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Mittel dentsche Sonntags- Zeitung.

Nr. 2.

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Unterhaltungs-Cril.

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Das ungerechte Jahr.

Wir rufen froh bei deinem Scheiden: Fahr' hin, du ungerechtes Jahr,

Du brachtest uns nur neue Leiden

Und neue Knechtschaft emsig dar;

Du warfst die Frucht mit vollen Händen Den faulen Schlemmern in den Schoß, Uns aber lässest du verenden

Bei harter Arbeit niedrem Los.

Du reiftest Wein wir tranken Wasser, Du schenktest Korn wir litten Not, Vu gabst das Brot dem reichen Prasser Und schicktest uns den Hungertod;

Du hast uns jederzeit vergessen

Beim Leeren deines goldnen Horns, Doch reichlich hast du zugemessen

Uns aus der Schale deines Sorns.

Im Krieg ward unser Blut vergossen,

Beim Mißwachs faulte unser Brot,

Und wenn die Ströme überflossen,

So standen wir in Schlamm und Kot;

Je mehr die Sonne Aehren reifte,

Je kleiner wurde unser Teil,

Doch wenn der Sturm das Land durchstreifte, Traf uns gewiß sein Donnerkeil.

Bon unsrer Arbeit reichem Segen

Nast du gefüllt des Wuchrers Haus. And unsers Geistes freies Regen

Ersticktest du mit kaltem Graus.

Vu hast das gute Recht verhöhnet

Mit deinem ganzen Lebenslauf

Wir stehn am Grabe, unversöhnet,

Und werfen einen Fluch darauf.

Robert Seidel.

Idyllen aus einem Gebirgsdorfe.

Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk.

75(Schluß.)

Der Meister merkte die Bewegung sogleich, und seine Aeuglein verrieten, daß ihn ein anderer Gedanke ergriffen hatte.

Klipp, sagte er im Tone eines mahnenden Beichtvaters,Du hast doch für das Mädel gesorgt?

Klipp schwieg eine Weile.

Dann drehte er in plötzlicher Entschlossenheit seinen Kopf herum.

Schneider, Du kannst mich ja einen Esel 1 15 so oft Du willst. Das Mädel ist bei mir!

Der Meister warf seinen Stuhl um.

Klipp, da hast Du sie schlecht aufgehoben! sagte er ärgerlich.

f 5 der Gescholtene wurde plötzlich ge⸗ prächig.

Schneider! begann er,es gibt Leute, die am Morgen verwünschen, was sie am Abend getan; aber ich gehör' nicht zu ihnen. Als sich das Mädel ausgeweint hatte, ging ich auf sie zu. Der Jude, der noch auf der Ofenbank lag, hätte es hören können, was ich ihr sagte. Sie war noch in meinen Rock eingewickelt und sah mich traurig an. Mädel, sagte ich, ich trag jetzt das Geld zum Huttenmeister, der es auf⸗ beben soll. Willst Du mir in meiner Stube Feuer machen inzwischen? Sie war bereit, und ich ging. Als ich das Dorf herunter kam, sah ich Licht in meiner Stube; ich trat hinein. Es war schön warm, auf dem Tische stand mein Essen, und das Mädel stand traurig da und lehnte sich an den Ofen. Ich gab ihr meine Suppe und redete ihr freundlich zu.

Zuletzt fragte ich sie, ob sie bei mir bleiben wolle. Da schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Ich drückte ste an mich und sagte ihr, wie lieb ich sie habe. Als ich dann die Türe von innen abschloß, wehrte sie es nicht. Sie löschte das Licht und legte sich auf mein Bett. Ich stand am Fenster und hörte sie leise beten. Da kniete ich neben ihr nieder und küßte sie. Sie ließ mich auf ihr Kreuzlein schwören, daß ich sie nicht verlassen

wolle. Heute in der Frühe war ste schon flink half den armen Jüdlach in

bei der Hand und die Totenkammer tragen.

Klipp, sagte der Meister,wann wirst

Du es dem Pfarrer sagen?

Schneider, sprach der Hüttenmann mit Festigkeit,ich bin den Schwarzröcken immer wird sich auch ohne

gerne ausgewichen. Es den Weihwedel leben lassen!

VIII.

So kam Hammerklipp zu einer Gefährtin. Seine einsame Stube dünkte ihm jetzt ein kleines Paradies; das Gerede der Dorfleute, unter welchem besonders ein giftiges Zürnen der Weiher zu bemerken war, focht ihn nicht an. Er sah Rosel nicht als seine Frau an in dem Sinne der gebräuchlichen Verheiratungen. Was er von Ehen im Dorfe erfahren, war weder erfreulich, noch nachahmenswert. Seine Kame⸗ raden redeten von ihren Frauen im Tone einer kläglichen Enttäuschung. Er kannte Rosel von dem Tage an, da sie der Jude, noch als halb kindliches Mädchen, ins Dorf gebracht. Ihre Natürlichkeit, ihre Folgsamkeit und ihre Freund⸗ lichkeit sagten ihm ungemein zu; daß ste sich ihm auf Treue und Glauben ohne Weiteres ergeben, riß ihn völlig hin. Vielleicht lag gerade in diesem eigentümlichen Verhältnis die beste Bürgschaft seiner Beständigkeit; denn Klipp war ein ehrlicher Mann, und im Grunde ist auch die eheliche Treue nur eine bestimmte Form der Ehrlichkeit. Da aber diese Ehrlichkeit sowohl von den Formen irgend eines religiösen Kultus, als auch von den Formen bürgerlicher Akte völlig unabhängig ist, so konnte das Verhältnis, in dem jene beiden jungen, gesunden und ver- liebten Personen standen, als eine Musterehe angesehen werden. In der Tat brachte das junge Familienglück sogar die anfänglichen Bedenken des Schneiders zum Schweigen.

Der Alte kam jetzt oft zu dem jungen Paar. Dein Mädel gefällt mir mit jedem Tage besser, Klipp, sagte er einmal zu seinem Freunde. Gestern war's ein Jahr, daß sie den Juden heraustrugen; Ihr lebt wie junge Brautleute! Das macht, lachte Klipp,weil Rosel wirklich noch immer meine Braut ist. Ich werbe jeden Tag aufs Neue um sie; steht ste einmal traurig da, faßt es mich wie Kummer an, daß sie mir fortzteht.

Klipp arbeitete sehr fleißig. Wenn er vor dem Riesenhammer stand, schien sich seine ganze Gestalt zu heben. Er wußte jetzt, für wen er sich rührte. 5 f

Schneider, sagte er,mein größtes Glück ist, wenn ich meinen Lohn heimbringe. Dann sttzt das Mädel bei mir, und ich schütte ihr das Geld in den Schooß.

Klipp blieb über die Zeit des Mittags im Werke; Rosel brachte ihm täglich das Essen. In ihrem sauberen Röckchen stand sie vor ihm, von Allen gern gesehen. Auch seine Kameraden gewannen ste lieb.

Klipp war nicht eifersüchtig. Es freute ihn, wenn der und jener seiner Gefährten sich mit dem munteren Mädel zu schaffen machte.

Einst kam Rosel auf ihrem gewohnten Wege nach dem Werke. Sie schritt über den weiten Raum des Hofes zwischen Eisenteilen und Maschinenstücken daher. 7

Da näherte sich ihr einer der jüngeren Beamten. Es war ein feines Herrchen mit klugem Gesicht und goldener Brille. Rosel wich ihm gerne aus. Sie war in der Judenschänke mit Männern aller Art zusammengetroffen und hatte manche Freiheit und Anmaßung mit jener ruhigen Abwehr hingenommen, die gewöhnlich reinen Naturen eigen ist. 0

Allein das junge Herrchen trug etwas zur Schau, das Rosel abstieß; und als der Geck mit seiner Brille jetzt näher kam und ihr den Weg verstellte, faßte ste ein Gefühl seltfamer Hilflosigkeit.

Der alberne Mensch erhob halb spielend sein Spazierstöckchen gegen den Saum ihres kurz geschürzten Rockes, den er lächelnd hinauf⸗ schob; es lag in dieser einzigen Geberde eine ganze Summe von Gemeinheit.

Rosel wurde totenblaß; dann, indem sie bestürzt emporblickte, gewahrte sie an einem Fenster plötzlich das wutentstellte Gesicht Ham⸗

merklipps, der den Vorgang mit angesehen; und dieses Gesicht war wie ein Blitz wieder verschwunden.

Im nächsten Augenblicke sprang die Gestalt des Schmiedes über ein mächtiges Maschinenstück, das am Wege lag, und zwei unerbittliche Hände griffen den erschreckten jungen Herrn.

Es ward dabei kein Wort gesprochen. Nach einigen Minuten verzehrte Klipp fein Mahl mit 0 Hunger; das Mädchen stand bleich vor ihm.

Aus dem Tore aber hinkte ein junger Fant mit schlotternden Knien und schmerzendem Kopfe, Wut und Rache im Herzen.

Auf dem Tatorte lag ein unschuldiger Zeuge eines bewegten Vorganges eine Brille in Scherben.

Du wirst um Deine Arbeit kommen, Hein⸗ rich! klagte Rosel.

Laß es gut sein, Du dummes Mädel, beschwichtigte Klipp,es stampfen noch mehr Hämmer den We

Der Schmied bekam wirklich seine Entlassung; ste tat ihm nicht wehe. Sein Schatz wollte in Tränen zerfließen; er lachte und scherzte, bis auch Rosel munterer wurde.

Sie wanderten aus.

Klipp, sagte der Schneider beim Abschiede, v»ich ginge gern mit Euch. Ich habe so eine dumme Ahnung, daß unserm alten Dörfchen nichts Gutes bevorsteht.

Der Schneider sollte Recht haben.

An einem trüben Herbsttage kam eine Schaar Lohnweber aus dem Städtchen ins Dorf zurück. Sie hatten von dem Fabrikanten, der ihr Brot⸗ geber war, keine Arbeit erhalten.

Etwa um dieselbe Zeit erschien der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, in seinem viertürmigen Schlosse. Es gab eine stürmische Unterredung mit seinen Beamten: die Direktoren nahmen ihren Abschied. Im Eisenwerke wurde ein Teil des Betriebes eingestellt. Die Hütten⸗ leute machten verdutzte Gesichter; es half nichts. Der Industrieengel schwebte von dannen, und der Dämon des Notstandes senkte seine düsteren Flügel über die Gegend.

Die Zeitungen schlugen Lärm; man sprach von Einführung neuer Industriezweige. Ein lluger Kopf schlugNotstandsbauten vor; es sollten Straßen in der Gegend gebaut werden; man dachte an eine Flußregulierung. Arbeits⸗ suchende meldeten sich massenhaft. Bald durch⸗ zog ein Straßennetz die ausgehungerte Landschaft; schöne, breite Wege für wen?

Der Graf, dem die Hirsche im Walde ge⸗ hörten, zerfleischte sich förmlich, um die Not zu lindern. Er ließ das Eisenwerk nicht völlig sperren; nur die jüngeren, stärkeren Leute sollten

Gelegenheit zur Arbeit finden.

Jeden Monat durften die Lohnweber einmal den Wald betreten und loses Holz auflesen. Aeltere Hüttenleute saßen an den neuen Straßen und klopften die Steine, die zur Beschotterung gebraucht wurden.

Zur Weihnachtszeit floß das Herz des Grafen über alle Schranken der Vernunft. Da pflegte in dem viertürmigen Schlosse eine Kiste einzu⸗ treffen, welche die Schätze der Welt enthielt; da ward in einem leeren Wagenschuppen ein Weihnachtsbaum aufgestellt; da gab es Lichter, Wollmützen und Strümpfe; Körperwärmendes und Magenverderbendes die bunte Menge.

Zur Linken standen die blassen, blutarmen Weberkinder; zur Rechten die trotztgen, ver⸗ stockten Hüttenjungen.

Nach einer Rede des Pfarrers beginnt die Verteilung der Gaben.

Ein kurzes Drängen und Stoßen, dann ist die Herrlichkeit vorbei. Fünf Minuten später ist Audienz beim Grafen. Der Pfarrer preist seine Mildtätigkeit, und der Graf verspricht ... Ol was verspricht er alles! So viel, daß der Pfarrer aus den gräflichen Worten eine Rede zusammenstellt, die sich am Neujahrs⸗ 9555 über die andächtig lauschende Gemeinde ergießt.

Im Dörfchen aber haust die Not.

Dies geschah in demselben Zeitalter, da ein

großer Gelehrter, von der Zweckmäßigkeit der modernen Gesellschaft erfüllt, über eben diese

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