter der Reue wachte bei diesem allgemeinen Sturme seines Busens auf. Sein ganzer Haß wandte sich jetzt von der Menschheit und kehrte seine schreckliche Schneide gegen ihn selber. Er vergab sich jetzt der ganzen Natur, und fand niemand, als sich allein zu ver⸗
fluchen. (Schluß folgt.)
Splitter.
Sobald das Recht uns ein bischen nach Pflicht riecht, sucht jeder Einzelne sein Recht darin, keines zu üben.
Gottfried Keller. *ñ**
* „Mein Herr, Sie sind erst halb so alt wie ich Und müssen sich vor meiner Einsicht beugen.“ „„Sie hätten recht und wollen dennoch mich Mit Jahren statt mit Gründen überzeugen?““ a Ludwig Fulda.
* *
Durch unsere ganze Zeit geht der Grundzug einer großartigen und fundamentalen, wenn auch vielleicht still und friedlich sich vollziehenden Reform aller Anschauungen und Verhältnisse. Man fühlt, daß die Weltperiode des Mittel⸗ alters erst jetzt sich dem Ende zuneigt, und daß die Reformation, und selbst die französische Revolution, vielleicht nur Dämmerungsgestalten eines neuen Lichtes sind.
F. A. Lange.
Humoristisches
Humor in der Schule. In der Frkftr. Ztg. veröffentlicht ein Lehrer Anekdoten von Schulprüfungen. Darunter auch folgende:
Es war Pfingsten und Konfirmation, die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Da fragt der Pfarrer in der Christenlehre einen Konfirmanden:
„Was ist Glaube?“
Der Konfirmand, der wahrscheinlich eine andere Frage erwartet hatte, antwortete zum Entsetzen des Pfarrers und aller Gläubigen mit lauter durch die ganze Kirche hallender Stimme:
„Der Glaube ist die Wurzel alles Uebels!“
Von den Militärgerichten. Kriegsge⸗ richtsrat:„Unteroffizier Mayer, Sie sind angeklagt,
den Gefreiten Knöpke mit Ihren Stiefel absätzen in den Magen getroffen zu haben. Wie können Sie Ihr Vor⸗ gehen entschuldigen?“— Unteroffizier Mayer:„Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, die Soldaten meiner Kompagnie immer nur mit Handschuhen anzufassen. Wenn ich aber einmal fatt der Hände die Füße ge⸗ brauche, da kann man doch nicht von mir verlangen, daß ich deshalb gleich die Schuhe ausziehe!“— Das Kriegsgericht erkannte gleich nach kurzer Beratung auf Freisprechung des Angeklagten, weil Konsequenz eine Soldatentugend sei und der Angeklagte nur konsequent gehandelt habe.(Ind.) Auf dem Schiffe.„Weißt Du, Erna, warum der große Lloyddampfer„Kaiser Wilhelm“ heißt?— „Warum denn?“—„Weil er immer unterwegs ist.“
Aterarisches
Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Erläuterungen zum Erfurter Programm von Kautsky und Bruno Schönlank. Von dieser viel fach verbreiteten Agitationsbroschüre hat sich abermals eine neue, von Kautsky durchgesehene Auflage notwendig ge⸗ macht, die soeben von der Buchhandlung Vorwärts aus⸗ gegeben wird. Im ersten Abschnitt der Broschüre er⸗ läutert Kautsky den prinzipiellen Teil des sozialdemo⸗ kratischen Programms, indem er aus der Schilderung der bestehenden Zustände die Unhaltbarkeit der heutigen Gesellschaftsordnung und die Notwendigkeit nachwelst, daß der Sozialismus zum Siege führen muß. Der zweite Tetl der Broschüre behandelt den Weg, der zu diesem Ziele führt und bringt bei jedem Punkte des Programms eingehende Erläuterungen. Die Broschüre ist für Massen verbreitung besonders geeignet; sie ist im einzelnen für 10 Pfennig in unserer Expedition zu haben.
Geschlechtsverkehr und Geschlechtskrank⸗ heiten betitelt sich das soeben erschienene Heft der Arbeiter⸗Gesundheitsbibliothek. Der Verfasser, Dr. Ernst Gebert, welcher als langjähriger Spezialarzt für Haut⸗ und Geschlechtskrankheiten über große Erfah⸗ rungen auf dem Gebiet verfügt, behandelt in dem vor⸗ liegenden, knapp und leicht verständlich geschriebenen Heft den Geschlechtstrieb und seine Befriedi⸗ gung. Was versteht man unter Geschlechts⸗ krankheit? Wie erfolgt die Ansteckung? Wie schützt man sich vor der Ansteckung? Me be⸗ sonderer Aufmerksamkeit bespricht der Verfasser die häufige Uebertragung der Krankheit, besonders der Syphilis auf außergeschlechtlichem Wege: durch Kuß, Berührung“ wunder Stellen, Verletzungen beim Rasieren, Benutzung gemeinsamer Eß⸗ und Trinkgeräte, gemeinsame Mund⸗ stücke ꝛc. 2c. Verfügt er doch selbst über einen Fall von Famtlienansteckung, in dem nicht weniger als 7 Personen auf außergeschlechtlichem Wege unbewußt Syphilis bekamen. Die überaus lesens⸗ und beherzigens⸗ werte Schrift wird zur Anschaffung dringend empfohlen. In der Arbeiter⸗Gesundheits⸗Bibliothek sind bereits früher erschienen: 1. Heft: Die erste Hülfe bei Unglücksfällen. — 2. Heft: Das erste Lebensjahr.— 3. Heft: Zur Gesundheilspflege des Nervensystems.— 4. Heft: Der Achtstundentag.— 5. Heft: Alkoholfrage und Arbeiter⸗ klasse.— 6. Heft: Das Schulkind.— Jedes Heft ist für sich abgeschlossen und kostet 20 Pfennig.
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