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Seite 6.
Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung;
Nr. 23.
Von Nah und Fern. Die gefährdete Sittlichkeit.
In Hanau hat sich die Polizei wieder ein⸗ mal berufen gefühlt, die Arbeiter vor Schaden an ihrer Sittlichkeit zu bewahren. Sie hat den Simplizisstmus⸗Abend verboten, weil durch die zum Vortrag bestimmten Kunstwerke die Sittlich⸗ keit der jugendlichen und weiblichen Arbeiter gefährdet werden könnte. Das Hanauer Ge⸗
werkschaftskartell wird die nötigen Schritte
ergreifen, um von den oberen Instanzen die Erlaubnis für die geplante Veranstaltung zu erlangen, zumal in anderen Städten die gleiche Veranstaltung ohne Weiterungen mit der Polizei möglich gewesen ist. Vorläufig freilich ist die Veranstaltung vereitelt.
Sauberkeit in der Bäckerei!
Neulich hatte sich in Hanau der Bäcker⸗ meister Karl Kaltenschnee wegen Vergehens gegen die Nahrungsmittelgesetze vor Gericht zu verantworten. Bei der Verhandlung stellte sich heraus, daß in der Bäckerei Kaltenschnee seit mehreren Jahren die widerlichsten Schmutze⸗ reien bestanden haben. Der reiche Bäcker⸗ meister hat in seinem Geschäft nicht die aller⸗ notwendigsten Forderungen der Reinlichkeit er⸗ füllt. Sein Mehlboden war nicht verschalt, so daß das Mehl direkt unter den Ziegeln lag und fortgesetzt durch eindringenden Staub und herabfallende Spinngewebe verunreinigt wurde. Eine Tür hatte der Mehlboden auch nicht, Katzen und Hühner liefen ungehindert ein und aus und täglich fanden die Bäckergehilfen die Exkremente dieser Tiere im Mehle vor, das aber trotzdem verbacken werden mußte, nachdem es einmal durchsiebt war. Dazu kam ferner, daß die Mehlkammer direkt über den Schweineställen und den
Aborten lag, deren Dünste in den Mehlraum
einströmten. Wenn Kaltenschnee seinen Schweinen das Futter bereitet und gebracht hatte, dann wusch er in der Regel seine dabei beschmutzten Hände in der Backstube in dem lauwarmen Wasser, das zum Anmachen des Teiges ver⸗ wendet wurde, und goß diese schmutzige Brühe in den Teig. Noch viele andere Schweinereien wurden durch 27 Zeugen fest⸗ gestellt, trotzdem erhielt der saubere Backermeister, der auch die Lieferungen für das Spital hatte, nur 300 Mk. Geldstrafe, während der Antrag des Staatsanwalts auf 3 Monate Gefängnis lautete.— Das Stadtverordneten⸗ kollegium stellte einen Antrag beim Magist⸗ rat, dieser möge erwägen, inwieweit es möglich sei, festzustellen, ob in den anderen hiesigen Bäckereien Mißstände inbezug auf die Sauber⸗ keit beständen und ob die Möglichkeit gegeben sei, solche durch Maßnahmen der städtischen Behörde abzustellen.
Ein zärtlicher Bruder.
Der Berliner Gerichtsassessor Fried. Frei⸗ herr Haller von Hallerstein hat gegen den sozialdemokratischen bayerischen Landtags⸗ abgeordneten Siegmund Haller von Haller⸗ stein eine interessante Klage angestrengt. Der letztere bezieht aus den freiherrlichen Familien⸗ stiftungen nicht unansehnliche Renten. Die Klage Friedrichs geht nun dahin, daß Sieg⸗ mund weder zum Stiftungsgenuß noch zur Verwaltung berechtigt sein soll. Sie wird damit begründet, daß er aus der christlichen Kirche ausgetreten, daß er als Führer und Agitator der sozialdemokratischen Partei tätig sei, die den Umsturz des bestehenden Staates, die Besettigung des Adels und die der adeligen Familien als Endziel erstrebt, also auf die Schädigung sowohl des Staates als der adeligen Familien und damit der Familie Haller von Hallerstein ausgeht.— Stärker selbst als alle Blutsbande sind die Klassengegensätze, selbst Brüder wenden sich gegen den Bruder, wenn er zum Volke geht und für die Freiheit ficht!
Berliner„Kirchennot“.
In Zehlendorf bei Berlin hat sich an einem der letzten Sonntage der seltsame Fall ergeben, daß der Gottesdienst gänzlich ausfallen
mußte, weil sich außer dem Pastor überhaupt niemand dazu eingefunden hatte.— In Berlin und Umgebung wird eine Kirche nach der anderen gebaut; auf welche Weise die Mittel dazu auf⸗ getrieben werden, hat die Affäre Mirbach ge⸗ zeigt. Aber daß zu einer Kirche auch noch etwas mehr gehört als Stein und Mörtel, zeigt der geringe Kirchenbesuch, über den viel geklagt wird und an dem die Liberalen den Orthodoxen und die Orthodoxen den Liberalen die Schuld zuschreiben. Der Kaiser scheint recht gehabt zu haben, als er in Wilhelmshaven sagte, daß es bei uns mit dem Christentum schlimm bestellt sei.
Müssen fürstinnen patriotisch sein?
Gewöhnliche Sterbliche, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts müssen patriotisch sein, sonst gehören sie zu jener„Rotte“ von Menschen, die man auch„vaterlandslose Gesellen“ nennt. Zum Patriotismus gehört vielerlei. Für das Proletariat sind folgende Tugenden als höchst patriotisch bekannt: Arbeit bis zur Bewußtlostg⸗ keit, aber für billigen Lohn; diese Bewußt⸗ losigkeit oder Gedankenlosigkeit an sich, denn Gedanken werden leicht unpatriotisch; niemals eine Verbesserung der Arbeits⸗ oder Verstcherungs⸗ gesetze verlangen, denn so macht man ja die Einrichtung des Vaterlandes verächtlich; aus demselben Grunde mit Vorliebe das teuerste Fleis) und Brot essen, damit die vaterländischen Junker uns in den ausländischen Blumen⸗ und Amorsälen keine Schande machen; überhaupt alle Steuern nicht nur mit Wonne zahlen, sondern um deren Erhöhung bitten, lieber selbst Hungers sterben als das Haus Glücksburg darben lassen; zuletzt, nicht am wenigsten, die ungeheuere Ueberlegenheit des Militärs aner⸗ kennen und sich zur ungeheuren Wurstigkeit des Zivils bekennen.
Die patriotische Tugend des Proletariats, sich so billig wie möglich ausbeuten zu lassen, nennt man auch gern: Unterstützung der natio⸗ nalen Industrie. Diese Unterstützung der natio⸗ nolen Industrie üben die reichen Leute viel an⸗ genehmer und müheloser, indem sie recht viel schöne und nützliche Gebrauchsgegenstände er⸗ werben.
Aber auch diese für den Eigner so nette vaterländische Tugend, recht viele Dinge im Lande zu kaufen und zu gebrauchen, als da sind: Wein, Parfüm, Schaumwein, Liqueur, Seide, Sammt, Spitzen, Gemälde, Statuen, Vasen
usw. ist Pflicht nur für die Untertanen. Die!
Fürsten und die Fürstinnen gebrauchen diese Tugend nicht, sie sind schon tugendhaft genug. Daß Fürsten und Fürstinnen tugendhaft find, behaupten wir sogar auf diese Gefahr hin, für ungebildet zu erscheinen und uns zu dem jetzt so gefeierten Schiller in Widerspruch zu setzen. Sagt der doch bekanntlich:
„Fürsten, diese mißratenen Projekte der wollenden und nicht könnenden Natur, sitzen 15 1 zwischen Menschheit und Gottheit nieder.“
Schiller nennt die Fürsten mißratene Pro⸗
jekte der Natur. Dem sei nun wie ihm sei!
Daß ste aber auch heute noch gern„zwischen Menschheit und Gottheit niedersitzen“ ist gewiß. Deshalb brauchen die„höchsten Herrschaften“ auch keinen Patriotismus in dem gewöhnlichen Sinne; dort auf ihrem erhabenen Sitz ist diese Tugend zu erdenschwer. Deshalb braucht die künftige Kronprinzessin auch nicht die heimische Industrie zu unterstützen, sie kann getrost hin⸗ überschweben ins„erbfeindliche“ Land und dort ihre ganze Ausstattung kaufen. Was lärmen die deutschen Industriellen darüber!? Fürstinnen, 20 fi Fürstinnen brauchen nicht patriotisch zu sein.
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Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller. 4.(Fortsetzung.)
Jetzt stand ich allein vor dem Abgrund, und ich wußte recht gut, daß ich allein war. Die
Undborsichtigkeit meines Führers entging meiner
Aufmerksamkeit nicht. Es hätte mich nur einen beherzten Entschluß gekostet, die Leiter herauf⸗ zuziehen, so war ich frei, und meine Flucht war gesichert. Ich gestehe, daß ich das einsah. Ich
sah in den Schlund hinab, der mich jetzt auf⸗
nehmen sollte; es erinnerte mich dunkel an den Abgrund der Hölle, woraus keine Erlösung mehr ist. Mir fing an, vor der Laufbahn zu schaudern, die ich nunmehr betreten wollte; nur eine schnelle Flucht konnte mich retten. Ich beschließe diese Flucht— schon streckte ich den Arm nach der Leiter aus— aber auf einmal donnerts in meinen Ohren, es umhallt mich wie ein Hohngelächter der Hölle:„Was hat ein Mörder zu wagen?“— und mein Arm fällt gelähmt zurück. Meine Rechnung war völlig, die Zeit der Reue war dahin, mein begangener Mord lag hinter mir aufgetürmt, wie ein Fels, und sperrte meine Rückkehr auf ewig. Zugleich erschien auch mein Führer wieder und kündigte mir an, daß ich kommen sollte. Jetzt war ohnehin keine Wahl mehr. Ich kletterte hinunter.
Wir waren einige Schritte unter der Fels⸗ mauer weggegangen, so erweiterte sich der Grund, und einige Hütten wurden sichtbar. Mitten zwischen diesen öffnete sich ein runder Rasenplatz, auf welchem sich eine Anzahl von achtzehn bis zwanzig Menschen um ein Kohlenfeuer gelagert hatte.„Hier Kameraden,“ sagte mein Führer und stellte mich mitten in den Kreis;„unser Sonnenwirt! heißt ihn willkommen!“
„Sonnenwirt!“ schrie alles zugleich, und alles fuhr auf und drängte sich um mich her, Männer und Weiber. Soll ichs geskehn? Die Freude war ungeheuchelt und herzlich. Ver⸗ trauen, Achtung sogar erschten auf jedem Ge⸗ sichte; dieser drückte mir die Hand, jener schüttelte mich vertraulich am Kleide, der ganze Auftritt war, wie das Wiedersehen eines alten Bekannten, der einem wert ist. Meine Ankunft hatte den Schmaus unterbrochen, der eben an⸗ fangen sollte. Man setzte ihn sogleich fort und nötigte mich, den Wllkomm zu trinken. Wild⸗ pret aller Art war die Mahlzeit, und die Wein⸗ flasche wanderte unermüdet von Nachbar zu Nachbar. Wohlleben und Einigkeit schien die ganze Bande zu beseelen, und alles wetteiferte, seine Freude über mich zügelloser an den Tag zu legen.
Man hatte mich zwischen zwei Weibspersonen sitzen lassen, welches der Ehrenplaß an der Tafel war. Ich erwartete den Auswurf ihres Geschlechts, aber wie groß war meine Ver⸗ wunderung, als ich unter dieser schändlichen Rotte die schönsten weiblichen Gestalten entdeckte, die mir jemals vor Augen gekommen. Mar⸗ garethe, die älteste und schönste von beiden, ließ sich Jungfer nennen und konnte kaum fünfundzwanzig sein. Sie sprach sehr frech, und ihre Geberden sagten noch mehr. Marie, die jüngere, war verheiratet, aber einem Manne entlaufen, der ste mißhandelt hatte. Sie war feiner gebildet, sah aber blaß aus und schmächtig, und fiel weniger ins Auge, als ihre feurige Nachbarin. Beide Weiber eiferten auf einander, meine Begierden zu entzünden; die schöne Margarethe kam meiner Blbdigkeit durch freche Scherze zuvor, aber das ganze Weib war mir zuwider, und mein Herz hatte die Marie auf immer gefangen.
„Du stehst, Bruder Sonnenwirt,“ fing der Mann jetzt an, der mich hergebracht hatte,„du stehst, wie wir untereinander leben, und jeder Tag ist dem heutigen gleich. Nicht wahr, Kameraden?“
„Jeder Tag, wie der heutige!“ wiederholte die ganze Bande.
„Kannst du dich also entschließen, an unserer Lebensart Gefallen zu finden, so schlag ein und sei unser Anführer. Bis jetzt bin ich es ge⸗ wesen, aber dir will ich weichen. Seid ihr's zufrieden Kameraden?“
Ein fröhliches„Ja!“ antwortete aus allen Kehlen.
Mein Kopf glühte, mein Gehirn war be⸗ täubt, von Wein und Begierde stiedete mein Blut. Die Welt hatte mich ausgeworfen, wie einen Verpesteten— hier fand ich brüderliche Aufnahme, Wohlleben und Ehre. Welche Wahl ich auch treffen wollte, so erwartete mich Tod; hier aber konnte ich wenigstens mein Leben für
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