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Beilage zur Mlitteldeutschen Sonntags-Seitung.
Ar. 44.
Gießen, Honntag, den 30. Oktober 1904. 10. Jahrg. 5 5 Beweiskraft. Da wurde zum Beispiel behauptet, Die polilische Frau. daß die Männer aufhören würden, die holde von Nah und Lern. Es wird immer schlimmer in der Welt, Weiblichkeit zart und zuvorkommend zu be⸗ Denunzianten⸗Seuche.
sagen die einen, während die anderen sich über eine Besserung der Dinge freuen. Den Still⸗ stand wünschen die einen, während den anderen die Bewegung zu langsam vorwärts geht. Freudig dentet der Optimist sich alle Dinge im Sinne der Erfüllung seiner Wünsche, kummer⸗ voll sieht der Pessimist überall das Unheil lauern und heranziehen.
In der Bibltothek zu Berlin saß ein alter Herr, der mit Kopfschütteln und sichtlichem Unbehagen einen Artikel in der Julinummer des„XIX. Century and after“) las, den ich gleich darauf mit dem größten Vergnügen genoß. Frl. Vida Goldstein schrieb in diesem Artikel in sehr interessanter Weise über„Die polittsche Frau in Australien.“ Sie verkündete trium⸗ phierend, daß in Australien die Frauen böllige politische Gleichberechtigung mit den Männern erlangt hätten. Sie gab in launiger Weise ihre Erlebnisse aus dem letzten Wahlkampf zum Bundesparlament zum besten, an dem die Frauen sich zum ersten Male als gleichberech⸗ tigte Bürgerinnen beteiligt hatten. Der alte Herr schien recht unzufrieden damit, trotzdem er auch einigen Trost in dem Artikel finden konnte. Die Verfasserin betonte nämlich, daß eine starke Opposition und noch mehr Gleich⸗ gültigkeit gegen die neu erlangten Rechte in weiten Kreisen der Frauenwelt zu finden sei. Viele Frauen glauben einer feindlichen Presse und halten die Karikaturen in den Witzblättern für das wahre Bild der„politischen Frau.“ Die Wahlagitation gab reichlich Gelegenheit zur Aufklärung. Frl. Goldstein, die selbst Kandidatin für den Senat war, erzählt unter anderem: Ich wußte, daß ich weit mehr das Publikum anziehen werde, weun ich als Kandi⸗ datin auftrat, als etwa bet einer Vortragstour über Frauenrechte. In die politischen Ver⸗ sammlungen kamen viele Neugierige, um das „wilde Weib“ zu sehen, welches in die heiligen Parlamentshallen einziehen wollte. Sie kamen, sie sahen, ich siegte— mit meinen Beweis⸗ führungen, die mir niemand zur Zufrieden⸗ heit des Publikums widerlegen konnte. Ein stehender Witz in den Versammlungen war die Frage:„Sagen Sie, Fräulein, würden Sie für eine Junggesellensteuer eintreten?“— Ich erwiderte ruhig:„Es würde mir niemals ein⸗ fallen, irgend einen Vorschlag zu unterstützen, der gewisse Männer veranlassen könnte, zu heiraten.“— Damit hatte ich die Lacher auf meiner Seite.“
Es gibt im politischen Leben Australiens drei Parteien: die Freihändler, die Schutzzöllner und die Arbeiterpartei. Die Frauen be⸗ vorzugten an der Wahlurne in Massen die letztere. Das war eine gerechte Anerkennung der Verdienste, welche sich die Arbeiterpartei um die Frauenrechte erworben hat. Frl. Gold⸗ stein betont, es sei ihre feste Ueberzeugung, daß die Frauen auch in allen anderen Ländern nur dann Erfolge erzielen werden, wenn die Arbeiter⸗ parteien ihre Forderungen aufnehmen. Ju der Arbeiterbewegung kämpfen die Ideen einer neuen Zeit mit dem starren Konservatismus der alten Zeit.
Die Philister mögen sich übrigens beruhigen. Ihre Befürchtung, daß sie auch politisch„unter den Pantoffel“ kommen, wird sich nicht so bald erfüllen. Selbst da, wo die Frauen alle ge⸗ wünschten Rechte besitzen, müssen sie schwer um den kleinsten Anteil an der politischen Macht kämpfen. Die Entwicklung braucht Zeit; jede gründliche Umwandlung geht langsam vor stch. Bei den Wahlen in Australien waren vier Kandidatinnen aufgestellt, und alle vier wurden geschlagen. Bet den rückständigen Frauen hatten die lächerlichsten Gründe oft eine große
)„Neunzehntes Jahrhundert“; Titel einer engl. Zeitschrift. B
handeln, wenn ste die politische Feindin in einer Frau wittern. Lachend entgegnete Vida Gold⸗ stein darauf:„Ganz im Gegenteil! Man wird sich mit den süßesten Schmeicheltönen um die Stimmen der Frauen bewerben, wenn man weiß, daß dieselben ausschlaggebend sein könnten. Die Minnesängerei im Mittelalter wird zum Kinderspiel werden gegen eine Wahlagitation im zwanzigsten Jahrhundert.“
Es ist oft die wirksamste Taktik, sich über den Gegner lustig zu machen. Wer den Humor anrufen kann, trägt eine stolze Siegeszuversicht in der Brust und flößt den Zweiflern und halben Anhängern Vertrauen ein. Was früher einmal in der Frauenfrage als gutes Argument galt, ist heute oft genug ein alter Witz ge⸗ worden, über den man nur noch mitleidig lächelt.
Die Geschichte geht über die alten Herren zur Tagesordnung über, einer neuen Zeit ent⸗ gegen, in welcher der Sozialtsmus uns mit der Befreiung der Arbeit die volle Befreiung der Frau bringt.
(ar, in der„Gleichheit.“)
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Hessisches.
— Die Herren von Besitz in Hessen. Nach der Steuerstatistik gibt es im Steuerjahr 1904 in Hessen 64 Einkommensteuerpflichtige, die ein jährliches Einkommen von 50 bis 60000 Mk. haben; 37 haben ein Einkommen von 61 bis 70000 Mk.; 32 von 71 bis 80 000 Mark, 19 von 81 bis 90000 Mk.; 25 von 91 bis 100000 Mk.; und 102 von 101000 bis 1918000 Mk. Von den letzteren entfallen auf die Provinz Starkenburg 49, Rheinhessen 43 und Oberhessen 10 Steuerpflichtige.— Mit Namen werden diese 279 armen Schlucker, die nur ein Kapitälchen von 50000 Mk. bis beinahe 2 Millionen Mark jährlich zu verzehren haben, in der Steuerstatistik leider nicht aufge⸗ führt. Jedoch gehen wir wohl nicht fehl in der Annahme, meint dazu das„Offenbacher Abend⸗ blatt“, daß der Mann, der nur die Kleinigkeit von 1918000 Mk. pro Jahr als Einkommen
sein nennt, identisch ist mit dem Herrn, der
gegen die Ulrich'sche Steuerskala ganz besonders aufsässig wurde. Wenn man sich ver⸗ gegenwärtigt, daß unser Genosse Ulrich den reichsten Mann Hessens mit nur 1400 000 Mk. Einkommen einschätzte, jetzt aber erfährt, daß diese Summe um beinahe eine halbe Million erhöht werden muß, dann wird man die Wut, in welche die Ulrich'sche Steuerskala gewisse Herren versetzte, sehr begreiflich finden.— Unser Parteiblatt meint damit den Wormser Leder⸗ könig Heyl, was wir für Leser, denen es nicht bekannt sein sollte, bemerken wollen.
— Gemeindewahlen. Bei den Kom⸗ munalwahlen in Erbach i. Odenw. beteiligten sich, wie in voriger Nr. schon erwähnt, unsere Genossen am 20. Okt. zum ersten Male. Es gelang zwar noch nicht, einen unserer Genossen durchzubringen, doch erzielten wir einen Achtungs⸗ erfolg, unsere Kandidaten bekamen ca. 100 Stimmen. Wenn tapfer weiter gearbeitet wird, ist uns in drei Jahren der Erfolg stcher.— In Alzey wurden die Kandidaten der bürgerlichen Parteien gewählt und zwar drei Freisinnige, ein Zentrumsmann und ein Nationalliberaler. Von 1200 Wahlberechtigten stimmten 758 ab. Unsere Parteigenossen hatten sich dort, wie be— richtet wurde, mit den Freisinnigen auf eine gemeinsame Liste verständigt, wie weit sie damit gekommen sind, zeigt das Ergebnis. Das „freisinnige“ Bürgertum hat sich den Teufel um die Abmachungen gekümmert und unsere Leute einfach vom Zettel gestrichen.
Die Fälle, in denen ehrenhafte Leute wegen irgend einer harmlosen Aeußerung über ein ge⸗ kröntes Haupt zu schweren Gefängnisstrafen verurteilt werden, kommen in der letzten Zeit außerordentlich zahlreich vor. Und meistens sind die Opfer des Majestätsbeleidigungs-Para⸗ graphen durch schmutzige aus niedriger Rachsucht verübte, anonyme Denunziationen dem Staatsanwalt überliefert worden, man kann also mit Recht davon sprechen, daß der § 95 Sitte und Moral des Volkes zu vergiften geeignet ist. Zwei Fälle aus den letzten Tagen beweisen das schlagend. Von der Darm⸗ städter Strafkammer wurde der Privatier L. Schmecker von Michelstadt i. O. wegen Majestätsbeleidigung zu der zulässtgen Mindest⸗ strafe von zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte vor etwa einem Jahr in Beziehung auf den Großherzog außer einem Schimpfwort auch eine ihm anscheinend zur Gewohnheit gewordene beleidigende Redensart gebraucht. Der Händler R., welcher des Glaubens ist, eine ihm seiner Zeit wegen Un⸗ treue zuerkannte zehnwöchige Gefängnisstrafe set auf Veranlassung Schmecker's erfolgt, und dieser brüste sich damit, rächte sich durch die Anzeige der Majestätsbeleidigung.— Noch krasser liegt ein anderer, vorige Woche in Stuttgart abgeurteilter Fall. Gegen einen 32 jährigen verheirateten Arbeiter in Eßlingen wurde auf Grund anonymer Denunziation ein Strafverfahren wegen Majestätsbelei⸗ digung eingeleitet. Trotzdem die Zeugenaus⸗ sagen sehr unbestimmt lauteten und nicht einmal festgestellt werden konnte, ob die fragliche Aeußer⸗ ung vor 2, 3 oder 4 Jahren gefallen war, obwohl ferner die Zeugenaussagen von politischem Haß beeinflußt erschienen, wurde der Angeklagte zu 2¼ Monaten Gefängnis verurteilt! Solche Urteile sind gewiß geeignet, Patriotismus und Königstreue zu fördern!
Armenpflege und Sittlichkeit.
Die ländliche Armenpflege in Bayern fördert Zustände zutage, die allen Begriffen der von den Stützen der heutigen Ordnung so oft gerühmten, von der„Umsturzpartei“ angeblich bedrohten Sitte und Moral ins Gesicht schlagen. Die Ortsarmen werden in dem gemeindlichen Armenhause, dem sogenaunten„Hirtenhause“ untergebracht und von den Dörfliugen als Auswurf der Menschheit betrachtet. Die Armen⸗ wohnungen sind meist derart beschaffen, daß manches Haustier sein Unterkommen nicht mit dem dieser Hirtenhäusler tauschen möchte. So hat die Gemeinde Röthenbach, bei Altdorf ein Armenhaus, das nur eine Stube und eine Kammer enthält. Ferner ist nur ein einziges Bett vorhanden, das früher die Tag⸗ löhnerin Bärschneider mit ihrem er⸗ wachsenen Sohne teilen mußte. Als die Bärschneider starb, kam eine junge Witwe als Ortsarme in das Hirtenhaus, und von da an schlief ste mit dem Bärschneider in dem einzigen Bett beisammen. Die Folge war, daß die Armenhäuslerin im Laufe der Zeit fünf Kinder bekam, deren Vater Bärenschneider ist. Nun teilen sich auch die Kinder mit in das einzige Bett. Die Leute suchten schon oft um die Erlaubnis zur Verehelichung nach aber die Gemeinde macht das ihr auf Grund des Armen⸗ gesetzes zustehende Einspruchsrecht geltend. Sie begünstigt also das vom Gesetz mit Strafe bedrohte Konkubinat, und wenn man nach den heutigen Begriffen von Sitte und Moral urteilen will, macht sie sich auch noch eines Vergehens der Kuppelei schuldig.
Splitter. Charakter im Großen und Kleinen ist, daß der Mensch demjenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt.


